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Allmählich hat sich während der gegenwärtigen Pandemie das Bewusstsein ausgebreitet, dass wir uns in einer außergewöhnlichen Situation befinden. Viele Menschen haben in dieser Situation angefangen, Tagebuch zu schreiben, das Besondere aufzuzeichnen, selbst wenn es darin besteht, das Allgemeine im Besonderen schriftlich festzuhalten. Die Herausgeber des Literaturmagazins WORTSCHAU baten sechs Autorinnen und Autoren, zu einem vereinbarten Zeitpunkt Notizen zu machen. Diese Beiträge wurden unter dem Titel »Seitenwechsel« in der Zeitschrift veröffentlicht und erscheinen in loser Folge in Faust Kultur. Der Autor der folgenden Notizen aus Kathmandu ist James C. Hopkins.

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Silvester 2020 – James Hopkins

Fünf Großmütter und wie man lernt, ewig zu leben

Es ist genau 5:07 Uhr. Durch geschlossene Augenlider hindurch habe ich bereits festgestellt, dass es Morgen ist, dass ich in Kathmandu bin, dass es in dem ungeheizten Zimmer eisig kalt ist, die Kellnerin in blauen Biberbetttüchern schläft und die Kalifornierin gerade in einem Drogeriemarkt in Pasadena Gleitmittel kauft. Nanosekunden später – bis ich aus meinem warmen Bett gesprungen bin – habe ich mich in eine Frau aus hellem, rotem Licht mit meinem tantrischen Guru auf dem Scheitel verwandelt. Die Krähen rascheln in den Bäumen auf der Südseite, aber das Geräusch ist noch nicht zu hören. Es vergehen dreißig Minuten auf dem schwarzen Meditationskissen, ehe mir klar wird, dass ich wach bin.

Es ist genau 6:54 Uhr. Der gegenwärtige Moment ist nie zu finden. Die Stadt draußen vor meinem Fenster ist fast dunkel. In dem Hauch von Licht kurz vor der Morgendämmerung wälzt sie sich hin und her, während sie von Mungos und von Milch trinkenden Schlangen träumt, von Panthern mit gebläuter Haut und von Halsketten aus Ringelblumen. Von Karren, die turmhoch mit Mandarinen beladen sind.

Die Wirbelsäule so gerade wie ein Stapel Goldmünzen, die Atemzüge tief und langsam. Ich versuche, auf dem schwarzen Meditationskissen „präsent zu sein“, versuche, den „Raum zwischen Gedanken“ zu finden, als ich höre, wie sie sich in die Luft zu schwingen beginnen. Eine versprengte Schar erwachender Krähen, die mit der Luft ringen, krächzend nach Halt suchen, die Schwächeren mit lautem Kreischen zum Fliegen auffordern. Die Nacht ist schwarz, der Himmel ist schwarz, die schwarzen Vögel sind nichts als das Geräusch von Flügeln. Zu Hunderten fliegen sie an meinem Fenster vorbei – schwarz bewegt sich durch schwarz –, schieben die Luft zurück. Nur das Vorwärtsdrängen von Flügeln und der Sog dahinter, woraus der Umriss des Tages wird.

Es ist 8:30 Uhr. Wenn es keinen gegenwärtigen Moment gibt, kann es auch keinen vergangenen Moment geben. Unten läutet die Kellnerin eine Ritualglocke, um mir mitzuteilen, dass das Frühstück fertig ist. Zwei Stockwerke darunter, in einer Bretterbude im Garten, liegt die Frau des Nachtwächters immer noch wach. In ihrem einzigen Raum steht ein Fernseher, und ein Bett, das von Wand zu Wand geht. Der Nachtwächter atmet laut im Schlaf und sieht jetzt besser aus denn je. Zwischen ihnen hat sich wie eine Katze ihr Sohn eingerollt. Draußen gibt es eine fuchsienfarbene Bougainvillea, einen Mungo im Gebüsch und drei Avocadobäume.

