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Über Arbeit und Geld, Gebrauch und Tausch haben bedeutende Köpfe des 19. und 20. Jahrhunderts – etwa Georg Simmel, Max Weber, Edmund Husserl oder Martin Heidegger – nachgedacht. Der Ökonom und Sozialphilosoph Alfred Sohn-Rethel aber, der bis 1990 lebte, band diese Reflexionen zurück an die Analysen im ‚Kapital’ von Karl Marx. Matthias Schulze-Böing erinnert an den kritischen Denker.

Essay zu Alfred Sohn-Rethel

Abstrakt und doch real

Anmerkungen zu einer Idee von Alfred Sohn-Rethels „Wissenschaftskritik und Marxismus“

Während heute in sozialen Bewegungen wie den „Fridays for Future“ die Naturwissenschaften in einem zuweilen etwas naiv anmutenden Enthusiasmus mit Autorität versehen werden und die Politik aufgefordert wird, den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, ob zur Klimaentwicklung oder zu Ausbreitung des Corona-Virus zu folgen, war die Studentenbewegung der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts und die in den siebziger Jahren aufkommende Ökologiebewegung von einem eher kritischen Verhältnis zu Naturwissenschaften, mathematischen Verfahren der Erkenntnisgewinnung und dem, was man als „Positivismus“ kritisierte, also empirische, faktenorientierte Forschung, gekennzeichnet. Technik und Wissenschaften standen nicht nur bei Jürgen Habermas im Verdacht der „Ideologie“, die die notwendige kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft durch den Schein von Präzision und Objektivität behinderte und letzten Endes dazu diente, die Herrschaftsverhältnisse in der kapitalistischen Gesellschaft zu verschleiern und sie mit der Logik technischer Sachzwänge der kritischen Hinterfragung zu entziehen.

Die Kritik der Wissenschaft und ihres Rationalitätsmodells gehörte deshalb ebenso zum Kern des Selbstverständnisses dieser Bewegungen, ebenso wie die Kritik am „bürgerlichen Bewusstsein“ und an einem spezialistisch fragmentierten Wissenschaftsbetrieb, der immer weniger Imstande zu sein schien, die Gesellschaft als Ganzes in ihrer historischen Gewordenheit und Änderbarkeit zu erkennen.

Max Horkheimer, Theodor W. Adorno (1964). Foto: Jjshapiro auf Wikipedia (Englisch), CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6633571
Max Horkheimer, Theodor W. Adorno (1964)

In ihrer „Dialektik der Aufklärung“ sahen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer sogar einen inneren Nexus zwischen dem rationalen Weltbild der Moderne, der Rechenhaftigkeit kapitalistischen Wirtschaftens und einer auf dem Warentausch basierenden Gesellschaftsform. Mit der These, dass die moderne wissenschaftliche Rationalität keineswegs neutral im Hinblick auf die gesellschaftliche Verwendung des mit ihren Mitteln gewonnenen Wissens sei, sondern eng verflochten mit der Gesellschaft, ihren Funktions- und Herrschaftsmechanismen und ihren ideologischen Verblendungen, standen übrigens durchaus in einer breiten Tradition der Zivilisationskritik, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auch im „bürgerlichen“ Denken großen Platz einnahm. Man denke etwa an die philosophische Anthropologie von Ludwig Klages, Georg Simmels groß angelegte „Philosophie des Geldes“ und Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Das epochale Werk über den Zusammenhang von protestantischer Ethik und den „Geist des Kapitalismus“ des Soziologen Max Weber gehört ebenso in den Zusammenhang der kritischen Selbstvergewisserung der bürgerlichen Gesellschaft über ihre geistigen Grundlagen wie die Kritik des Philosophen Edmund Husserl an einem auf mathematische Naturerkenntnis verengten Verständnis von wissenschaftlicher Rationalität. Der berühmte Aufsatz „Die Technik und die Kehre“ des Philosophen Martin Heidegger sieht in Technik und Naturbeherrschung insgesamt einen verhängnisvollen Irrweg, mit dem die Menschheit sich einer selbstzerstörerischen Dynamik ausgeliefert hat, der sie ohne eine fundamentale Besinnung auf die Grundlagen der Fehlentwicklung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation nicht entkommen könne.

