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Das „Poesiealbum“ stellt neugierigen Menschen Lyriker und Lyrikerinnen in Werkportraits vor. Die Heftfront der Ausgabe 355 ist von Uwe Bremer gestaltet. 45 Gedichte von Rolf Haufs, der 2013 starb, hat die Schriftstellerin Kerstin Hensel dafür ausgesucht. Mit seiner Besprechung erinnert Martin Lüdke an den sportlichen Dichter.

Lüdkes liederliche Liste

Melancholie & Übermut

Das „Poesiealbum“ erinnert an den Dichter Rolf Haufs

Rolf Haufs (1935–2013) im Jahr 2013. Foto: Volker Fadinger
Rolf Haufs, 2013 (Foto: Volker Fadinger)

Das „Poesiealbum“ war zu Zeiten des Arbeiter- und Bauernstaates eine Institution. Kein Untergrundorgan, sondern legal, aber immer am Rand. Da fanden die Leser oft, was es sonst nicht gab. Westliche Avantgarde. Östliche Dissidenz. Gottfried Keller und Allen Ginsberg, Volker Braun und William Carlos Williams, Moderne und Tradition. Die Poesiealben präsentierten emphatische Gegenwart. Gekostet haben die Hefte so gut wie nichts. Oft waren sie schnell vergriffen. Bis zur Wende. Schlagartig wurde dann ja aus dem „Leseland DDR“ ein Kessel Buntes. Der kleine „Märkische Verlag“ in Wilhelmshorst hat sich vor einiger Zeit an einen Neustart gewagt. Jetzt ist dort ein Heft über Rolf Haufs erschienen. Ein Glücksfall. Das nächste Heft, das erscheinen wird, ist Jürgen Fuchs gewidmet, einem vermutlich von der Stasi ermordeten Ex-DDRler, der in den Westen übergesiedelt war.

In der „Prognose“, dem ersten Gedicht dieses kleinen Bändchen, das uns zu einem Gang durch das lyrische Werk von Rolf Haufs einlädt, behauptet der Dichter, dass es mit seiner Gesundheit „besser geworden“ sei, und schließt daraus: „Man wird mich totschlagen müssen / Eines Tages (im Jahr 2035).“

Das wird nicht mehr nötig sein, denn bereits 2013, also nicht mit hundert, sondern (immerhin) mit siebenundsiebzig Jahren, ist Haufs nach langer Krankheit (u. a. Beinamputation), in Berlin gestorben. Der verquere Humor, der sich hier ausdrückt (und sich sicher nicht umstandslos und jedermann erschließt), ist für ihn kennzeichnend gewesen. Ein Brief, den er mir im April 1985 nach Kalifornien schrieb, um mich über seine Querelen mit dem Rowohlt Verlag zu informieren, endet mit dem Ratschlag, falls ich von 5.000 Metern auf Baseball umsteigen wollte, müsste ich etwas für meine „Grundschnelligkeit“ tun. Dem schließt sich die Information an: „Ein weiteres Ergebnis aus der Berliner Amateuroberliga: SCC – BC Spandau 0 : 0.“

Wer ihn kannte, weiß, dass er beim Schreiben solcher Sätze immer gelacht hat, allerdings lautlos. Er war ein Sportler. Aber vor allem war Rolf Haufs ein Dichter. Er ist es immer geblieben. Ein Bote aus vergangenen Zeiten, mitten in unserer Gegenwart. Mit ihm, seinem Freund Nicolas Born und Jürgen Theobaldy etwa kam ein neuer, ein anderer Ton in die deutsche Lyrik, eine Art lakonischer Sachlichkeit. Dabei blieb er Sportler. Aktiv und passiv. Er ist viele Marathons gelaufen, hat regelmäßig trainiert und kannte trotzdem seine Kollegen, die Dichter, die Lebenden und die Toten. Er sprach stets mit leiser Stimme, aber vernehmlich. Kein Prophet, sondern Zeitgenosse, der mit historischem Bewusstsein in die Zukunft blickte. Bei ihm gab es kein Raunen, keine falschen Gefühle. Seine Gedichte sind nie dunkel gewesen und doch oft rätselhaft geblieben. Haufs war Mitglied der Gruppe 47, eines der jüngsten. Bei der berühmten Tagung in Princeton, war er in einem Zimmer von Peter Handke untergebracht und hat unmittelbar mitgekriegt, wie Handke seinen ‚spontanen’ Wutausbruch auf die etablierten Autoren eingeübt hatte.

