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Vielleicht hat niemand so gründlich seine Bosheit zur Grundlage seines literarischen Schaffens gemacht wie Thomas Bernhard. Gern war man bereit, sie der Abneigung des in den Niederlanden geborenen Österreichers gegen die Österreicher zuzuschreiben. In den Erinnerungen seines Halbbruders Peter Fabjan entspringt sie eher Kindheitserfahrungen, ist also weltumspannend. Martin Lüdke hat sich in den „Rapport“ eingelesen.

Lüdkes liederliche Liste

Im Schatten des großen Bruders

Peter Fabjan erzählt von seinem „Leben an der Seite von Thomas Bernhard“.

Peter Fabjan
Peter Fabjan

Ein kleines Buch erinnert an den großen Schriftsteller und Dramatiker Thomas Bernhard. Der hatte einmal zu seinen Geschwistern gesagt: „‚Ich will nicht, dass ihr beide‘ (gemeint waren wir Geschwister, also Susi und ich) ‚nach mir einmal über mich befragt werdet und was erzählt. Deshalb schreibe ich meine Autobiographie. Man weiß ja sonst nicht, woher das alles kommt.‘“ Fünf Bände sind das geworden. Kleine, überschaubare Bücher, die jeweils an einer einzelnen Episode so in die Tiefe bohren, dass ein breites Panorama dieses Leben entstanden ist. Weltliteratur, beständiger, leichter lesbar als viele seiner großen, bedeutenden, aber nicht durchwegs einfach erschließbaren Romane.

Dr. Peter Fabjan, ein Internist, der sieben Jahre jüngere Halbbruder von Thomas Bernhard und in dessen letzten Jahren sein Leibarzt, Krankenpfleger und Mädchen für alles, meint nun – allerdings zurecht – dass er, der gern „der liebe Bruder“ genannt wurde, doch „etwas zum Woher“ beitragen könne. Fabjan will nicht in Konkurrenz zu seinem Bruder treten. Ohne literarischen Ehrgeiz beschreibt er ein Leben an dessen Seite. Was er alles aushalten musste an Kränkungen, Beleidigungen, was er alles schlucken musste, das verschweigt er so gut und so oft wie möglich. Dass er sich über die testamentarischen Verfügungen seines Bruders aufgrund des (berechtigten) Drucks von Siegfried Unseld, dem Verleger, und mit dessen (winkel-advokatisch gestützten) Hilfe hinwegsetzen musste, ist der Boshaftigkeit von Thomas Bernhard geschuldet. Denn Thomas Bernhard hatte sich offenbar vorgestellt, dass er schon im Sarg anfangen könne zu kichern, wenn sich alle Welt über seine testamentarischen Verfügungen empört. Im Kern: Sein ganzes dramatisches Werk soll für Österreich voll und ganz gesperrt werden; auch sonst Schikanen über Schikanen. Er hatte die Rechnung allerdings ohne Wirt gemacht. Der hieß Siegfried Unseld.

Die Größe dieses Verlegers, der einen kleinen, aber weiß Gott nicht unbedeutenden Verlag, u. a. mit Brecht und Hermann Hesse als Autoren, von Peter Suhrkamp übernommen und zu dem bedeutendsten Unternehmen der alten Bundesrepublik gemacht hatte; seine Größe als Verleger zeigt sich an dem Programm, in dem Literatur der Moderne von Beckett bis Bernhard, auf die Theorie der Moderne, von Wittgenstein und Adorno bis zu Luhmann und Habermas, traf. Seine Größe als Verleger zeigt sich mehr noch daran, dass er die Einsicht seines Mentors und Vorgängers Peter Suhrkamp bis an sein Ende ernst genommen hat, nämlich die, dass die Autoren „turmhoch“ über ihnen, ihren Verlegern, stehen. Seine Größe als Verleger zeigt sich aber vor allem darin, dass er Thomas Bernhard nicht erschossen hat.

In den vorausgegangenen Briefwechseln mit Peter Weiss, Max Frisch und, in Geldsachen und der Kunst des Schnorrens nicht zu übertreffen, mit Wolfgang Koeppen hat sich Unseld bereits als fürsorglicher Seelentröster, sensibler Beschützer und, besonders im Fall Koeppen, als Goldesel erwiesen. Aber das waren, mit Thomas Bernhard verglichen, unschuldige Waisenkinder.

