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2008, als man noch ungeschützt miteinander reden konnte, sprach Marli Feldvoß mit der Schauspielerin Tilda Swinton, die dem schottischen Clan Swinton entstammt, als Kind in Deutschland lebte, in Cambridge studierte, in die Kommunistische Partei eintrat, in südafrikanischen Townships ehrenamtlich Sozialdienst leistete, in der „Royal Shakespeare Company“ spielte und in ihrem Heimatort Nairn das Filmfestival „The Ballerina Ballroom Cinema of Dreams“ gründete, über Hollywood, Kino ohne Menschen und ihre Begeisterung für Technik und Wissenschaft.

Tilda Swinton im Gespräch mit Marli Feldvoß

Drei Bälle in einer Hand

Kaum sitzt man zusammen, fängt Tilda wie ein Wasserfall an zu reden. Wir treffen uns auf dieser Berlinale schon zum zweiten Mal. Beim ersten Gespräch ging es um ihren neuen Film „Julia“, der im Wettbewerb lief, hier aber geht es mehr um „alte Zeiten“ und um ihre Sorge, dass der britische Dokumentarfilm „Derek“ von Isaac Julien nach dem Drehbuch von Tilda Swinton, den sie hier zusammen mit dem Regisseur vorgestellt hat, auch unter die Leute kommt.

Tilda Swinton: Mir ist in diesen Tagen sehr bewusst geworden, dass manche Dinge sich nie verändern. Dass es vor allem die wirklich wichtigen Dinge sind. Sie mögen sich verwandeln oder verformen, aber im tiefsten Innern bleibt ihr Wesen unverändert. Ich spiele damit nicht auf die Tatsache an, dass ich so viele meiner alten Freunde mitgebracht habe. Dazu gehören Simon Fisher Turner oder James Mackay. Simon, der Derek Jarmans Filmmusik geschrieben hat, ist wie ein Bruder für mich, und James ist der Produzent der Jarman-Filme. Da ist auch meine liebe Schwester Cynthia Beatt. Ich bin die Patin ihres Sohnes, der jetzt schon siebzehn ist. Marlon. Und mit Christoph Schlingensief, den ich wahrscheinlich morgen treffen werde, habe ich gerade telefoniert. Und überall ist Derek. Die Dinge ändern sich einfach nicht. Ich habe auch meine zehn Jahre alten Zwillinge mitgebracht, die Derek gar nicht mehr kennengelernt haben. Trotzdem erinnern sie mich so seltsam an ihn. Ganz sicher: die wirklich wichtigen Dinge ändern sich nicht. Das trägt mich im Augenblick wie auf Flügeln. Das ist mein Thema. Da gibt es einige Dinge, die völlig exotisch, völlig merkwürdig sind, die ich mir nie hätte träumen lassen, und da sind die andern, die so wie immer sind. Die gehen unterschwellig weiter, und das ist wunderschön. Hier in Berlin zu sein ist wie ein Beweis für dieses Gefühl. Das geht schon ein paar Monate so, aber diese Woche in Berlin war wie ein ganz großes Geschenk für mich. Weil ich so viele Leute getroffen habe – und dazu zähle ich auch Sie – deren Gesichter ich seit Jahren kenne. Seit zweiundzwanzig Jahren. Und da sind sie wieder, alle sind noch da, alle kommen sie immer noch hierher. Jeder sieht beinahe so aus wie früher, und jeder hat andere Geschichten auf Lager. Und so geht es immer weiter.

Marli Feldvoß: Aber Ihre Karriere hat sich doch sehr verändert in diesen zweiundzwanzig Jahren?

Sicher, sie entwickelt sich. So ist das Leben. Aber auch da ist es nicht anders. Es ist für mich eine große Freude, dass ich mit zwei Filmen nach Berlin gekommen bin, die sehr eng mit meinen Wurzeln verbunden sind. Der „Derek-Film“ handelt natürlich von Derek Jarman, der meine Wurzeln im Kino bedeutet. Ich würde wohl kaum im Kino arbeiten, sicher nicht als Performerin, wenn ich nicht Derek Jarman getroffen und neun Jahre und sieben Filme lang mit ihm zusammen gearbeitet hätte. Er hat mich von Grund auf geprägt. Und „Julia“ verkörpert in gewissem Sinne das, was ich in den letzten zwei Jahren geschrieben und gesagt habe. Etwas, nach dem ich gesucht habe, nicht als Performerin, sondern als Zuschauerin. Ich habe nach genau dieser Art von Stoff gesucht.

Ich bin sehr stolz darauf, „Julia“ in Berlin zusammen mit dem „Derek“-Film vorstellen zu können. Es ist so, als ob der „Derek”-Film nach dem „Julia“-Film von Erick Zonca verlangt. Ich bin wirklich sehr stolz.

Aber Sie sind inzwischen ein Hollywood-Star. Das können Sie nicht leugnen.

