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Seine hinreißenden Naturschilderungen haben den Schriften Henry David Thoreaus ebenso nachhaltig Verbreitung eingebracht wie seine akribische Buchführung, mit der er der pervertierten Zivilisation die Rechnung präsentierte. Mitte des vorletzten Jahrhunderts war ihm das selbstzerstörerische Handeln des Menschen bewusst. Otto A. Böhmer hat den Sonderling porträtiert.

Thoreau und das naturgemäße Leben

Ein gedankenreicher Mensch

Mit dem Ruhm ist das so eine Sache. Macht er sich rar, bleibt die Hoffnung auf den Nachruhm, der sich jedoch, wie man aus Verstorbenenkreisen weiß, zugeknöpft zeigt und nachträgliche Beschwerden nicht mehr entgegennimmt. Der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau, geboren am 12. Juli 1817 in Concord (Massachusetts), hatte mit dem Nachruhm keine Probleme; er kam geradezu verschwenderisch über ihn. Abzusehen war das zu Lebzeiten nicht, denn Thoreau, einer der führenden Köpfe der Bewegung des amerikanischen Transzendentalismus, die sich vom deutschen Idealismus, englischer Romantik, aber auch von der Antike inspirieren ließ, stand sich oft selbst im Weg. Seine Manieren waren, vorsichtig gesagt, nicht die besten; schon die Begrüßung durch andere empfand er als Belästigung, und wer ihm die Hand gab, hatte das Gefühl, nach einem „Ast zu greifen“, wie Thoreaus Mentor, der Philosoph Ralph Waldo Emerson, notierte. Dazu passte sein Äußeres, das der Dichter Nathaniel Hawthorne („Der scharlachrote Buchstabe“) so beschrieb: „Er ist sündenhäßlich, mit einer langen Nase und einem schiefen Mund, mit ungeschliffenen, etwas bäurischen Umgangsformen.“ Thoreau verstand es dennoch, für sich einzunehmen; er hatte eine Ausstrahlung, die von innen her kam und keinen Fremdzuspruch brauchte. Hawthornes Fazit: „(…) ein gedankenreicher und origineller Mensch, mit einer gewissen kompromisslosen Starrheit in seinem Charakter, die an einen eisernen Schürhaken erinnert und interessant ist, aber bei näherem und häufigem Umgang ziemlich ermüdend wirkt.“

Thoreau versuchte sich zunächst als Lehrer, bekam jedoch Schwierigkeiten mit der Schulleitung, da er sich weigerte, an seinen Schülern „die unerlässliche körperliche Züchtigung auszuüben“, die damals noch zu den pädagogischen Grundüberzeugungen gehörte. Danach gab er kurze Gastspiele in verschiedenen Berufen, wobei er nicht aus Überzeugung handelte, sondern nur, um über die Runden zu kommen. Am besten erging es ihm noch bei Emerson, dem Cheftheoretiker der Transzendentalisten, der Thoreau als eine Art Hausmeister in Dienst nahm und ihm schließlich ein Existenzmanöver ermöglichte, das seinen Nachruhm begründete. Im Juli 1845 bezog Thoreau eine Hütte am Walden-See, wo er zwei Jahre lang lebte, vordergründig auf sich allein gestellt, aber doch mit genügend Kontakten ausgestattet, um nicht ganz zu verwildern. Die Zivilisation, der Thoreau insgesamt nicht so recht über den Weg traute, blieb in Reichweite: der nächste Nachbar wohnte eine halbe Stunde entfernt, das Städtchen Concord konnte man bequem zu Fuß erreichen, ebenso die Eisenbahn, die man zwar nicht sah, aber hörte. Es war also kein Abschied von der bewohnten Welt, den Thoreau probte, sondern ein Selbstfindungsexperiment unter Anleitung der Natur. Das Buch, das Thoreau darüber schrieb, heißt Walden. Oder das Leben in den Wäldern, verkaufte sich in fünf Jahren an die 2000-mal und wurde nach dem Tod des Autors zur Programmschrift für Naturfreaks und Aussteigewillige. Warum dem so war, hätte sich Thoreau nicht auf Anhieb erschlossen: Es ging ihm um eine Rückbesinnung; grüne Leitlinien, die sich theoretisch beschweren ließen, wollte er aus seinem Aufenthalt in Walden, den er nach zwei Jahren kurzerhand für beendet erklärte, nicht entwickeln. Die Natur, wie Thoreau sie sieht, verdient strikte Bewunderung: Sie „ist immerwährend schöpferisch und erfindet wie ein Handwerker in seiner Werkstatt neue Muster. Wenn die überhängende Fichte am Ufer durch die Kräfte der Sonne und des Windes, die an ihr zehren, ins Wasser stürzt, werden ihre Zweige weiß und glatt und nehmen phantastische Formen an.“ Naturwissenschaftler fühlen sich davon nicht angesprochen, weiß Thoreau; sie sind eher am eigenen Erfolg interessiert, für den sie auch die Ausbeutung der Natur in Kauf nehmen:

„Bücher über die Naturwissenschaften sind im allgemeinen von irgendeinem Kanzlisten in Eile zusammengestoppelte Listen oder Bestandsaufnahmen von Gottes Eigentum. (…) Der Wissenschaftler meint, es stünde mir nicht zu, irgend etwas anderes zu sehen als das, was er als Regenbogen definiert, aber mir ist es gleichgültig, ob meine Vision eine Vorstellung im Wachzustand ist oder die Erinnerung an einen Traum.“

