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Corona Culture Talks

Wer schreibt, gestaltet, komponiert oder musiziert, arbeitet allein und steht dennoch, ob er will oder nicht, im stetigen Austausch mit anderen Menschen. Die pandemische Gefahr hat das Leben von Künstler:innen so eingeschränkt, dass es ihre Existenz bedroht oder ihr Schaffen verändert. In der Reihe CORONA CULTURE TALKS werden sie zu ihrer Situation und ihrer persönlichen Erfahrung mit der Corona-Krise befragt.

Die Künstlerin Line Krom verbrachte im Spätherbst 2020 sechs Wochen in der lettischen Künstlerresidenz Art Park Pedvale. Die Gespräche mit anderen Künstler*innen werden von der besonderen Situation beherrscht: Die Behörden hatten den Corona-Notstand ausgerufen. Hier und vor allem im downgelockten Riga verbreitet sich eine apokalyptische Stimmung. Und nebenbei lernen wir die lettische Kunst- und Musikszene kennen.

Corona Culture Talks: Line Krom stellt Lettlands Kunstszene vor

Kunstszene im Lockdown

Von Line Krom

Im Rahmen einer Künstlerresidenz bewohne ich aktuell ein Atelier im Art Park Pedvale in Lettland. Pedvale liegt in einer ländlichen Gegend, etwa eineinhalb Stunden Fahrt nach Riga und ungefähr dreißig Minuten von der Regionalhauptstadt Talsi entfernt.

Angekommen bin ich am 22. Oktober 2020. Deutschland ist bereits von den lettischen Behörden als Risikogebiet eingestuft, daher begebe ich mich in die obligatorischen zehn Tage Selbstisolation. Kurz nach meiner Ankunft ruft auch die lettische Regierung aufgrund der wachsenden Covid-19-Fallzahlen den Notstand aus und bringt große Teile des öffentlichen Lebens zum Erliegen. Für die Dauer meines sechswöchigen Aufenthalts bleibe ich, bis auf sehr wenige Ausnahmen, in meinem Atelier. Als Künstlerin beschäftigen mich die ökonomischen Voraussetzungen, in denen Kunst gemacht wird und wie diese Bedingungen die Akteuer*innen im Feld Kultur in Zugzwang bringen.

Pedvale bleibt mein Ausgangspunkt, aber nicht mein einziger Berührungspunkt mit der lettischen Kunstszene – glücklicherweise, denn zu facettenreich und talentiert ist der Kunst- und Kulturbetrieb in dem kleinen Land, das in Sieben-Meilen-Stiefeln seit seiner Unabhängigkeit 1991 an dem internationalen Kunstbetrieb aufschließt.

Künstlerresidenz „Art Park Pedvale“ im Raureif. Foto: © Line Krom

1. Porträt: Die Künstlerresidenz Art Park Pedvale

Die Künstlerresidenz Pedvale gehört zu einem 100 Hektar großen Skulpturenpark, der 1992 von dem lettischen Bildhauer und Land-Art-Künstler Ojars Arvids Feldbergs gegründet wurde.(1) Der Park beherbergt mehr als 150 Werke internationaler Kunstschaffender. Gleichzeitig ist der Landschaftspark das natürliche Habitat lokaler Fauna und Flora. Wetter- und Jahreszeitenwechsel geben eine immer wechselnde Kulisse für die Kunstwerke. Meine fast täglichen Streifzüge genieße ich sehr, denn es entstehen immer neue Eindrücke. Je nach Wetter veränderten sich die Farben und Oberflächen der aus den verschiedensten Materialien gefertigten Objekte.

Entsprechend der Vorgaben der Regierung können Museen und Galerien trotz Lockdown für die Besucher*innen öffnen. Während meines Aufenthaltes finden zwei Performances von Ojars Arvids Feldbergs statt und sind mir eine willkommene Gelegenheit zum Austausch mit Interessierten.

