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Ob er isst oder schläft, der slowenische Philosoph Slavoj Žižek unterbricht offenbar seine philosophischen Reflexionen nie. Der innere Monolog, der, vielleicht auch, wenn er schläft, zugleich ein äußerer ist, kennt keine Pause. Otto A. Böhmer beschreibt, welche Themen den Denker umtreiben, ihre Ur- und Seitensprünge.

Buchkritik: Slavoj Žižek, »Sex und das verfehlte Absolute«

Antwort auf die großen Fragen

Slavoj Žižek
Slavoj Žižek

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek, der, wenn er bei Laune ist, an ein neues „emanzipatorisches Projekt“ glaubt, das den alten, schmählich gescheiterten Sozialismus nur noch vom Hörensagen kennt, ist ein Mann mit Kultstatus, Fangemeinde und nicht wenigen Verächtern; er scheint, wenn man sein Schreib- und Veröffentlichungstempo zum Maßstab nimmt, eine Art Turbodenker zu sein, vor dem nichts sicher ist –; sogar der Kollege Sloterdijk, wahrlich kein Langsamer seines Fachs, kann bei so viel schriftstellerischer Umschlaggeschwindigkeit nicht mehr mithalten.

Žižeks Verdienst ist es (u. a.), dass er sich auch über abgelegene Gegenstände beugt, sie dreht und wendet und danach flugs in Zusammenhänge einbringt, für die sie gar nicht gedacht sein können. In der Regel geschieht dies im freien Vollzug und schafft, wenn es denn gelingt, beträchtlichen Erkenntniszugewinn. Das gibt die philosophische Zunft inzwischen mehrheitlich zu, hat aber deswegen noch lange nicht das Nörgeln eingestellt; man ist der Meinung, dass es im Zweifelsfall lieber seriös als sprunghaft zugehen sollte. Žižeks Hausheilige, die zwischendurch aber abgelöst oder gar geschasst werden dürfen, sind Hegel und Lacan, er hat aber auch noch Marx, Lenin nebst dem an sich gänzlich verpönten Mao im Angebot, ferner Platon und Aristoteles, Descartes samt Nachfolgern und, deutlich bevorzugt, den Deutschen Idealismus, aus dem sich die vielleicht tiefsinnigsten, bei genauerem Hinsehen auch anrührendsten Geschichten philosophischer Überlieferung ablesen lassen. Für Žižek ist diese zeitlich knapp bemessene, gleichwohl ungemein reichhaltige Epoche, der schon jede Menge Totenscheine ausgestellt wurden, keineswegs vorbei; im Gegenteil, ihre Vorratshaltung bleibt weitgehend ungenutzt: „Die Grundkoordinaten jener Zeit der unerträglichen Dichte des Denkens liefert die Mutter aller Viererbanden: Kant, Fichte, Schelling, Hegel. Auch wenn jeder dieser vier Namen für eine jeweils ‚eigene Welt‘ und eine einzigartige radikale philosophische Haltung steht, so lassen sich diese Größen des deutschen Idealismus dennoch“ im Sinne der Grundbedingungen systematischen Philosophierens in Dienst nehmen.

Es ist dies ein Zitat aus Žižeks letztem oder vorletztem, auf jeden Fall aber bei Suhrkamp erschienenen Opus Magnum, das einen vergleichsweise anmutigen Titel hatte, nämlich Weniger als nichts, was bei 1.408 Seiten Umfang zudem nicht ohne Charme war. Dabei hätte man es belassen sollen. Stattdessen wird nun in einem anderen Verlag ein neues Opus Magnum des slowenischen Meisters ausgerufen, das schon im Titel Sex und das verfehlte Absolute Ungemach erahnen lässt und überdies mit einem Umfang von 560 Seiten im Vergleich zum Vorgängermodell in einer Sparversion daherkommt.

Žižek selbst scheint seinem neuen Werk auch nicht in allen Belangen über den Weg zu trauen. In der Einleitung spricht er, mit Blick auf den verqueren Titel seines Buches, davon, dass „die Sexualität unser privilegierter Kontakt zum Absoluten“ ist, die „als Kraft der Negativität … jedes ontologische Gefüge zerreißt“, so dass die „Geschlechterdifferenz“, als „reine Differenz verstanden“, einen „in sich verschlungenen Raum impliziert, der sich jeder binären Form entzieht“. Auch Kant muss da noch einmal herhalten: „Entfaltet wird diese Vorstellung … anhand einer eingehenden Deutung von Kants Antinomien der reinen Vernunft und der dazugehörigen Unterscheidung zwischen Mathematisch-Erhabenem und Dynamisch-Erhabenem. Indem Kant die Vernunft als irreduzibel antinomisch charakterisiert (Stichwort „Euthanasie der Vernunft“), sexualisiert er die reine Vernunft (unwissentlich) und kontanimiert sie mit der Geschlechterdifferenz.“

Unabhängig davon ist Wachsamkeit angesagt, die nicht nur dem Groben und Ganzen gilt, sondern sich auf feine, kaum wahrnehmbare Stimmigkeiten richten sollte, die unmittelbar einleuchten und zu Herzen gehen: „Das vorliegende Buch richtet sich jedoch nicht eigentlich gegen die neuen realistischen Sichtweisen, sondern gegen die, wenn man so will, schöne Kunst des Nichtdenkens, die den öffentlichen Raum immer stärker durchdringt: Weisheit statt eigentliches Denken, Weisheit in Form von Einzeilern, die uns mit ihrer falschen Tiefe fesseln sollen. Sie fungieren nicht mehr als artikulierte Aussagen, sondern eher wie Bilder, die eine unmittelbare geistige Befriedigung liefern.“ Žižek erlaubt sich bei der Gelegenheit „noch zwei Bemerkungen“: „Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass es sich bei vielen Passagen in diesem Buch um Paraphrasen früherer Arbeiten von mir handelt. Dies hat seinen einfachen Grund darin, dass ich … den Versuch unternehme, das ontologische Grundgerüst meiner gesamten bisherigen Arbeit zur Verfügung zu stellen – den Versuch, so gut ich nur kann ein philosophisches System vorzulegen, eine Antwort auf die 'großen' Fragen nach der Realität, der Freiheit usw.“

Es ist also noch nicht ausgestanden, eine Fortsetzung droht, die dann wieder zum Opus magnum geraten könnte. Sex und das verfehlte Absolute dürfte auch in den Žižek-Verehrungsstübchen, von denen sich einige womöglich im Lockdown befinden, Irritationen auslösen. Slavoj Žižek indes, dem wir Gesundheit und anhaltende Schaffenskraft wünschen, wird weiter schreiben. Gut so. Den Verlagen sei allerdings eine gewisse Zurückhaltung anempfohlen: Nicht alles, was namhafte Autoren ihnen ins Haus bringen, muss auch veröffentlicht werden.

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erstellt am 02.3.2021
aktualisiert am 02.3.2021

Buchcover: Slavoj Zizek, „Sex und das verfehlte Absolute“, wbg Academic, 2020

Slavoj Žižek
Sex und das verfehlte Absolute
Aus dem Engl. von Axel Walter und Frank Born
Hardcover, 560 Seiten
ISBN: 978-3-534-27243-3
Verlag wbg Academic, Darmstadt 2020

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