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Walter H. Pehle hat als Lektor beim S. Fischer Verlag eine Folge von zeithistorischen Büchern herausgegeben, die wegen ihrer Umschlaggestaltung die „Schwarze Reihe“ genannt und mit 250 Büchern zum legendären Aufklärungsprojekt über den Nationalsozialismus wurde. Nun hat er, der gerade 80 Jahre alt wurde, eine Vortragsreihe der Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlösschen unter dem Titel »Eine Region und die Schuld« über den Nationalsozialismus im Rhein-Main-Gebiet konzipiert, die Johannes Winter im Livestream verfolgt hat.

Zur Nachgeschichte des Nationalsozialismus im Rhein-Main-Gebiet

Vortragsreihe »Eine Region und die Schuld«

„Geschichte ist, wenn es plötzlich keine Menschen mehr gibt, die man fragen kann, sondern nur noch Quellen“ – ein Satz aus Katja Petrowskajas Roman „Vielleicht Esther“. Woraus Aleida Assmann, Erinnerungs-Forscherin und Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, die Frage ableitet: „Wird der Holocaust allmählich Geschichte, oder bleibt er im Gedächtnis?“ Denn wenn es keine Überlebenden, keine Zeitzeugen mehr gebe, die man fragen könne – was bleibe neben den Quellen? Orte, sagt Assmann, an denen „die Vergangenheit des Holocaust weiterhin sinnlich erfahrbar ist“, mithin die sogenannte „deutsche Erinnerungslandschaft“.

Walter H. Pehle, Historiker, langjähriger Lektor bei S. Fischer und Herausgeber der legendären Schwarzen Reihe – „unter dem geistig weit gespannten Schirm seines Lebensprojektes niemals abgeschlossener, niemals widerspruchsfreier oder eingleisiger Aufklärung“, so Götz Aly in seiner Würdigung zu Pehles soeben gefeiertem 80. Geburtstag –, hat die Frankfurter Bürgerstiftung, gemeinsam mit dem Wallstein-Verlag im Holzhausenschlösschen eine Vortragsreihe konzipiert, die Forschungsergebnisse aus der und über die Rhein-Main-Region vorstellte. Unter dem Titel „Eine Region und die Schuld“ zum diesjährigen Holocaust-Gedenktag.

Tobias Freimüller
Tobias Freimüller

Im einleitenden Vortrag „Frankfurt und die Juden nach 1945“ – mit diesem Thema habilitierte sich Tobias Freimüller – bezeichnete der Historiker, Vize-Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, Frankfurt als typisches und zugleich als besonderes Beispiel für die alte Bundesrepublik. Und verwies auf das widersprüchliche Bild, das die Stadt in der Nachkriegszeit biete. Lebte in Frankfurt bis zum Nationalsozialismus eine der größten jüdischen Gemeinden im deutschsprachigen Raum (nach Wien und Berlin) mit 30.000 Menschen, was einem Bevölkerungsanteil von 5 % entsprach, so fanden sich nach Kriegsende und Befreiung (laut einer zeitgenössischen Zählung) 106 überlebende Juden und Jüdinnen in den Ruinen der Stadt. Während Israel wie auch der Jüdische Weltkongress jüdischem Leben in Deutschland, dem Land der Mörder, nach der Schoah eine grundsätzliche Absage erteilten, rief der Frankfurter OB Walter Kolb (SPD) die Überlebenden zur Rückkehr auf, „gedankliche Kontinuitäten“ anführend. Dass etliche seinem Ruf folgten, war ohne Zweifel dem Umstand geschuldet: Frankfurt lag in der amerikanischen Besatzungszone. Tobias Freimüller führte eine eindrucksvolle Liste an: es kamen Emigranten wie Leopold Neuhaus, bis 1933 Rabbiner in Frankfurt, der sein früheres Amt in der Gemeinde übernahm. An die Universität zurück kehrten u. a. der Finanzwissenschaftler Fritz Neumark, der Dermatologe Oskar Gans und, Anfang der 50 Jahre, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die das Institut für Sozialforschung wiederbegründeten, das Haus der Kritischen Theorie, das sich mit Studien wie die über den „Autoritären Charakter“ an der Erforschung der Wurzeln des NS beteiligte.

