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Nachdem Derek Jarman 1991 seinen Film „Edward II“ nach einem Drama von Christopher Marlowe fertigstellen konnte, wurde das Werk im folgenden Jahr in Venedig für den Goldenen Löwen nominiert. Heute gilt es als Schlüsselwerk des New Queer Cinema. 1992 sprach Marli Feldvoß auf der Berlinale mit dem Regisseur, der 1994 starb.

Derek Jarman im Gespräch mit Marli Feldvoß zu seinem Film »Edward II«

Der Schwarzmaler

Marli Feldvoß: Warum sind Sie erst so spät auf Christopher Marlowes homosexuelles Bekenntnisdrama „The Troublesome Raigne and Lamentable Death of Edward the Second, King of England” (1594) gestoßen?(*)

Derek Jarman: Ich habe das Stück 1962 zum ersten Mal gelesen, mit zwanzig. Habe es damals aber sicher nicht richtig verstanden. Es gab auch gar keine Sprache, um es zu analysieren. Ich bin ganz froh, dass es so lange gedauert hat. Als ich „The Tempest“ (1979) drehte, war das ein halbwegs gelungener erster Versuch, ein Shakespeare-Stück auf die Leinwand zu übertragen. Meine noch mangelhaften Kino-Kenntnisse darf man dabei nicht vergessen. „Edward“ kommt gerade zur rechten Zeit. Eigentlich war schon einmal nach „Caravaggio“ (1986) die Rede davon. Aber dann kam die BBC mit dem Thema auf mich zu. Viele meiner Arbeiten wurden mir von anderen Leuten vorgeschlagen, ich habe wenig Selbst-Motivation.

„The Tempest“ ist im Vergleich viel impressionistischer …

„The Tempest“ war eine besonders bescheidene Low-Budget-Produktion, auf 16mm-Film gedreht, was vielleicht zu einer gewissen Weitschweifigkeit verführte. Bei Marlowe blieben wir hingegen sehr eng am Text. Uns fielen bald die ungewöhnlichen Parallelen und Echos auf, die der Text auslöste. Da findet man Formulierungen wie „in the closet of my heart“, die heute in der sexuellen Diskussion hoch aktuell sind. Das machte die Adaptation des Textes besonders spannend, aber ich habe nur ein Drittel des Marlowe-Textes verwendet, auch der Schluss ist verändert.

Aber Sie haben doch die Struktur des Marlowe-Stücks beibehalten …

Ja, wir sind im Wesentlichen dem Stück gefolgt, ich habe allerdings die Gefängnis-Szenen auf den ganzen Film verteilt. Sie stehen ursprünglich am Ende. Wir haben auch einzelne Zeilen anderen Sprechern zugeordnet. Da ist allerhand umgestellt. Teilweise haben wir archaische oder veraltete Begriffe modernisiert. „Poignard“ wird zu „knife“. Tilda hat in ihrem Satz: „Is it not strange that he is thus bewitched?“ das Wort „strange“ gegen „queer“ ausgetauscht, um die doppelte Bedeutung hervorzuheben.

Tilda Swinton soll ja viele der Kostüme (für die Rolle der Isabella) beigesteuert haben.

Das stimmt. Tilda hat alle Kostüme mitgebracht und die Interpretation gleich mitgeliefert, worüber wir dann diskutiert haben. Ich bin nicht mehr so auf dem Laufenden, was modern ist und wo man einkaufen geht, aber Tilda weiß das natürlich. Sie hat das also besorgt und überraschte uns jeden Morgen am Set mit einer neuen extravaganten Kreation, und wir haben gelacht und geklatscht. Sie hat ihnen auch Namen gegeben. Das ist Ivana Trump, das ist Imelda Marcos, das ist Grace Kelly …

Im Grunde soll diese Isabella an Elizabeth II erinnern, oder?

Sie ist ein modernes Mitglied der königlichen Familie, nicht unbedingt Elizabeth II, die gehört schon zu einer anderen Generation. Isabella gehört eindeutig zur Generation von Lady Diana. Tilda ging mit ihr zur Schule – sie weiß also, was sie tut. Aber diese Isabella ist überhaupt sehr interessant. Wir durften Marlowes Vorlage ja nicht ganz außer Acht lassen – bei dem mittelalterlichen Chauvi kommt sie nicht so gut weg. Ich habe ihre Haushaltsbücher studiert, die wieder aufgelegt wurden. Man kriegt eine ganz gute Vorstellung von einer Person, wenn man weiß, wie sie jeden Monat ihr Geld ausgegeben hat.

