Banner, 120 x 600, mit Claim
Corona Culture Talks

Wer schreibt, gestaltet, komponiert oder musiziert, arbeitet allein und steht dennoch, ob er will oder nicht, im stetigen Austausch mit anderen Menschen. Die pandemische Gefahr hat das Leben von Künstler:innen so eingeschränkt, dass es ihre Existenz bedroht oder ihr Schaffen verändert. In der Reihe CORONA CULTURE TALKS werden sie zu ihrer Situation und ihrer persönlichen Erfahrung mit der Corona-Krise befragt.

Seit Anfang März 2020 befindet sich die Jazz- und Popband Evas Apfel aus Frankfurt am Main im Lockdown. Wie es ihnen damit geht, was das Auftrittsverbot mit ihrer Kreativität macht und warum es wichtig ist, dass bekannte Musiker wie Till Brönner die Politik aufmischen, dazu antwortet Schlagzeugerin Imogen Gleichauf, Bandmitglied der ersten Stunde.

Corona Culture Talks: Die Frankfurter Band »Evas Apfel«

»Konzerte im Freien planen«

Faust Kultur: Was waren deine ersten Gedanken/Empfindungen nach Bekanntgabe des Lockdowns Anfang März 2020?

Imogen Gleichauf: Zu Beginn dachte ich, das ist nur eine kurze Phase. Wir wohnen direkt am Jüdischen Friedhof, wenn die Zeit es mir erlaubte, bin ich dort spazieren gegangen, habe versucht, die Situation zu begreifen. Ich habe viele Stunden und Tage vor dem Rechner verbracht, Buchungen mehrere Male verschoben, obwohl sie dann doch meistens abgesagt wurden. Das war und ist extrem viel Arbeit, die nichts abwirft. Die Unsicherheit darüber, welche Konzerte genau abgesagt werden würden, war anstrengend zu ertragen. Erst war da die Hoffnung, dass dieses eine Konzert oder diese eine gebuchte Hochzeit wohl stattfinden würde, dann die kurzfristige Absage. Mir wäre es leichter gefallen, mit der Situation umzugehen, wenn ich direkt erfahren hätte, was noch stattfinden darf und was nicht.

Welche Pläne hattet ihr ursprünglich für 2020?

Auf das besondere Jahr 2020 (Jubiläum der 1920er Jahre) hatten wir uns schon mehrere Jahre vorbereitet. Wir haben uns extra für das Jubiläum auf die Musik der 20er Jahre spezialisiert, alte Hits arrangiert, aber auch moderne Songs im 20er Stil geprobt. Dass uns wie vor 100 Jahren ein Crash erwartet, war nicht geplant … Für das Jubiläumsjahr hatten wir Musikvideos und Aufnahmen im Stil der 20er Jahre gemacht, mit allem was dazugehört, also auch dem passenden Outfit. Es standen bereits zahlreiche Engagements zu diesem Thema fest und fast täglich erhielten wir Anfragen, zusätzlich zu den üblichen Hochzeiten und Firmenevents. Januar und Februar 2020 hatten wir schon einige Gigs gespielt, ungewöhnlich für diese Monate. Das Jahr hatte gut begonnen!

Wo fanden die Drehs zu den Musikvideos statt?

Die Videodrehs fanden im Logenhaus-Frankfurt (besondere 20er Jahre Location), in der Oberurseler Altstadt mit 20er Jahre Oldtimer und auf Teneriffa statt.

„Evas Apfel“ spielt Jazzhits der 1920er Jahre – und andere …

Wie wirkt sich das Herunterfahren der gesamten Kulturbranche auf euch aus? Oder: Braucht ihr künstlerischen Input von außen, um eigene Ideen zu entwickeln?

Ich persönlich brauche keinen vermittelten Input von außen. Inspiriert werde ich automatisch, schon allein durch das Leben, dadurch, dass ich existiere. Kraft, um meine künstlerischen Ideen umzusetzen, erhalte ich allerdings auch durch Kunst, die sich von der Musikbranche unterscheidet, also aus anderen Bereichen. Wenn ich zum Beispiel ein gutes Theaterstück besuche, dann merke ich, wie die darstellerische Leidenschaft auf mich überspringt, meiner „Künstlerinnenseele“ guttut und mir Kraft für eigene Projekte gibt.