Das neu gegründete Sigmund-Freud-Institut bot der vom NS vertriebenen Psychoanalyse eine Heimstatt. Und Fritz Bauer, als überlebender Emigrant Hessens Generalstaatsanwalt, organisierte Anfang der 60er Jahre den Auschwitz-Prozess. Eine andere Gruppe von Überlebenden, so Freimüller, habe Zuflucht in Zeilsheim gefunden, einem westlichen Vorort im Schatten der ehemaligen IG Farben-Fabrik. Für DPs, sogenannte Displaced Persons, die den Massenmorden in Polen und der Sowjetunion entkommen waren, hatte die UN-Flüchtlingsorganisation (UNRRA) ein „Assembly Center“ genanntes Lager ehemaliger Zwangsarbeiter eingerichtet, dem Teile der benachbarten Arbeitersiedlung des nachmaligen Hoechst-Konzerns angegliedert wurden.

Woraus soziale Konflikte entstanden, nicht ohne dass Judenhass aufbrach im Kontext von Europas größtem Schwarzmarkt – entsprach der besonderen Melange der Frankfurter Nachkriegs-Gesellschaft. Bis die Mehrheit der Lagerinsassen in die USA oder nach Israel auswanderte, von denen mehrere Hundert, so Freimüller, nach dem Erlass von Entschädigungsgesetzen den Versuch, in Israel heimisch zu werden, aufgaben und zurückkehrten. Mit den Bemühungen der ersten Generation, nicht mehr „auf gepackten Koffern“ zu sitzen, konfrontiert, wuchs die zweite Generation heran, darunter Intellektuelle wie Cilly Kugelmann, Dan Diener, Micha Brumlik, die in den 60er Jahren die „Jüdische Gruppe“ gründeten.

Dies, so Freimüller, war die Zeit der Häuserkämpfe im Frankfurter Westend, ein sozialer Konflikt, der seine Zuspitzung im Anprangern von Spekulanten hatte, unter ihnen jüdische Immobilien-Händler wie Ignaz Bubis. Ein Thema, das (1985) auf dem Theater spektakulär zugespitzt werden sollte, in Fassbinders Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“, dessen Aufführung im Kammerspiel Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die darin manifesten Antisemitismus sahen, mit einer Bühnenbesetzung verhinderten. Tobias Freimüller: Dieser Akt habe die Phase der „gepackten Koffer“ beendet. War, fragte Freimüller, die Stadt den jüdischen Frankfurtern zur Heimat geworden? Dany Cohn-Bendit, der sich mit den Bühnenbesetzern harte Debatten lieferte, sprach danach vom Coming-out jüdischen Lebens in der Bundesrepublik. Sich selbst bezeichnete er als „Paria“. Exemplarisch? Sein Selbstverständnis, so der grüne Politiker, pendelnd zwischen Frankfurt, Paris und Brüssel, sei Heimatlosigkeit. Kurz darauf (1987) kam es zur Auseinandersetzung um die Bebauung des Börne-Platzes. Auch er wurde besetzt, von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde – ein weiterer Akt öffentlichen Sich-Einmischens in die Belange der Stadt. Frankfurt war, wie Tobias Freimüller, Cilly Kugelmann zitierend, ausführte, die jüdischste Stadt der Bundesrepublik geworden.

Philipp Kratz
Philipp Kratz

Philipp Kratz, Gymnasiallehrer und promovierter Historiker stellte unter dem Titel „Eine Erfolgsgeschichte? Die Westdeutschen und die NS-Vergangenheit am Beispiel Wiesbadens“ seine als Dissertation („Eine Stadt und die Schuld“ 2019) erschienene lokale Langzeitstudie zum Thema vor. In sechs Abschnitten – Abrechnung (1945-46), Schweigen und Diskretion (1947-59), Bewältigung (1960-67), Politisierung (1968-78), Aufarbeitung (1979-92) und Bewahrung bzw. Verstetigung (1993ff) – gab Kratz einen Überblick über die Aufarbeitung der NS-Zeit in Hessens Landeshauptstadt Wiesbaden. Sein Fazit: dabei handele es sich weder um eine Erfolgsgeschichte (Stichwort: Bundesrepublik als „Erinnerungs-Weltmeister“), noch um eine Defizit-Geschichte (Stichworte: Verdrängung bzw. Beharren auf kollektiver Unschuld). Vielmehr, so Kratz, könne man von einer Streit-Geschichte sprechen: Kern der Auseinandersetzungen sei bis heute das Thema Schuld.