Ich habe auch an ihren Film „Jubilee“ (1977) gedacht, der mit Elizabeth I anfängt, die ihren Propheten John Dee nach der Zukunft befragt. Und Sie zeigen dann die apokalyptischen Zustände von heute – besteht da ein Zusammenhang?

Es gibt Verbindungen zu allen Filmen. Von der Sängerin Elizabeth Welch, die am Ende von „The Tempest “ als Göttin auftritt und „Stormy Weather“ singt bis zu meiner ständigen Beschäftigung mit der Renaissance. Aber das bin – zu einem gewissen Grade – nicht wirklich ich. Dabei spielt eine Rolle, dass es so leichter ist, Geld für Filme aufzutreiben. Die BBC finanziert lieber einen Film über „Edward“ von Christopher Marlowe als einen Film über „Edward“ von Derek Jarman. Ich hätte den Film ganz anders geschrieben.

Im Ernst?

Filmplakat „Edward II“, Regie Derek Jarman
Filmplakat „Edward II“, Regie Derek Jarman

Ja, sicher. Wir wissen doch heute viel mehr über diese Zeit als Marlowe. Und da gibt es Elemente, die mich besonders interessiert hätten. Im Film, den ich gemacht hätte, hätte König Edward I die Beziehung seines Sohnes zu Gaveston arrangiert, was er tatsächlich getan hat. Und als die beiden so 15, 16 Jahre alt waren – Gaveston war ein Jahr älter als Edward – haben sie sich ineinander verliebt. Gaveston war auch ein ganz anderer Typ als bei Marlowe. Er war ein strahlender junger Athlet. Er erhielt die Grafschaft von Cornwall zum Geschenk, was im Mittelalter nicht ungewöhnlich war. Isabella trat erst auf den Plan, als diese Beziehung schon zehn Jahre alt war.

Sie heiratete also in eine schon bestehende Beziehung hinein. Kein Wunder, dass es da Probleme gab. Ich hätte gezeigt, wie sich das entwickelt. Das fehlt bei Marlowe. Damals sind unglaubliche Dinge passiert: Zum Beispiel hat Edward bei der Hochzeitsfeier Isabellas Tagebuch und ihre Juwelen an Gaveston verschenkt. Das ist wirklich extrem – a shocking scene! Das könnte aus „Iwan, dem Schrecklichen“ stammen. Man hätte viel mehr über die Problematik von dynastischen Heiraten zeigen können.

Sie haben das aber alles weggelassen – wegen des Auftraggebers?

Sagen wir es einmal so. Wenn man, so wie ich, Filme über Homosexualität drehen will, ist das alles sehr schwierig. Wo sind die deutschen Filmemacher, die so etwas gemacht haben – ich spreche vom Spielfilm – wo die Franzosen, die Amerikaner? Die Antwort heißt, dass es in anderen Kulturen überhaupt nicht möglich war. Und bei uns war es hart an der Grenze. Eine Möglichkeit, überhaupt darüber zu sprechen, war der Weg in die Vergangenheit. Man konnte sich also einen klassischen Text wie den von Marlowe vornehmen und wurde dafür von der BBC gefördert. Einen Film über den wirklichen Edward II zu machen, ist hingegen noch immer unmöglich. Es ist leichter, einen Film wie „The Angelic Conversation“ (1985) über Shakespeares Sonnette zu drehen als einen Film, der im London von 1984 spielt. Das war für mich kein Problem, weil ich mit Literatur und Kunst aufgewachsen bin, es war ein Teil von mir. Aber man ist immer unter Druck! Heute kann man lange nach den „Liberalen“ suchen. Sie sind weder rechts noch links. Sexualpolitik ist heute kein leichtes Geschäft mehr in Großbritannien, die Parteien wollen damit nichts zu tun haben. Dabei ist die Labour Party mehr zu tadeln als die Tories, weil man von ihr erwartet hätte, dass sie sich um diese Themen kümmert. Deshalb bietet „Edward“ eine Plattform, über diese Dinge zu sprechen. Ansonsten bleibt das weite Feld des Aktivismus.(**)