Nein, das leugne ich keineswegs. Ich bin total begeistert! Abgesehen von anderen Dingen – ist es nicht fantastisch, Marli, dass wegen Disneyfilm mehr Leute den „Derek“-Film sehen werden? Und viel mehr Leute werden „Julia“ sehen – nur weil es den „Clooney“-Film gibt. Das sind tolle Nachrichten. Gute Nachrichten für alle von uns. Und ich bin so dankbar. Alle Projekte, für die ich in den letzten Jahren von Hollywood angefragt wurde, waren wie ein Signal. Sie waren so spannend, so exotisch für mich. Und nützlich. Aber jetzt ist es Zeit, mehr daraus zu machen.

Waren Sie nicht überrascht, dass Ihnen ein Projekt wie „Narnia“ angeboten wurde? Ist das nicht seltsam?

Was mich überrascht hat und was wirklich seltsam ist: Es ist die Geschichte vom Berg, der zu Mohammed kam. Ich bin ja nicht nach Hollywood gegangen, Hollywood kam zu mir. Das Überraschende daran ist die Tatsache, dass die Studios heute Leute wie Andrew Adamson oder David Fincher, Spike Jonze oder Francis Lawrence anheuern, um ihre Zweihundert Millionen Dollar-Filme zu drehen. Und diese Leute wollen mich! Das ist eigenartig. Vielleicht ist es ein Generationen-Ding. Diese vier Regisseure sind mit Haut und Haar experimentelle Filmemacher. Und alle waren große Derek Jarman-Fans. [lacht]. Und sie fragen mich. Das überrascht mich, dass in solchen Filmen überhaupt Platz für eine wie mich ist. Dass die Regisseure ausgerechnet mich wollen! Es war nicht meine Idee. [lacht]

Die Regisseure verändern sich ja oft, wenn sie die Chance bekommen, einen wirklich großen Film zu machen.

Nicht alle. Nicht alle. Manche Dinge bleiben eben, wie sie sind. Manche Leute können sich bewahren. Wenn man an den Geist der großen Filme denkt, die ich gemacht habe, mit Individualisten wie David Fincher, Francis Lawrence, Spike Jonze oder Andrew Adamson – da herrscht eine völlig experimentelle Atmosphäre. Eben weil sie von Kino-Verrückten und Techno-Freaks in den Zwanzigern beherrscht werden, die mit irgendwelchen Programmen, die sie gerade ausgetüftelt haben, auf den Set stürmen. Wie man irgendetwas durch die Luft schleudern oder Brad Pitt wie neunzehn aussehen lassen kann.

Das erinnert mich total an die Arbeit mit Derek Jarman, wenn wir die Proben angeschaut haben, wenn Super 8 in 35 mm aufgeblasen wurde. Das ist nicht viel anders. Dahinter steckt die gleiche Antriebskraft.

Aber spielt die Technik heute nicht eine viele größere Rolle?

Die Technik spielte immer eine große Rolle. Muybridge! Das ist Wissenschaft. So ist das. Die Kunst ist eingehüllt von ihrer Wissenschaft. Wenn wir anfangen, Angst vor der heutigen Technik zu haben, sind wir verloren. Wer wirklich am Kino interessiert ist, muss sie benutzen, sie annehmen. Wir müssen uns vor Augen führen, dass Kinomachen wie Brotbacken ist. Da kann man nicht sagen: I, Hefe schmeckt aber ekelhaft, Mehl ist aber geschmacklos. Man muss sie zusammenbringen. Dann kommt etwas dabei heraus. Dann wird es aufgehen. Man darf nicht ein Element dämonisieren. Das Kino ist größer als die ganze Technologie zusammen. Ich habe gestern mit Alexander Kluge darüber gesprochen. Die Wissenschaft ist glorreich, ich liebe das. Ich war immer verrückt nach Wissenschaft. Schauen wir uns die Filme von Derek Jarman an. Oder Béla Tarr, mit dem ich letztes Jahr gearbeitet habe. Auch er profitiert – nebenbei gesagt – von der Tatsache, dass der Disneyfilm eine Billion Dollars eingespielt hat. Man soll diese Studios nur machen lassen, sie sollen ihr experimentelles Kino nur verkaufen, das ist das Beste, was sie tun können. Nehmen wir das Experiment „The Man From London“ von Béla Tarr. Das sind zweieinhalb Stunden Film, der aus 28 Szenen und 28 Schnitten besteht. Das ist die Wissenschaft. Und dann versuchen, etwas aus der Tiefe einzufangen. Das ist die Kunst. Aber der Rahmen der Wissenschaft ist immer dabei.

Aber Sie sind der menschliche und der humane Teil bei der ganzen Sache. Das ist doch etwas anderes. Ohne Sie, ohne einen Schauspieler wäre das Kino nur Technik. Vergessen Sie das nicht. Sonst würden Sie auch gar nicht gebraucht.