Die Künstlerresidenz besteht aus einem renovierten denkmalgeschützten Gebäude. In diesem Sommer konnte es nach zweijähriger Renovierungstätigkeit und nahezu 20-jähriger Planung eröffnet werden. Eigentlich ist die Residenz auf bis zu neun Kunstschaffende parallel ausgelegt, die mit ihrer Teilnahmegebühr einen Teil zum Erhalt des historischen Gebäudes beitragen.(2) Doch Covid-19 macht diese Pläne zunichte. Die Sorge vor Ansteckungen und die geltenden Reisebeschränkungen verwandeln die Freude über den endlich wahr gewordenen Traum in eine Saure-Gurken-Zeit. Neben einem Künstler aus der Schweiz bin ich die einzige Gastkünstlerin. Alle hoffen, dass sich der Wind im kommenden Jahr dreht.

Art Park Pedvale: Man hofft, noch weitere der denkmalgeschützten Gebäude erhalten zu können, aber das Geld ist knapp. Foto: © Line Krom

Riga im Lockdown

Geschlossene Geschäfte in Riga. Foto: © Line Krom
Geschlossene Geschäfte in Riga

An einem Samstag Ende November mache ich mich auf nach Riga. Nach einem verpatzten Termin habe ich etwas Zeit und nutze die Gelegenheit, zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Lettland die historische Innenstadt Rigas anzuschauen. Schnell fällt eines besonders auf: Es ist Samstag, 12.30 Uhr und nahezu kein Mensch in den Straßen unterwegs – die Schaufenster sind schwarz, kein Spot bestrahlt die Auslagen oder lädt ein, das Innere der Geschäfte zu erkunden. Stattdessen an jedem Eingang weiße Zettel mit ermahnenden Texten und Bildern, die Abstandsregeln einzuhalten und Mund-Nasen-Bedeckungen zu tragen.

Leere Parkplätze vor den großen Hotels. Eine mindestens bis zum 6. Dezember 2020 geschlossene Touristeninformation – Besucher aus dem Ausland erwartet man offenbar in diesem Jahr keine mehr. Es weht ein eisiger Wind. Einige Einheimische warten mit laufendem Motor in ihren SUVs vor Gaststätten auf ihre telefonisch vorbestellten Speisen. Kein Licht im Innenraum der Gaststätten zeigt an, dass die Küche weiterläuft.

Die Touristeninformation im Schwarzhäupterhaus in der Innenstadt Rigas ist bis auf weiteres geschlossen. Foto: © Line Krom

Die Touristeninformation im Schwarzhäupterhaus in der Innenstadt Rigas ist bis auf weiteres geschlossen. Foto: © Line Krom

2. Porträt: Ein Atelierbesuch bei Gļebs Panteļejevs

Ich schaue auf die Uhr und stelle fest, dass ich mich beeilen muss, denn ich habe einen Termin mit Gļebs Panteļejevs. Gļebs ist Bildhauer und leitet den Fachbereich Bildhauerei an der Kunstakademie in Riga. Er ist ein unbeugsamer Geist, leidenschaftlicher Lehrer und ein virtuoser Connaisseur seines Metiers. Verheiratet ist er mit der ebenso erfolgreichen Bildhauerin Olga Šilova.

Nachdem ich seine Werke in der Ausstellung Hormonia in der Maksla XO Galerie(3) gesehen habe, lädt er mich in sein Atelier ein. Ich fahre ein paar Kilometer von Riga nach Jurmala, das Naherholungsgebiet für die Großstädter. Gļebs Panteļejevs Atelier liegt etwas am Rand, in einem Kiefernhain versteckt. Vor meinem inneren Auge sehe ich hier im Sommer, während der baltischen weißen Nächte, gesellige Grillfeiern.