Thomas Bernhard (1931-1989), im Jahr 1986
Thomas Bernhard (1931-1989)

Die Korrespondenz zwischen Bernhard und seinem Verleger zeigt ein Psycho-Drama, das sich immer wieder in eine Tragödie verwandelt. Der Einsatz ist hoch, auf beiden Seiten. Bernhard spielt hier, zwar pathetisch, aber nicht übertrieben gesagt, um sein Leben. (Anders als mit seiner Familie, wo er vorneherein immer der Stärkere war und, wie er glaubte, nichts zu verlieren hatte.) Er darf nicht verlieren. Er kann nicht gewinnen. Dieser Kampf kannte kein Ende, noch über Bernhards Tod hinaus, als sein Bruder, Peter Fabjan, ins Feld geschickt wurde. Es ging Bernhard nicht primär um die Erfüllung seiner teilweise absurden Forderungen, sondern um – Anerkennung. Und, um die Boshaftigkeit, die Bernhard sein Leben lang ausgezeichnet hat, nicht zu vergessen, auch um – Rache. Die Umstände von Bernhards Geburt in Holland, seine ersten Monate auf einem Schiff, einer Art Kinderkrippe, waren wohl längst nicht so spaßig, wie sie Bernhard später beschrieben hat. Fabjan dazu:

„In einem ihrer Briefe schrieb seine Mutter, sie fühle, dass das wenige Monate alte Kind – sie hatte es, um für ihren Vater Geld verdienen zu können, in ein Pflegeheim gegeben – sie ‚vorwurfsvoll’ ansehe, wenn sie es besuche. In dem Heim gab es die Regel, der Mutter das Kind einmal wöchentlich zwar zu zeigen, doch in die Arme durfte sie es nicht nehmen, so sollte das lästige Weinen nach der Trennung vermieden werden.“

Solche Episoden bedürfen keiner (küchen-)psychologischen Deutung. Die Suche nach den Gründen von Bernhards ‚angeborener’ Boshaftigkeit erübrigen sich ebenfalls.

Bernhard hat seine Lebens-Geschichte in fünf Bänden einer unvergleichlichen Autobiographie selbst beschrieben. Und zwar so verdichtet, dass im Grunde schon fünf einzelne Episoden ausreichen, um ein breites Panorama seines Lebens zu zeichnen. Damit, so sagte er seinem Bruder, habe er verhindert, dass ihm andere sein Leben später einmal enteignen. Denn in der Tat ist damit ‚alles’ gesagt.

Sein „Leben an der Seite von Thomas Bernhard“, das uns der Stiefbruder Peter Fabjan in einem „Rapport“ genannten Bericht präsentiert, bleibt ein Leben im Schatten des Bruders. Kränkungen, Demütigungen eingeschlossen. So schreibt Fabjan:

„Ich finde Thomas in Gesellschaft von Marianne Hoppe, die gerne die kleine Arena von Ronda sehen will. Also fahre ich die beiden im Leihwagen hin. Bei einem Abendessen beobachte ich, wieder einmal zum Chauffeur geworden, vom Nebentisch aus ein überaus herzliches Gespräch“.

Die Geschwister haben in Bernhards letzten Lebensjahren dessen aktuellen Gesundheitszustand immer an seiner Laune ablesen können. So schreibt Fabjan von einer „lebensbedrohlichen Situation“, die den Bruder ins Krankenhaus brachte. „Susi besucht Thomas täglich und findet einen dankbaren Bruder vor. Er erholt sich nur langsam. Als seine Unleidlichkeit wieder zum Vorschein kommt, sind wir beruhigt.“

Fabjans „Rapport“ enthält nicht nur eine Aufstellung der Liegenschaften, einen Abriss der eigenen Lebensstationen, eine Beschreibung der Organisation des Erbes, sondern auch eine „Krankengeschichte“ des Bruders „in groben Teilstationen“, die mit der nassen Rippenfellentzündung von 1948/49 beginnt. 1978 wurde bei Bernhard, Fabjan ist schließlich Internist, eine „Sarkoidoese im fortgeschrittenen Stadium dilatativer Kardiomyopathie“ (Herzerweiterung …) festgestellt. Eine Herztransplantation wird erwogen, aber von Bernhard schließlich abgelehnt. Am 12. Februar 1989 stirbt Thomas Bernhard an Herzversagen.

Ein Stinkstiefel und ein großer Autor. Als was er in Erinnerung bleiben wird, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Auch das zeigen die Erinnerungen seines Bruders.

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erstellt am 08.2.2021
aktualisiert am 02.3.2021

Peter Fabjan
Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard
Ein Rapport
Gebunden, 195 Seiten
ISBN: 978-3-518-42947-1
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021

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