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Michael Krügers „Meteorologie des Herzens. Über meinen Großvater, Zbigniew Herbert, Petrarca und mich.“ ist das jüngste seiner 46 eigenen Bücher. Der Dichter, Buchhändler, Autor und einflussreiche Verlagslektor bei Hanser bringt, wie der Titel schon signalisiert, darin ein biographisches Gespräch, Erinnerungen an den Petrarca-Preis und ein Porträt Zbigniew Herberts unter. Martin Lüdke erinnert sich gerne mit.

Michael Krüger war über viele Jahrzehnte so etwas wie das Schwungrad im deutschen Literaturbetrieb. Umtriebig, kenntnisreich, wie man heute sagt: bestens vernetzt, und kompromisslos engagiert für die Literatur. Selbst Gedichteschreiber und Erzähler, der auf ein stattliches Werk zurückblicken kann, auf das, allein vom Umfang her, so mancher hauptberufliche Schriftsteller stolz sein könnte. Dazu Herausgeber, Übersetzer und, nicht zu vergessen, auch Kritiker, für – immerhin – DIE ZEIT und die Süddeutsche Zeitung. Hauptberuflich aber, und das weiß Gott nicht nur so nebenbei, war Krüger Lektor und Verleger des Münchner Hanser Verlages. Mitglied verschiedener Akademien, vieler Jurys und Weltreisender in Sachen Literatur. Wann, ja ob überhaupt, der allgemein im Literaturbetrieb nur „Michel“ genannte Tausendsassa, jemals geschlafen haben sollte, ist von Kennern der Szene energisch bezweifelt worden.

Lüdkes liederliche Liste

»Herr Andersch, ich bin’s«

Michael Krügers Erinnerungen an (s)ein Leben in der Literatur.

Wittgendorf liegt keine zehn Kilometer südöstlich von Zeitz an der Landesgrenze von Sachsen-Anhalt und Thüringen. Dort, auf dem Landgut seines Großvaters mütterlicherseits, wurde Michael Krüger im Dezember 1943 geboren. Die ersten Jahres seines Lebens auf dem Land, gleichsam an der Hand des Großvaters, müssen für Krüger prägend gewesen sein. Überall in seinem Werk finden sich die Spuren davon. In einem langen, ebenso ausführlichen wie einprägsamen Gespräch mit Matthias Bermuth, der auch noch ein Nachwort zu diesem Bändchen beigesteuert hat, geht Krüger diesen Spuren wieder nach. Diese Erinnerungen lesen sich als Liebeserklärung an den Großvater. Nach dem Ende des Krieges und der Besetzung von Sachsen und Thüringen durch die Russen, die diese Gebiete im Tausch gegen die West-Sektoren von Berlin übernahmen, wurde der Großvater enteignet und der kleine Michel kehrte zu seinen Eltern in das zerbombte Berlin zurück.

Nach dem Abitur wollte er auf keinen Fall studieren, schrieb sich aber seinem Vater zuliebe an der Uni ein und besuchte – allerdings nur abends – Vorlesungen, etwa die von Peter Szondi und Veranstaltungen wie die von Walter Höllerer. Tagsüber absolvierte er eine Buchhändler- und Drucker-Lehre. Nach deren Abschluss ging er nach London, um dort in der Internationalen Buchhandlung vom Kaufhaus Harrod’s zu arbeiten. An den Sonntagen saß er oft in einem Café an der Oxford Street, wo er sich gerade noch einen Kaffee leisten konnte und beobachtete die Passanten. „Einmal entdeckte ich Alfred Andersch mit seiner Frau Gisela, die ich flüchtig über Walter Höllerer kannte. Ich rannte auf die Straße und rief: ‚Herr Andersch, ich bin’s.‘“ Andersch erinnerte sich und lud ihn „mit den Worten ein: ‚Es sieht nicht so aus, als hätten Sie häufig zu Mittag gegessen.‘“ In London lernte Krüger bereits viele deutsche Exilanten kennen, darunter, damals in Deutschland noch völlig unbekannt, den Soziologen Norbert Elias und den späteren Hanser-Autor und Nobelpreisträger Elias Canetti. Auch Alfred Sohn-Rethel kam in seinen Laden, Emigranten also, die den Rückweg nach Deutschland nicht gefunden hatten und die, vor allem, in Deutschland keiner vermisst und keiner je gerufen hatte. Erst sehr spät ist versucht worden, einiges wieder gutzumachen. Das war dringend nötig, denn England, nicht anders Frankreich, blieben geschlossene Gesellschaften für die deutschen, für die jüdischen Emigranten.

