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Wir befinden uns nicht nur in einem Klimawandel. Wir haben auch eine mittlerweile umfangreiche Romanliteratur, die ihn vorausgesehen, vorausgesagt, begleitet und weitergedacht hat. Man nennt sie CliFi, eine Kurzform von „Climate Fiction“. Dominik Irtenkauf sprach mit dem Literaturkritiker Martin Zähringer, der 2019 das CLIMATE CULTURES network berlin gründete, über das Climate Fiction Festival Berlin 2020 und das Literaturgenre CliFi. Hier ist der erste Teil des Gesprächs.

Dominik Irtenkauf spricht mit Martin Zähringer

Wie war das mit dem Klima? Climate Fiction

Teil 1

Nicht nur über das Klima zu schreiben, sondern es als Protagonistin in die Prosa zu bringen, scheint zunehmend in den Fokus zeitgenössischer Literatur zu geraten. Das Thema ist aus mehreren Gründen kein einfaches: Weil es in den Nachrichten omnipräsent ist, hängt ihm ein Ruch von Katastrophe an, was es nicht wenigen Schriftstellern als Thema unmöglich macht. Die ökologische Krise, die mit gesellschaftlichen Veränderungen eng verbunden ist, wirkt auf einen Teil der Menschen enervierend. „Nicht schon wieder dieser Brocken!“ Und wenn TV-Aufnahmen der kalifornischen Wald- und Steppenbrände am Abend auftauchen, dann wendet sich mancher Kopf trotzig weg. Es überfordert, aber gerade an dieser Schnittstelle setzt die sogenannte Climate Fiction an. Die Literatur zum Klima ist vielfältig und alles Andere als rechthaberisch und enervierend. Sie engagiert sich, ohne vorzuschreiben. Sie fasst – ganz ökologisch – das Gesamte in den Blick.

Dominik Irtenkauf: Auf dem Climate Fiction Festival Berlin waren auch Genre-Vertreter anwesend beziehungsweise online zugeschaltet. Wie ich euch aber verstanden habe, wollt ihr aus dieser Genre-Zuordnung raus?

Martin Zähringer: Für das Festival interessiert uns vor allem das Thema und wir wollten nicht Autor nach Autorin abhandeln, die dann ins nächste Literaturhaus weiterfahren. Uns interessiert vielmehr: Wie gehen verschiedene Autor*innen an das Thema ran? Im angloamerikanischen Raum hatte das Thema Climate Fiction schon längst den Durchbruch. Da gibt es bereits Dissertationen und Lehrbücher zu dem Thema.

Wie habt ihr die Auswahl getroffen? Zwei Jahre bereitet ihr das Festival vor. Hast du ein Konvolut an Büchern auf dem Schreibtisch und arbeitest dich dann durch?

Ich arbeitete schon lange mit dem Thema. Weil ich als Kritiker schwerpunktmäßig übersetzte Literaturen bespreche, gehe ich bei meiner Arbeit in die Kontexte: Was sind denn da für aktuelle Diskurse zu den Themen und Fragestellungen, über die meine Autoren schreiben? Wenn du diesen gesellschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Diskurs mitdenken willst, bieten sich natürlich auch die guten Sachbücher an und davon gibt es reichlich. Lektüre im Kontext ist mein Ansatz, und wenn du lange genug in der Weltgeschichte und ihrer Literatur herumliest, kommst du ja heute automatisch aufs Klima, dann ist es nicht schwierig festzustellen, dass es bereits Climate Fiction als Namen und Sammelbegriff gibt.

Was kann man darunter verstehen?

Erzählende Literatur, die sich mit dem menschengemachten Klimawandel auseinandersetzt, ganz kurz gesagt. Und diejenige Literatur, die das wahrnimmt und genau beobachtet, Feuilleton, Wissenschaft, besonders interdisziplinäre Ansätze. Im anglophonen Bereich erschien 2015 das erste Buch von Adam Drexler (Titel: „Anthropocene Fictions. The Novel in a Time of Climate Change“) Trexler studierte 150 CliFi-Romane. Anfangs wollte er darüber nur eine kleine Forschungsarbeit machen. Er ging von vielleicht zwanzig bis dreißig Stück aus. Es wurde dann aber plötzlich eine riesige Welle. Du liest dich durch das Thema anhand der Literatur, die in diesem Feld und Umfeld erschienen ist. Klima nicht als beiläufiges, sondern als dezidiertes Thema.