Thoreau gab sich zudem als Freund der Indianer zu erkennen; auch das nahmen die Leser, die Walden für sich entdeckten, wohlwollend zur Kenntnis. Der weiße Mann hatte den Verdrängungskampf gegen die Ureinwohner gewonnen, was ihn reich machte, seine Weltsicht aber unvorteilhaft begradigte. „Der weiße Mann kommt bleich wie der Morgen mit seiner Gedankenlast, mit seiner wie im zusammengescharrten Feuer schlummernden Intelligenz, er weiß genau, was er weiß, er rät nicht, sondern berechnet, stark in der Gemeinschaft und der Obrigkeit gehorchend …“ Dabei sieht er nur noch, was er sehen will; der Blick auf das Wesentliche ist ihm verstellt: „Er kann den ganzen wogenden Wald fällen, aber er kann mit dem Geist des Baumes, den er fällt, nicht Zwiesprache halten; er kann die Dichtung und die Mythologie nicht lesen, die sich in dem Maße zurückziehen, in dem er sich vorwärtsbewegt.“

Das zweite Buch, das zu Thoreaus Nachruhm beitrug, ist Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat und war noch folgenreicher als Walden, da es ein nicht verhandelbares Mißtrauensvotum gegen die Politik aussprach. Der Anlaß für diese Streitschrift mutet eher belanglos an: Thoreau weigerte sich, eine Steuer für den Staat Massachusetts zu zahlen, der daraufhin humorlos reagierte und ihn ins Gefängnis steckte, wo er jedoch nur eine Nacht blieb, weil seine Schuld von einer auf Diskretion bedachten Gönnerin bezahlt wurde. Thoreau wollte sich allerdings von seiner Empörung nichts mehr abhandeln lassen und schwang sich schließlich zu einer These auf, die eingängig war, aber erkennbare Schwierigkeiten aufwies, dem Realitätsprinzip gerecht zu werden:

„Wenn ein Mensch frei ist in seinen Gedanken, frei in seiner Phantasie und seiner Vorstellung, also in den Dingen, die nie für lange Zeit leblos bei ihm bleiben, dann können unkluge Herrscher oder Reformapostel ihm nie gefährlich in die Quere kommen.“

Überhaupt war die Politik Thoreaus Sache nicht, er konnte mit ihr nicht viel anfangen, fand sie neuzeitlich überschätzt: „Politik ist zwar eine lebenswichtige Funktion der menschlichen Gesellschaft, sollte aber wie die entsprechenden Funktionen des menschlichen Körpers unbewußt betrieben werden. Sie ist … eine Art vegetativen Lebens. Manchmal erwache ich zu einem halben Bewusstsein, dass sie sich um mich herum abspielt, wie jemand des Verdauungsprozesses gewahr wird, wenn er krank ist.“ Thoreaus Aufruf zum zivilen Ungehorsam, zu dem sich u. a. Mahatma Gandhi, Martin Luther King und auch Bill Clinton bekannten, der 1998, nicht ohne Pomp, ein „Thoreau-Institut“ in Concord eröffnete, ist von zeitloser Modernität; das Individuum, dem seine Sorge gilt, wird gerade heute von anonymen, freiheitsähnlichen Zwängen umgarnt und scheint gefährdeter denn je.

Henry David Thoreau starb am 6. Mai 1862 an Tuberkulose, was ein damaliger Nachrufschreiber irgendwie seltsam fand. „Eine Ironie des Schicksals“, notierte er, „dass der Mann, der ein naturgemäßes Leben führte, an Schwindsucht, der Geißel des zivilisierten Lebens, starb.“ Von Thoreau kann man auch heute noch lernen: die Kunst begründeter Selbstfindung etwa, die bescheiden bleibt, weil sie sich in einem Höheren aufgehoben weiß. Ein europäischer Zeitgenosse Thoreaus hat Ähnliches gedacht: Der dänische Philosoph Kierkegaard schrieb dem Einzelnen, der anmaßungsgefährdet bleibt, ins Stammbuch: „Indem das Ich es selbst sein will, gründet es durchsichtig in der Macht, die es gesetzt hat.“ Bei Kierkegaard ist diese Macht Gott; Thoreau denkt sie sich eher als Natur, von der wir aber noch immer vermuten dürfen, dass sie von Gott womöglich gar nicht so arg weit entfernt ist.

Buchcover Otto A. Böhmer: „Lichte Momente. Dichter und Denker von Platon bis Sloterdijk“

aus:
Otto A. Böhmer: Lichte Momente. Dichter und Denker von Platon bis Sloterdijk,
DVA, München 2018, ISBN 978-3-421-04803-5

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Kommentare


David Cornelius ALBRECHT - ( 18-02-2021 12:55:27 )
Warum wird mein Kommentar zu Otto A. Böhmers Essay über Henry David Thoreau hier ignoriert?
David Cornelius Albrecht, Frankfurt am Main

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erstellt am 15.2.2021
aktualisiert am 16.2.2021

Henry David Thoreau (1817–1862). Foto: B. D. Maxham, 1856 – National Portrait Gallery, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72850880

Henry David Thoreau (1817–1862)
Foto: B. D. Maxham, 1856 – National Portrait Gallery, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72850880

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DVA/Dt. Verlagsanstalt, München 2018

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