Hätten sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Maßnahmen der amerikanischen Besatzungsbehörden darauf gerichtet, den NS in der Stadt organisatorisch auszuschalten und seine Repräsentanten zu bestrafen (Stichwort „Entnazifizierung“), so habe es in der Wiesbadener Bevölkerung auch Akte von Selbstjustiz gegeben, die von sogenannten antifaschistischen Rollkommandos – z. B. mit Prügelaktionen in Privatwohnungen – gegen NS-Täter vollzogen wurden. Am Michelsberg, wo bis 1938 die Synagoge Wiesbadens gestanden hatte, wurde eine Stele errichtet, die die bemerkenswerte Aufschrift trug „Der Welt Gewissen ist die Liebe“.

Als Alleinstellungsmerkmal der Stadt bezeichnete Philipp Kratz, was er als ein Beispiel für personelle Kontinuität bzw. als „diskretes Schweigen“ sowohl in Bevölkerung als auch im Stadtparlament anführte. Der einstige NSDAP-Oberbürgermeister Erich Mix – von 1937-45 im Amt – wurde 1954, dann für die FDP, erneut, diesmal für sechs Jahre, in das Amt des OB von Wiesbaden gewählt. 1954, als die FDP dort ihr bestes Stimmenergebnis der Nachkriegszeit einfuhr. Eher repräsentativ für den Rest der Republik waren in den Jahren um 1968 die Politisierung bzw. der Generationenstreit – Stichwort: „Wir haben von nichts gewusst“ – eher hilflose Versuche, sich zu exkulpieren, was Jüngere dazu trieb, ihre Eltern unter Generalverdacht zu setzen. Stigmatisierungen wie „Nazi“ oder „kleiner Freisler“ hätten auch in Wiesbaden zur Tagesordnung gehört. Erst im Anschluss an jene Phase zu Beginn der 80er Jahre habe, so Kratz, ausgelöst durch die TV-Serie „Holocaust“, auch auf lokaler Ebene die Zeit der Aufarbeitung begonnen. Der Begriff der Erinnerungs-Kultur entstand. Zwar wurde der Standort der zerstörten Synagoge, an die die Stele mit dem merkwürdigen Spruch erinnerte, mit einer innerstädtischen Autobahn überbaut. An versetztem Ort aber errichtete die Stadt eine zentrale Gedenkstätte für die 1.500 deportierten und ermordeten Wiesbadener Juden.

In seiner Bilanz der bundesdeutschen bzw. Wiesbadener Aufarbeitung der Geschichte bzw. der „Nachgeschichte des NS“ sprach Philipp Kratz von einem „Prozess in Phasen, darin auch Stagnation zu erkennen sei“, ein Prozess, der grundsätzlich getragen sei vom Bedürfnis nach Aufarbeitung. Nicht ohne auf die Kontinuität bzw. das Anwachsen von Antisemitismus zu verweisen. Dagegen gelte es, eine neue Phase der Ergänzung einzuleiten, die Rücksicht nehmen müsse auf die Tatsache, dass es keine Zeitzeugen mehr gebe. Vor allem an Schulen müssten Konzepte entwickelt werden, um Kinder unterschiedlicher kultureller Prägung in die Aufklärung über deutsche Geschichte mitzunehmen.

