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In seinem neuen Roman erzählt der österreichische Dichter Franzobel von der missglückten Suche des spanischen Möchtegern-Eroberers Ferdinand Desoto nach Goldschätzen in Florida. Dabei setzt sich Franzobel souverän über die Vorgaben des historischen Romans hinweg und gibt der Erzählung eine aktuelle Note, indem er den Ereignissen aus dem 16. Jahrhundert politisch-juristische Auseinandersetzungen aus dem 21. Jahrhundert entgegengestellt. Stefana Sabin hat den Roman gelesen.

Buchvorstellung: Franzobels neuer Roman »Die Eroberung Amerikas»

Die missglückte Eroberung

Franzobel (2018), Foto: Bernhard Holub - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=71261996
Franzobel (2018)

Das Halbporträt auf der Titelseite des neuen Romans von Franzobel zeigt Hernando de Soto in kriegerischer Montur, die linke Hand entschlossen am Säbelgriff, der Kopf leicht seitlich gedreht. Die Inschrift darunter preist ihn als „Entdecker und Eroberer, der La Florida entlanggefahren ist und die bis dahin unbesiegbaren Eingeborenen überwältigt hat“. Es scheint also passend, dass der Roman, dem das Porträt vorsteht, „Die Eroberung Amerikas“ heißt. Tatsächlich war dieser Hernando de Soto, oder Ferdinand Desoto, wie er bei Franzobel heißt, einer jener berühmten Seefahrer und Abenteurer, die im sechzehnten Jahrhundert die neu entdeckten Kontinente jenseits des Ozeans für die spanische Krone eroberte. Nachdem er zusammen mit dem berüchtigten Konquistador Francisco Pizzaro Peru eroberte, kehrte er mit dem geplünderten Reichtum nach Spanien zurück, heiratete in eine angesehene Familie mit guten Beziehungen zum Hof und schmiegte einen neuen Eroberungs- und Plünderungsplan: Florida. Desotos Plan, zum eigenständigen Konquistador zu werden und Florida, wie es offiziell hieß, „zu erobern, zu bevölkern und zu befrieden“, bildet einen Rahmen für die labyrinthische Handlung von Franzobels Roman.

Blick ins Buch „Die Eroberung Amerikas” von Franzobel: Porträt von Hernando de Soto (Bild: Paul Zsolnay Verlag)

Blick ins Buch „Die Eroberung Amerikas” von Franzobel: Porträt von Hernando de Soto (Bild: Paul Zsolnay Verlag)

Denn der österreichische Dichter Franzobel, der sich selbst einmal als literarischen Aktionisten bezeichnet hat, experimentiert geradezu mit der historischen Erzählung und entwirft ein dichtes narratives Gewebe aus verbürgten Ereignissen (Desotos Expedition über Kuba nach Florida, die von ihm hinterlassenen Verwüstungsspur, sein Tod am Mississippi) und erfundenen Geschichten (über französische Seeräuber, spanische Ganoven, holländische Forscher, widerspenstige Indianer). Manchmal realistisch gehalten und meist grotesk überdreht werden diese Geschichten kunstvoll miteinander verknüpft, während die Handlung zwischen Orten und Zeiten wechselt.

Tatsächlich ist der Roman vorsätzlich anachronistisch, weil der allmächtige Erzähler souverän zwischen der erzählten Zeit und der Erzählzeit hüpft und keinerlei Anstrengung unternimmt, die Sprache der historischen Ereignissen und den Figuren stilistisch anzupassen, sondern eine moderne Diktion mit Gegenwartsbezug benutzt. („Ob der damals unsichere, jähzornige Mann ahnte, dass man vierhundert Jahre später ein Auto nach ihm benennen würde…?“ Oder: „Es war wie bei den Kennedys, als wäre man mit einem Fluch belastet. Drei Brüder waren in Darren gestorben.“ Oder „Die Wilden blickte drein wie Bankangestellten bei einem Überfall.“)

In der Gegenwart spielt auch die gewissermaßen übergeordnete Handlung des Romans: die Sammelklage der eingeborenen Stämme gegen die Vereinigten Staaten von Amerika um die Rückgabe der enteigneten Gebiete. Die Idee für diese Klage stammt von einem kleinen New Yorker Rechtsanwalt, der von Niederlage zu Niederlage eilt, ohne jedoch ans Aufgeben zu denken und schließlich vor dem US-amerikanischen Verfassungsgericht landet.

Als verbrämter Witz lässt Franzobel die Mühen des Rechtsanwalts um die Klage der Eingeborenen solange dauern, wie der verheerende Eroberungsversuch Desotos gedauert hat. Und während Desotos historische Expedition ein Desaster war, an dessen Ende keine Reichtümer und keine Kolonien standen, sondern 400 spanische und Tausende indianische Tote – endet die fiktive Klage als Triumph, der Hoffnung auf Weltverbesserung macht.

So verpackt Franzobel den harten historischen Kern der einen Handlung in der weichen fiktiven Schicht der anderen Handlung – und der Romantitel erweist sich dabei als irreführend, jedenfalls als subtil doppeldeutig. Die ironische und erzähltechnische (Über)Komplexität wird nur bedingt abgemildert durch die Kalauer, die von Seite zu Seite purzeln und ebenso oft amüsant wie ermüdend wirken. Aber dieser Roman zeugt von einer einzigartigen erzählerischen und sprachlichen Energie und bestätigt Franzobels besonderen dichterischen Ruf.

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erstellt am 12.4.2021
aktualisiert am 15.4.2021

Buchcover „Die Eroberung Amerikas” von Franzobel, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2021

Franzobel
Die Eroberung Amerikas
Roman nach wahren Begebenheiten
Gebunden, 543 Seiten
ISBN: 978-3-552-07227-5
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2021

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