Sie behaupten, dass es im Film – aus kinematographischen Gründen – viel wilder zugehe als im wirklichen Leben. Ich finde Ihren „Edward“ jedoch weniger gewalttätig als frühere Filme …

Ich finde alle meine Filme nicht besonders gewalttätig. Wenn darin Gewalt vorkommt, hängt es mit der Renaissance-Tragödie zusammen. Tut mir leid, aber da werden nun mal alle umgebracht. Man muss sich nur entscheiden, wie. Schusswaffen kamen nicht in Frage, das war für uns zu teuer. Deshalb mussten sich alle erdrosseln. Das löst beim Zuschauen unangenehme Gefühle aus – ganz anders als eine abstrakte Vernichtungsmaschine à la „Terminator“. Schießen hat keine derartige Wirkung. Vielleicht erinnern die Zuschauer deshalb meine Filme als besonders gewalttätig. Für einen „gewalttätigen“ Film geht es in „Edward“ doch ziemlich humorvoll zu. Es reizt doch eher zum Lachen, wenn Isabella ihrem Schwager Kent die Halsschlagader durchbeißt.

Leitmotive des Films sind Liebe und Tod. Das vermittelt sich schon allein über die Farbgebung. Viele Szenen spielen im Dunkeln, in einer Art Kerker, mit einem Feuerschein auf rotem Hintergrund. Rot und schwarz. Aber die Stimmung ist versöhnlich, selbst in der Todesszene, die als Traum gezeigt wird. Alles ist sehr ambivalent.

Das sehe ich auch so. Es ist so im Original. Man kann den Tod bei Marlowe nur in Verbindung mit Sexualität lesen. Ich wollte das durchbrechen, weil es mir zu negativ war. Ich habe dem Film deshalb drei Schlüsse gegeben.

Trailer zum Film „Edward II“ (1991).
Regie: Derek Jarman. Mit Tilda Swinton, Steven Waddington u. a.

Und wo bleibt die Liebe?

Die Liebe ist nicht sakrosankt in diesem Film. Man kann von Gaveston nicht behaupten, dass er ein netter Kerl sei. Aber die Leute verlieben sich in Personen, die man nicht mag. Das passiert ja auch im wirklichen Leben. Man muss es respektieren. Das tut der Film auch. Man kann nicht alle sympathisch machen. Sie sind besser als Monster, das ist auch besser für die Tragödie.

Die Botschaft des Films lautet doch: es gibt kein Glück, Ihr werdet nie im Paradies landen!

„Edward“ ist genau der richtige Film für die heutige Zeit! Ich höre immer wieder: Deine Filme haben so viel Paranoia, Derek. Die Antwort ist: Ja, das haben sie, das ist die Zeit, in der ich gelebt habe. Das heißt aber nicht, dass es immer so sein wird. Es kommt eine neue Generation, die das Thema weitertreiben wird.

Das erinnert mich an das Ende von „Edward II“: „Come death and with thy fingers close my eyes. Or if I live, let me forget myself.” Komm’ Tod und schließe meine Augen. Aber sollte ich leben, dann will ich mich vergessen. Das ist ein großer letzter Satz.

Der so viel heißen soll wie: „Aber sollte ich leben, dann will ich nicht in diesem grauenvollen Kerker vor mich hinvegetieren.“ Das ist ziemlich optimistisch. Alle meine Filme hatten optimistische Schlüsse. Und mögen sie noch so pessimistisch aussehen, war es doch unglaublich optimistisch, sie überhaupt machen zu können. Es ist falsch zu sagen, dass Filme eine Geschichte erzählen sollen. Sie sind ihre eigene Geschichte. Deshalb kann der pessimistischste Film das optimistischste Bekenntnis ablegen. Goyas schwarze Bilder zum Beispiel – die sind nicht negativ. Sie haben eine außergewöhnliche Wirkung, sie versetzen ihre ganze Umgebung ins Licht. Ich bin als Filmemacher ein Schwarzmaler, aber die besten Menschen sind eben Schwarzmaler. Wenn ich immer diese Optimisten höre: Du musst optimistisch sein! Worauf wollen die eigentlich hinaus? Optimismus ist etwas, das unter so einem wie Stalin gedeiht. In Wirklichkeit ist es ganz anders.