„‚Vereinsführer‘. Vier Biografien leitender Funktionäre von Eintracht Frankfurt im Nationalsozialismus“ – so der Titel des Vortrages von Maximilian Aigner, Mitarbeiter am Fritz-Bauer-Institut der Universität Frankfurt, für das er das gleichnamige Forschungsprojekt über Frankfurts bekanntesten (Fußball-)Verein, „die Eintracht“, realisierte. Angeregt und gefördert wurde es vom Verein selbst bzw. von Club-Präsident Peter Fischer, der in einer weit über den Sport hinausreichenden Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erregte, als er sich vor wenigen Jahren für die Unvereinbarkeit der Mitgliedschaft bei Eintracht und AfD aussprach. Als ob Fischer und der Verein sich bewusst in eine Tradition gestellt hätten, die in der Weimarer Replik ihren Anfang nahm, als der Verein in Stadt und Land als „Juddeclub“ bekannt war: tolerant, liberal, weltoffen, unter seinen Mitgliedern zahlreiche jüdische Sportler, Funktionäre und Förderer. Ein Verein indes, der ab 1933 offen mit dem NS kooperiert hatte.

Erster in der Riege der Vereinsführer war Egon Reichsgraf von Beroldingen, ex-Kriegsflieger und Chef des aufstrebenden Frankfurter Flughafens in den Weimarer Jahren. Der „Graf“, wie er im Verein hieß, der bis zu seinem Tod im Herbst 1933 an der Spitze von Eintracht Frankfurt stand, ein Mann, der, so Maximilian Aigner, „in vorauseilendem Gehorsam“ die Umstellung auf das Führerprinzip in die Satzung schreiben ließ. Fortan kamen im Sportgelände am Riederwald Hakenkreuzfahne und Hitlergruß zum Einsatz, wurden Aufmärsche veranstaltet, sogenannte Wehrsportübungen, was zur Folge hatte, dass jüdische Funktionäre austraten und ganze Abteilungen wie die der Boxer geschlossen wurden. Als von Beroldingen im Herbst 1933 starb, war die Integration des Vereins in den NS abgeschlossen.

„Der neue Führer der Eintracht“ (lt. Vereinsblatt) wurde Hans Söhngen, Volksschullehrer und sogenannter „alter Kämpfer“ der Partei, der bis 1938 den Verein führte. Seine genaue Rolle zu bestimmen, lässt, so Historiker Aigner, die Quellenlage nicht zu. Es habe jedenfalls „keine radikale Politisierung des Vereins“ stattgefunden, eine „völkische Erziehung der Mitglieder“ ebenso wenig. Auch „umfassende antijüdische Maßnahmen“ seien nicht feststellbar. Bis zu Söhngens Ausscheiden hätten jüdische Mitglieder im Verein Sport getrieben. Eintracht sei kein NS-Vorzeige-Club geworden, sagte Maximilian Aigner, vielmehr müsse man von einer „Selbstgleichschaltung“ des Vereins sprechen.

Mit einer Doppelspitze begann Ende 1938 im Club eine neue Zeitrechnung. Zwei junge Männer traten an seine Spitze: der erfolgreiche Fußballer und ex-Nationalspieler Rudolf „Rudi“ Gramlich und der international bekannte Leichtathlet und mehrfache Olympia-Teilnehmer, Adolf Metzner. Gramlich war bis 1937 nicht als exponierter NS-Anhänger aufgefallen, wie im übrigen keiner der aktiven Eintracht-Spieler – ganz anders als die Mannschaft von Schalke 04, die sich aus glühenden NS-Anhängern zusammensetzte.