Die Frau des Nachtwächters schiebt die Decke zurück und geht hinaus, um zu pinkeln. Auf dem unbebauten Grundstück nebenan hat letzte Nacht das tote Baby ununterbrochen geschrien. Sie konnte es durch die Wand hören, wie es unter der Erde wehklagte. Jahre zuvor hatte eine junge Braut ein Kind bekommen, das starb, und statt den kleinen Leichnam dem Feuer zu übergeben, hatte sie hinter dem Haus ein Loch gegraben und das Baby hineingelegt. Der Mais wuchs in die Höhe, die Zwiebeln wuchsen nach unten, und in der Nacht kreischt jetzt der Geist. Die Frau des Nachtwächters findet kaum Schlaf, und das Grundstück wird nie verkauft.

Es ist 8:57 Uhr. Wenn es keinen gegenwärtigen Moment gibt, kann es auch keinen zukünftigen geben. Die Kalifornierin hat am Pasadena Liquors angehalten, um eine Flasche Sekt zu kaufen. Buddhisten haben achtzehn verschiedene Höllen, eine schauriger als die andere. Es gibt acht „heiße Höllen“ und acht „kalte Höllen“, und ich befinde mich heute in der „kalten Hölle der klappernden Zähne“, wo die Wesen unter Zähneklappern zittern und „Hu, hu, hu“ machen. Es dauert fünf Minuten, bis das Wasser kocht, und im Kühlschrank sind die Lebensmittel gefroren.

Es ist ungefähr 11:00 Uhr. Wenn es keine Vergangenheit, keine Gegenwart und keine Zukunft gibt, dann gibt es keine Zeit. In Nepal bekommt man fünf verschiedene Gelegenheiten, das Neue Jahr von vorne zu beginnen. Im Februar gibt es Losar. Im April Nepali Sambat. Im November Mha Puja und außerdem das Diwali-Fest. Jedes Mal ein neuer Anlass, die alten Hemden rauszuwerfen, und eine Gelegenheit, den Abfluss zu reinigen. Zeit, so zu tun, als wäre nichts davon passiert, oder zu hoffen, es werde wieder passieren. Morgen ist das „westliche“ Neujahr 2021, und heute ist Silvester. Nach dem Mittagessen füge ich die Vorsätze von 2020 per Copy-and-paste in 2021 ein, dann schließe ich mein MacBook Pro.

Es ist ungefähr 12 Uhr, in Pasadena. Wenn es keine Zeit gibt, dann gibt es kein Altern. Als ich von dem schwarzen Kissen aufstehe, tun mir die Knie höllisch weh. Um auf der Treppe, die von oben nach unten führt, von einer der fünfzehn Stufen auf die nächste zu treten, brauche ich ein Jahr. Als ich in der Küche ankomme, um mir einen Tee zu kochen, bin ich schon fünfzehn Jahre älter, werde aber auf dem Weg nach oben wieder jung.

Das Telefon klingelt „Sai Ram Sai Sham“, und es ist die Kalifornierin, die alle drei Tage zum virtuellen Sex anruft. Sie sagt mir, ich sei schön, und ich sage ihr dasselbe. Auf den kahlen Spitzen der Äste draußen sitzen Spatzen, und durch die Fensterscheiben höre ich ihr Zwitschern.

Später Nachmittag, vielleicht 17:00 Uhr. Wenn es kein Altern gibt, dann gab es nie eine Geburt. Nachdem die Sonne genug von der Welt erwärmt hat, geht die Kellnerin für den Rest des Tages aufs Dach hinauf. Mit der Frau des Nachtwächters isst sie auf einer Decke Orangen und sieht dem Zweijährigen beim Spielen zu. Die Frauen lachen und kämmen sich gegenseitig die Haare, und später kommen sie wieder herunter.

Atemlos erzählt mir die Kellnerin, in der Nacht zuvor sei der Nachtwächter im Bett von einer Schlange, die in der Quelle neben dem Haus lebt, gebissen worden. „Nicht möglich“, sage ich. „Doch, das stimmt!“, erwidert sie. „Die Schlange ist wütend, weil jemand neben die Quelle pinkelt und die Pisse in ihre Behausung läuft. Die Schlange ist weiß, das heißt, sie kommt von Gott, aber jetzt hatte sie endlich genug! Sie ist nachts aufgetaucht und hat den Mann im Schlaf gebissen. Seine Frau hat gesehen, wie es passiert ist, denn der Geist hatte Krach gemacht, und als die Schlange ins Haus kam, war sie wach!“

Das überfordert mich total, und so mache ich mich auf Weg, Sekt für Neujahr zu besorgen.

