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1986 hatte er seinen größten Erfolg mit dem Film „Round Midnight“ mit Dexter Gordon und der Musik von Herbie Hancock. Bekannt wurde Bertrand Tavernier aber schon mit seinem ersten eigenen Spielfilm „Der Uhrmacher von St. Paul“ mit Philippe Noiret. Den Regisseur Tavernier, der jetzt, einen Monat vor seinem 80. Geburtstag, starb, hat Marli Feldvoß 2005 im Café de Flore getroffen.

Bertrand Tavernier im Porträt von Marli Feldvoß

Kantig, streitsüchtig, kampflustig

Bertrand Tavernier – in seinen Filmen treffen sich Junkies, Jazzer, Uhrmacher und Waisenkinder.

Das salopp getragene weiße Haar, das sich so gut mit dem zotteligen Schal verträgt, ist schon lange zu seinem Erkennungszeichen geworden. Ein Bär im Winterpelz. Auch die Schwäche für übergroße Brillen, die er früher mit Chabrol teilte, hat er noch nicht abgelegt. Mit behäbigem Schritt erklimmt er die Wendeltreppe zum ersten Stock des Café de Flore, Tochter Tiffany und Enkelin Olivia im Schlepptau. Bertrand Tavernier ist eine auffällige Erscheinung, selbst hier in Saint-Germain, doch um sein Auftreten schert er sich wohl weniger. Im „Flore“ seien die Leute weniger hässlich als anderswo, flötete einst die Existentialistenfee Juliette Gréco. Auf Stammgäste wie Johnny Depp oder Isabella Rossellini mag das ja zutreffen, aber ein passionierter Cineast wie Bertrand Tavernier hat andere Qualitäten.

Ein Bär, der nur nach seiner eigenen Pfeife tanzt. Wie wahr. Der nun bald 64-Jährige galt von jeher als streitbarer Zeitgenosse, schon deshalb, weil der Einzelgänger von der ersten Stunde an um seine schwierigen, angeblich aus der Zeit gefallenen Projekte zu kämpfen hatte oder sich – und das nach wie vor – gern in öffentliche Belange einzumischen pflegt. Am liebsten auf einer César-Verleihung, dem französischen Oscar, wenn wirklich alle zuhören müssen. Mit einer flammenden Rede brachte er dort sein Engagement für die Sans-Papiers zu Gehör, rief zum zivilen Ungehorsam gegen das Debré-Ausländergesetz auf und fand – auf einen Schlag – fünfundsechzig prominente Mitstreiter.

Filmplakat „Holy Lola“, Regie Bertrand Tavernier

„Sentiment d'urgence“, Dringlichkeitsstufe Nummer eins, nennt Tavernier diesen rebellischen Gemütszustand, der ihn seit fünf Jahren nicht mehr losgelassen und der mit seinem jüngsten Film Holy Lola einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Die Kambodscha-Reise eines jungen französischen Paars mit Kinderwunsch entwickelt sich zu einer unerwarteten Odyssee durchs ganze Land, durch Waisenhäuser und in die Büros korrupter Behörden. Sie setzt die Nerven der angehenden Eltern noch dann unter Strom, als die kleine Lola endlich gefunden, die obligaten Ein- und Ausreisepapiere aber noch beschafft werden müssen. Siebenhundert Kinder, darunter unzählige gestohlene, sollen in vier Jahren auf diesem Weg in den Westen exportiert worden sein. Die wahre Tragweite der Thematik war Koautorin Tiffany wohl kaum bewusst, als sie ihrem Vater das Filmprojekt vorschlug.

Eigentlich hat das unnachgiebige Erzähl- und Interventionsbedürfnis bei Tavernier schon vor über zehn Jahren mit der Pariser Drogenreportage L. 627 (Auf offener Straße) angefangen. Damals, erzählt er, habe er auf einmal den richtigen Ton gefunden, indem er einfach auf das Herzklopfen seiner Akteure gehört und es dann zum Schrittmacher eines ganz neuen Erzählrhythmus erkoren habe. Der titelgebende Artikel des „Code de la Santé Publique“, der den Besitz, Handel und Konsum von Drogen untersagt, umreißt das brisante Anliegen. Schmutziger Polizeialltag, mit den Augen der Ermittler gesehen, wie sie sich durch die dunkelsten Löcher des Pariser Drogendschungels zu kämpfen haben – eine Herausforderung für die Handkamera.

Mit unverminderter Heftigkeit prangerte Tavernier sieben Jahre später die himmelschreienden Zustände in den Arbeitslosen-Hochburgen der einstigen nordfranzösischen Kohlenreviere an. Nach den Junkies standen in Es beginnt heute die Jüngsten und Hilflosesten vor der Kamera, die Kinder einer „Ecole maternelle“ und ihre apathischen Eltern, die irgendwann den Freitod dem Leben bei Wassersuppe und ohne Heizung vorzogen. Für den Mann, aus dem es wie ein Wasserfall heraussprudelt, dem das Engagement aus allen Knopflöchern springt, sind das keine Problemstoffe, sondern „Liebesfilme“.

