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Schlägt man eine ganz normale Philosophiegeschichte auf, so könnte man meinen, das Denken sei ein Privileg der Männer. Ingeborg Gleichauf beweist das Gegenteil und stellt in „Wir wollen verstehen“ 45 Denkerinnen vor. Sie beginnt mit der Pythagoreerin Theano von Kroton (ca. 550 v. Chr.) und endet mit der Ethikerin Martha Craven Nussbaum (geboren 1947). Dabei stehen jeweils deren Ideen im Zentrum der Betrachtung oder die Schulen, denen sie nahe standen. Für das Denken der Philosophin Agnes Heller (20. Jahrhundert), war die Erfahrung totalitärer Systeme besonders prägend.

Originalauszug

Wir wollen verstehen

Von Ingeborg Gleichauf

Agnes Heller (1929–2019)

Agnes Heller (1929–2019). Zeichnung: © Peter-Schössow
Agnes Heller. Zeichnung: © Peter-Schössow

Agnes Heller wurde in Budapest in eine jüdische Familie geboren. Ihr Vater wurde Opfer der Judenverfolgung, während sie und ihre Mutter überlebten. Die Kindheit von Agnes Heller war geprägt durch eine extreme Förderung auf allen musischen Gebieten. Zunächst studierte sie in Budapest Physik und Chemie und schließlich Philosophie. Dem kommunistischen System in Ungarn stand sie sehr kritisch gegenüber, und sie wurde schließlich mit Berufsverbot belegt. Wie bei Hannah Arendt war die Erfahrung des Totalitarismus für ihr gesamtes Denken prägend. Das Schreiben wurde zum Kampf gegen totalitäre Systeme. »Im Leben jedes Menschen gibt es einen Kloß, der ihm im Halse steckenbleibt: Aber wenn man ihn herausgewürgt hat, ist man wieder frei. Ein solcher Kloß war für mich Auschwitz und der Stalinismus. Nun bin ich frei. Die Moderne wird kaum noch Schrecklicheres hervorbringen.« So schreibt Heller in ihrer Autobiografie. Im Jahr 1981 erhielt die Philosophin den Lessing-Preis der Stadt Hamburg. Ihre Bücher wurden in elf Sprachen übersetzt.

Ein Arbeitsschwerpunkt von Agnes Heller war die Untersuchung des Alltagslebens. »Der einzelne formt seine Welt als seine unmittelbare Umgebung. Das Alltagsleben verläuft in der unmittelbaren Umgebung und bezieht sich auf diese.« Indem die Menschen ihre Umgebung formen, formen sie auch sich selbst. Die Bedeutung des Individuums für das Alltagsleben darf nicht unterschätzt werden. Das beginnt am Morgen. Aufstehen, sich anziehen, sich waschen, frühstücken, zur Arbeit gehen, später vielleicht einkaufen, kochen, Freizeit gestalten: all dies ist Alltag. Wir bewegen uns täglich in einem relativ kleinen Umkreis und beziehen uns permanent auf das, was genau in diesem Umkreis geschieht und was mit uns zu tun hat. Alltagsleben heißt aber für Heller nicht nur Privatleben, sondern bezieht das Gesellschaftliche mit ein. Wir werden zunächst in eine Welt geboren, die uns wenig Spielräume lässt. Regeln und Gesetze zwängen uns ein. Wir haben aber die Möglichkeit, all das bewusst zu erleben und vielleicht dadurch für uns und für andere etwas zu ändern. Dazu gehört es, über den eigenen Tellerrand zu schauen und nicht nur sich im Blick zu haben. Agnes Heller unterscheidet zwischen den »natürlichen Bedürfnissen« und den »radikalen Bedürfnissen« der Menschen. Natürliche Bedürfnisse betreffen die physische Existenz, radikale Bedürfnisse haben mit der Freiheit zu tun. Zur Freiheit gehört es, seine eigenen Vorstellungen vom Leben entwickeln zu dürfen. Keiner ist wie der andere. Heller ist wie Hannah Arendt Verfechterin der Pluralität.

Agnes Heller ist Sozialistin, aber keine orthodoxe, einem strengen Marxismus verhaftete. Die Achtung vor der Freiheit des Individuums hat an erster Stelle zu stehen. Die Philosophie als erzieherische Disziplin spielt für Heller eine ganz wichtige Rolle. Je ausgereifter die Persönlichkeit, desto eher ist sie darauf aus, soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen. Das Wissen, das die Philosophie vermittelt, muss in die Praxis umgesetzt werden, im Gemeinschaftsleben. »Die Philosophie fordert, daß die Welt das Zuhause der Menschheit wird, aber durch die bloße Forderung wird sie es noch nicht.« Gemeinsam sollten die Menschen versuchen, das, was sie philosophisch erkannt haben, in die Wirklichkeit umzusetzen. Ideale sollen entwickelt werden, die aber eine Umsetzung ins Konkrete erfahren müssen, sonst sind sie in Hellers Vorstellung sinnlos. Innerhalb der Gemeinschaft herrscht Pluralität, sodass die Einzelnen in der Praxis ihre Persönlichkeit ins Spiel bringen können. Jeder hat zu wählen, was er einsetzen will. Jeder hat Verantwortung zu übernehmen.

Kunstwerke befassen sich selten miteinander; sie liegen nicht miteinander im Streit; sie schließen sich nicht aus; sie sind weder freundlich noch unfreundlich zueinander. Ob klassisch, modern oder postmodern, sie stehen für sich allein, und es kümmert sie nicht, ob es ähnliche gibt. Kalte Sterne, die Wärme in fremde Leben bringen, sind sie nur Spiegelbilder unserer existentiellen Einsamkeit. Philosophische Werke verhalten sich anders. Ständig provozieren sie einander, sie streiten, diskutieren, denunzieren und warnen; sie schließen diese aus und jene ein; sie sind freundlich und unfreundlich; sie lieben und hassen; sie sind Spiegelbilder unserer ungeselligen Geselligkeit.
[Agnes Heller: Ist die Moderne lebensfähig?]

Auszug aus

Ingeborg Gleichauf: „Wir wollen verstehen. Geschichte der Philosophinnen“, Seiten 233-235. dtv, Reihe Hanser, München 2021.
Mit freundlicher Genehmigung der dtv Verlagsgesellschaft.

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erstellt am 22.2.2021
aktualisiert am 23.2.2021

Ingeborg Gleichauf (2017). Foto: Eberhard Gleichauf

Ingeborg Gleichauf
Foto: Eberhard Gleichauf

Buchcover „Wir wollen verstehen. Geschichte der Philosophinnen“, Ingeborg Gleichauf, dtv 2021

Ingeborg Gleichauf
Wir wollen verstehen
Geschichte der Philosophinnen
mit Bildern von Peter Schössow
Hardcover, 256 Seiten
ISBN: 978-3-423-64080-0
Reihe Hanser,
dtv Verlagsgesellschaft, München 2021

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