Eine Pandemie ist für euch praktisch ein Arbeitsverbot, bzw. zumindest ein Auftrittsverbot. Machen euch Verbote kreativ oder unkreativ?

Als Musikerin musst du kreativ sein, das macht den Job aus. Das ist jetzt seit März allerdings eine Situation, die lähmen könnte, weil sie Kreativität von uns fordert, die (auch) aus der Not heraus geboren wurde. Gelähmt hat die Krise uns zum Glück nicht. Nehmen wir das Beispiel Corona-Konzerte in Altenheimen: Wir mussten uns überlegen, wie wir auftreten können, ohne andere Menschen zu gefährden. Wegen der Pandemie konnten wir nur noch draußen spielen, so kamen wir auf die Idee, vor den Balkonen von Pflegeeinrichtungen und in den Außenbereichen als „walking act“ aufzutreten. Wir haben ca. 400 Seniorenheime in Frankfurt und Umgebung angeschrieben. Zurückgemeldet haben sich 8–10, mit zweien, u. a. der Budge-Stiftung in Bergen-Enkheim, sind regelmäßige Gigs zustande gekommen. Bei diesen Konzerten ist das besondere, dass wir keinen Strom brauchen, weil wir die Technik am Körper tragen. So können wir auch Abstand wahren, was teilweise nötig war. Manche rüstigen, tanzbegeisterten HeimbewohnerInnen, sind uns gerne etwas nähergekommen. Dabei sind tolle Begegnungen entstanden, die wir zu normalen Zeiten nicht gehabt hätten. Ein Herr hat z. B. auf dem Balkon mit seiner Geige mitgespielt und danach dieses Erlebnis in einem Bericht der Hauszeitung festgehalten, ein anderer trommelte immer auf seinem Rollator mit. Andere erzählten von ihren Kriegserlebnissen, an die sie durch das Lied Lili Marleen erinnert wurden.

Corona-Konzerte vor Seniorenwohnheimen (2020)

Wie stark sind eure finanziellen Ängste seit der Pandemie?

Die Hilflosigkeit der Situation gegenüber ist beängstigend. Du darfst nicht arbeiten und bekommst kaum Entschädigung dafür. Stattdessen müssen wir unser Erspartes angreifen, das wir in den letzten Jahren durch viele Auftritte für die Rente zurückgelegt haben. Es gibt für KünstlerInnen kein Arbeitslosengeld, sondern direkt Hartz 4. Wer vorsorglich Geld – z. B. für die Rente – in den letzten Jahren ansparen konnte, muss diese Ersparnisse, die über einen Fixbetrag hinausgehen, erst aufbrauchen, bevor er Anspruch auf Hartz 4 hat.

Was ist mit der Soforthilfe?

Die Soforthilfe gilt nur für Betriebsausgaben. Als „Soloselbständige“ habe ich keine regelmäßigen, großen Fixkosten. Wir sind, wie viele andere KünstlerInnen, durchs Raster gefallen.

Fühlt ihr euch auf irgendeine Weise vom Staat unterstützt?

Ich habe den Eindruck, dass er die Lebensrealität der KünstlerInnen nicht kennt, schlecht beraten wird. Er bemüht sich, aber es braucht dann schon Stimmen wie die von Jazzmusiker Till Brönner, damit unsere Branche unterstützt wird.

Womit wir beim Stichwort wären: Till Brönner hat u. a. in der Politik-Talkshow bei Anne Will die Initiative ergriffen und den PolitikerInnen versucht zu erklären, wie die Lebenssituationen der Künstlerinnen und Künstler aussehen. Hatte er Erfolg und welche Rolle spielt eurer Meinung nach Kultur für die Politik?

Der Staat beachtet nicht, dass wir bereits seit März 2020 im Lockdown sind, nicht erst seit November. Ich war froh, dass berühmte Künstler wie Till Brönner oder auch Helge Schneider sich zu Wort gemeldet haben. Das war überfällig, auf sie wird eher gehört! Brönner hat den Politikern klargemacht, dass für die Berechnung der Novemberhilfe der Jahresdurchschnitt genommen werden muss, nicht der Umsatz eines bestimmten Monats. Der Verdienst von KünstlerInnen schwankt von Monat zu Monat und auch die Monate sind von Jahr zu Jahr unterschiedlich.