Ja, aber dann sprechen wir vom figurativen Kino. Aber es gibt ja auch ein Kino ohne Menschen.

Aber Sie sind immer noch ein menschliches Wesen.

Sicher, wenn wir von einem Kino mit Menschen sprechen, dann spielt der menschliche Geist eine große Rolle. Da bin ich gefragt, das ist meine Aufgabe. Nur, die Idee von einem Wesen im Kino, das gegen die Technologie kämpft, das Angst vor ihr hat – das ist für mich reine Verschwendung. Denn die Technologie, ich meine: das Arriflex, das ist unser Freund. Es ist ein magisches Geschäft, wenn man etwas auf Zelluloid einfängt, auch: wenn man eine spirituelle Bewegung mit einer digitalen Kamera einfängt. Es ist Magie, aber es ist auch Wissenschaft.

Aber bleiben wir auf der menschlichen Seite und bei Ihren Interessen als Schauspielerin oder Performerin. Die Frage ist doch: Können Sie eine Art Reinheit für sich selbst in diesem ganzen Geschäft, dieser ganzen Technik bewahren? Sie können es. Wenn ich mir Ihre Arbeit als Zuschauerin anschaue, dann sehe ich, dass Sie eine sehr reine Figur geblieben, dass Sie sich treu geblieben sind. Obwohl Sie sich laufend verändern, bleiben Sie doch Sie selbst. Wie kriegen Sie das hin?

Ich habe einfach Glück. Ich habe das Glück, dass ich wirklich liebe, was ich tue. Und heute mehr als je zuvor die Gelegenheit dazu habe. Ich habe so wunderbare Möglichkeiten, die mir einfach auf dem Tablett serviert werden. Ich habe die Möglichkeit, immer neugierig zu bleiben. Neue Dinge zu lernen, neue Dinge zu entdecken. Dazu gehört das, was Sie beschreiben. Immer zu versuchen, frisch zu bleiben. Es ist wie bei einem Jongleur, der drei Bälle in einer Hand hält. Es ist eine Sache, auf ebener Erde zu jonglieren. Eine andere, wenn man auf einem Einrad sitzt, die Schuhe zu brennen anfangen und jemand damit anfängt, Messer zu werfen. Da ist Konzentration gefragt. Nur nicht den Ball fallen lassen. Das interessiert mich. Das versuche ich ständig. Mich nicht ablenken lassen. Wo ich arbeite, heißt es: Action! Da haben sie stundenlang den Set aufgebaut, monatelang die Crew, das Budget und alles andere zusammengesammelt. Aber erst wenn sie Action sagen, fängt mein Job an. Und damit die Aufgabe, sich von all dem nicht ablenken zu lassen, insbesondere nicht bei einem großen Film, bei dem vielleicht fünfzehnhundert Leute die Luft anhalten und warten. Da darfst Du den Ball nicht fallen lassen, da musst Du Dich konzentrieren. Diese Konzentration aufrecht zu erhalten. Das ist der Trick. Und die beste Art und Weise, das zu tun, besteht darin, Interesse zu haben und es zu lieben. Wenn man anfängt, sich vom Druck ablenken zu lassen, dann verliert man den Ball.

Können Sie sich noch auf andere Weise einbringen? In der Jarman-Factory, der Jarman-Family haben Sie ja viel mehr gemacht, als nur die Schauspielerin zu spielen. Können Sie noch alle Ihre Interessen realisieren?

Scheinbar ist Ihnen nicht so klar, was ich heute so alles treibe [lacht] Ich würde sagen: Mehr denn je. Ich bin heute eine Produzentin für Independent films, hauptsächlich in Amerika. Ich habe gerade zwei Filme fertig gestellt. Den einen mit der Regisseurin Hilary Brougher mit dem Titel „Stephanie Daley“, der andere war „Thumbsucker“, den ich auch in Berlin vorgestellt habe. Ich schreibe mehr als früher. Ich schreibe auch Filmkritik. Ich habe eine Schrift mit dem Titel „State of Cinema Address“(*) verfasst.

Auf die würde ich Sie gerne verweisen, weil wir hier so wenig Zeit haben. Gehen Sie einfach auf die Website des „San Francisco Film Festival“. Wenn Sie das lesen, sind Sie auf dem neuesten Stand der Dinge. Dann wissen Sie genau, wo ich heute im Kino stehe.

Anmerkungen

(*) Tilda Swinton’s second State of Cinema address, San Francisco, 2006. First published in Critical Quarterly, vol.48, no.4 via Vertigo Volume 3, Issue 3 | Autumn 2006

Das Gespräch wurde im Februar 2008 auf der Berlinale geführt.

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erstellt am 24.2.2021
aktualisiert am 25.2.2021

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Tilda Swinton (2016)
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