Es ist kein Zufall, dass auch diese Ideen im Übergang von der sozialistischen Studentenbewegung zur Ökologiebewegung zunehmend rezipiert wurden, versprachen sie doch neue Blicke auf das Verhältnis von Mensch und Natur, das in der modernen Gesellschaft immer offenkundiger grundlegend gestört zu sein schien. Die klassische Antwort des Marxismus, dass letzten Endes die Produktionsverhältnisse zu ändern sind, wenn man die Produktivkräfte, zu denen Marx auch Naturwissenschaften und Technik zählte, im Interesse der Menschen entfesseln wolle, befriedigte immer weniger, ging sie doch an den destruktiven Tendenzen der wissenschaftlich-technischen Zivilisation selbst ganz offenkundig vorbei. Es fiel immer schwerer, an die Neutralität von Wissenschaft und Technik zu glauben. Damit entstand die Frage, ob der Marxismus auf diese damals neue Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft eine Antwort, im Rahmen seiner Kategorien und Denkmodelle, auf seinem Terrain, finden könne.

Wenn es so ist, dass der Typus der formalen wissenschaftlichen Rationalität selbst die Ursache eines gestörten Verhältnisses der Menschen zur Natur ist, dann ist von einer Änderung der Eigentumsverhältnisse alleine keine Besserung zu erwarten. Ganz im Gegenteil, die in den schon damals erkennbaren noch wesentlich verheerenderen Naturzerstörungen in den sozialistischen Ländern zeigten, dass der Ansatzpunkt der ökologischen Transformation möglicherweise gar nicht so sehr bei den Eigentumsverhältnissen in der Gesellschaft liegt, sondern eher in der Haltung, Natur als Objekt von Beherrschung und Ausbeutung zu sehen, die in den sozialistischen Gesellschaftssystemen ebenso wie im Kapitalismus zur Zuspitzung der ökologischen Probleme geführt hat.

Ob und wie eine völlig andersartige Wissenschaft entwickelt werden könnte, die lebensnäher, ganzheitlicher und nicht mehr auf Beherrschung, sondern auf Versöhnung mit der Natur gerichtet, wurde damals intensiv diskutiert. Es ist bemerkenswert, dass heute, wo ökologische Fragen einen viel größeren Stellenwert im gesellschaftlichen Bewusstsein als damals einnehmen, solche Überlegungen kaum noch eine Rolle spielen. Das mag auch daran liegen, dass die fundamentale Zivilisations- und Rationalitätskritik doch letzten Endes in einer argumentativen Sackgasse landete. Denn, auch das ist ein Resultat der Diskussionen in der aufkommenden Ökologiebewegung der damaligen Zeit, es lassen sich daraus keine praktischen Konzepte zur Überwindung der sozialen und ökologischen Krise gewinnen. Viele der Diskussionen um ein „anderes“ Naturverhältnis und eine andere wissenschaftliche Rationalität verloren sich in mystischen Spekulationen und obskuren Ganzheitlichkeits-Philosophien ohne praktische Relevanz. Dass diese Form der Wissenschaftskritik heute kaum noch betrieben wird, liegt möglicherweise auch daran, dass sich seit der Zeit ungebrochener Wachstumseuphorie auch das Selbstverständnis der Naturwissenschaftler gewandelt hat. Die Wissenschaft hat sich in weiten Bereichen ökologische Fragen selbst zu eigen gemacht. Ob der kritische Impuls einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber der eigentümlichen Rationalität von Wissenschaft und Technik sich damit ganz erledigt hat, ist allerdings nicht sicher. Insofern ist es durchaus reizvoll, sich noch einmal in die Fragestellungen der damaligen Zeit zurückzuversetzen.