Das kleine, hübsche Büchlein, mit dem sich der Berenberg Verlag, ohnehin für seine schön gestalteten Bücher bekannt, noch einmal besondere Mühe gegeben hat, besteht aus drei (Haupt-)Teilen: dem biographischen Gespräch mit Matthias Bormuth, der auch noch ein informatives Nachwort beigesteuert hat, Erinnerungen an den „Petrarca-Preis“ und einem großen Porträt des polnischen, ja besser gesagt: europäischen Dichters Zbigniew Herbert.

„Schon der Begriff Dichtung war irgendwie verdächtig.“ Das, so Krüger, galt noch 1974, als der Petrarca-Preis aus der Taufe gehoben wurde. Das Echo von Enzensberger Verdikt: „Für literarische Kunstwerke läßt sich eine wesentliche gesellschaftliche Funktion in unserer Lage nicht angeben.“ – dieses Echo war noch längst nicht verhallt. Die Kurzformel dafür lautete: Tod der Literatur. In dieser Situation machte sich Krüger, möglich nur dank des mäzenatischen Engagements von Hubert Burda, zusammen mit u. a. Peter Handke, Nicolas Born und, ganz wichtig, Bazon Brock, später dann auch Peter Hamm, Zbigniew Herbert und Lars Gustafsson daran, einen der Dichtung gewidmeten Literaturpreis zu installieren, den Petrarca-Preis. Der Preis sollte fünf Jahre lang jeweils an den Stätten vergeben werden, die in Petrarcas Biographie eine wichtige Rolle gespielt haben. Und nicht in der üblichen Weise, gelehrte Laudatio, gestotterter Dank, Tusch und Schluss, sondern im Rahmen eines üppigen Festes. Der Stifter des Preises lud eine Gruppe von ca. dreißig bis fünfzig Personen an die jeweiligen Orte ein, die von morgens bis abends mit Lesungen, Vorträgen, Führungen und festlichen Essen proppe voll gefüllt waren. Die Verleihung des Petrarca-Preises wurde zum Ereignis, von vielen neidisch beargwöhnt und hämisch abgewertet, von einigen, darunter von dem wunderbaren Kritiker Rolf Michaelis euphorisch gefeiert. Krüger beschreibt in seiner Chronik der Preisverleihungen (die ursprünglich auf fünf Jahre angelegt war) auch Herbert Achternbuschs sehr eigenwilligen Auftritt, den tragischen Umstand, dass der erste Preisträger, Rolf Dieter Brinkmann, vor der Übergabe in London von einem Auto überfahren worden war.

Der Petrarca-Preis wurde zu einem trotzigen Zeichen dafür, dass Literatur, dass Lyrik lebt.

Zbigniew Herbert
Zbigniew Herbert

In Verona, 1979, wurde Zbigniew Herbert der Petrarca-Preis verliehen. Michael Krüger hielt die Laudatio, aus der er hier, in seinen umfangreichen Erinnerungen an diesen großen Dichter auch ausgiebig zitiert: „An Ideen, an denkerischer Intelligenz, an produktiver Nachdenklichkeit, die ja auch zum poetischen Akt gehören, um am Ende in einem Gedicht aufzugehen und oft nur noch einen zufälligen Blick aus einer zufälligen Perspektive sich zeigen und sich öffnen, daran herrscht großer Mangel.“ Das einst gute Verhältnis von Denken und Dichten sei unterdessen gestört – und in diese Lücke trete nun „Herr Cogito“, ein „mittelgroßer Herr mit guten Manieren, überaus gebildet“, mit hinreichend Marotten und Spleens ausgestattet, eine Gestalt, durchaus verwandt mit Valerys „Monsieur Teste“. Ähnlich also platzte plötzlich „Herr Cogito“ in die lyrische Szene Mitteleuropas hinein und bestimmte überdies auch Herberts weitere Arbeit.

Es ist ein anrührendes Porträt, das Michel Krüger von Zbigniew Herbert entwirft, getragen von Sympathie und Bewunderung, die hier noch einmal eindrucksvoll nachhallt.

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erstellt am 16.3.2021
aktualisiert am 05.4.2021

Michael Krüger (Foto: Peter-Andreas Hassiepen)

»Mein Ziel ist es, den Menschen zu zeigen, dass ein Tag ohne die Lektüre eines Gedichts ein verlorener Tag ist.«

Michael Krüger
Meteorologie des Herzens
Über meinen Großvater, Zbigniew Herbert, Petrarca und mich.
Mit einem Nachwort von Matthias Bormuth
Leinenband, 144 Seiten
ISBN: 978-3-946334-90-3
Berenberg Verlag, Berlin 2021

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