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Monika Carbe hat ihre Dissertation über Thomas Mann geschrieben, arbeitete in der Erwachsenenbildung und veröffentlichte Romane, Erzählungen und Lyrik. Mit enormem Engagement hat sie türkische Poesie übersetzt und verbreitet. Nun, da sie gestorben ist, erinnert Anita Djafari an sie.

Erinnerung

Hauptrolle Vermittlerin

Zum Tod der Autorin, Literaturkritikerin und Übersetzerin Monika Carbe

Mein letztes Gespräch mit Monika Carbe war ein Telefonat im Jahr 2019. Wir waren beide eingeladen als Vortragende bei einer Ringvorlesung an der Universität Paderborn zum Thema „Neue Weltliteratur“. Ich hatte mich gefreut, dass sie auch dabei war, dass wir beide aus jeweils unterschiedlicher Perspektive als Literatur- und Kulturvermittlerin unseren Beitrag leisten durften. Für mich ein Anlass sie anzurufen, um sich im Vorfeld vielleicht ein wenig auszutauschen. Doch sie erholte sich gerade von ihrer Operation und hatte damit genug zu tun, sprach aber mit fester Stimme und klang sehr zuversichtlich und vermittelte den Eindruck, dass sie recht bald wieder arbeiten könnte und wollte. Und dass sie gut aufgehoben war in der Fürsorge der Familie ihrer Tochter.

Monika Carbe war Akademikerin, Übersetzerin, Pädagogin, Intellektuelle durch und durch – mit all diesen vielen Eigenschaften und Qualifikationen fand sie ihre Hauptrolle als Vermittlerin, Literatur- und Kulturvermittlerin. Deshalb war es auch naheliegend, dass Peter Ripken sie Ender der 90er Jahre einlud, der „Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e. V.“ als Mitglied beizutreten. Sie meldete sich in jeder Jahresversammlung zu Wort und hatte Ideen, Vorschläge und arbeitete an ausgewählten Projekten mit, bei denen sie ihre vielfältigen Kompetenzen einbringen konnte. Um ein kleines Schlaglicht zu werfen: Ich erinnere mich an eine besondere Veranstaltung im Internationalen Zentrum (später Weltempfang) der Frankfurter Buchmesse. Ein schönes Experiment, nämlich einen ganzen Tag lang durchgängig Lyrik aus aller Welt vorzustellen, professionell und kenntnisreich moderiert von Margrit Klingler–Clavijo und Monika Carbe. Ich habe diesen Tag damals als Besucherin sehr genossen und mir meine Lieblingsregionen oder -autor*innen in mehreren Sessions ausgewählt, dabei den Moderationsmarathon der weltläufigen Literaturkennerinnen bewundert.

Moderieren von Literaturveranstaltungen war eine weitere Facette ihrer vielfältigen Kompetenzen, und all das mündete in dem Lebenswerk, das sie hinterlassen hat. Übersetzungen aus dem Türkischen, das sie schon nach kurzer Sprachlernzeit dazu befähigte, eine der besten in diesem Fach zu werden; Lesungen zu veranstalten, nicht ohne vorher das Geld dafür selbst zu besorgen. Ein Mammutprojekt war die Organisation großer Lesereisen für die „Türkische Bibliothek“, die mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung im Unionsverlag herausgegeben wurde. Ihre Mitstreiterin von damals, Alice Grünfelder, erinnert sich, dass der Unermüdlichen dabei nichts zu viel zu sein schien: keine mühsame Zugverbindung, schwierige Veranstalter, unzuverlässige Musiker – sie tat alles, um die türkische Kultur von ganzem Herzen und mit vollem Engagement bekannt zu machen.

Begonnen hat das alles nach ihrem Studium der Germanistik, Indologie und Philosophie, das sie mit einer Dissertation über Thomas Mann abschloss, schon sehr früh begann sie im Rahmen ihrer Tätigkeit in der Volkshochschule Frankfurt in den1980er Jahren auf die Bedeutung der Vermittlung und Zusammenarbeit mit den „ausländischen Mitbürgern“ und v. a. auf die der türkischen Community hinzuweisen und dafür zu arbeiten. Dass sie hier Pionierarbeit geleistet hat, steht außer Frage und die hohe Wertschätzung und große Beliebtheit, die sie in den einschlägigen Verbänden und Vereinen, u. a. in der Türkischen Gemeinde Frankfurt genoss, spricht für sich. Gerade in diesen Kreisen wird der Verlust ihrer Freundin als sehr schmerzlich empfunden.

Eine Vorreiterin war sie wohl auch, als sie – alleinerziehende Mutter – ihr Kind neben dem Studium mit Promotion großzog. Ich kenne nicht viele Frauen aus dieser Generation (sie war Jahrgang 1945), die das geschafft haben.

Die Liste ihrer Veröffentlichungen, die ein gutes Abbild ihrer vielfältigen Aktivitäten geben, ist sehr lang. Artikel, Essays, Sachbücher; und ganz besonders geschätzt wurde sie, wie gesagt, für ihre Übersetzungen aus dem Türkischen. Ich kann mich an keine einzige Rezension der von ihr übersetzten Bücher erinnern, in der sie nicht für ihre Leistung ausdrücklich gerühmt wurde.

Und ihr Talent zum Schreiben hat sie auch für eigene Romane genutzt. Allein drei wurden in den letzten Jahren im Frankfurter Größenwahn veröffentlicht.

Wenn man sich fragt, wie schafft man all das, muss die Antwort wohl lauten: mit eiserner Disziplin, scharf ausgebildetem Intellekt, immer präziser Vorbereitung, unermüdlichem Interesse und Freude an der Sache sowie der steten Bereitschaft zu lernen, aber das Gelernte, das Wissen, die Erkenntnisse auch weiterzugeben. Zu teilen fiel ihr leicht, so berichten alle, die mit ihr zusammengearbeitet haben und dies zu schätzen wussten.

Und sicher half auch die Unterstützung, die sie durch ihren neuseeländischen Ehemann Linden erfuhr. In den letzten Jahren, nach dem Verlust durch dessen frühen Tod, wurde sie stiller, auch in unseren Mitgliederversammlungen und den informellen Treffen drumherum war ihr Auftreten, untypisch für sie, verhaltener. Untätig jedoch war sie nicht. So gelangen ihr in den letzten Jahren unter anderem noch wunderschöne und anspruchsvolle Übersetzungen von Gedichten aus dem Türkischen. Ein Beispiel sei hier stellvertretend zitiert, es stammt aus dem Gedichtband der jungen türkischen Autorin Gonca Özmen „Vielleicht lautlos“, der 2017 im Elif-Verlag erschien:

DER ALTE ARGWOHN

Einen Regen am Morgen rieseln lassen,
jetzt einen Regen auf deinen traurigen Nacken.

Wir waren die Stimmen,
denen die Flüsse zuhörten.

Durch uns hindurch zogen die Wasser,
durch uns hindurch Schweigen und Dämmern.

Wir blickten auf, unser Schmerz ein Vorhang,
wir schlossen ihn.

Vielen Dank, Monika, für alles, was du dieser Welt geschenkt hast. Du wirst nicht vergessen.

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erstellt am 23.3.2021
aktualisiert am 29.3.2021

Monika Carbe
Monika Carbe