Banner, 120 x 600, mit Claim

Allmählich hat sich während der gegenwärtigen Pandemie das Bewusstsein ausgebreitet, dass wir uns in einer außergewöhnlichen Situation befinden. Viele Menschen haben in dieser Situation angefangen, Tagebuch zu schreiben, das Besondere aufzuzeichnen, selbst wenn es darin besteht, das Allgemeine im Besonderen schriftlich festzuhalten. Die Herausgeber des Literaturmagazins WORTSCHAU baten sechs Autorinnen und Autoren, zu einem vereinbarten Zeitpunkt Notizen zu machen. Diese Beiträge wurden unter dem Titel »Seitenwechsel« in der Zeitschrift veröffentlicht und erscheinen in loser Folge in Faust Kultur. Aus Portland, Oregon, meldete sich der Schriftsteller David Oates.

SEITENWECHSEL

Silvester 2020 – David Oates

31. Dezember 2020, 6.00 – 8.00 Uhr

Ich bin der Erste, der in diesem stillen Haus auf den Beinen ist. Ich schalte die kleine Lichterkette rund um das Fenster am Küchentisch, einem Resopalrelikt aus den Vierzigerjahren, ein. Vor dem Tee, vor allem anderen setze ich mich hin, um ein paar Änderungen an einem Gedicht vorzunehmen, an dem ich abends noch gearbeitet habe – ich und mein Kritikpartner (über Zoom natürlich). Es ist ein Gedicht, das vielleicht gar kein Gedicht ist – teils Katechismus, teils Schimpftirade, teils Prosa. Es fragt:

„Was wissen wir jetzt,
das wir vor vier Jahren noch nicht wussten?“

Wie alle Gedichte ist es ein Wagnis, das sich lohnen könnte. Man riskiert ein paar Zeilen. Was enthüllen sie, wie tanzen sie? Das weiß man immer erst, wenn sie einmal aufgeschrieben sind.

Nun bin ich in das hineingezogen worden, was ich (etwas überheblich) meine „Atelierübung“ im Dichten nenne. Meine tägliche Routine, an die ich mich halte, ob ich mich inspiriert fühle oder nicht: Ich erscheine gewissermaßen zur Arbeit. Nachdem die Verbesserungen an dem Gedicht vom Vorabend fürs Erste abgeschlossen sind, nehme ich einen Lyrikband des kürzlich verstorbenen Marvin Bell zur Hand und überfliege einige Passagen und einzelne Zeilen, die ich im Verlauf der vergangenen Woche markiert habe. Ich mochte Bell nie, und als die Nachrufe für ihn erschienen, entdeckte ich zu meiner Schande, dass ich einen Band von ihm gekauft, aber nie gelesen hatte. Allerdings weiß ich auch, warum. Jahrzehnte zuvor war er zu einem Tagesworkshop in das College gekommen, an dem ich unterrichtete. Ich nahm teil und war nicht beeindruckt. War sogar ziemlich abgeschreckt. Sodass der Band, den ich zur Vorbereitung gekauft hatte – zwanzig Jahre unberührt im Regal stand.

Bell selbst erschien mir etwas zu arrogant, mit dieser Hetero-Prahlerei, dieser permanenten Abwehrhaltung, die ich einfach nicht ertragen kann. Jetzt sehe ich mir seinen Lebenslauf an: geboren 1937, also eine Generation älter als ich. Mir ist aufgefallen, wie wenig ich mit Männern – schwul oder hetero – aus dieser Zeit gemein hatte. Schwer zu sagen, warum, außer, dass sie mir stahlhart und unsicher zugleich erscheinen – Schwule schrill und seltsam artifiziell, Heteros mit einem Machotum wie aus der komischen Oper. Bell? War mir egal.

Im Laufe der vergangenen Woche habe ich mich jedoch meinen Vorurteilen gestellt und seine Gedichte gelesen, geduldig (die einzige Art, ein Gedicht wirklich zu lesen) und nur wenige pro Tag. Habe Anmerkungen an den Rand gekritzelt. Anerkennung … Ablehnung … die Erkenntnis, warum manche Zeilen funktionieren, andere hingegen nicht. Praktische Beobachtungen darüber, wie ein Gedicht sich zusammensetzt.

An einem guten Tag stellt sich auch ein Moment der Entdeckung ein, wenn Wörter auf unerwartete Weise angeordnet sind und daraus Gefühle wie Überraschung, Freude und Traurigkeit erwachsen. Genau das ist ja der Lohn für das Lesen von Poesie – der Lohn, der, wie ich weiß, vor dem Leser irgendwie auch dem Dichter angeboten wurde. Eine Entdeckung, eine sich entfaltende Eigenschaft, die plötzlich aus der dichterischen Sprache freigesetzt wird. Hier anzukommen ist der Sinn des Schreibens – wie im Übrigen auch des Lesens – von Poesie. Diesen Augenblick erfasste die Dichterin Emily Dickinson in folgendem Einzeiler:

„Wenn ich mich körperlich so fühle, als wäre mir die Schädeldecke entfernt worden, weiß ich, das ist Poesie.“

Und solche Augenblicke entdecke ich nach und nach bei Bell. Jetzt verstehe ich endlich sein hohes Ansehen, die glühenden Lobreden und die Worte tief empfundener Wertschätzung bei seinem Ableben. Bestimmte Zeilen in bestimmten Gedichten geben mir Auftrieb. Lassen mich mein Leben spüren, seine Hoffnungslosigkeit und seine Möglichkeit.