Die Anfänge dieses Dinosauriers des Kinos sehen ganz anders aus. Mit 13 hatte er den Entschluss gefasst, Filmemacher zu werden, mit 33 legte er seinen ersten Spielfilm vor. Ein Spätentwickler? „J'ai pris le temps d'apprendre la vie“ (Ich habe erst einmal das Leben kennengelernt), sagt er heute über eine Zeitspanne, die man nur als Härtetest bezeichnen kann. In Wirklichkeit wurde der Filmnarr, als er das Jurastudium ausschlug, von seinem Vater, dem Lyoner Autor René Tavernier, vor die Tür gesetzt. In der Folge spielte er Regieassistent bei Melville, Chabrol, Godard, zog es dann aber vor, sich als Presseattaché für die Größen der Nouvelle Vague einzusetzen, auch, um die Familie durchzubringen. Dafür wurde sein erster Spielfilm, die Simenon-Verfilmung Der Uhrmacher von Saint-Paul, gleich ein internationaler Erfolg – mit einer Glanzleistung seines „autobiografischen“ Schauspielers Philippe Noiret. Die beiden verbindet eine gewisse Ähnlichkeit. Noiret avancierte unter Taverniers feinfühliger Regie zum Star, dem es mit der Vaterrolle auch gelang, dem unterschwelligen Vater-Sohn-Konflikt seines Regisseurs erste Konturen zu verleihen.

Bertrand Tavernier, 1979

Bertrand Tavernier, 1979

Als traditioneller Erzähler, der sich oft von Literaturvorlagen leiten ließ, hat Tavernier längst seinen Platz in der Filmgeschichte. Mit so unterschiedlichen Filmen wie Der Saustall, der tiefschwarzen Farce über die korrupten Zustände in Französisch-Westafrika, Round Midnight, dem einzigen Film, der den Jazz wirklich verstand, Der Krieg ohne Namen, der ersten Dokumentation über die einstigen Algerienkämpfer, die zu jahrzehntelangem Schweigen verurteilt waren, oder mit seinem vielleicht schönsten Film, Das Leben und nichts anderes, mit Philippe Noiret und Sabine Azéma als ungleichem Liebespaar. Ein eindrückliches Zeitmosaik, das mit der Suggestionskraft des Melodrams über die Nachwehen des Ersten Weltkriegs nachdenkt.

In erster Instanz ein Film über die Trauer, wirft Tavernier da wieder streitsüchtig ein, kein pazifistisches Plädoyer, auch da hätten ihn die Kritiker seinerzeit missverstanden.

Eine philosophische Grundierung durchzieht seine großen Filme, die immer wieder sein ausgeprägtes Geschichtsinteresse vor Augen führen, was heute mehr und mehr verloren gehe: „Mit der Globalisierung wird heute leider auch die Geschichte ausrangiert.“ Heute sei man dabei, Generationen von Menschen ohne Gedächtnis zu züchten, deren Urteile über die Gegenwart sich wie Willkürakte anhörten.

Bertrand Tavernier bleibt immer auf Augenhöhe, auch wenn ihm die Knirpse in seinen sozialkritischen Filmen nur bis zum Knie gehen, das spürt man auch als Gegenüber. Was zählt, sind die Menschen, große und kleine, Militärs, Gendarmen, Kriegsveteranen, Jazzmusiker, Erzieher, Eltern, Väter und Söhne, Töchter. Dieser Regisseur braucht heute keine Intrige mehr im klassischen Sinne, um seine Geschichten zu erzählen. Auch das Drehbuch sollte nicht zu ausgefeilt sein, sondern müsse genügend Spielraum für Improvisation und Zufall lassen, für die Arbeit mit den Laien, die den Schauspielern schon lange gleichgestellt sind. Mit einem solchen Regiekonzept, das trotzdem die Fiktion und die Imagination über alles stellt, steht Tavernier in Frankreich heute ganz allein da; sein einziger Bundesgenosse heißt Ken Loach.

„Er macht manchmal so einen verlorenen, hilflosen Eindruck, aber er ist immer ganz nah bei uns.“ So sehen heute die Schauspieler ihren Regisseur bei den Dreharbeiten. Für Tavernier ist das ein Kompliment. Seine Vision vom Filmemachen hatte vielleicht schon immer mehr mit dem kollektiven Gesamt- als mit dem individuellen Detailblick zu tun. Bertrand Tavernier dreht heute seine Filme, um etwas zu lernen. Aber er will kein Lehrer, kein Besserwisser sein, sondern schlicht und einfach – ein „homme de spectacle“.

Buchcover „Unterweg im Kino. Kritiken und Essays“, Marli Feldvoß, Klostermann/Nexus 96, Frankfurt 2013
Auszug aus

Marli Feldvoß,
Unterwegs im Kino. Kritiken und Essays,
474 Seiten, ISBN 978-3-465-04512-0, Klostermann/Nexus 96, Frankfurt 2013.

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erstellt am 10.4.2021
aktualisiert am 11.4.2021

Bertrand Tavernier (1941–2021)

Bertrand Tavernier (1941–2021)