Im Atelier der Bildhauer Gļebs Panteļejevs und Olga Šilovas gibt es einiges zu entdecken. Foto: © Line Krom

In dem Atelier gibt es viel zu entdecken. Gļebs Material- und Methodenwahl kann man als eklektizistisch bezeichnen, auch was er sagt, spiegelt diese Haltung. Er legt Wert darauf, eine Wahl an Methoden und Material zu haben, um seine künstlerische Intention bestmöglich umzusetzen. Während er den Kaffee zubereitet, berichtet er, wie sich der Produktionsprozess durch die digitalen Mittel und die Globalisierung gewandelt hat. Die nächste Plastik wird in China aus Aluminium gegossen, anschließend wird sie nach Lettland gebracht. Ich höre und staune.

Gļebs Covid Jahr – wie funktioniert das Unterrichten im Lockdown?

Ich bin neugierig und will wissen, wie Covid-19 in diesem Jahr seine Arbeit beeinflusst hat. Er wiegt den Kopf hin und her und beginnt: „Seit 14 Tagen bin ich neugewählter Leiter des Fachbereichs Bildhauerei. Gleichzeitig betreue ich EU4Art(4). Das ist einen Kooperation von vier europäischen Kunstakademien (Riga, Rom, Budapest und Dresden).“ Eigentlich hätte er im Oktober an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden unterrichten sollen, aber diese Pläne sind vorerst auf Eis gelegt. Auch im Hinblick auf die Lehrtätigkeit macht ihm Covid-19 das Herz schwer. Vor allem die Erstsemester bräuchten eine viel intensivere Betreuung und mehr Zeit in den Werkstätten, als derzeit möglich ist. Den Umgang mit dem Material müsste man eigentlich besser begleiten. Wenn man Panteļejevs Werke betrachtet, versteht man, warum für ihn dieser Aspekt der Lehre zentral ist: Er fertigt seine Figuren immer nach einem lebenden Modell. Er ist froh, dass im aktuellen, zweiten Lockdown das Arbeiten in Kleingruppen erlaubt ist. Klar, auf Abstands- und Hygieneregeln wird geachtet und immer eine Mund-Nase-Bedeckung getragen – wie er während unserer Begegnungen immer formvollendet demonstriert.

Ausstellen im Lockdown

Auf die Frage wie seine Ausstellung Hormonia in der Galerie Maskla XO verlaufen ist, beginnt er zu strahlen: „Im Gegensatz zum ersten Lockdown im Frühling sind nun Museen und Galerien geöffnet. Nur Konzerte, Theatervorstellungen und Sportveranstaltungen sind untersagt. Dieser Umstand hat dazu beigetragen, dass es viel mehr Besucher*innen als üblich in die Galerien treibt.“ Er schwärmt: „Es war eine außergewöhnlich erfolgreiche Ausstellung! Wir hatten einen großen Publikumsandrang. Hätten wir Eintritt genommen, hätten wir jeden Tag Champagner schlürfen können“, scherzt er. Zwei seiner Arbeiten sind verkauft. Eine Arbeit haben die wichtigsten Kunstsammler Lettlands erworben: Dina and Jānis Zuzāns für ihre Sammlung Zuzeum(5). Die andere Arbeit wurde vom Latvian National Museum of Art erworben. „Es ist ein Wunder in solch unsicheren Zeiten!“ Ich gratuliere ihm. In der Tat ist es bemerkenswert in einer Zeit der Wirtschaftssorgen und einer unmittelbar bevorstehenden Steuerreform, die sich spürbar auf das Konsum- und Investitionsverhalten auswirken.