Sie treten in Ihren Filmen oft mit einem Alter ego auf. Gibt es eins in „Edward II“?

Ich glaube nicht. Jeder kommt und fragt: Wo bist Du, Derek? Und ich antworte immer: Gott im Himmel, ich bin nirgendwo! Ich bin nur der Puppenspieler, der die Fäden zieht. Mein Leben ist viel aufregender als „das“! (lacht) Ich werde doch keine Selbstporträts entwerfen, ich bin nicht eitel.

Es gibt auch immer wieder eine Person, die träumt, oder der ganze Film ist als Traum angelegt …

Das ist eine Struktur, die von den Traumallegorien aus dem Mittelalter stammt. Furchtbar altmodisch. Und weil man zu wenig Geld hat, übernimmt man selbst die Erzählerrolle und führt durch den Film. „The Garden“ und „The Last of England“ sind so gemacht. Das Traumelement kommt immer wieder vor. „Edward“ träumt den Film aus dem Gefängnis heraus. Prospero träumt in „The Tempest“. Und die Uhr schlägt in „Angelic Conversation“, um in eine andere Dimension zu führen. Elizabeth träumt „Jubilee“. Niemand träumt „Sebastiane“, weil es ein einziges Desaster ist, nur die Liebesszene in der Mitte ist großartig.

Sind Sie es, der am Ende von „The Tempest“ sagt: „We’re such stuff/As dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep.“?

Ich erinnere mich nicht so gut an „The Tempest“. Vielleicht war ich „The Tempest“, als ich ihn gemacht habe, aber jetzt ist es vorbei. Alles kommt zu seiner Zeit im Leben. Mir gefällt die Idee, dass alles wieder auseinanderfällt. Ich würde nichts zertrümmern, aber ich wünschte, meine Filme wären alle wieder auseinandergefallen. Wir sind so ans Museum gefesselt. Mir fallen gerade die Statuen ein, die ich in Sanssouci gesehen habe, alle sind in kleine Holzkästen verpackt, dass der Frost sie nicht erwischt. Soll sie doch der Frost erwischen! Ich war heute in dem leergefegten Schloss und dachte so bei mir, wie fantastisch es wäre, hier zu einer Teegesellschaft zu laden. Ich finde es ganz nett, wenn es ein bisschen bröckelt und auseinanderfällt. Ich habe den schrecklichen Verdacht, dass all diese Statuen wieder vergoldet werden, dass man davon schier geblendet wird. Das nenne ich Rokoko-Vulgarität.

Anmerkungen

(*) Christopher Marlowes „Edward II“ ist das erste Werk in englischer Sprache, das Homosexualität thematisiert.
(**) Im Frühjahr 1988 wurde die Clause 28 erlassen, ein Erlass, der die offene Thematisierung von Homosexualität in öffentlichen Einrichtungen in Großbritannien verbietet. Derek Jarman wurde damals in Filmkreisen als eine Art Wortführer der Schwulenbewegung angesehen. Er war kurz vor dem Filmstart von „Edward II“ bei einer gewaltlosen Demonstration festgenommen worden.

Das Gespräch wurde am 17.2.1992 auf der Berlinale für einen Fernsehbeitrag auf Englisch geführt. Das Interview im vollen Wortlaut ist unveröffentlicht.

Derek Jarman drehte im Jahr 1993 noch zwei Filme, den Spielfilm „Wittgenstein“ und – schon fast erblindet – seinen zwölften und letzten autobiografisch geprägten Filmessay „Blue“, der nur eine monochrome blaue Leinwand zeigt. Er starb 1994 an AIDS. Das Interview mit dem Schwerkranken fand im Hotel Savoy in Berlin statt, am Schluss waren wir beide sehr gerührt. Es war ein Abschied für immer. Ich ließ das Band laufen, während das Kamerateam drehte. Der Beitrag über „Edward II“ lief in den Kinostarts (HR).
[Marli Feldvoß]

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erstellt am 07.2.2021
aktualisiert am 08.2.2021

Derek Jarman (1991). Foto: Gorup de Besanez – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31164103

Derek Jarman (1991)
Foto: Gorup de Besanez – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31164103