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Allmählich hat sich während der gegenwärtigen Pandemie das Bewusstsein ausgebreitet, dass wir uns in einer außergewöhnlichen Situation befinden. Viele Menschen haben in dieser Situation angefangen, Tagebuch zu schreiben, das Besondere aufzuzeichnen, selbst wenn es darin besteht, das Allgemeine im Besonderen schriftlich festzuhalten. Die Herausgeber des Literaturmagazins WORTSCHAU baten sechs Autorinnen und Autoren, zu einem vereinbarten Zeitpunkt Notizen zu machen. Diese Beiträge wurden unter dem Titel »Seitenwechsel« in der Zeitschrift veröffentlicht und erscheinen in loser Folge in Faust Kultur. Aus Barcelona schrieb Kathrin Schadt sich in lyrische Beziehungen hinein.

SEITENWECHSEL

Silvester 2020 – Kathrin Schadt

Barcelona, Donnerstag 31.12.

Dieser Tage war es so kalt so kalt war es noch nie war uns noch nie wanderten wir so durch die Straßen immer schnelleren Schritts die Sohlen vom Asphalt bis sie kaum mehr den Boden berührten wo die Kälte uns in die Füße kriecht wie eine Krankheit wie eine Lähmung schleichend von uns Besitz ergreift sie nagt sich die Beine hinauf die Knie die Schenkel bis du nichts mehr spürst außer Frierbrand und der Po ein taubes Kissen und die Finger dörre Zweige eines Schneemanns im Niemandsland in Barcelona (sind Handschuhe zu besitzen wie einen Regenschirm im Sommer an den Strand zu tragen und plötzlich prallt die stechende Sonne an ihm ab mit einem Mal Schattenspender) hat dieses Jahr uns irgendwie sprachlos gemacht nicht? haben sich die Wörter zurückgezogen weil auch ihnen zu kalt geworden ist verzogen sie sich unter die plüschenen Teppiche im Innen schmollen da Sprachlosigkeit ihnen ungehörig erscheint unerhört kann nicht toleriert werden und wir wandern und wandern durch die kalten fremdgewordenen stillen so stillen Straßen wandern wir in Gedanken die handschuhlosen Fäuste in den Manteltaschen versenkt in Gedanken wandern wir Endlosschleifen denn durch die Straßen wandern wir schon lange nicht mehr das Kinn auch in Gedanken nicht mehr hinter dem Kragen geschützt denn heuer haben wir tatsächliche Masken die unser Mienenspiel vor stecknadelspitzem Gegenwind schützen und wir heben die Sohlen ein wenig schneller vom Asphalt um Weg zu machen um fortzukommen aus der Kälte die Dunkelheit die Ungewissheit bedeutet und so laufen wir in Gedanken schneller und suchen einen Ort an den wir entkommen könnten weiter Weite weit eine Insel vielleicht ein Wald in den Bergen wie war das mit Kanada Argentinien vielleicht sagte einer mal da kannst Du Dich vor allem verstecken sich die Gedanken vermeintlich im Wandern finden sie keinen Raum mehr zum Verschwinden findet die Kälte sie heute überall weil wir sie nun in uns tragen in unseren ach so zerbrechlichen Körpern denen ihre Endlichkeit vor die Augen geführt wurde wie dem Schlachttier der Weg zum Hackebeil die Scheuklappen abgenommen kehren wir uns also innwändig kehren an den Ursprung zurück zum Kern aller Dinge und stecken unsere schmerzenden Finger in den Teig für das Stockbrot und kneten bis sie warm werden und wir bereiten den Wein und den Whiskey die Kohlen die Streichhölzer und wir ziehen am letzten Tag des Jahres doch noch aus ein paar Meter weiter nur in den Garten um die Ecke des Hauses was einer Weltreise gleicht das Packen das Stiefelschnüren das Schlüsseldenken Handgriffe einer vergangenen Heit wie die Menschen die ganz wenigen Menschen nun unseren Nukleus bilden der geblieben ist für das Ende DES JAHRES und ihn oder es oder beides darum umso kostbarer machen wie sich diese Kostbarkeit um das Lagerfeuer schart wie verlorengefühlte Perlen wieder auffädelt wie Planeten um eine Sonne wenn im Rücken die Unendlichkeit ihr Schindluder treibt und alle nur noch Handflächen an Flammen strecken und Atemwolken von Mündern abwandern hin zum nächsten in Watte gepackte Worte die Sehnsucht nach Nähe sichtbar gemacht wenn die Dunkelheit im Rücken über die Fersen die Schenkel die Schultern kriecht und uns hinterrücks Eismäntel umlegt wenn keiner mehr wagt sich umzudrehen um in die Dunkelheit unsere Fragen zu stellen wie das Kind nachts im Bett die Augen vor Angst geschlossen hält die Finger davor um nicht gesehen zu werden im eigenen Haus kaum atmet um nicht gehört um nicht erwischt zu werden sich ganz ruhig verhalten vielleicht bleiben wir so im Gärtchen unentdeckt wenn wir nicht unter das Bett schauen hoffen wir verschont zu bleiben und stehen gesichtzugewandt am Feuer von der Kälte umzingelt das Leben kongeliert rücken wir näher an das Knistern an das Licht bis unsere Wangen glühen und wir schauen von einem zum anderen Nukleus um Nukleus unseren Nukleus formen einen von innen heraus undurchdringlichen Kreis einen Zauberbund eine zusammenhaltende Masse um das Licht das Zwischen Uns das Zwischen Uns  i s t  was wir durch die Nacht hindurch nähren müssen Scheit um Scheit reihum hineinlegen einen noch und noch einen in Uns warm halten

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erstellt am 03.4.2021
aktualisiert am 05.4.2021

SEITENWECHSEL

Tagebuchnotizen, die zeitgleich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Ländern entstanden und in der Zeitschrift WORTSCHAU veröffentlicht wurden. An einem bestimmten (vorgegebenen) Tag machten sich 6 Autorinnen und Autoren Notizen darüber, wo sie sich an diesem Tag aufhielten, woran sie arbeiteten und was sie erlebten.

Kathrin Schadt (Foto: privat)
Über die Autorin

Kathrin Schadt, mehrere Buchpublikationen, in mehrere Sprachen übersetzt. Veröffentlichte als Journalistin (u. a. in DIE ZEIT). Gastgeberin für Poesiefestivals, u. a. Otro modo de ser. Gründerin der Poesiewerkstatt POEDU. 2021 erscheinen: POEDU-Buch (ELIF VERLAG), Kinderbuch (Bübül-Verlag) sowie eine Anthologie (Verbrecher Verlag), gibt sie mit dem Fritz-Hüser-Institut, Iuditha Balint, Julia Dathe und Christoph Wenzel heraus. Für ihr aktuelles Romanprojekt erhielt sie das Aufenthaltsstipendium Franz-Edelmaier-Residenz für Literatur und Menschenrechte 2020/21.