Plastik „Colonel Oskars Kalpaks“, 2006 von Gļebs Panteļejevs

Die Plastik „Colonel Oskars Kalpaks“ wurde von Dina and Jānis Zuzāns erworben.
Colonel Oskars Kalpaks, Granit und Edelstahl, 270X850X450 cm, 2006 von Gļebs Panteļejevs
Foto: © Line Krom

Aufstand der Kreativszene gegen die Steuererhöhung während der Corona-Krise

Die Pläne für die Steuerreform der lettischen Regierung liegt schon seit 2019 auf dem Tisch.(6) Auf Drängen der EU muss man mit den baltischen Nachbarstaaten gleichziehen. Eine Erhöhung des Mindestlohns und die durch die Pandemie gestiegenen Kosten des Gesundheitswesens müssen finanziert werden. Daher fordert das Finanzministerium, die Steuern besser heute als morgen zu erhöhen. Und doch frage ich mich nach dem Sinn, wo soll das Geld herkommen, um die Steuern zu bezahlen? Es klingt für mich wie ein Schildbürgerstreich, und Gļebs bestätigt mir diesen Eindruck. Im September veröffentlichte das Finanzministerium ein Statement, dass sie trotz der gegenwärtigen Ausnahmesituation weiterhin an der Umsetzung des vorgelegten Gesetzentwurfs festhalten.(7) Gļebs sagt: „Im September dachten alle noch, es würde ein Einlenken seitens der Regierung geben, aber Anfang Oktober wurde nochmals bestätigt, dass die Reform im kommenden Jahr in Kraft tritt.“ Er traute seinen Ohren kaum.

Die Reform betrifft immerhin knapp 16 Prozent der Selbstständigen und Kleinstunternehmen überproportional.(8) Kunstschaffende und Kreative bilden nur einen marginalen Teil der Betroffenen. Am stärksten betroffen sind die in Subsistenzwirtschaft Lebenden, fernab der Hauptstadt. In den strukturschwachen, ländlichen Regionen gibt es schlichtweg keine Alternativen. Hinzu kommt, dass seit dem Ende der Sowjetherrschaft Kleinbetriebe, nicht nur Subsistenz, sondern Emanzipation und Selbstbestimmung bedeuten.(9) Die steuerliche Bevorzugung der „Big Players“ sorgt für wachsenden Unmut im viertärmsten Land der EU.

Gļebs Panteļejevs ließ das Thema nicht los. Er fragte bei verschiedenen Ministerien nach, wie man auf die Idee kommt, in der Krise Pläne von solcher Tragweite umzusetzen. Die Antworten waren ernüchternd: In der Krise sei wenig Spielraum für demokratische Verhandlungen, daher man sei auf Kompromisse angewiesen. Er beschreibt, wie mühsam es überhaupt war, unter den Corona-Bedingungen einen Kontakt zu den gewählten Volksvertretern herzustellen. Dies empfand er als große Bedrohung für die Demokratie. Also entschlossen sich seine Frau Olga und er zum schnellen Handeln. Sie organisierten mehrere symbolische Aktionen im öffentlichen Raum, an denen sich viele aus der Kreativbranche beteiligten. Er war überwältig vom Echo, gesteht er. „Olga hatte die zündende Idee. Sie wollte eine ‚Mauer des Nichtverstehens‘ (‚Wall of Misunderstanding‘) zwischen den Künstlern und dem Parlament errichten, um zu veranschaulichen, was gerade passiert.“ Er rief in den sozialen Plattformen dazu auf, sich an der Aktion zu beteiligen. Jede*r solle einen Ziegelstein mitbringen und zum Parlament kommen, um dort eine Mauer zu errichten. Natürlich hatte er Sorgen, da er den Aufruf initiiert hatte, für den Aufruhr zur Verantwortung gezogen zu werden. Die Aktion am 14. Oktober 2020 entpuppte sich aber als großer Erfolg! Die Beteiligung und das Medienecho waren groß. Weitere Aktionen folgten, beispielsweise wurden Skulpturen im öffentlichen Raum verhüllt, um zu dokumentieren, was geschieht, wenn Kunstschaffende die Reform finanziell nicht überleben: Dann wird es keine Kunst mehr geben.