Erkenntniskritik als Programm

Alfred Sohn-Rethel (1899-1990) war im Zusammenhang der technik- und wissenschaftskritischen Diskussion in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein viel rezipierter, origineller Denker, der die Kritik des mathematisch-naturwissenschaftlichen Denkens von den Kategorien der Kapitalismus-Analyse von Karl Marx her entwickelte. Heute sind seine Arbeiten nur noch Insidern bekannt, gelegentlich wird ihm noch eine Fußnote gewidmet. Aber seinerzeit fand sich sein Hauptwerk „Geistige und körperliche Arbeit“ in vielen Bücherregalen. Wie man dem 1990 erschienen Briefwechsel zwischen Adorno und Sohn-Rethel seit den dreißiger Jahren bis zum Tod Adornos 1969 entnehmen kann, gab es zwischen den Ideen Sohn-Rethels und denen Adornos in der „Dialektik der Aufklärung“ ebenso wie in seinem Spätwerk „Negative Dialektik“ mehr als nur punktuelle Berührungen. Kennt man die schon in ersten Entwürfen in den dreißiger Jahren vorliegenden Überlegungen Sohn-Rethels, erscheinen manche Passagen der „Dialektik der Aufklärung“ fast als Paraphrase seiner Überlegungen zum inneren Zusammenhang von Tauschwirtschaft und der Idee mathematischer Naturerkenntnis.

Alfred Sohn-Rethel (undatiert)
Alfred Sohn-Rethel (undatiert)

Sohn-Rethel hat in Heidelberg u. a. bei Alfred Weber studiert, bis Mitte der dreißiger Jahre bei einem Industrieverband gearbeitet, ging dann ins Exil und hatte dort Kontakt mit emigrierten Intellektuellen, in Paris etwa mit Walter Benjamin. Über Adorno hielt er Kontakt auch zum exilierten Frankfurter Institut für Sozialforschung. Seine vielfältigen Anläufe, dort als Mitarbeiter aufgenommen zu werden, schlugen jedoch fehl. Er lebte dann lange bis Anfang der siebziger Jahre in England und arbeitete als Sprachlehrer bis er dann bereits im höheren Alter zunächst eine außerordentliche, dann eine ordentliche Professur an der Universität Bremen erhielt, wo er 1990 starb.

Unter den vielfältigen Themen, mit denen sich Sohn-Rethel beschäftigte, etwa der Klassenstruktur des deutschen Faschismus und Modellen alternativer, planwirtschaftlicher Produktionsorganisation, hat das größte Echo seine Theorie der Entstehung des abstrakten Denkens in mathematischen und logisch strengen Formen und das darauf basierende Wissenschaftsverständnis gehabt. Er folgt dabei bewusst dem marxistischen Grundgedanken, dass die Formen des Bewusstseins und der Kategorien, mit denen sie geistig die Welt erfassen, sich letzten Endes als Ausfluss des materiellen ökonomischen Seins dechiffrieren lassen. Zu diesem Zweck geht er, angeregt durch Studien des britischen Philosophen George Thomson, zurück in die Zeit der vorsokratischen Philosophie. In dieser entstand, so Sohn-Rethel, erstmals die Idee eines besonderen ideellen Seins der Dinge, das gleichbleibt, auch wenn sich die äußere Erscheinungsform zeitbedingt verändert. Die Idee des Apfels bleibt zum Beispiel erhalten, auch wenn das einzelne Exemplar durch Alterung Flecken und faule Stellen bekommt und dann vielleicht ganz anders aussieht als im frisch gepflückten Zustand. Dieses Bleibende im Wandel hat die antiken Philosophen stets besonders fasziniert, und es zu erkennen und zu begreifen war für sie die vornehmste Aufgabe der Philosophie, auch und nicht zuletzt in Bezug auf die Frage nach dem Sein des Menschen selbst, ein Motiv, das bis heute für das philosophische Denken prägend geblieben ist. Im neuzeitlichen Idealismus trat das Subjekt an die Stelle des Seins der antiken Philosophen. Die Funktion für die Ordnung des Denkens war jedoch die gleiche, nämlich das zu bezeichnen, was Identität und das Bleibende im Wandel ausmacht. In der Philosophie von Kant ist dies besonders konsequent formuliert worden.

