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Es ist kein Leidensprotokoll, sondern eine autobiographisch unterfütterte Migrationsgeschichte, die sich aus Mosaiksteinen von Einzelmotiven zusammensetzt. Das Vehikel in dem Buch „Das Paprikaraumschiff“ von Sigrid Katharina Eismann ist die Sprache, ihre Verwandlung und ihr Sinneswandel. Die Bewegung durch Zeit, Raum und regionale Idiome ist das poetische Spiel einer Wortkünstlerin, findet Susanne Konrad.

Sigrid Katharina Eismanns Roman »Das Paprikaraumschiff«

Keine schlichte Migrationsgeschichte

Sigrid Katharina Eismann
Sigrid Katharina Eismann

Temeswar, die drittgrößte Stadt Rumäniens und Kulturhauptstadt der Donauschwaben, liegt mitten im Banat, einem Gebiet auf rumänischem, serbischem und ungarischem Territorium. Sigrid Katharina Eismanns Buch mit dem Titel „Das Paprikaraumschiff“ greift Impressionen dieser Stadt aus den 70er-Jahren unter Ceauşescu und aus der Nachwendezeit um 2015 auf. Natürlich sind diese Eindrücke autobiografisch, denn die 1965 geborene Autorin hat bis zu ihrer Emigration nach Deutschland im Jahr 1981 in Temeswar gelebt.

Aber das Buch ist alles andere als eine Autobiografie. Genau genommen ist es auch nur bedingt ein Roman. Hier wird keine klassische Migrationsgeschichte mit Handlung erzählt, mit Abreise, Ankunft, Entfremdung und Integration, sondern eine Collage wird dargeboten, die sich an örtlichen Eindrücken orientiert, zwischen denen das Biografische aufflackert. Freilich sind die Eindrücke aus dem Temeswar der 70er Jahre aus dem Blickwinkel des Kindes geschrieben, denn einem Kind fallen andere Dinge auf als einem Erwachsenen:

„Ein Messerstich, das Melonenherz kracht, blutet auf dem Küchentisch. Mit Melonenstücken hocken wir uns auf die Treppe, Arme und Beine zuckrig verklebt. Das Insektengeschwader hat den süßen Klebstoff gewittert. Die ausgesaugten Schalen weggeschleudert, sie klatschen auf und zerbersten im Hühnerhof. Die Gackerinnen jubeln. Mit Schlieren auf den Knien kämpfen wir uns durchs scharfkantige Blattwerk, das letzte Indianerzelt hochgezogen. Die Nacht ist ein Tintenmeer. Mitte September werden die demolierten Sommerfüße blütenweiß bestrumpft in Lackschuhe gesteckt.“ (S. 18)

Genauso natürlich spiegeln Beschreibungen aus dem 21. Jahrhundert Kulturgüter und Lebensgewohnheiten der Erwachsenen wider. Eine Notiz zum Opernplatz von Temeswar im Dezember 2013 klingt so:

„Nach dem Retroswing letzte Nacht brauche ich einen starken Kaffee. Die Lloyd-Terrasse ist besetzt. Jugendstildurchwirkte Wände, Metaphern bis an die Decke: Das mondäne Retropalais hatte ich als Lackschuhkind nie betreten. Ein schlaksiger Kellner eskortiert mich durch den Ballsaal zu den zu hochhackigen Wojewodenstühlen. Das goldene Lloyd-Logo auf den jagdgrünen Tischläufern ist unverkennbar. Am liebsten würde ich Vater herzaubern, er war Stammgast im Lloyd.“ (S. 18)

Eismanns experimentell auftretendes Prosastück lebt von der Kontrastierung der Zeitebenen und vom lokalen Kolorit. Es geht weg von biografischer Aufarbeitung, hin zum poetischen Spiel. Sigrid Katharina Eismann schreibt übersprudelnd und hitzig, die Formulierungen sind wie Geysire. Eruptiv sind hier aber nicht hervorbrechende Emotionen, sondern die präzisen sprachlichen Mittel. Jede Metapher sitzt. Man ahnt: Die Autorin schreibt auch Lyrik. Aber das Sprachmalerische kommt in ihrer Prosa fast noch besser zum Ausdruck – denn in einem Prosatext rechnet man nicht sofort mit so viel Wortgewalt. Dabei betitelt und kennzeichnet die Autorin die einzelnen Sequenzen, sodass der Leser sich in ihrem Buch orientieren kann, an welchem Ort zu welcher Zeit er sich gerade befindet. Der Leser bewegt sich in einem Buch, das er nicht zwingend chronologisch lesen muss. Er bleibt an dieser oder jener Passage hängen, beißt sich fest. Sigrid Katharina Eismann ist eine scharfe Beobachterin und eine Sprachkünstlerin, die hier Eindruckssplitter aus verschiedenen Umgebungen und Zeiten zu einem Mosaik zusammenfügt.

Einen besonderen Reiz macht dabei die Kombination von Sprachmaterial aus der deutschen Sprachtradition der Donauschwaben, dem Begriffsgemisch aus dem rumänischen, ungarischen und serbischen Wortschatz im Banat und den Wortschöpfungen der Künstlerin aus. Der Bedeutungsgehalt und das Sinnverhältnis zwischen dem benannten Gegenstand und seiner Bezeichnung in der jeweiligen sprachlichen Herkunft werden reflektiert und auf seine Haltbarkeit überprüft. Und es zeigt sich, dass Bedeutung nicht immer haltbar ist, wenn der Kontext sich entzieht: „Mundart ist eine Art Wunderart… A Persching ist ka Pershing oder doch? Donauschwäbisch ist ein Persching ein Pfirsich.“ (S. 148) Dass der Kontext wegbricht, das wiederum ist essenziell für Migrationserfahrungen. So werden die Lebensorte für die Autorin greifbar und entziehen sich ihr zugleich.

Sigrid Katharina Eismann (geb. 1965 in Temeswar, Rumänien) ist Lyrikerin, Autorin, Künstlerin und Übersetzerin. Nach dem Besuch des Nikolaus-Lenau-Lyzeums emigrierte sie 1981 mit ihrer Familie in die Bundesrepublik Deutschland. Ihr Lyrikband „Reise durch die Heimat – von Offenbach nach Temeswar“ ist 2017 im Größenwahn Verlag erschienen. Sie lebt in der Rhein-Main-Region.
„Das Paprikaraumschiff“ ist ihr erster Roman.
(Umschlagtext des Verlages)

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erstellt am 31.1.2021
aktualisiert am 01.2.2021

Sigrid Katharina Eismann
Das Paprikaraumschiff
Roman
Hardcover, 160 Seiten
ISBN: 978-3-946046-18-9
danube books Verlag, Ulm 2020

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