Gļebs Panteļejevs vor seinem „Monument to the Colonel Oskaram Kalpakkam“, die er aus Protest gegen die Steuerreform verhüllt hat (https://lv.glebspantelejevs.lv). Foto: © Line Krom

Gļebs Panteļejevs vor seinem „Monument to the Colonel Oskaram Kalpakkam“, die er aus Protest gegen die Steuerreform verhüllt hat (https://lv.glebspantelejevs.lv). Foto: © Line Krom

Nach Wochen des Kampfes, schließlich Erleichterung. Vor wenigen Tagen kam die Nachricht, dass die Reform überarbeitet wird: Die Steuern und Sozialabgaben werden zwar erhöht, aber nicht in dem Umfang wie ursprünglich angekündigt. Heute wirkt Gļebs froh. Durch sein politisches Engagement hat er in den letzten Wochen zwei Abgabetermine für zukünftige Projekte versäumt, auch andere Arbeiten im Atelier sind unerledigt geblieben. Heute wird er diese Dinge in Ordnung bringen, um jetzt wieder mit Herz und Seele Künstler zu sein.

3. Porträt: Karlis Bikernieks

Geheimtipp von einer Freundin: Projektraum 427

Von einer befreundeten Kuratorin habe ich einen Tipp erhalten. „Ein Hotspot junger Kunst in Riga“ – das klingt spannend! Auf jeden Fall möchte ich Rigas Kunst-Underground auf meiner Mini-Tour kennenlernen! Eine kleine Galerie, von Nachwuchskünstlern betrieben – ein Hauch Anti-Establishment. Eine Generation von Künstlern*innen, die ihr Studium im europäischen Ausland absolviert hat und dabei ist, neue Netzwerke und Bezugsräume den etablierten Institutionen in Lettland entgegenzusetzen. Aufgrund des Lockdowns rufe ich vorab an, ob die Galerie überhaupt geöffnet ist. Ja, die Ausstellung Tiled River von Jānis Dzirnieks ist zu besichtigen, aber die Galerie verbirgt sich hinter einer Holzverschalung. Ich solle mich nicht von der Baustellenatmosphäre abschrecken lassen, das gehöre zum Ausstellungskonzept, werde ich vorgewarnt.(10) Ich bin mir nicht sicher was mich erwartet, aber ich bin neugierig!

Der Eingang zur Galerie verbirgt sich hinter einer Holzverschalung. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Jānis Dzirnieks and 427

Der Eingang zur Galerie verbirgt sich hinter einer Holzverschalung
Foto: mit freundlicher Genehmigung von Jānis Dzirnieks and 427

Eine Ortserkundung: Wo bin ich eigentlich gelandet?

Ich begebe mich etwas außerhalb des Stadtzentrums von Riga. Bei Licht betrachtet vielleicht sogar eine Art Kneipenviertel? Aber es ist stockfinstere Nacht, bereits am Nachmittag. Ich habe keine Zeit, das Viertel irgendwie einzuordnen, denn ich bin schon recht knapp mit der Zeit. Also stürze ich, nachdem ich kräftig an der klemmenden Tür gezogen habe, mit der Tür ins Haus – Kārlis, ein junger Mann mit langen glatten, braunen Haaren im quietsch-grünen Hoodie, erhebt sich aus dem Dunkeln des Hinterraumes. Er deutet mir mit einer Geste ich möge kurz warten, damit er seine Maske anziehen kann. „Now it’s safe.“, begrüßt er mich mit einem Lächeln, das ich hinter der Maske nur an seinen Augen erkennen kann. Weiter im Durchgang zwischen Hinterraum und Galerie verharrend, räumt er seine Gitarre, den Verstärker und das Mischpult zur Seite, wo ich sie von der Galerie aus nicht mehr sehen kann.