Sohn-Rethel versucht nun, ganz Materialist, diesen zentralen philosophischen Gedanken auf eine bestimmte Form ökonomischer Praxis zurückzuführen. Den Hinweis von Thomson auf die zeitgleiche Entwicklung des philosophischen Seinsbegriffs und erster Formen des Geldverkehrs nutzt Sohn-Rethel zu der sehr weitreichenden These, dass diese Form des Denkens durch die praktischen Erfahrungen der Tausch- und Geldwirtschaft zumindest maßgeblich angeregt wurden, wenn nicht sogar regelrecht aus diesen ökonomischen Formen abzuleiten sind. Er entwickelt dabei ein subtiles Gedankenmodell, das Adorno, aber auch Walter Benjamin und andere nachhaltig faszinierte.

Realabstraktion – die Erfahrung der Abstraktion

Der Warentausch ist demnach, genau besehen, dadurch möglich, dass sich eine „Tauschhandlung“ von der „Gebrauchshandlung“ ablöst, ganz ähnlich wie Karl Marx in seinem „Kapital“ im berühmten ersten Kapitel den Wert der Ware als „Erscheinungsform des Reichtums in der bürgerlichen Gesellschaft“ in „Gebrauchswert“ und „Tauschwert“ einteilt. Die „Tauschhandlung“ unterliegt im Denkmodell Sohn-Rethels ganz anderen Gesetzmäßigkeiten als der praktische Umgang mit den Gegenständen im Alltag, also die „Gebrauchshandlungen“. Die Tauschhandlung läuft darauf hinaus, qualitativ unterschiedliche Gegenstände in ihrem Wert gleichzusetzen, um sie dann austauschen zu können. Dabei findet, für die praktisch Handelnden wohl überwiegend unbewusst, eine Art Ausklammerung von Zeit statt. Die Tauschhandlung findet selbstverständlich in der Zeit statt, sie ist ein empirischer Sachverhalt in der Wirtschaft. Sie muss aber, um ihr Ziel zu erreichen, so tun als würde die Zeit bis zu ihrem Abschluss, dem vollendeten Tausch, in gewisser Weise stillstehen, weil nur so die Wertgleichheit der getauschten Waren bis zum Abschluss des Geschäfts sichergestellt ist. Ein Apfel mag in der Auslage den Käufer frisch und lecker anblicken. Bis er sich aber in der Einkaufstasche des Käufers befindet und der Bezahlvorgang abgeschlossen ist, mag sich, wie ein Biochemiker sicher bestätigen könnte, auf molekularer Ebene im Apfel so einiges getan haben, so dass der Apfel in der Einkaufstasche nicht mehr unbedingt derselbe ist wie der in der Auslage.

Ein Kaufmann würde einen solchen Gedankengang sicher erst einmal als eine ziemlich abstruse Spitzfindigkeit abtun, beschreibt er doch auf der einen Seite etwas eher Triviales, blendet auf der anderen Seite aber aus, dass wirtschaftliche Handelnde für dieses Problem durchaus Lösungen gefunden haben, wie Regeln für die Übergabe von Waren, für die Abwicklung von wirtschaftlichen Transaktionen, für die Haftung bei Schäden, Warentermingeschäfte und anders mehr. Aber es ging Sohn-Rethel nicht um die kaufmännische Praxis, auch nicht um die der Händler in der Antike zur Zeit der ersten Philosophen.

