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Der Junge hält die Offshore-Windräder instand, der Alte fischt den Plastikmüll aus dem Meer. Essen aus der Konservendose – es fehlt an allem. So sieht die Szenerie im Roman „Dahinter das offene Meer“ von Ben Smith aus. Gudrun Braunsperger, die das Buch gelesen hat, verrät, wie sich in der düsteren Abgeschiedenheit die Herkunft des jungen Technikers aufhellt.

Ben Smiths Roman »Dahinter das offene Meer«

Durch die Prärie der Gedanken

Ben Smith
Ben Smith

Es ist das Szenario einer Dystopie in kafkaesker Atmosphäre: Ein alter Mann und ein Junge sind die Protagonisten von Ben Smiths Roman „Dahinter das offene Meer“. Im Auftrag einer Firma warten sie einen Windpark in der Nordsee, der sich endlos weit ausdehnt, die Windräder reichen bis zum Horizont. Ihr Lebensmittelpunkt ist eine Plattform im Meer, in großen zeitlichen Abständen werden die beiden von einem Versorgungsschiff mit Lebensmitteln und Ersatzteilen dürftig beliefert, außer dem Schiffsführer begegnen sie keinem einzigen Menschen. Düster ist die Stimmung, die Ben Smith durch seine Form des Erzählens erzeugt. In kreisender Bewegung wird die Geschichte um das Schicksal von zwei Menschen herausgeschält, die bis zuletzt Rätsel aufgibt.

Der Autor erzählt aus der Perspektive des Jungen, indem er ihn zunächst bei seinen täglichen Verrichtungen in der tristen Ereignislosigkeit des insularen Daseins beobachtet. Die Arbeit der beiden Männer besteht in der Instandhaltung der Windräder. Während der alte Mann Plastikmüll und vereinzelt angeschwemmte Gegenstände in ausgelegten Netzen herausfischt, kümmert sich der Junge um Reparaturen in der Anlage. Es fehlt an den nötigen Mitteln: Werkzeug und Ersatzteile sind nur unzureichend vorhanden. Wortkarg ist der Dialog, den die beiden Männer tauschen, ebenso spartanisch ist die Nahrung aus Konservenbüchsen. Dem Essen fehlt – wie dem Leben unter diesen Bedingungen überhaupt – der Geschmack, der Junge hat aber nie etwas anderes kennengelernt. Aus so mancher Bemerkung des alten Mannes bekommt er allmählich eine Idee davon, dass es vor seiner Zeit auch einmal eine andere Lebenswirklichkeit gegeben haben muss, die jenseits seiner Vorstellungskraft liegt. Hinter der Ruppigkeit des Alten, hinter seinem rauen Umgangston und der scheinbaren Unnahbarkeit des Eigenbrötlers verbirgt sich Liebe und Zuneigung zu dem Jungen, die er unter diesen lebensfeindlichen Bedingungen nicht offen zu zeigen vermag.

Der Junge wurde dem alten Mann anvertraut, nachdem der Vater des Jungen unter ungeklärten Umständen verschwunden war und die Firma an dessen Stelle den Sohn auf die Plattform geschickt hatte. Indem der Junge die Hintergründe dieses Verschwindens zu ahnen beginnt, offenbart sich ihm auch so manches andere bruchstückhaft, was neue Rätsel aufgibt. Er sucht nach einem Ausweg für sich und für den alten Mann.