Ich blicke mich in der Galerie um. Ein klassischer White Cube – eine Weiße Zelle. Sofort erkennt man, dass es sich um zeitgenössische Kunst handelt, sie wird entsprechend der gängigen internationalen Regeln inszeniert. Das Neonlicht an der Decke taucht alles in ein gleichmäßiges, kaltes, weißes Licht. Die Schatten flüchten. Lediglich ein dunkler alter Kaminkachelofen an einer Wand verströmt einen Hauch Individualität. Man weiß auf den ersten Blick nicht, ob es sich um eine kommerzielle Galerie oder um eine Produzentengalerie handelt.

Ausstellung „Tiled River“ von Jānis Dzirnieks, Bild 15, Projektraum 427. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Jānis Dzirnieks and 427

Die Ausstellung „Tiled River“ von Jānis Dzirnieks
Foto: mit freundlicher Genehmigung von Jānis Dzirnieks and 427

An den Wänden Bilder, bei denen man auf den ersten Blick vermuten würde, dass es sich um Malerei handelt. Mal farbig, mal monochrom, in jedem Fall ungegenständlich, in unregelmäßigen Formaten. Hochglänzende Oberflächen verleihen den großformatigen Arbeiten das gewisse Etwas und einen Hauch von Glam. Beim näheren Hinsehen entpuppt sich die Malerei als Foto-Druck, aufgezogen auf Styrodur und überzogen mit stark glänzendem Kunstharz. Der etwas baustellenhafte Charakter, der durch den Hochglanzlack mehr Schein als Sein und falsche Tatsachen vorspiegelt, gefällt mir.

Ausstellung „Tiled River“ von Jānis Dzirnieks, Bild 16, Projektraum 427. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Jānis Dzirnieks and 427
Ausstellung „Tiled River“ von Jānis Dzirnieks, Bild 17, Projektraum 427. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Jānis Dzirnieks and 427

Die Ausstellung „Tiled River“ von Jānis Dzirnieks
Fotos: mit freundlicher Genehmigung von Jānis Dzirnieks and 427

„Die Ausstellung wurde vor einem Monat eröffnet, also noch vor dem Lockdown. Zur Eröffnung waren wie immer viele Leute da. Wie es üblich ist, kommen alle immer zu den Eröffnungen, danach schauen die Besucher*innen eher selten rein. Aber diesmal ist es anders. Wegen des Lockdowns haben andere Einrichtungen geschlossen, nur Museen und Galerien dürfen öffnen. So hatte ich in den vergangenen Tagen pro Nachmittag teilweise bis zu sieben Besucher*innen. Das ist viel. Die Ausstellung schließt am 19.12. – was dann kommt, ist ungewiss, vor allem weil die Regierung angekündigt hat, die Maßnahmen gegen die Pandemie zu verschärfen.“ Erklärt mir der junge Mann.

Ich frage ihn unverblümt, ob er auch Künstler sei, er antwortet knapp: „Musiker.“ „Oha!“, denke ich und lächle. Labais Dāma stellt sich vor und erklärt mir, dass er heute Abend eher zufällig hier ist. Er sei für seinen Bandkollegen Kaspars Groševs eingesprungen, einem der Betreiber von 427. Kaspars sei gerade in Amsterdam für ein Kooperationsprojekt unterwegs.(11) Labais Dāma nutzt gerne Freiräume, wenn sie sich ihm bieten: Hier in der Galerie kann er üben. Und ja, ich muss ihm beipflichten, während ich durch den Show Room der Galerie in den zweiten Raum hinübergleite und ungefragt in Labais Dāmas Privatraum eindringe.

In der Galerie erhalte ich nicht nur ein Einblick in die bildende Kunstszene von Riga, sondern auch in die Musikszene