So verstiegen diese Analyse des Tauschaktes auf den ersten Blick anmuten kann, so kühn und weitreichend ist die Schlussfolgerung, die Sohn-Rethel daraus zieht. Die „Realabstraktion“ des Tausches sei der menschliche Erfahrungsmodus, aus dem sich das abstrakte, von der Erfahrung abgelöste Denken ableitet und die (vermeintliche) Geltung überzeitlicher Ideen immer wieder bestätigt. Das begriffliche Denken mit all seinen Verästelungen in Mathematik und Logik ist, folgt man Sohn-Rethel, ebenso auf Tausch gebaut wie die moderne Idee des aus sich selbst heraus wirkenden Subjekts des Denkens. Die geistige „Synthesis“, also die Verbindung von Verschiedenem in Begriffen, ist ein Abbild der gesellschaftlichen „Synthesis“, der Art und Weise, wie Menschen miteinander in Verbindung treten – kooperativ und gemeinschaftsbezogen oder aber kalkulierend im Tausch. Die Loslösung von abstrakten Begriffen vom Erfahrungsprozess ist, so gesehen, ein Abbild der Absonderung einer abstrakten monetären Wertsphäre von der Sphäre konkreter Arbeit, praktischer Kooperation und sinnlicher Erfahrung. Die Bildung eines Himmels vermeintlich ewiger Ideen erscheint in der Lesart Sohn-Rethels als Reflex auf eine Gesellschaft, die sich auch in ihren materiellen Lebens- und Funktionszusammenhängen zunehmend abstraktifiziert und sich dem abstrakten Medium des Geldes überantwortet.

Dies war eine Idee, die Adorno auch deshalb fasziniert hat, weil er in der Vorbereitung seiner Arbeit über die abendländische Rationalität, eben der „Dialektik der Aufklärung“ zeitgleich einer ganz ähnlichen Ahnung nachging, dass das sich seiner selbst bewusste Subjekt keineswegs als etwas natürliches, schlicht Gegebenes anzusehen, sondern gesellschaftlich hochgradig vermittelt ist – und zwar von Anfang an. Das Motiv eines Stillstands der Zeit, etwa im „Schock“ plötzlicher Erkenntnis von Zusammenhängen, von Unfällen und überraschenden Erlebnissen im Alltag findet sich übrigens auch bei Walter Benjamin immer wieder, etwa in seinem „Passagen“-Werk. Die Gespräche, die Benjamin mit Sohn-Rethel in der Emigration in Paris führte, mögen für dieses Motiv Anregungen gegeben haben.

Die „Realabstraktion“ des Tausches ist so etwas wie ein praktisches Paradox. „Real“ und „abstrakt“ bezeichnen normalerweise gegensätzliche Sachverhalte, einen empirischen und einen nur in Gedanken existierenden. Hier werden sie „uno actu“ verschmolzen. Die Realabstraktion des Tausches ist ein praktisches Paradox auch in Bezug auf die Zeit. Alle wissen, dass die Zeit fortlaufend verrinnt und nicht aufgehalten werden kann. Im Tausch aber, so wie ihn Sohn-Rethel analysiert, tun wir für einen Moment so, als wäre dieser Fluss der Zeit ausgesetzt. Man bindet die Zeit, um Identität festzustellen, hier die Identität des Wertes unterschiedlicher Waren.

