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Nicht nur das Odenwald-Panorama weckt toskanische Assoziationen. Auch Darmstadt genießt den Ruf, südlicher zu sein, als es liegt. Besonders aber der Darmstädter Stadtteil Eberstadt gibt den Anschein, ein in das südhessische Land verpflanztes Stück Italien zu sein. Die literarische und fotografische Hommage an Darmstadts Toskana, „Dem Süden am nächsten: Eberstadt“ hat Bruno Laberthier das Herz erwärmt.

Eine Verneigung vor Eberstadt

Wo das italienische Darmstadt am italienischsten ist

Darmstadt, meinte Karl Krolow im Jahr 1965 (und er war damit nicht der erste), ist eine für mitteldeutsche Verhältnisse erstaunlich italienische Stadt: sonnenverwöhnt und sehr blau, auch wenn eine vom Dritten Reich erstverschuldete Luftkriegsnacht einen Schatten über seine heiteren Gefilden und Gemüter geworfen hatte. ‚Erstaunlich italienisch‘ kommt einem Komparativ gleich und will heißen: italienischer als andere Städte in Hessen und vielleicht Deutschland.

Den Komparativ toppt nur noch der Superlativ, das italienischste Darmstadt.

Mehr als ein zertifizierter Zeuge hat den Stadtteil Eberstadt, der seit 1937 zu Darmstadt gehört, zur italienischsten Flur Darmstadts erklärt: den mit dem toskanischsten Flair, der größten Ähnlichkeit mit Neapel und überhaupt dem Süden am nächsten: Kaiser Joseph II. hatte sich 1764 so geäußert, ein Wanderer ‚durch Bergstraße und Odenwald‘ im Jahr 1924 und kurz darauf der damalige Darmstädter Bürgermeister Uecker.

Dem Süden am nächsten

Mit Eberstadts ‚größten‘ Nähe zum Süden macht auch ein Text-und-Bild-Band im postkartengroßen und zwei Zentimeter dicken Format auf, der in der Edition Darmstadt erschienen ist.

Eingangs klippt Joachim Schmidt zusammen, woher Eberstadt kam und warum es so heißt, was es heute zu bieten hat und was nicht. Eine Erwähnung aus Jahr 782 ist bedeutend, denn sie belegt, dass Eberstadt älter ist als Darmstadt. Auf einen ‚ersten Blick‘ erfährt man außerdem, was es mit seinen Streuobstwiesen im Osten auf sich hat, mit den ‚hessischen Pinien‘ (sprich: Kiefern) auf einer Düne und einer bis fast an die Burg Frankenstein reichenden Ausgriffsbesiedlung mit Hochhäusern im Süden. Eberstadts Kern hat Einzelhandel und zu kommunalen Kleinoden konvertierte ehemalige Schmiedewerkstätten zu bieten, dazu ein Flüsschen namens Modau mit einer Quelle im Odenwald, der Mündung in den Rhein und einer bewegten menschengemachten Pendelgeschichte zwischen Verkanalisierung und Renaturierung zurück zum ursprünglichen Flussbett. Seit 1886 gibt es eine Straßenbahninfrastruktur. Diese verbindet die von einem lokalen Bauunternehmer, Gustav Guntrum, wesentlich mitinitiierte und vor allem mitgebaute Villenkolonie im Norden des Planeten Eberstadt mit seinem Fixstern Darmstadt.

Eberstadt an der Modau: Kleine Mangroven gehören mit zum Süden
aus: „Dem Süden am nächsten: Eberstadt“, Seite 174/175, Edition Darmstadt, Preface Book 2020
Fotos: Christoph Rau

Apropos Weltraum, einen Asteroiden mit Namen Eberstadt gibt es auch; sein Entdecker Uwe Süßenberger hat ihn 2015 nach dem Ort benannt, in dem er seine Jugend verbrachte.

Nach dem ersten der zweite Blick

Der ‚zweite Blick‘ ist weniger toll. Dem Gewachsenen und Erhaltenen an die Seite tritt das Weggeschleifte und das trotz erwiesener Untauglichkeit Erhaltene: ‚Bloß nicht die eichenholzgetäfelte, dunkel-geschichtswabernde braune Vergangenheit hinter sich lassen‘. Der Band legt auch den Finger in städtebauliche Wunden und macht aufmerksam auf begangene oder nur knapp verhinderte Unterlassungssünden, was ihm eine außergewöhnliche Aufrichtigkeit verleiht. Eine Lobpreisungspublikation ist Dem Süden am nächsten: Eberstadt fraglos nicht.

Beschrieben wird, wie Fachwerkhäuser wichen (oder in den frühen 1970er Jahren ‚gewichen wurden‘), um Neubauten Platz zu machen, in denen Sonnenstudios und andere Gewerbe der Gegenwart Einzug gehalten haben. An Denkmalschutz und der Erhaltung von Gebäuden mit dem Qualitätssiegel Goethe was here oder – ernsthafter – der Rekonstruktion von Synagogen nach 1938 waren offenbar nicht alle interessiert.

240 Seiten Fotos

Auf den kritischen zweiten Blick, der Fassaden als Zeugen von längst kollektivmemorial Verschüttetem hervorholt oder die Eberstädter Freibadhistorie aufrollt, folgt die Bebilderung.

Christoph Rau werden 240 Seiten Raum eingeräumt, um Impressionen aus Darmstadts Gegenwartssüden einzufangen. Die lange Fotostrecke gelingt kongenial zu den Ausführungen Joachim Schmidts. Seine Bilder nehmen Kleinode auf, die sich in Eberstadt erhalten haben. Die Kamera spricht aus besonderen und besonders kleinen und unscheinbaren, deswegen umso wuchtigeren Perspektiven: die ‚Pizzeria Capri‘ und die ‚Haarfabrik‘ in der Tradition-ohne-Tradition von Gewerben der Gegenwart an der Wartehalle; natürlich die Streuobstwiesen; die typischen Einfamilienhäuser mit ihren kleinen zwei Geschossen und der giebelständigen Bauweise; Kaffeehäuser und kleine wiederbelebte Weingärten, nach denen eine Straße heute immer noch heißt.

Die Streuobstwiesen im Osten von Eberstadt. Friede den Hütten und den Apfelbäumen
aus: „Dem Süden am nächsten: Eberstadt“, Seite 222/223, Edition Darmstadt, Preface Book 2020
Fotos: Christoph Rau

Eine schöne Komposition, Text und Bild greifen ineinander und erklären sich. Die Oberaufsicht über das Zusammenpassen von Skript (Joachim Schmidt) und Fotos (Kamera: Rau) führt souverän Gerd Ohlhauser.

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erstellt am 10.2.2021
aktualisiert am 11.2.2021

Edition Darmstadt, Gerd Ohlhauser (Hg.)
Dem Süden am nächsten. Eberstadt
Eine literarische und fotografische Hommage
an Darmstadts Toskana.
Skript : Joachim Schmidt
Kamera: Christoph Rau
Schnitt: Gerd Ohlhauser
Broschur, 360 Seiten
ISBN: 978-3-947428-12-0
Edition Darmstadt, Band 20
Preface Book, Darmstadt 2020

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