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Brechts krächzende Stimme machte seit dem Ende der 60er Jahre die Runde. Sie schmetterte einige Songs aus der „Dreigroschenoper“, aufgenommen 1930, die in Auszügen auf Schallplatte erhältlich war. Auch Ausschnitte aus der Anhörung vor dem Komitee für antiamerikanische Umtriebe waren häufig im Radio zu hören. Nun sind Originalaufnahmen mit ihm, die kurz vor seinem Tod bei den Proben des „Galilei“ 1955/56 entstanden, auf CDs veröffentlicht worden. Martin Lüdke hat sich davon berühren lassen.

Lüdkes liederliche Liste

Die Stimme des Meisters

Bert Brecht probt im Berliner Ensemble seinen »Galilei«

Der Germanist Reinhold Grimm veröffentlichte 1959 sein erstes Buch über Bertolt Brecht und begrub damit alle Aussichten auf eine akademische Karriere in der Bundesrepublik Deutschland. (In Amerika kam er unter, allerdings in Madison/Wisconsin, weit weg von überall.) Nach dem Bau der Mauer war Brecht dann endgültig zum roten Tuch für das konservative westdeutsche (Theater-)Publikum geworden. Als Harry Buckwitz, ab 1955, seine ersten Brecht-Inszenierungen, „Kaukasischer Kreidekreis“, „Mutter Courage“, auf die Bühne des Frankfurter Schauspiels brachte, gab es noch massive Proteste des bürgerlich-konservativen Publikums. Erst in den sechziger Jahren setzte sich Brecht mehr und mehr auch im Westen durch. Der Ruf seines eigenen Theaters wurde spätestens mit dem Erstarken der Studentenbewegung zur Legende. Die westdeutsche Linke pilgerte zum Schiffbauerdamm. Und wer Glück hatte, konnte noch Brechts eigene Inszenierungen, wenigstens die ebenfalls legendär gewordenen Brecht-Darsteller wie seine Witwe Helene Weigel oder Ekkehard Schall sehen. Schall stand auch in der letzten, von Brecht nicht mehr zu Ende gebrachten Inszenierung „Das Leben des Galilei“ auf der Bühne des Berliner Ensembles.

Aber auch Brecht selbst wurde zur Legende. Er wurde überall gespielt. Er wurde – das brachte seinem Verlag über Jahrzehnte kräftige Einnahmen – zur Schullektüre. Millionen westdeutscher Schüler sind mit Brecht aufgewachsen. Sie lasen seine Stücke. Sie lernten seine Gedichte. Er wurde ein Teil ihrer Geschichte.

Die Faszination, die von Brecht ausging, hat schon vor einiger Zeit spürbar nachgelassen. Doch für viele ist die Erinnerung geblieben.

Deshalb ist es verdienstvoll von dem kleinen Verlag „speak low“ und der Akademie der Künste in Berlin, Aufnahmen der letzten Inszenierung von Brecht auf einigen CDs zu präsentieren: „Das Leben des Galilei“.

Im Oktober begonnen, am 23. November 1938 beendet, länger hat Brecht im amerikanischen Exil nicht gebraucht für dieses Stück. Es hat dann allerdings fast sieben Jahre gedauert, bis „Galilei“ am 30. Juli 1947, in englischer Übersetzung, uraufgeführt werden konnte. Charles Laughton in der Hauptrolle, unter den Premierengästen u. a. Ingrid Bergmann, Charlie Chaplin und Gene Kelly.

Brechts Aussage vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe, 1947
Brecht vor dem Komitee, 1947

Nur kurze Zeit darauf, im Oktober 1947, wird Brecht vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe geladen. Eine nicht ungefährliche Situation. Durchaus ähnlich der, der einst Galilei gegenübergestanden hatte. Aber Brecht, Landsmann und gelehriger Schüler von Karl Valentin, zieht sich anders als Galilei aus der Schlinge. Er antwortet wie Valentin, erzielt einige Lacherfolge beim Publikum und weicht listig den Fangfragen der Senatoren aus. Trotzdem zieht er es vor, das Land, das ihm während des Zweiten Weltkriegs Asyl geboten hatte, so schnell wie möglich zu verlassen. Er kehrt nach Europa zurück, nach einem Zwischenaufenthalt in der Schweiz übernimmt er die Leitung des Theaters am Schiffbauerdamm, bald Berliner Ensemble genannt.

Im Dezember 1955 beginnt er mit Proben einer neuen, der dritten Fassung seines „Galilei“, angepasst an die veränderten Verhältnisse. In der Zeit seiner Proben fand in Moskau der XX. Parteitag der KPdSU statt. Dort habe man sich, so lässt Brecht einmal nebenbei fallen, mit Stalin, „einem verdienten Mörder des Volkes“ befasst. Wegen seiner angegriffenen Gesundheit dauerten die Proben selten länger als zwei Stunden. In den Proben sei, so heißt es, nicht ein einziges theoretisches Wort gefallen. Dafür gab es regelmäßig kleine Scharmützel mit Ernst Busch, der den Galilei spielte und den Brecht noch aus den Zeiten der Weimarer Republik kannte. Buschs Lieder aus dem Spanischen Bürgerkrieg hat wiederum ausnahmslos jeder in der DDR aufgewachsener Mensch gekannt. Brecht konnte sich gegen die Eitelkeiten seiner Schauspieler in aller Regel durchsetzen.

Fotos von Brechts Theaterproben im Berliner Ensemble 1955/56
© Brecht-Archiv der Akademie der Künste

Am 27. März 1956 nahm Brecht das letzte Mal selbst an den Proben teil. Am 3. April übernahm dann endgültig Erich Engel die Regie.

Am 14. August 1956 starb Brecht.

Stephan Suschke
Stephan Suschke

Es waren nur sieben Jahre, die Brecht am Berliner Ensemble arbeiten konnte. Aber sie haben, so Stephan Suschke, der diese Aufnahmen ausgewählt und kommentiert hat, den weltweiten Ruhm des Bert Brecht allererst begründet. Der Autor der „Dreigroschenoper“ sei fast vergessen gewesen, bevor er mit seinen großen Inszenierungen seiner großen Stücke zu einer bestimmenden Gestalt des Theaters des zwanzigsten Jahrhunderts wurde. Das „Berliner Ensemble“ wurde nicht nur zum Pilgerort der westdeutschen Linken. Es wurde zu einer Art Welttheater, das überallhin ausstrahlte. Und Brecht wurde zu dem wichtigsten Dramatiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Ich kann (und will) den dramaturgischen und theatergeschichtlichen Wert dieser Aufnahmen von den Proben des „Galilei“ nicht einschätzen. Mir genügte es völlig, die Stimme Brechts zu hören, das ganz leicht Krächzende, den deutschen bayerischen Zungenschlag. Es ist eben Brecht selbst, der hier spricht. Und, natürlich, auch Ernst Busch, und der noch ganz junge Ekkehard Schall, einer der großen Brecht-Darsteller.

Es ist, schlicht gesagt, die Authentizität, die (vermutlich nicht nur mich) hier berührt.

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erstellt am 01.3.2021
aktualisiert am 01.3.2021

Bertolt Brecht, Stephan Suschke (Hg.)
Brecht probt Galilei – 1955/56
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