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Corona und kein Ende. Man sollte annehmen, dass die Pandemie inzwischen unseren anderen Problemen die Gültigkeit entzieht. Es gibt indes einige, die im Schatten offenbar so an Wert gewinnen, dass die Finanzbranche neuerdings an Nachhaltigkeit und mittelständische Unternehmen an Klimaschutz interessiert sind. Doris Stickler berichtet von der Corona Krise als Chance.

Fair Finance Network

»Corona-Krise als Chance?«

„Klimarisiken sind Investitionsrisiken. Wer sich jetzt nicht in Richtung Nachhaltigkeit bewegt, wird vom Markt abgestraft.“ Was Larry Fink, Chef des weltweit größten Vermögensverwalters Blackrock kürzlich prophezeite, dürfte Umweltschützer freuen. Zumal er versicherte, in der Finanzbranche künftig die Nachhaltigkeit an erste Stelle zu rücken.

Helena Marschall
Helena Marschall

Covid-19 könnte sich hier als Beschleuniger erweisen. Diese Hoffnung hegt jedenfalls Helena Marschall von der Fridays For Future-Bewegung. Auf der per Livestream übertragenen Abschlussveranstaltung der Fair Finance Week Frankfurt stufte sie in Sachen Klimaschutz die Corona-Pandemie als eine Art Augenöffner ein.

„Corona hat in der Welt ganz viel verändert und gezeigt, was passiert, wenn wir uns nicht auf Krisen vorbereiten. Wir stecken noch immer mitten in der Klimakrise, wenn jetzt nicht gehandelt wird, gibt es in Zukunft Riesenprobleme“, steht für die 18-Jährige fest, die im vergangenen Jahr mit ihrer Rede auf der Siemens Hauptversammlung für Aufmerksamkeit sorgte.

In ihrem Impulsvortrag begrüßte sie unter der Überschrift „Corona-Krise als Chance?“ zwar den Beschluss der Europäischen Investitionsbank, keine Gelder mehr in fossile Energien zu stecken. Allerdings komme nach wie vor „nur ein Drittel der Investitionen klimafreundlichen Bereichen“ zugute. Deutschland rangiere im europäischen Vergleich sogar auf den hinteren Plätzen.

„Es besteht eine gewaltige Lücke zwischen dem, was wissenschaftlich notwendig ist und was real geschieht“, kritisierte Helena Marschall. So erhalte die Lufthansa ohne klimazuträgliche Auflagen neun Milliarden Staatshilfe, vernachlässige die Politik den Aufbau einer erneuerbaren Energiestruktur. Dabei sehe „mehr als die Hälfte der Bevölkerung die Klimakrise drängender als Corona“ an.

Wie sie erinnerte, steht Deutschland in der Riege der Kohleausstiegsländer bei der Umsetzung an letzter Stelle. Auch seien „die von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner ausgehandelten Reformen eine Katastrophe“. „Deutschland ist der Hinterherschlepper“, bescheinigte Helena Marschall dem einst als ökologisches Vorbild geltenden Land.

Um in Corona-Zeiten auszuloten, ob „neben all dem Leid auch etwas positives Neues entstehen“ kann, hatte das von der Evangelischen Bank, der GLS Gemeinschaftsbank, der Triodos Bank und dem Oikocredit Förderkreis Hessen-Pfalz 2014 gegründete Fair Finance Network Frankfurt zwei weitere Gäste um ihre Einschätzungen gebeten.

Karl-Ludwig Brockmann
Karl-Ludwig Brockmann

Der Beauftragte für Umwelt und Nachhaltigkeit in der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), Karl-Ludwig Brockmann, wies darauf hin, dass die Förderbank bei der Vergabe von Krediten seit drei Jahren zwar verstärkt auf Klimarisiken achtet. Aus wirtschaftlicher Sicht war es für ihn dennoch richtig, die Lufthansa zu unterstützen.

