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Nicht erst die Astronauten der Apollo 8 haben die Erde als ästhetisches Objekt entdeckt. Poetisches Denken und nüchterne Befunde sieht der Schriftsteller Rolf Schönlau in den Objekten seiner imaginären Ausstellung verschränkt, die Karten, Fotos, Grafiken, Gemälden, Zeichnungen, Romanauszügen, Parolen und Soundtracks zum Thema Geoästhetik vereint und von Axel Kahr vorgestellt wird.

Imaginäre Ausstellung im Netz: »Geoästhetik«

Disziplin des menschengemachten Erdzeitalters

Von Axel Kahr

Rolf Schönlau © Rolf Schönlau, www.rolfschoenlau.de
Rolf Schönlau © Rolf Schönlau

»Weltwahrnehmung«, so überschreibt Rolf Schönlau den Einführungsessay im Katalog seiner imaginären Ausstellung Geoästhetik, seit Ende 2020 online. Auch in der fiktiven Eröffnungsrede greift der Kurator nach den Sternen, wenn er sie, in Anspielung auf Uwe Johnsons Testament, »Für wenn mal eröffnet wird« nennt. Aus der Literatur kommen auch seine Gewährsleute: Für das Vorwort hat er Jean Pauls Luftschiffer Giannozzo eingespannt, für das Nachwort einen seiner eigenen Protagonisten, Simon Reese aus dem dystopischen Hörspiel Das Hibernat. Der eine schaut zwei Jahrhunderte nach seiner Ballonfahrt auf einen Flugzeugfriedhof, der andere auf die Karte der Landverluste, die infolge der Erderwärmung zu erwarten sind.

Flugzeugfriedhof in Tucson, Arizona. 32 08’59.96″ N, 110 50’09.03″W. Foto: Google Earth

Flugzeugfriedhof, Tucson, Arizona
32 08’59.96″ N, 110 50’09.03″W | Google Earth

Es geht also ums Ganze. Und das nicht erst seit 1968, als die Crew der Apollo 8 den Fotoapparat nicht auf den Mond als Ziel der Mission richtete, sondern auf deren Ausgangspunkt und so das ikonische Bild von der aufgehenden Erde schoss. Dass das Nachdenken über die Gestalt unseres Planeten schon immer im Fokus stand, will die Ausstellung mit 30 Exponaten quer durch die Geschichte des Abendlandes belegen – Karten, Fotos, Grafiken, Gemälden, Zeichnungen, Romanauszügen, Parolen und Soundtracks.

Viele Exponate sind mit Schlagworten versehen, in der Art von Werbeslogans. Das überzeugt in vielen Fällen, wie etwa »Logo der Erde« für eine Weltkarte von 1472 oder »Blick in den Maschinenraum« für den Stich von 1888 mit dem Wanderer am Weltenrand. Auch der gedachte Mondbewohner, der Europa und Afrika an der Meerenge von Gibraltar als »Kuss der Kontinente« liest, ist eine hübsche Umkehrung der Vorstellung vom »Mann im Mond«. Nicht immer aber sind die Headlines so erhellend: »Die andere Apokalypse« für Caspar David Friedrichs »Gescheiterte Hoffnung« bringt ebenso wenig Erkenntnisgewinn, wie »Der blaue Planet« für das Foto von der aufgehenden Erde, auch wenn der dazugehörige Katalogtext über die Korrespondenz von Farben und Planeten sehr aufschlussreich ist.

Die Autoren für die Begleittexte wurden im Hinblick auf einen möglichst fachfremden Zugang zu den Exponaten ausgewählt: Ein Dermatologe beschreibt Verletzungen der Erdhaut durch den Abbau von Bodenschätzen, ein Landvermesser nimmt sich Dantes Hölle vor, ein Psychologe entwirft eine Typenlehre anhand der Vorlieben für bestimmte Kartenprojektionen, ein Landschaftsarchitekt kritisiert die Kammlagen der Mittelgebirge.Der exzentrische Blick von hoch oben, tief unten oder weit draußen ist originell, manchmal durchaus witzig, manchmal aber auch bemüht. Walter de Marias »Vertikalen Erdkilometer« in Kassel abzuhören und mit einer geologischen Bodenanalyse zu kombinieren, ist eine gute Idee, nur hapert es bei der Ausführung.

Taschenglobus, George Adams d. J., Ende 18. Jh., ø 6,8 cm | Museum Huelsmann, Kunst + Design, Bielefeld
Taschenglobus, Ende 18. Jh.

Die Ausstellung zeigt auch Modelle, die man sich gemacht hat, um die »wahrnehmungsästhetischen Zumutungen« der Kopernikanischen Wende fassbar zu machen – von Globen für die Westentasche des weltbeherrschenden Londoner Gentleman über Karussells, die den spielerischen Nachvollzug der Erdbewegung ermöglichen, bis hin zur Allmachtsphantasie von Karten im Maßstab 1:1. Für Landschaftsbau in geologischen Dimensionen stehen die Zürcher Punks, die sich 1980 »Nieder mit den Alpen« auf die Fahnen schrieben. Die kulturhistorischen Wurzeln solcher utopischen Parolen werden in der Ausstellung genauso fundiert freigelegt, wie Phänomene der Hochkultur, etwa der »Blutregen« im Augsburger Wunderzeichenbuch des 16. Jahrhunderts.

„Blutregen“, Unbekannter Künstler, um 1552 (Ausschnitt)
Gouache | Augsburger Wunderzeichenbuch, Tafel 81 | Wikimedia Commons

Eine »Verschränkung von Kunst und Wissenschaft, von poetischem Denken und nüchternen Befunden« nennt Schönlau die virtuelle Schau. Das sind große Worte, um die beiden Enden der Weltwahrnehmung zu vereinigen. Der ganz große Wurf ist es aber nicht, was der Schriftsteller und Ausstellungsmacher in seiner Geoästhetik vorlegt. Doch überraschende Bezüge spürt er immer wieder auf, die Verknüpfung von Disparatem ist seine Stärke, Denkanstöße liefert er an unerwartetem Stellen. Und das ist wiederum nicht ganz wenig.

Ob die Geoästhetik in einem realen Ausstellungsraum gut aufgehoben wäre? Nicht an der Wand, meint der Rezensent, aber vielleicht in einer geodätischen Kuppel nach Buckminster Fuller, der übrigens immer wieder zitiert wird. Im Netz jedenfalls überzeugt www.geoaesthetik.de mit einer einladenden Ausstellungsästhetik.

„Pantheon Rom“ (Ausschnitt), um 1734
Giovanni Paolo Pannini | Öl auf Leinwand | National Gallery of Art, Washington D.C. | Wikimedia Commons

Siehe auch

Essay von Ellen Wagner: Welche Art von Sichtbarkeit im Netz

Homepage Schriftsteller & Kurator Rolf Schönlau: www.rolfschoenlau.de/

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erstellt am 15.3.2021
aktualisiert am 16.3.2021

„Earthrise“, 1968. Foto: Bill Anders (Apollo 8) | Fotografie | NASA

„Earthrise“, Bill Anders (Apollo 8), 1968
Fotografie | NASA

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Herausgeber und Kurator: Rolf Schönlau

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