Mir wurde irgendwann bewusst, dass Kultur für die PolitikerInnen unter den Begriff „Freizeit“ fällt, etwas ist, worauf jederzeit verzichtet werden kann – im Gegensatz zum Shoppen, in Urlaub fliegen und Gottesdienste besuchen.

Was macht es mit den Menschen, wenn man ihnen für längere Zeit die Möglichkeit nimmt, Kultur zu erleben? Seht ihr Gefahren oder Vorteile für unsere Gesellschaft?

Kultur ist, pathetisch formuliert, „Balsam für die Seele“. Sie ist wichtig für den Gemütszustand, für die Gesundheit der Menschen. Natürlich hat Kultur auch einen Bildungsauftrag, der unersetzbar ist.
Vorteile? Vielleicht, dass stärker geschätzt wird, was sie bedeutet, wie wichtig sie ist …

Besteht nicht auch die Gefahr der Entwöhnung? Dass die Menschen so „stumpf“ werden, dass sie sie nicht mehr vermissen?

Ich bin optimistisch und sage: Nein. Vielleicht ist das mit dem Suchtverhalten eines starken Rauchers zu vergleichen. Du kannst damit aufhören, aber wenn du wieder damit in Berührung kommst, verfällst du der „Sucht“ … [lacht]

Mit dem Unterschied, dass Kultur, wie schon von dir erwähnt, gesundheitsfördernd ist …

Genau …!

Was haltet ihr von digitalen Veranstaltungsformaten?

Sie sind als Ersatz brauchbar und nützlich. Das Live-Erlebnis können sie aber nicht ersetzen. Als Geschenk-Idee produzieren wir übrigens gerade Happy-Birthday und Weihnachts-Videos zum Verschicken. Wir nutzen die digitalen Möglichkeiten stark.

Die Weihnachtslieder von „Evas Apfel“ sind erfrischend anders.

Welche Pläne habt ihr für die Zukunft?

Wir wissen nicht, wie die Lage 2021 sein wird. Da bei manchen Veranstaltern noch kein großes Umdenken stattgefunden hat und sie bis jetzt kaum Konzerte im Freien planen, haben wir die Idee, mithilfe eines Musikfonds eigene Konzerte zu organisieren und zu spielen. Wir sind zum Beispiel mit Blumenläden in Kontakt, die oft große, bespielbare Außenflächen zur Verfügung stellen können.

Zusätzlich wollen wir uns als mobile Band noch besser aufstellen, um auf zukünftige Pandemien vorbereitet zu sein. Dafür haben wir vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst ein Projektstipendium erhalten.

Ich wünsche euch dafür viel Energie und Erfolg, danke für das Gespräch!

Das Gespräch führte Riccarda Gleichauf.

Logo der Band „Evas Apfel“
Über die Band

Evas Apfel ist eine Jazz- und Popband aus Frankfurt. Zum festen Ensemble gehören Gabriel Gabu (Gitarre, Gesang), Imogen Gleichauf (Schlagzeug, Gesang), Jane Lazarovic (Kontrabass, Gesang) und Suvi Mauer (Klavier, Gesang). Die Band tritt in unterschiedlichen Besetzungen auf und verfügt mittlerweile über ein breites MusikerInnennetzwerk. Zu ihrem Repertoire gehören sowohl Eigenkompositionen als auch Pop- und Jazzstücke aus den Jahren 1920 bis 2020.

Die Band „Evas Apfel“. Foto: © Hannah Boomgarden
Foto: © Hannah Boomgarden
Siehe auch

Reihe Corona Culture Talks

Webseite der Band Evas Apfel: https://evasapfelmusik.de

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 03.2.2021
aktualisiert am 11.2.2021

Die Schlagzeugerin Imogen Gleichauf von der Band „Evas Apfel“. Foto: © Alex Schnoor

Die Schlagzeugerin Imogen Gleichauf von der Band „Evas Apfel“.
Foto: © Alex Schnoor