Man mag dies als eher verstiegene Spitzfindigkeit weit jenseits einer Beschreibung konkreter wirtschaftlicher Praxis halten. In der Philosophie gibt es aber für dieses Motiv der Zeitbindung im Denken und Handeln durchaus eine Reihe von Parallelen. So hat etwa Edmund Husserls in seiner philosophischen Phänomenologie herausgearbeitet, dass das Subjekt bzw. das Bewusstsein, wenn es auf sich selbst und seine Erfahrung reflektiert sich ja nie wirklich im Präsenzmodus fassen kann. Das, worauf es reflektiert, ist ja stets gerade vergangen und nie gleichzeitig mit der Reflektion präsent. Wenn das Bewusstsein sich also dennoch als mit sich identisch wahrnehmen will, was es muss, wenn es überhaupt etwas erkennen und denken will, muss es Zeit gewissermaßen ausklammern, zumindest für einen Moment. Husserl hat aus dieser Einsicht eine komplexe Philosophie des inneren Zeitbewusstseins entwickelt. So ganz abwegig ist der Gedanke Sohn-Rethels also nicht. Husserl kritisierte die Verselbstständigung von formalisierten und mathematisierten Begrifflichkeiten in der Wissenschaft und versuchte zu zeigen, dass diese damit ihr eigentliches Fundament in den Leistungen des lebendigen und damit zeitgebundenen Bewusstseins gewissermaßen verleugnen. Sohn-Rethel verortet dieses Fundament aller abstrakten Begriffsbildungen in einer in sich zerrissenen gesellschaftlichen Praxis, in der sich Arbeit und gesellschaftliche Verwertung voneinander abgelöst haben und fremd geworden sind. Es ist für Sohn-Rethel dieses sachliche und zeitliche Paradoxon der Realabstraktion, das die Erfahrungswelt der Menschen in Gesellschaften mit Geld- und Tauschwirtschaft bestimmt und ihnen die universelle Rechenhaftigkeit mit der Herrschaft der Zahlen in allen Lebensbereichen als das Natürlichste der Welt erscheinen lässt. Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel hat in seiner „Philosophie des Geldes“, einem der nach wie vor wichtigsten Bücher zum Verständnis der Kultur der Moderne, ganz ähnlich argumentiert. Für ihn war Geld das Medium, durch das die Intellektualisierung des Lebens vorangetrieben und immer weiter verstärkt wird.

Ursprung oder Ko-Evolution?

Freilich liefert Sohn-Rethel keine wirklich entfaltete Theorie, wie aus solchen Akten in der ökonomischen Sphäre abstrakte Denkmuster und theoretische Begrifflichkeiten werden. Es bleibt bei einer Analogie. Über welche Zwischenschritte sich die Erfahrungswelt der Tauschwirtschaft in die begriffliche Abstraktion der Philosophen übersetzt, wird allenfalls kurz angedeutet, nicht aber wirklich erklärt. Aber dennoch hat dieser Gedanke einen neuen Blick auf auf die Geschichte des abendländischen Denkens eröffnet, dem weiter nachzugehen durchaus lohnt.

Es spricht vieles dafür, dass die Tauschwirtschaft ein Denken in abstrakten Kategorien zunehmend plausibel und anschlussfähig gemacht hat, weil die Fähigkeit zur Abstraktion wiederum auch für die Tauschwirtschaft notwendig ist. Man muss schon rechnen können, wenn man tauschen will.

Wahrscheinlich haben sich das Denken in abstrakten Begriffen und die Tauschwirtschaft in der Geschichte der abendländischen Zivilisation wechselseitig in einer bestimmten Entwicklungsrichtung bestärkt. Der selbstverständliche Umgang mit begrifflichen Abstraktionen hat dem Tausch als ökonomische Verkehrsform zu größerer Akzeptanz und Verbreitung verholfen, wie umgekehrt die Erfahrung mit dem Geldverkehr zu einer Weiterentwicklung des wissenschaftlichen und philosophischen Weltbildes in Richtung von Abstraktion und Formalisierung bestärkt hat. Aus der historischen Wissenschaftsforschung gibt es zum Beispiel für die frühe Neuzeit viele Belege für eine überraschende Nähe und wechselseitige Befruchtung von ökonomischen Praktiken, etwa dem Geldverleih, dem Zins oder der Buchhaltung einerseits, naturwissenschaftlichen Paradigmen und technischen Konzepten, etwa in der Architektur, andererseits. In der Sprache der modernen Soziologie würde man hier von einer Ko-Evolution sprechen, einer Ko-Evolution von ökonomischer Praxis und geistigen Denkformen. Insofern wäre es durchaus plausibel, auch bei den „ersten Philosophen“, wie sie George Thomson beschreibt und dem Geldverkehr eine Beziehung von wechselseitiger Befruchtung und Stärkung anzunehmen. Was „Henne“ und was „Ei“ ist, was also was letzten Endes bedingt und hervorgebracht hat, wäre in einer solchen Perspektive gesellschaftlicher Evolution unerheblich.