Gehst du dann nur auf das neueste Material?

Nein. Was mir dabei Spaß macht, ist, dass ich nicht immer das Neueste abnudeln muss. Es ist im Tagesgeschäft häufig so, dass der Kritiker am Ende des Fließbands steht und schaut, was der Literaturbetrieb ausspuckt. Er schreibt dann schön darüber, unter dem Strich, Feuilleton eben. Ich würde das fordistisch nennen, so im Sinn einer industrialisierten Arbeitsteilung. Die Frage ist, hat der Kritiker am Ende in seinem Lektürehamsterrad überhaupt noch eine Ahnung davon, was am Anfang wichtig ist. Lektüre im Kontext heißt aber, egal, ob die Werke zwanzig Jahre alt sind, ich stelle sie in eine Beziehung zu neueren, zum gleichen oder ähnlichen Thema. Dadurch erhalte ich ganz neue Lesegeschichten, ich mache mir mein Programm selbst.

Hängt das auch vom Thema ab, weil der Klimawandel keine kurzfristige Sache ist? Ist da noch eine andere Ebene mit im Spiel?

Ja, ganz klar. Bei unserem CLIMATE CULTURES network berlin sagen wir: Klima, Krise und Kultur. Wir arbeiten an dieser Schnittstelle, die ist groß genug, um sich damit umfassend und längerfristig zu beschäftigen, Kultur und Aktivismus ist dabei nur ein Teilbereich. In dem Thema Klima und Krise steckt natürlich die Systemkritik von vornherein, ein politischer Kontext – Klima, Krise und Kritik. Das ist per se Kapitalismuskritik, weil sich unser katastrophales CO2-System durch das freie Wirtschaften so hemmungslos entwickeln konnte. Naomi Klein sagt „Ausraubaktivismus“ dazu: Wir rauben einfach aus und sorgen nicht für Nachhaltigkeit. Das ist Kapitalismus im Sinne des Wachstums.

Und wie kommt jetzt die Kultur ins Spiel bei Klima, Krise und Kultur?

Wir wollen wissen, wie sich das im kulturellen Rahmen abspielt und zeigt, also zum Beispiel Literatur: Mit der Art und Weise, wie Autoren an das Thema herangehen, hast du immer implizit die Frage der Kapitalismuskritik, man kann jedenfalls immer danach fragen, wie die Autoren und Autorinnen den Gesamtzusammenhang sehen und was sie in ihren Geschichten daraus machen. Das ist vielleicht etwas zu ideologisch jetzt. Das geht viel praktischer eigentlich, das sah man auch sehr gut bei diesem Festival in Berlin. Die Teilnehmer brachten dies selbst in die Diskussion ein. Das ist für mich Relevanz. Ich las mal den Spruch: „Wenn die Welt gefährlich wird, kann die Literatur nicht harmlos sein.“ Die Literatur muss relevant sein. Ich kann das zwar nicht festlegen [lacht], aber ich behaupte für mich, dass ich relevante Sachen ermittle.

Hier würde ich eine kleine Pause einlegen. Keine Verschnaufpause für die Leser. Wir könnten hier unsere Leseeindrücke zum Klima sammeln. Für mich sind viele Werke noch neu. Klimakrise bedeutet für mich in erster Linie Alltag. Angefangen beim Umweltschutz – ich schmeiße keine Schokoriegelverpackung auf den Boden, und wenn auch der nächste Mülleimer noch so weit ist, das kann ich mir nicht mehr abtrainieren, ich bin öko-konditioniert – über die Liebe zu wilden Wiesen bis hin zum Verzicht auf ein Auto. Ich fühle mich, ehrlich gesagt, als Fahrer gar nicht sicher. Deshalb lasse ich die Blechtonne lieber stehen.

Und ich habe überhaupt keinen Führerschein und bin sehr gut durchs Leben gekommen. Aber es ist natürlich auch klar, alle diese anderen Autos und LKWs und so fort, die fahren ja trotzdem auch für mich durch die Gegend, liefern Lebensmittel aus, und die Bücher, die ich täglich auf meinem Schreibtisch sehen will und so weiter. Also der persönliche Verzicht ändert vielleicht nicht viel an der systemischen CO2-Bilanz, das ist ein politisches Problem, dazu auch noch global.