Der hintere Teil der Galerie ist heimelig. Ein Ort zum Aufhalten, um Pläne zu schmieden. Ich lasse mich erschöpft auf einem Hocker nieder. Diskret blicke ich mich um: Gemütlich ist es hier, das Licht gedämpfter als das Licht, das die Kunst in der Galerie in Szene setzt. Wo in einer kommerziellen Galerie ein Büro für die Abwicklung der administrativen Teile des Galeriebetriebs wäre, verströmt sich hier die Atmosphäre von Improvisation, zwischen einem Atelier und einer Gemeinschaftsküche. Definitiv ein sozialer Raum für ein relaxtes Miteinander und Gespräche, in denen sich, wie in jeder Kreativszene, Privates mit Beruflichem aufs Engste verbindet. Regale gefüllt mit Sachen, die man für Ausstellungen und Veranstaltungen, die Leib und Seele zusammenhalten, benötigt: Werkzeug, Panzertape, ein paar Gläser, leere Bierflaschen, ein Brotmesser. Statt Kaffeebechern springt mir eine Sammlung an leeren Energy-Drink-Dosen ins Auge. Das grelle Grün des Logos spiegelt sich in Kārlis grünem Pullover wider. Ein Kühlschrank. Und ja, er deutet auf die Mischpulte und seine E-Gitarre.

Von der Musikszene in Lettland habe ich bislang gar nichts mitbekommen. Wenn man von Auftritten lebt, wird es in der Corona-Zeit vermutlich knapp. Ich starte das Gespräch, indem ich sage, wie entsetzlich leer die Innenstadt heute war. Dass alles wie ausgestorben daliegt. Er lächelt etwas schwermütig: „Ja die Atmosphäre ist apokalyptisch, Zombie-artig. Man ist doch sehr an belebte Straßen in der Innenstadt gewöhnt. Die verschärften Covid-Restriktionen treten an diesem Wochenende in Kraft, das bedeutet ein Ladenöffnungsverbot an den Wochenenden. Deswegen ist es nun besonders gespenstisch. Aber die Stille und Einsamkeit haben auch positive Seiten“, fährt er fort, so kann man sich ganz auf das Komponieren und Musikmachen konzentrieren. Man verbummelt keine Zeit und wird nicht abgelenkt, sondern man nutzt seine Zeit, weil es eben auch nichts anderes zu tun gibt. Es bleibt nur die Flucht nach vorne: diese Zeit kreativ und produktiv zu nutzen! Wenn die Covid-Pandemie vorbei ist, wird es viele neue, besonders kreative Veröffentlichungen geben. Davon ist Labais Dāma überzeugt und dieser Zeit blickt er entgegen.

Er berichtet weiter: Die Veröffentlichung seiner aktuellen EP hat er auf Grund der Pandemie verschoben. In den Streaming-Plattformen sieht er kein Potential, seine Kosten zu amortisieren, dies hat er schon ausprobiert. Seiner Erfahrung nach ergibt es nicht viel Sinn, ein Musikprojekt nur im Netz zu launchen, es lohnt sich nicht, wenn man seine Projekte dem Publikum live nicht vorstellen kann – dann interessiert sich auch keiner dafür. Bei der Musik geht alles über den Liveact – und dass mit der Musik eine gute Zeit assoziiert wird, das verleitet den ein oder anderen Fan und Follower, Unterstützer*in zu werden und etwas zu kaufen.

Ich erzähle, dass in Deutschland im ersten Lockdown viele zivilgesellschaftliche Einrichtungen, Vereine und Initiativen gegründet worden seien, um spontan Geld für die Kulturszene zu sammeln.

Eine Bewegung der Solidarität – dass andere, denen es wirtschaftlich besser geht, für Künstler spenden – habe er in Lettland nicht bemerkt, kommentiert Labais Dāma, und gibt zu bedenken, dass hier jeder gerade so über die Runden kommt, deshalb ist an Solidarität nicht zu denken. Auch die Corona-Kompensationen für den Kulturbetrieb der Regierung wären nicht nennenswert gewesen. Als Musiker möchte er weder vom Markt noch von öffentlicher Förderung abhängig sein, deshalb arbeitet er branchenfremd. Labais Dāma ist seine Bühnenpersönlichkeit, im Alltag heißt er Kārlis Biķernieks. So bewahrt er sich seine künstlerische Freiheit. Er muss sich keinem Geschmacksurteil außer dem eigenen beugen. „Wenn ich für mich schreibe, kann ich experimentieren.“