Die als Anstalt des öffentlichen Rechts agierende KfW nehme schließlich auch die Sicherung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen oder die Gesundheitsversorgung in den Blick. Nach dem Urteil des Volkswirts ist es ohnehin „nicht möglich, allein über den Finanzsektor eine perfekte Klimapolitik zu machen“. Zumal man sich in einer Übergangsphase mit allerlei Unwägbarkeiten befinde.

Da zum Beispiel in trüben Jahreszeiten nur wenig Sonnenenergie gewonnen werden könne, seien nach wie vor die Kapazitäten der Gaskraftwerke vonnöten. Abgesehen davon fehlten noch immer ausreichende Speicherkapazitäten für klimaneutral erzeugte Energien. Um die Nachhaltigkeit zu fördern, sieht Karl-Ludwig Brockmann einige Hebel mehr und schlägt unter anderem vor: „Wir brauchen in der Realwirtschaft eine Klimapolitik, die für einen vernünftigen CO2-Preis oder eine Kerosinsteuer sorgt. Das wäre ein starker Impuls.“ Wie er in der von der Wirtschaftsjournalistin Elke Pickartz moderierten Diskussion hervorhob, zeige der Kampf gegen Corona, dass Menschen bereit sind, Opfer auf sich zu nehmen. Er hoffe, dass bezüglich der Klimakrise ähnliche Prozesse ins Laufen kommen.

Katharina Reuter
Katharina Reuter

Bei mittelständischen Unternehmen verzeichnet Katharina Reuter schon seit langem „ein riesiges Interesse am Klimaschutz“. Umso mehr bedauert die Geschäftsführerin des Vereins Unternehmensgrün – ein Zusammenschluss von Firmen, die sich seit 1992 nachhaltigem Wirtschaften verschreiben –, dass dies von politischer Seite wenig Unterstützung erfährt.

„Nachhaltig erzeugte Produkte sind teurer, doch gibt es leider keinen fairen Markt für Klimaschutz“, monierte die Agrarökonomin. Wie überfällig ein diesbezügliches Umsteuern ist, führe die Corona-Pandemie deutlich vor Augen. „84 Prozent unserer Mitglieder sind zuversichtlich, gut durch die Krise zu kommen. Nachhaltige Unternehmen und Investments haben sich als resistenter erwiesen.“

Die Gründe liegen für Katharina Reuter auf der Hand: „Nachhaltige Unternehmen sind breiter aufgestellt, pflegen partnerschaftliche und oft regionale Lieferbeziehungen sowie vertrauensvolle Verhältnisse mit ihren Kunden.“ Natürlich gebe es gegenwärtig auch hier Bereiche, in denen es schwarz ausschaut. Kinos etwa oder Start-ups, die keine Rücklagen besitzen.

Während sich Politik und Wirtschaft bedeckt halten, attestierte sie der „Fridays for Future-Bewegung tolle Zeichen“ gesetzt zu haben. Immer mehr Unternehmen nähmen Nachhaltigkeit in den Blick, selbst große Konzerne wie Danone. „Auf der Bremse stehen vor allem die klassischen Industrieverbände“, weiß die in den Jurys des Deutschen Umweltpreises und des Deutschen Nachhaltigkeitspreises sitzende 44-Jährige.

Ihrer Überzeugung nach führt kein Weg daran vorbei, „künftig alles unter die Vorzeichen des Pariser Klimaschutzabkommens zu stellen“. „Jeder Businessplan und jede Finanzierungsanfrage muss danach beurteilt werden“, forderte Katharina Reuter und ließ keinen Zweifel: „Wir brauchen keine Reformation, sondern eine Transformation. Corona könnte hier ein Booster sein.“

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erstellt am 02.2.2021
aktualisiert am 03.2.2021

Helena Marschall (Fridays for Future) auf der Fair Finance Week Frankfurt 2020

Helena Marschall (Fridays for Future)
auf der Fair Finance Week Frankfurt 2020.