Sohn-Rethels Pointe ist demgegenüber jedoch, dass er sich mit seiner Analyse direkt an die Gedankengänge des Marxismus und dessen Basistheorem der Abhängigkeit des geistigen Überbaus von der ökonomischen Basis anschließt. Es ging ihm schon darum zu zeigen, dass auch die vermeintlich praxisfernsten geistigen Inhalte ihre Basis in einer bestimmten Form des Wirtschaftens haben. Die Frage nach „Henne oder Ei“ war im Marxismus bekanntlich keineswegs müßig. Es war der Kern der Weltanschauung des Materialismus, dass die materielle Erfahrungswelt der Welt des Geistes stets vorgängig ist und es eine eigenständige Sphäre geistiger Produktion nicht gibt. Eine solche Sphäre dennoch zu behaupten und philosophisch dafür zu argumentieren, ist in dieser Betrachtung ein Irrweg bürgerlichen Bewusstseins, wenn nicht gar „Ideologie“, die es letzten Endes die faktischen Herrschaftsverhältnisse in der Gesellschaft zu verschleiern und damit zu erhalten hilft.

Von der Theorie zur Praxis

Zum Selbstverständnis eines Marxisten, als den sich Sohn-Rethel sah, ist es zudem wesentlich, Theoriebildung nicht nur aus einem selbstgenügsamen Erkenntnisinteresse zu betreiben, sondern in politischer Veränderungs- und Emanzipationsabsicht. Die Kritik der abstrakten Denkweise einer verselbstständigten Wissenschaft war für ihn immer auch ein Beitrag zur Veränderung der Gesellschaft und zur Konzeption einer nicht entfremdeten Wissenschaft und Technik. Das unterscheidet zumindest der Intention nach die marxistische Wissenschaftskritik von bürgerlicher Zivilisationskritik, die ja, was den inneren Zusammenhang von Kapitalismus, Rechenhaftigkeit und naturwissenschaftlichem Weltbild durchaus ähnliche Erkenntnisse hatte. Der Gedanke einer gesellschaftlichen Transformation wäre einem Denker wie Georg Simmel sicher eher fremd gewesen.

Genau diese Ausrichtung seines Denkens an einem politischen Änderungsinteresse hat Sohn-Rethel für die Vordenker der Studentenbewegung wie Hans-Jürgen Krahl und Oskar Negt im letzten Jahrhundert und auch der linken Wissenschaftskritik attraktiv und anschlussfähig gemacht. Es gab in den siebziger und achtziger Jahren eine Vielzahl von Studien zur Neuzeitlichen Wissenschaft und Technik, die sich auch auf die Überlegungen von Sohn-Rethel stützten.

Für ihn war klar, dass sich die Probleme einer verselbstständigten Wissenschaft, ebenso wie die einer menschenfeindlichen und naturzerstörerischen Technik nur bewältigen lassen, wenn es gelingt, die Dominanz des Marktes und damit des Tausches und Geldverkehrs zu brechen. Erst mit einer Ökonomie, die nicht mehr Marktgesetzen unterworfen ist, sondern Produktion nach Gebrauchswert-Gesichtspunkten geplant wird, er sprach von „Produktionsökonomie“, sei Wieder-Einbettung der wissenschaftlichen Denkformen in das gesellschaftliche Leben denkbar. Darin war er durchaus orthodox dem marxistischen Dogma verhaftet, das die Möglichkeit einer Überwindung kapitalistischer Ausbeutung nur in der Ersetzung der Marktwirtschaft durch Planwirtschaft sah. Sohn-Rethel variiert dieses Dogma jedoch in einem wichtigen Punkt. Die Überwindung der abstrakten Vergesellschaftung durch den Markt würde aus seiner Sicht nicht nur die ökonomischen Verhältnisse neu ordnen, der kapitalistischen Ausbeutung den Boden entziehen und die Klassenspaltung der Gesellschaft überwinden. Sie wäre auch die Grundlage für die Aufhebung der Entfremdung von Wissenschaft und Gesellschaft und schüfe zumindest die Chance, die Wissenschaft wieder in die Gesellschaft zurückzuholen und ihre abstrakten Modelle in neuer Form mit dem Erfahrungswissen der Menschen zu versöhnen. Eine utopische Perspektive, die man durchaus auch als Kritik an den technokratischen Verformungen des „realen Sozialismus“ des 20. Jahrhunderts lesen kann.