Adolf Metzners Verhältnis zum Regime lässt sich, so Maximilian Aigner, besser bestimmen, da er regelmäßig in Sportzeitschriften schrieb, wo er als Propagandist im Dienst des Regimes die „Leibesübungen als urdeutsches nordisches Ideal“ feierte, „Sport ist nordisch“ formulierte und den „Sport im deutschen Volkstum verwurzeln“ wollte. Folgerichtig, dass Metzner Partei- wie SS-Mitglied und Aktivist der SS-Sportgemeinschaft wurde. Wie auch Rudolf Gramlich. Profiteur der Arisierung, nutzte Gramlich die Gelegenheit, die Lederfabrik einer jüdischen Familie zu übernehmen, deren Inhaber deportiert und ermordet wurde. Als Mitte 1939, zum 40. Vereinsjubiläum von Eintracht, eine Festschrift erschien, waren darin ohne Ausnahme alle jüdischen Mitglieder gelöscht. Wie der Referent betonte, ohne staatliche Anweisung. In vorauseilendem Gehorsam. Ein Jahr später wurde in die neue Satzung – ebenso freiwillig – ein sogenannter Arier-Paragraph aufgenommen, der bestimmte, Jüdinnen und Juden auszuschließen. Mit Kriegsbeginn wurden Gramlich und Metzner zur Waffen-SS eingezogen. Metzner, inzwischen Mediziner, arbeitete in Lazaretten hinter der Front, in Posen, Berlin und Wien, ohne dass darüber Näheres zu finden sei. Zu Gramlichs Einsatz in Krakau (bei der 8. Totenkopf-Standarte) tauchte nach Kriegsende ein Foto auf, das ihn, Gewehr im Anschlag, bei einer Razzia zeigt: Beteiligung an SS-Verbrechen. Auch zu seiner Teilnahme am sogenannten Bandenkrieg, dem Vernichtungsfeldzug gegen polnische, russische und jüdische Partisanen gebe es Nachweise, so Aigner. Beide ex-Eintracht-Funktionäre setzten, nach 1945 kurz in alliierter Haft, ihre Karrieren fort. Vor Spruchkammern als „Mitläufer“ bzw. „minderbelastet“ eingestuft. Metzner leitete das Hamburger Institut für Leibesübungen, und Metzner leitete auch das Sport-Ressort der Wochenzeitung „Die Zeit“. Als Vorsitzender des Vereins, nicht mehr als „Vereinsführer“, blieb Gramlich „der Eintracht eng und vielfach verbunden“, bis 1970. Die Publikation von 2007, „Wir sind die Juddebube“, aus dem vereinseigenen Museum hervorgegangen, zerstörte seinen Status als Legende endgültig. Die „Ehrenpräsidentschaft“ wurde ihm 2020 aberkannt.

Maximilian Aigners erinnerungspolitische Neubewertung: eine heterogene Führungsriege habe den Frankfurter Club in den NS-Jahren repräsentiert, ob autoritär gestimmt, ob überzeugter Nazi, ob opportunistische Anpasser – fortgesetzt in der unpolitischen Gegenwelt des Sports als Narrativ der Nachkriegszeit. Ein Kapitel, unabgeschlossen.

Im letzten Vortrag just am Tag seines 80. Geburtstages trug Walter H. Pehle seine Würdigung von „Ernst Klee – ein Pionier der medizinischen Zeitgeschichte“ vor. Pehle erweiterte das Spektrum der Vorträge über NS-Aktivisten bzw. -Verbrecher bzw. über ihre Opfer um einen verdienstvollen Forscher. Der Frankfurter Journalist und Autor Ernst Klee hat sich zunächst mit Randgruppen wie Obdachlosen und Psychiatrie-Patienten in der BRD beschäftigt, wofür er scherzhaft zum „Behinderten-Papst“ ernannt wurde. Die bundesdeutsche Gesellschaft wurde aufmerksam auf die Lage von Behinderten – eines seiner Ziele hatte Klee erreicht. Fortan richtete er sein Interesse auf die Zeit vor 1945, auf den NS und seinen Umgang mit Behinderten (Stichwort ´Euthanasie`), wie auch von Häftlingen und Zwangsarbeitern. Klee recherchierte teils verdeckt, um die Praxis von Medizinern bei Menschen-Versuchen aufzudecken. Schließlich arbeitete er den Nationalsozialismus lexikalisch auf, indem er Namensverzeichnisse von Tätern wie Verbrechern u. a. im Bereich von Medizin oder Kultur erstellte.