Haufs Gedichte beschreiben in einem emphatischen Verständnis Geschichte, und zwar in jener Form, die durch Walter Benjamins ‚Engel der Geschichte’ aufgerufen wird: im Zusammenfall von Schrecken und Hoffnung. Der Trümmerberg, auf den Haufs immer wieder zurückblickt, wurde mit dem Wiederaufbau der deutschen Städte nach dem Zweiten Weltkrieg (für ihn) nicht beseitigt, sondern nur verdrängt. Die Zerstörung, deren Zeuge er geworden war, hat in allen seinen Gedichtbänden, bis hin zu seiner „Tanzstunde auf See“ (2010), deutliche Spuren hinterlassen („Brandroter Himmel über den Steinen / Schrie daß die Seele / Beschädigt lebenslang.“).

Doch nicht nur die Seele war beschädigt. Eine Welt war zerstört.

Schiller und Goethe
Während draußen die Artillerie
Ihre Zielrohre einstellte fiel Jesus
Von der Wand er verlor ein Bein
Das die Familie in stundenlanger Bastelarbeit
Aus Wachs und mit Kleber
Wieder anpappen wollte
Doch Jesus wehrte sich.
Das künstliche Bein fiel immer wieder ab
Dann gaben wir auf
Wir versteckten
Jesus hinter den Werken
Von Schiller und Goethe.

Allein die letzten beiden Verse rufen eine ganze Epoche der (bundes-)deutschen Nachkriegsgeschichte auf.

Kerstin Hensel, die das „Poesiealbum“ an seiner Lebensgeschichte entlang ausgewählt und angeordnet hat, hat aber leider auf das Gedicht, in dem es von ihr heißt „Kerstin Hensel läuft über die Schönhauser Allee“, aus falscher Bescheidenheit verzichtet, obwohl sich auch dort, auf der einen Straße, ein ganzes Universum öffnet.

Rolf Haufs wurde am 31.12.1935 in Düsseldorf geboren. Über fünfzig Jahre hat er in Berlin gelebt. Die vielen Jahrzehnte haben ihre Spuren hinterlassen, den heimischen Zungenschlag verlor er aber nie. Die Verbindung von rheinischem Humor und Berliner Witz hat dafür regelrecht surreale Blüten getrieben. So warnt er seine Tochter in einem kurzen Gedicht:

Nele (5)
Man kann auch sterben
Wenn man hintereinander ein Gänseblümchen
Eine Hängematte und einen
Tannenbaum ißt.“

Haufs wuchs in einer Zeit auf, die noch vom 19. Jahrhundert geprägt war. Er erlebte die letzten Nazi-Jahre, den Krieg, die Zerstörung, das Elend. Und dann als Jugendlicher den Wiederaufbau, die Restauration der fünfziger Jahre. Die Wiedervereinigung. Das heißt: sein Erfahrungshorizont umspannt, ohne Übertreibung, drei Jahrhunderte. Er kennt die literarische Tradition. Aber er orientiert sich am Alltag. Er hält seine Gedichte frei von Effekten, Pointen und erst recht von Botschaften und Meinungen. Alles, was er geschrieben hat, stützt sich auf Erfahrung.

Rollen 3
Wer immer uns begegnet weiß einen
Rat. Beine hoch von den Bäumen
Rieselt heilender Saft die Spötter
Sind nicht weit. Wir scherzen mit
Ganz gegen die Natur. Im Foyer
Liegen Zeitungen aus. Viele pfeifen
Auf dem letzten Loch.

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erstellt am 22.2.2021
aktualisiert am 05.4.2021

Cover „Poesiealbum 355: Rolf Haufs“, Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2020

Poesiealbum 355
Rolf Haufs
45 Gedichte von Rolf Haufs
Auswahl: Kerstin Hensel
Grafik: Uwe Bremer
Lyrikheft
EAN: 978-3-943 708-55-4
Märkischer Verlag. Wilhemshorst 2020

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