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Es gibt Berufe, deren Praxis, wenn’s gut geht, sich an einem ethischen Spalier emporrankt. Es sind Berufungen. Dazu gehören der Lehrberuf und der Journalismus. Beide Berufe von einer Person ausüben zu lassen, die damit in einen Kriminalfall gerät, fiel Reinhard Boos für seinen Roman „Augenblicke“ ein. Bruno Laberthier empfiehlt den Krimi.

Kriminalroman von Reinhard Boos: »Augenblicke«

Lehrer, Schüler, Zeitung: Tod

Reinhard Boos (Foto: Rheinlese Verlag)
Reinhard Boos (Foto: Rheinlese Verlag)

Milieu und Region gehören zu den Zutaten von Krimis, die im ARD-Tatort meistens einen schmackhaften Brei ergeben. Manchmal ergeben sie auch nur Brei. Davon weiß man dann am Ende der Nahrungskette der Verlagslektorate – dort, wo man sich mit unverlangt eingesendeten Manuskripten abplagt – ein Liedchen zu singen.

Augenblicke von Reinhard Boos, ein Dreihundertseitenkrimi über die Milieus Schule und Zeitung in der Region Rheinhessen fällt raus aus dieser Schubladisierung. Im Selbsterlebten mariniert und in flotter, bisweilen bitterböser Diktion gemehlt, ist er kein Drehbuch (jedenfalls noch nicht) und alles andere als Ausschuss. Man kann ihn empfehlen.

Boos hat selbst viele Jahre Schule auf dem Buckel, so viel zur Marinade. Sein Nick Scholl ist Ende Zwanzig, sozusagen ein Boos in jung, der nebenbei auf eine Festanstellung bei einer Tageszeitung spekuliert. Auch als Lehrer für Deutsch reicht es gerade so zum Quereinstieg an einem Mainzer Gymnasium.

Zusammen sind das beste Voraussetzungen für einen besonderen Auftrag. Mit seiner doppelten Halbqualifikation als Pädagoge und Journalist wird Scholl zum Undercover-Ermittler, der den seltsamen Tod seines Vorgängers an der Schule aufklären und für seine Zeitung exklusiv breittreten soll.

Augenblicke näht die Zusammenhänge der beiden Milieus und ihren Figuren gekonnt zusammen. Das „Protokoll einer Katastrophe“ (Untertitel) ist eine Chronologie aus Erste Person-Singular-Schnipseln; es geht den erzählerisch herausfordernden Weg über die Perspektiven von Gymnasiallehrern mit mehr oder minder starken professionellen Deformationen, die alle miteinander was am Laufen haben. Dazu kommen die Sichtweisen von Schülern (denen es nicht anders geht) und Redakteuren-cum-Schwiegersöhnen von Schulamtsleitern.

Boos‘ Stimmen geben zum Besten, was im August 2016 zum Wassertod des so charismatischen wie spielsüchtigen Junglehrers Jan Leppich geführt hat. Nick Scholls Schnüffeleien und die Einblicke in Lehreralltage und -köpfe enden in einem quick aus dem Hut gezauberten Showdown, der mit Kritik am weiterführenden Schulgewese nicht spart.

Ansprechend geraten Boos auch die Darstellungen vom Alltag in den Zeitungsredaktionen. Am Ende sind beide Soziotope – Schule und Journalismus – mit unschönen Krusten bedeckt. Das Gymnasium bedeckt der Schimmelpilz eines bürokratischen Von-oben-nach-unten-Regimes, in dem weder der Schulamtsdirektor noch die Lehrkräfte und Schüler unschuldig bleiben. Und die Branche der lokalen Tagespublizistik sieht sich den Qualitätsjournalismus-gefährdenden Ambitionen globaler Übernahmekandidaten ausgesetzt.

Fazit: Sehnsüchte und Süchte von Pädagogen und Zeitungsmenschen werden in Augenblicke plastisch, der Tonfall stimmt und die graphische Aufmachung des Buchs ist außergewöhnlich. Auf sechs Stunden Lesezeit plus-minus kommt man, die vor allem eine Lehrzeit über den Lehrerberuf sind. Als Lebenszeit ist das mehr als gut investiert.

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erstellt am 10.3.2021
aktualisiert am 10.3.2021

Buchcover „Augenblicke“, Reinhard Boos, Rheinlese Verlag, Ingelheim 2020

Reinhard Boos
Augenblicke
Protokoll einer Katastrophe
Kriminalroman
Broschur, ca. 300 Seiten
ISBN: 978-3-9822279-1-7
Rheinlese Verlag, Ingelheim 2020

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