Zustimmende Verweise auf das China unter Mao, wo der Konflikt zwischen Geistesarbeitern und körperlich Arbeitenden parteioffiziell geschürt wurde, waren allerdings überaus zeitbedingt und sind aus heutiger Sicht noch abwegiger als sie damals schon waren.

Adorno, der bekanntlich gegenüber der technokratischen Verwaltung der Welt ebenso misstrauisch war wie gegenüber einer entfesselten Marktwirtschaft, den vor dem Hintergrund der Erfahrung des Faschismus alles, was mit Massenmobilisierung und Gleichschaltung verbunden war, zu Recht in Angst versetzte, folgte ihm in diesen Punkten dezidiert nicht, sah er doch sowohl in der sozialistischen Planwirtschaft als auch in der chinesischen Kulturrevolution Irrwege, die mit ihren grausamen Praktiken von der Idee einer mit der Natur versöhnten Gesellschaft nur weiter wegführten.

Gesellschaftstheoretische Erwägungen und gar komplexe, ideologie- und bewusstseinskritische Ableitungsversuche wie die Sohn-Rethels finden in politischen Debatten heute kaum noch Interesse. Über die Gesellschaft als Ganzes wird kaum noch nachgedacht. Krude Wissenschaftsgläubigkeit, etwa in Fragen des Klimawandels und wenn es um Corona geht, geht mit pseudowissenschaftlichen Theorien über Gender, Rassismus und Diversität zuweilen bizarre Allianzen ein. Manchmal würde man sich heute etwas mehr kritische Reflexion und „Arbeit am Begriff“ wünschen, wie sie für die kritische Theorie, aber auch den Marxismus einmal prägend war, auch wenn man dort auch die Kritik der Abstraktion mit ihrerseits sehr abstrakten und grundsätzlichen Überlegungen und auf einer gedanklichen Flughöhe vornahm, auf der auch seinerzeit vielen schwindelig wurde und die oft sehr weit von praktischen Lösungskonzepten für die Probleme der Gesellschaft entfernt waren. Aber diese Arbeit am Begriff gab doch so etwas wie einen inneren Kompass, der heute ziemlich verloren gegangen zu sein scheint.

Was bleibt von Sohn-Rethel? Er war derjenige, der das Verhältnis von Geld und Geist als erster und am konsequentesten in einer marxistischen Perspektive durchdacht und dafür einen sehr fruchtbaren Vorschlag gemacht hat. Er hat originelle Interpretationsangebote für Kernfragen der Philosophie ins Spiel gebracht und breite Debatten zum Verhältnis von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft angeregt, die man sich so heute gar nicht mehr vorstellen kann. Er war zudem in mancher Hinsicht ein Anstoßgeber für zentrale und wirkmächtige Motive der kritischen Theorie. Schließlich kann man ihn auch als jemanden sehen, der Brücken zwischen marxistischer Theorie und „bürgerlicher“ Kultur- und Zivilisationskritik geschlagen hat. Grund genug, an diesen Außenseiter der kritischen Theorie zu erinnern.

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erstellt am 16.3.2021
aktualisiert am 17.3.2021

Alfred Sohn-Rethel (1899–1990), Nationalökonom und Philosoph

Alfred Sohn-Rethel (1899–1990),
Ökonom und Sozialphilosoph