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Anders als Zyniker unterstellen, hat Migration nichts mit Reiselust zu tun. Zur Migration entschließt sich niemand ohne größte Not. Der nigerianische Autor Helon Habila, der in den USA lebt, hat in seinem Roman „Reisen” vom Landen, vom Verfehlen des Ziels und vom Stranden so geschrieben, dass er im Frühjahr 2021 damit, wie Anita Djafari berichtet, auf Platz 1 der Bestenliste ‚Weltempfänger’ gelandet ist.

Buchkritik: Helon Habilas Roman »Reisen«

Flüchten oder Reisen

Helon Habila
Helon Habila

Es ist fast, als hätte die Welt darauf gewartet. Zumindest die Leserschaft im deutschsprachigen Raum. Helon Habila hat nach seinem Erfolg „Öl auf Wasser“ nach acht Jahren seinen neuen Roman „Reisen“ vorgelegt (souverän übersetzt von Susann Urban) und sogleich sehr viel Aufmerksamkeit und Lob dafür bekommen. Auch die Jury der Bestenliste Weltempfänger war sich sehr schnell einig, dass dies nicht nur ein „wichtiges“ Buch, sondern auch gute Literatur ist, und hat es auf Platz 1 der Frühjahrsausgabe gewählt.

Denn wir wissen, ein „wichtiges“ Buch ist nicht immer auch ein literarisch gelungenes Buch. In diesem Fall jedoch trifft beides zu, weil wir es bei Helon Habila mit einem veritablen Erzähler zu tun haben, der es vermag, spannende Geschichten mit einer politischen Botschaft zu verknüpfen. Und es sich dabei nicht leicht macht.

In seinem Thriller „Öl auf Wasser“ hat er uns in die Schwärze des Nigerdeltas in seinem Heimatland Nigeria mitgenommen und die Augen geöffnet für die katastrophale Umweltverschmutzung und das Ausmaß der Zerstörung, die der Shell-Konzern dort angerichtet hat. (Erst vor kurzem wurde bekannt, dass er Entschädigungszahlungen leisten muss.)

Jetzt hat Habila, der inzwischen in den USA lebt und arbeitet, einen Schauplatz gewählt, der uns sehr nahe ist: Berlin. Dort war der Autor im Jahr 2013 Stipendiat des DAAD Künstlerprogramms und hat die Stadt und ihre besonders schillernden Ecken offenbar gründlich kennengelernt. Und er hat ein Thema gewählt, das uns zu interessieren hat und uns umtreibt, ob wir wollen oder nicht – Migration.

Der Protagonist, wie der Autor nigerianischer Herkunft und in USA lebend, begleitet seine Frau zu einem renommierten Künstlerstipendium nach Berlin und nimmt sich vor, diese Zeit ebenfalls für die Fertigstellung seiner Promotion zur Berliner Afrika-Konferenz 1884 zu nutzen. Doch es kommt anders. Durch das Projekt seiner Frau, „Reisende“, Migranten, zu porträtieren, zu malen, kommt er mit diesen in näheren Kontakt und lässt sich von da an mitnehmen auf eine ganz besondere Reise, die ihn zunächst durch Berlin führt und zur Begegnung mit der alternativen Szene und sehr verschiedenen Menschen, die aus ebenso verschiedenen Ländern Afrikas dort gelandet, gestrandet sind. „Angekommen“ sind sie eher nicht. Er pfeift auf seine Promotion und lässt sich mit ihnen treiben, wird zu einer Art „teilnehmendem Beobachter“ ohne Ziel. Und er legt dabei – man könnte es als Anspielung auf das Thema seiner Dissertation, die Berlin-Konferenz, in der ein halber Kontinent nach Gutdünken von den Europäern einfach unter sich neu aufgeteilt und kartografiert wurde – ebenfalls eine Kartografie vor. Indem er die Geschichte unterschiedlicher Menschen erzählt, die aus völlig unterschiedlichen Ländern Afrikas aus völlig unterschiedlichen Motiven aufgebrochen sind. Afrika ist eben gerade nicht ein einziger amorpher Ort, aus dem Flüchtlinge über das Meer kommen.

„Warum gehen Weiße immer davon aus, dass jede schwarze Person, die reist, ein Flüchtling ist?“ Mit dieser Frage provoziert Mark, der eigentlich Mary heißt und aus Malawi kommt, sein wohlmeinendes, antirassistisch aufgeklärtes Umfeld. Er ist fortgegangen, weil er mit seiner Vorliebe für die Schauspielerei in seinem Elternhaus nicht mehr zurechtkam und über das Goethe-Institut in Südafrika eine Möglichkeit in Berlin bekommen hatte. Jetzt ist er dort in der alternativen Szene gestrandet und weiß nicht mehr wohin.

Manu hingegen ist in einem Boot geflüchtet, das ihn ans sichere Ufer gebracht, aber von Frau und Sohn getrennt hat. Sie hatten verabredet, sollte dieser Fall eintreten, sich in Berlin am Checkpoint Charlie zu treffen. Jeden Sonntag, da hat er frei von seiner Nachtschicht als Türsteher, geht er dorthin und wartet. In Libyen war er Chirurg, aber das alltägliche Leben war nicht mehr erträglich.

Der namenlose Protagonist lässt seine Frau nach Hause zurückkehren, bleibt und lernt Portia kennen. Sie kommt aus Sambia und ist die Tochter des ehemaligen Widerstandskämpfers James Kurika, der irgendwann in Europa landete und zu einem „professionellen Exilanten“ wurde, als Held gefeiert, nach der Rückkehr in Afrika aber aus der Zeit gefallen ist. Portia wünscht sich Unterstützung und Beistand auf der Suche nach ihrem ermordeten Bruder, mit ihr reist er in die Schweiz. Aber als sie zurück nach Lusaka muss, will er lieber zurück nach Berlin. Doch er steigt in den falschen Zug und landet ohne Papiere mit anderen Abgeschobenen in einem Lager in Italien und findet sich selbst als Flüchtling wieder.

Mit derartigen Wendungen überrascht Habila immer wieder und unterläuft sämtliche Erwartungen, die man bei einem Buch über Immigranten haben könnte. Sein großes Verdienst ist der genaue Blick, mit dem er uns zwingt, ebenfalls genauer hinzuschauen und zu differenzieren. Und darin, wie er die spannenden einzelnen Episoden geschickt miteinander verwebt, erweist er sich erneut als großer Schriftsteller.

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erstellt am 03.3.2021
aktualisiert am 04.3.2021

Buchcover: Roman „Reisen“, Helon Habila

Helon Habila
Reisen
Roman
Übersetzt von Susann Urban
Gebunden, 320 Seiten
ISBN: 978-3-88423-636-9
Reihe AfrikAWunderhorn,
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2020

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