Abend. Wenn es nie Geburt gegeben hat, kann es keinen Tod geben. Der Weg windet sich vorbei an den Ziegenmetzgern, den Mandarinenverkäufern und den Frauen, die aus offenen Leinensäcken Brennnesseln verkaufen – grün, brennend und grausam. In den kleinen Metallschmieden, wo der Ozongeruch von den Schweißbrennern heiß in der Luft hängt, klopfen die Männer Silber zu Mandalas, die mit der Hammerspitze perfektionierte Welt. Als ich durch eine duftende Wolke aus Wacholderrauch gehe, fühlt es sich an, als ginge ich durch einen Traum. Im Boudhanath Liquors kaufe ich eine Flasche Sekt.

Wieder zu Hause. Die Kellnerin erzählt mir, dass eine der Großmütter an diesem Abend sehr unglücklich ist. „Welche Großmutter?“, frage ich sie, denn ich weiß, dass es fünf gibt, und alle sind ihre. Schwierigkeiten macht offenbar die, die gerne Whisky trinkt, während es den anderen vier gut geht. Jeden Abend nach Sonnenuntergang nimmt die Kellnerin fünf winzige Mengen Reis und legt sie dahin, wo die Großmütter wohnen: zwei auf die Terrasse, wo die Blumen blühen, eine auf die Fensterbank, die zu dem leeren Grundstück geht, und zwei an den Baum, wo die Spatzen spielen. „Sie ist betrunken“, sagt die Kellnerin, „aber es ist Neujahr und heute will sie mehr.“

Es ist genau 6:42 Uhr. Ich bin in Kathmandu, neben dem Gasofen ist es eisig kalt, neben mir wickelt die Kellnerin gerade eine violette Tafel Cadbury‘s Fruit & Nut aus, und die Kalifornierin in Pasadena schläft jetzt. Wie ist es möglich, dass ich nie geboren wurde? Die Treppe hat von oben bis unten fünfzehn Stufen, die etwas über 15 Zentimeter hoch sind. Wie kommt es, dass ich nie sterben kann?

In Sydney, Australien, ist es 23:57 Uhr, und der Neujahrscountdown hat begonnen. Wenn ich die letzte Minute immer weiter unterteile, wird sie dann wirklich nie aufhören? Ich reiße die schwarze Folie von der Sektflasche. „Geh die Gläser holen“, sage ich zu der Kellnerin, „und bring auch eins für die Großmutter mit.“ Im Garten gibt es einen Mungo, Ringelblumen und Panther, und der Sektkorken wird jeden Augenblick knallen.

Aus dem Amerikanischen von Juliane Gräbener-Müller.

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erstellt am 27.3.2021
aktualisiert am 05.4.2021

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Tagebuchnotizen, die zeitgleich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Ländern entstanden und in der Zeitschrift WORTSCHAU veröffentlicht wurden. An einem bestimmten (vorgegebenen) Tag machten sich 6 Autorinnen und Autoren Notizen darüber, wo sie sich an diesem Tag aufhielten, woran sie arbeiteten und was sie erlebten.

James Hopkins
Über den Autor

James C. Hopkins, geboren in Washington DC, USA, aufgewachsen in den Blue Ridge Bergen von Virginia. Hochschulabschluss für Romanistik an der Duke University. Veröffentlichung von Gedichten in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien. Fünf eigenständige Gedichtbände. Der Gedichtband „Ex-Violinist in Kathmandu“ wird noch in diesem Jahr bei Ikuta Press erscheinen. Der ehemalige Investmentmakler James Hopkins lebt derzeit in Kathmandu, Nepal, wo er in einem tibetisch-buddhistischen Kloster studiert und ein Mikrofinanzprojekt in einer Gemeinschaft von Straßenbettlern, Schlangenbeschwörern und Schuhputzexperten in der Nähe seines Hauses leitet.