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Im Radio hört man von einer Autorin migrantischer Herkunft, und auf einem Schauspieler-Bewerbungsbogen darf man das Kennzeichen „Ethn. Erscheinung” ankreuzen. Wir müssen feststellen, dass die vermeidungsstrategischen Wortfindungen immer dämlicher werden. Thomas Rothschild sieht, dass sie sogar noch schlimmer sind.

Kontrapunkt

Schlag nach im Duden

Von Kurt Tucholsky stammt der Vers: „Die Revolution findet wegen schlechten Wetters im Saale statt.“ Es muss keine Revolution sein. Selbst die Reformen finden heute, so scheint es, in der Sprache statt.

Vor genau 100 Jahren schrieb die „Erfinderin“ des Weltfrauentags, Clara Zetkin:

„Die Forderungen der bürgerlichen Frauenbewegung erweisen sich als ohnmächtig, der Gesamtheit der Frauen volles Recht und volles Menschentum zu gewährleisten. (…) Allein, in der Praxis läuft die Verwirklichung frauenrechtlerischer Forderungen in der Hauptsache darauf hinaus, die kapitalistische Ordnung zugunsten der Frauen und Töchter der besitzenden Klasse zu reformieren, während die ungeheure Mehrzahl der Proletarierinnen, die Frauen des schaffenden Volkes, nach wie vor als Unfreie und Ausgebeutete der Verkümmerung und der Missachtung ihres Menschentums, ihrer Rechte und Interessen preisgegeben sind.“

Heute erregt der Beschluss, das Gendern im Duden anzuwenden, die Gemüter, und die Frage, ob Sternchen oder das Binnen-I vorzuziehen seien, hat den Kampf für das Menschentum und die Rechte der am meisten ausgebeuteten Frauen verdrängt. Wer weiß, vielleicht ist genau das ihr eigentlicher Zweck.

Nach diversen mehr oder weniger effektiven Vorschlägen, tatsächlich oder vermeintlich diffamierende Begriffe durch Abkürzungen zu ersetzen oder zu vermeiden, steht neuerdings das Wort „Rasse“ auf dem Index. Es lässt sich mit guten Gründen bezweifeln, dass mit dem Wort auch der Rassismus verschwindet. Der freilich ist schwerer zu überwinden als ein anstößiger Sprachgebrauch.

Was Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm Emanuel Süskind noch unter dem Eindruck des nicht lange zurücklegenden Nationalsozialismus mit ihrer Sammlung „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ eingeleitet haben, die Sprachkritik als Manifestation eines linguistischen Idealismus, hat endgültig gesiegt. Nicht die Zustände, ihre Bezeichnungen werden revolutioniert. Und der Duden ist ihre Bibel.

So weit, so tucholskysch. Doch dann erlebt man Überraschungen. Durch Zufall bin ich auf die Homepage einer Agentur namens Crew United gestoßen. Sie hat ihren Sitz in München und bietet Frauen und Männern aus der Filmbranche ein Podium, auf dem sie sich präsentieren können. Unter ihnen befinden sich „350.000 Filmschaffende und Schauspieler*innen“. Neben einem Foto sind jeweils die üblichen Daten und Tätigkeiten aufgeführt. Unter der Überschrift „Basisdaten“ entdeckt man zwischen „Konfektion“ und „Haarfarbe“ die Kategorie „Ethn. Erscheinung“. Ich traue meinen Augen nicht. Mir ist schon klar: was da hinter der verschämten Abkürzung mitgeteilt wird, soll die Mühen des Castings erleichtern. Rasse gibt es nicht mehr, aber eine ethnische Erscheinung.

Die meisten Bewerber haben hinter dem Stichwort „mitteleuropäisch“ eingetragen. Wie sieht eine mitteleuropäische Erscheinung aus? Wie Angela Merkel? Oder doch eher wie Sebastian Kurz? Ein Schauspieler mit einem türkischen Namen, der in Berlin geboren wurde und als Staatsangehörigkeit „Deutsch, Türkisch“ angibt, nennt unter „Ethn. Erscheinung“ „Mittlerer Osten, orientalisch, südeuropäisch“. Und eine kroatische Schauspielerin kann sich nicht entscheiden. Sie erscheint ethnisch „mitteleuropäisch, osteuropäisch“. Die Nase osteuropäisch, die Ohrläppchen mitteleuropäisch? Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so gefährlich dumm wäre.

Es gibt einen Wiener Witz, den ich nur erzählen kann, indem ich ein sprachliches Tabu breche. Eine Frau geht durch die Kärntnerstraße, sieht auf der gegenüberliegenden Seite einen Mann, geht auf ihn zu und fragt: „San Sie a Neger?“ Er antwortet: „Ja.“ Darauf die Frau: „Drum!“

Eine Lösung für das Problem liegt nahe: Man könnte ein Computerprogramm laufen lassen, das die „Ethn. Erscheinung“ ersatzlos löscht. Ob damit auch die Geisteshaltung verschwände, die hinter solch einer Erscheinung steckt, ist die Frage. Man kann sie auch Rassismus nennen. Und den gibt es ja bald nicht mehr. Spätestens, wenn der Duden das Wort „Rasse“ streicht.

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erstellt am 14.3.2021
aktualisiert am 14.3.2021