Literarisch nähere ich mich der Climate Fiction über den Umweg der Science Fiction. Wir sprachen bereits über die Autorin Ursula K. LeGuin. Sie schrieb Science Fiction und zugleich mehr, anthropologische Studien, Visionen einer alternativen Welt, die jedoch nicht auf einem fremden Planeten bleiben soll oder erst in fünfhundert Jahren geschieht, sondern hier und jetzt!

Ursula LeGuin ist eine der größten und am meisten unterschätzten Autorinnen unserer Zeit, sie starb leider im letzten Jahr. Ich hab sie auch sehr spät erst entdeckt. Eigentlich habe ich anders angefangen mit der publizistischen Arbeit am Thema Klima in der Literatur. Irgendwann habe ich bemerkt, dass in der Sommersaison der Verlage mehrere übersetzte Titel geplant waren, die waren ganz klar Climate Fiction, und zwar nicht Science Fiction, sondern eher politischer Zeitroman. Ich habe darüber in der NZZ geschrieben. Das war der erste längere Artikel, in dem es um die Sache Climate Fiction ging. Ich habe immer darauf geachtet, wie das Thema in allen Arten von Literatur erscheint. Das ist für mich Cli-Fi, also kein Genre wie Science Fiction, eher ein Umbrella-Term, unter diesen Schirm passt viel.

Das obligatorische Namedropping fällt auf die New Wave in den 1960ern und 1970ern in der Science Fiction. Aber ich möchte sie überspringen und darauf hinweisen, dass bereits in dem epischen Roman „Dune – Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert aus dem Jahr 1965 ökologische Fragen von Bedeutung sind. Sicher ist der Wüstenplanet Arrakis fiktiv. Die gesamte Handlung ist jedoch stark symbolisch, so dass die Parallelen zu zunehmender Desertifikation durchaus gezogen werden können.

Vielen Dank für diesen Hinweis. Da steht mir dieses Jahr nämlich noch ein schönes Leseabenteuer bevor: Die ganze Dune-Geschichte wird gerade neu übersetzt von Jakob Schmidt bei Heyne, und das werde ich mir demnächst mal reinziehen. Wir haben kürzlich den Film von David Lynch angeschaut, fantastisch. CliFi ist ja auch zu einem großen Teil Film, Filmgeschichte, das kann man schön zusammen betrachten. Es gibt derzeit ein Projekt, das auf diese ganze Wirkungsgeschichte vom Wüstenplanet als Literatur und Filmgeschichte eingeht, ein Experimentaldokufilm wird das sein.

Poetologisch funktioniert Science-Fiction-Literatur für mich wissenschaftlich und imaginär: Aufgrund menschlicher Veränderungen in der Landschaft nehmen die Wüsten auf der Erde zu, das im Schnitt immer heißer werdende Klima tut sein Übriges dazu. Desertifikation ist ein wissenschaftlicher Term und durch den Fremdspracheneinfluss auch relativ neutral. Ganz im Gegensatz zu einer Verwüstung, die im eigentlichen Sinn eine Zerstörung und Plünderung meint. Die Wüste steckt jedoch drin. Man könnte weit ausholen, den Mensch als wüsten Wüstenbewohner bezeichnen. Dieses kleine Wortspiel zeigt die Verbindungen auf, von denen du, Martin, gesprochen hattest.

Volltreffer. Ja, das ist ein absolut spannender Kontext, das passt ganz gut zu unserem neuen Projekt, wir haben ein neues Festival geplant, der Antrag liegt schon beim Berliner Senat für Kultur und Europa: „Der Planet schreibt zurück. Literatur und Film“. Es geht jetzt um Klimakulturen, eben so etwas wie die Wüste, in real, und so etwas wie „Der Wüstenplanet“, der selbst eine kleine Wüstenkultur begründet, im symbolischen Bereich. Das wird ein Thema, wir bringen die Filme und die Bücher und klimapolitische Debatte, dazu dann noch weitere Klimakulturen, Arktis verrate ich schon mal.

Der Senat hat den Antrag bewilligt und fördert das Festival.

Das Gespräch führte Dominik Irtenkauf.

Anmerkung der Redaktion:
Teil 2 des Gespräches Dominik Irtenkauf mit Martin Zähringer wird von uns in der zweiten Aprilhälfte 2021 veröffentlicht.

Siehe auch

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erstellt am 07.4.2021
aktualisiert am 08.4.2021

Martin Zähringer

Martin Zähringer
Bild: Videobegrüßung zum Climate Fiction Festival Berlin 2020