Das ist eine gute Art, den letzten Tag dieses verkorksten Jahres zu beginnen. Diese Zeilen zum Beispiel, die vor Jahrzehnten geschrieben wurden, sich aber unmittelbar an uns, hier und heute, zu richten scheinen:

„Nun kommt es mir vor, als müsste das Herz
sich erweitern, um die Verluste aufzunehmen,
die uns bevorstehen. Ich halte fest
an einer gewissen Traurigkeit, so wie andere
nach Freude suchen, auch wenn ich Freude mag.“

Halb Mönch, halb Hedonist suche ich Freude, aber nur von der besten, der destillierten und hochprozentigen Art, die sich nicht abfüllen oder kaufen lässt, auf die zu stoßen nur mit der bloßen Kunst des Erwartens gelingen kann. Und Geduld, natürlich. Wie schon gesagt.

Und wenn ich für diese „Übung“ zu ungeduldig bin? Zu ruhelos oder besorgt oder koffeingetrieben oder einfach zu alt und müde … was dann? Nun, was mir an Geschwindigkeit oder Schönheit fehlt, gleiche ich wie ein alter Sportler durch List und Schläue aus. Über dreißig Jahre habe ich im College Schreiben, seine Technik, Logik und Freude – oder aber Literatur unterrichtet. Lieber Leser, ein Student im ersten oder zweiten Studienjahr ist kaum mehr als ein Kind. Tag für Tag brachte ich meine größten Ambitionen mit in den Raum, meinen Drang, die Freude des Schreibens zu teilen oder eine Passage von unbeschreiblicher Schönheit auszuloten. Und traf unweigerlich auf die Unreifen und Faulen und Sturen. Es war eine nahezu tägliche Lektion in Langmut. In Entschlossenheit. In dem unablässigen Bemühen, sogar in diese Wildnis dürrer Ignoranz so etwas wie Schönheit und Wahrheit zu bringen.

Obwohl ich selten wirklich geduldig war, hatte ich als Lehrer die Pflicht, geduldig zu handeln. Zu erklären, und wieder zu erklären. Zu warten, bis sich die Studierenden konzentrierten. Die dumme Frage mit äußerster Nachsicht zu beantworten. Und am nächsten Tag genauso. Trotz der schier unbeherrschbaren Wut, die vielleicht in mir tobte. (Biografische Anmerkung: Es war rasende Wut. Still vor Blicken geschützt.)

Und mit der Zeit entdeckte ich diese unerwartete Wahrheit: Geduldig handeln ist … nicht zu unterscheiden von tatsächlich geduldig sein. Sie sind ein und dasselbe.

So sitze ich, ungeachtet meiner inneren Verfassung, in einer Haltung der Geduld bei meiner täglichen Übung. Ich schlage das Buch auf, betrachte die Zeilen. Warte darauf, dass sie sprechen. Lese noch ein paar weitere. Wenn die Vögel beschließen, in den Garten zu kommen, werde ich still dasitzen, um sie zu empfangen.

Auf diese Weise beende ich das Jahr. Und, sollte ich überleben, werde ich auch das nächste so beenden. In dem Versuch, mich angesichts guter wie schlechter Nachrichten in Geduld zu üben. Mit unverwandtem Blick. Mal kühl. Mal warm.

Aus dem Amerikanischen von Juliane Gräbener-Müller.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 11.4.2021
aktualisiert am 11.4.2021

SEITENWECHSEL

Tagebuchnotizen, die zeitgleich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Ländern entstanden und in der Zeitschrift WORTSCHAU veröffentlicht wurden. An einem bestimmten (vorgegebenen) Tag machten sich 6 Autorinnen und Autoren Notizen darüber, wo sie sich an diesem Tag aufhielten, woran sie arbeiteten und was sie erlebten.

David Oates (Foto: privat)
Über den Autor

David Oates schreibt über Natur und urbanes Leben aus Portland, Oregon. Eines seiner Bücher gewann den Poetry Award 2015 von Swan Scythe Press (San Francisco) und wurde als The Heron Place veröffentlicht. Autor von fünf weiteren Büchern, darunter Paradise Wild: Reimagining American Nature. Im Jahr 2014 gewann er den Nothern Colorado Writers notification essay award und erhielt eine Pushcard Prize Nominierung. Leitung der Wild Writers Seminare in Portland und Dozent für Workshops und Graduiertenklassen in den Vereinigten Staaten und Europa.