Klee hat auf einem Gebiet geforscht und publiziert, das bis in die 80er Jahre durch hartnäckiges Leugnen, Karriere-Streben und publizistisches Desinteresse ein weißes Feld geblieben war. Dafür hatte das geringe Echo der Nürnberger Ärzte-Prozesse in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Grundlagen gelegt. Es waren Mediziner, teils Ordinarien, teils junge Ärzte, die sich im organisatorischen Kontext nahezu aller KZ mit Menschen-Versuchen in den Dienst des NS-Regimes gestellt hatten. Stichwort: „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Es waren dieselben, die in der Bundesrepublik, wie auch vereinzelt in der DDR, Karriere machten. Titel wie „Euthanasie im NS-Staat“ und „Nachkriegskarrieren“ (in der Schwarzen Reihe publiziert) wurden zu Standardwerken. Die Reaktionen auf den Außenseiter Klee, der – klassischerweise – in der Historiker-Zunft auf verbreitete Ablehnung stieß, erschütterten die bundesrepublikanische Öffentlichkeit. Indem er Namen nenne, gebe er „dem Unrecht ein Gesicht“, hieß es. Walter Pehle präsentierte Beispiele ärztlicher Tätigkeiten, zitierte Beschreibungen medizinischer Praxis, die ihn an den Rand seiner Fassung brachten. Wie den Fall des Mediziners Hans Joachim Deuticke, tätig im KZ Dachau, nach dem Krieg Professor in Göttingen, der mit Kampfstoffen an lebenden Häftlingen experimentierte. Aus Ernst Klees investigativem Journalismus entstanden Dokumentationen wie „Ärzte ohne Gewissen“ oder „Sichten und Vernichten“ über den „medizinischen Menschenverbrauch“ in der NS-Zeit. Statt Laborratten oder Versuchskaninchen wurden Menschen benutzt.

Buchcover: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer (Paul Klee)

Anno 1997, ein halbes Jahrhundert nach den Ärzte-Prozessen, publizierte er „Auschwitz – Die NS-Medizin und ihre Opfer“. Ein Grundlagenwerk, das – darauf, so Pehle, wolle er doch hinweisen – auf eine Auflage von 40.000 Exemplaren kam. Tenor: Ärzte als Verbrecher – Ärzte als Karrieristen, denen ihre Universitäten bescheinigten, sie hätten sich „ohne Tadel verhalten“. Wie die Freiburger Mediziner Kurt Plötner und Franz Büchner, letzerer hatte mit Unterkühlungs- bzw. Unterdruck-Experimenten im KZ Sachsenhausen seine Nachkriegs-Karriere unterfüttert. Gefördert vom Kaiser-Wilhelm-Institut (Vorgänger des Max-Planck-Instituts), wo medizinische Forschungseinrichtungen der Spitzen-Medizin angesiedelt war. Nicht zu vergessen Wehrmacht und SS. Über die Zahl der Opfer, die in die Tausende gehe, so Pehle, gebe es unterschiedliche Angaben. Die Dokumentenlage sei schwierig, weil das meiste verschwunden sei. Unzweifelhaft: daran beteiligt waren Hunderte von Medizinern und klinisches Personal. Ihre Namen finden sich bei Klee, der, so Pehle, ein Außenseiter im Wissenschaftsbetrieb gewesen sei. Dass er, neben vielen anderen Auszeichnungen, den Geschwister-Scholl-Preis bekam (für „Täter im Ärztekittel“), sei für ihn eine Genugtuung gewesen. Sein Laudator Ellis Huber nannte ihn „das Gewissen der deutschen Medizin, die er aufgerüttelt“ habe.

Die letzten Jahre seiner Forschungsarbeit widmete sich Ernst Klee, der 2013 starb, unter der Frage „Wer war was vor und nach 45?“ der lexikalischen Aufarbeitung. „Auschwitz, Täter, Gehilfen, Opfer – und was aus ihnen wurde“. An dem Ort, der zum Synonym des deutschen industriellen Massenmords wurde, fand er 7.000 Diensttuende – gegenüber einer Million Ermordeter. Für medizinische Menschenversuche im Vernichtungslager verantwortlich war Dr. Dr. Josef Mengele. Stichwort Zwillings-Forschung. Sein Vorgesetzter: Prof. Otmar Freiherr von Verschuer, während des NS Ordinarius an der Frankfurter Universität, bis zur Emeritierung dann an der Uni Münster, ein geachtetes Mitglied der Deutschen Forschungs-Gesellschaft/DFG. – Das letzte Werk Ernst Klees nannte die „Zeit“ „eine unerträgliche Lektüre“.

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erstellt am 14.2.2021
aktualisiert am 18.2.2021

Walter H. Pehle während eines Vortrages der Reihe „Eine Region und die Schuld“ im Februar 2021.

Walter H. Pehle
Während eines Vortrages der Reihe „Eine Region und die Schuld“ im Februar 2021.