Ein Offshore-Windpark in der Nordsee
Ein Offshore-Windpark in der Nordsee

Erzählt wird eine Parabel über die Entfremdung des Menschen von der Natur und von sich selbst. Menschliches Leben vegetiert in freudlosem Dasein dahin, es folgt dem Selbsterhaltungstrieb, scheint aber jeden Sinn verloren zu haben. Dieser erschöpft sich in der Erhaltung eines durch ein Computer-Netzwerk gesteuerten technologischen Apparats, den Windpark. Die Anlage ist völlig heruntergekommen und liefert nur mehr die halbe Leistung, sie erinnert an einen nicht zu Ende gebauten babylonischen Turm: auf einer Exkursion erkundet der Junge Windräder, die einen einstigen gigantomanischen Anspruch bezeugen, der jedoch nie eingelöst wurde. Wofür die generierten Ressourcen einst bestimmt waren und wem sie nun dienen, davon haben die beiden von allem Lebendigen abgeschnittenen Arbeitssklaven keinerlei Kenntnis. Ihre Rolle erschöpft sich im erzwungenen Dienst für einen unbekannten Zweck. Es ist eine Gefangenschaft, aus der es, wie sich herausstellt, kein Entkommen gibt. Der Schiffsführer erweist sich als Schlitzohr, seine Gier torpediert am Ende durch einen erpresserischen Handel die eigenmächtige Aktion des Jungen, in eine ihm unbekannte andere Welt aufzubrechen.

Die Welt, die hier umrissen wird, reduziert sich auf eine porös gewordene Decke der Zivilisation, eine Welt der Technologie, der Apparate und Werkzeuge, auf einen Ort im Meer am Ende der Welt, an dem die Natur und vor allem deren Schönheit völlig fehlt, an dem menschliche Regungen wie der Ausdruck von Liebe und Zuneigung abhanden gekommen sind. Symbolisch aufgeladen ist diese Welt durch schiefe Windränder auf wankendem Fundament, durch verrostete Rotorenblätter, vergammelnde Reste aus Konservendosen, leere Pappbecher, eine verödete Kantine und einen ungenutzten Freizeitraum. Die Gegenwart ist brüchig geworden, das Dasein aufgehoben in einem größeren, wenn auch unergründlichen Seinszusammenhang, der auf eine weit zurückreichende Vergangenheit verweist, die Zukunft bleibt ungewiss.

In einem einzelnen Abschnitt wird die Handlung unterbrochen und der Blick von der Plattform weg auf diesen großen Zusammenhang gelenkt. Zitat:

„Es ist eine einfache Geschichte – von Wasser, das zu Eis und wieder zu Wasser wurde. Und kaum merklich, irgendwo mitten in diesem Kreislauf, machten Pflanzen, Tiere und Menschen diesen Ort zu ihrer Heimat.“

Ben Smiths Roman „Dahinter das offene Meer“ ist ein Buch, das nachdenklich macht, für das man allerdings auch gute Nerven braucht. Die Entscheidung des Autors, die dürftige Handlung dieser Parabel auf eine Zivilisation jenseits des Abgrunds nicht im Format einer Erzählung zu verdichten, so wie das Franz Kafka mit vergleichbaren Sujets gemacht hat, sondern seinem Lesepublikum in langatmiger, wenn auch durchaus nicht langweiliger Ausdehnung zuzumuten, das hat, so könnte man vermuten, Methode. Die triste Folie der Ereignislosigkeit wird unterbrochen von einem heftigen Sturm, der der Handlung zwar Auftrieb gibt, die Aktion, die von der Gewalt der Windböen vorangetrieben wird, läuft zuletzt allerdings erst recht wieder ins Leere. Das alles ist dazu angetan, wie schleichendes Gift ins Nervensystem der Leser einzusickern. Im besten Fall wird man wachgerüttelt und geht mit einer Krisenstimmung in Resonanz, im schlimmsten Fall, wenn die Sorge um den Zustand der Welt ohnehin schon vorhanden ist, versinkt man möglicherweise in desparater Hoffnungslosigkeit. Dann ist diese Lektüre keine Empfehlung für Zeiten wie diese.

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erstellt am 07.3.2021
aktualisiert am 07.3.2021

Buchcover: Ben Smith, „Dahinter das offene Meer“, Verlagsbuchhandlung liebeskind, München 2020

Ben Smith
Dahinter das offene Meer
Roman
Aus dem Englischen von
Werner Löcher-Lawrence
Gebunden, 256 Seiten
ISBN: 978-3-95438-116-6
Verlagsbuchhdlg. liebeskind, München 2020

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