Die Galerie, ein Heim für freie Geister

Auch sein Bandkollege Kaspars Groševs, der die Produzentengalerie gegründet hat und betreibt, ist ein solcher Freigeist. Kaspars ist ein engagierter Künstler und Musiker. Sein Interesse an Musik war schon immer stark ausgeprägt. Ende der 90er Jahre begann er mit Kassetten und den ersten verfügbaren PCs zu experimentieren. Später spielte er in verschiedenen Metal-/Hardcore-Bands und erkundete Facetten der elektronischen Musik. 2017 gründeten Kaspars und Kārlis die Band Tone it a down und das Kassettenlabel No Sex Just Talk. Kārlis gibt mir den Link ihres Labels und einen weiteren zu ihrem letzten Album.

Bandauftritt von „Tone It Down A Little“ live @ Erica Synths Garage (YouTube-Video, 43 Minuten)

Neben dem Musik machen ist Kaspars Groševs Künstler und Kurator. 2011 machte er an der Lettischen Kunstakademie seinen Abschluss. Zusammen mit seiner Kollegin Ieva Kraule-Kūna eröffnete er 2014 den Ausstellungsraum 427. Im Jahr 2016 verließ Ieva ihren Posten und Marta Trektere nahm ihren Platz ein. Im kommenden April wird der Projektraum 427 bereits 7 Jahre alt. Derzeit bereiten Kaspars und Marta ein Buch vor, in dem die mehr als 50 entstandenen Ausstellungen zusammengefasst werden.

Aktuell erhält 427 eine Projektförderung der Stadt (Culture Capital Foundation/KKF), doch das war nicht immer so. Früher mussten Kaspars und seine Freunde die Galerie fremdfinanzieren, das war nicht so leicht, hat aber auch geklappt. Dieser Wille durchzuhalten hat den öffentlichen Förderern gezeigt, dass es eine Community und einen Bedarf für ihre Arbeit gibt. Seitdem erhält die Gallery 427 öffentliche Unterstützung für ihren Dienst am Aufbau einer jungen Kunstszene. So speist sich das Programm der Gallery 427 aus Freigeistern und Freidenkern, die sich ihre eigene Nische im Rigaer Kunstbetrieb erarbeitet haben. Die sich nicht von der Pandemie und anderen Widrigkeiten einschüchtern lassen.

Fußnoten

(1) https://www.pedvale.lv/en/art-park/
(2) https://www.pedvale.lv/en/artists-residency/open-call-2020/, abgerufen am 13. Dezember 2020.
(3) https://www.makslaxogalerija.lv/news/464/352/15-10-16-11-2020-GLEBS-PANTELEJEVS-Hormonia/, abgerufen am 12. Dezember 2020.
(4) https://eu4art.eu, abgerufen am 12. Dezember 2020.
(5) https://www.zuzeum.com/en/collection/, abgerufen am 12. Dezember 2020.
(6) Latvian Public Broadcasting: Major tax changes possible in 2021 in Latvia, veröff. am 30. Juli 2019. https://eng.lsm.lv/article/economy/economy/major-tax-changes-possible-in-2021-in-latvia.a327145/, abgerufen am 12. Dezember 2020.
(7) B.C.: Latvian Government approves proposal to carry out tax reform in 2021, first published on 02.09.2020. http://www.baltic-course.com/eng/finances/?doc=158847, retrieved 12. December 2020
(8) B.C.: 98.6% all active companies in Latvia are micro and small companies, published 19.11.2020. http://www.baltic-course.com/eng/markets_and_companies/?doc=160820, retrieved 13.December 2020
(9) „Based on official data, around 99 % [of all businesses – author’s note] would be in the category of small and medium-sized enterprises (SMEs). The breakdown of economically active SMEs by the Ministry of Economics is (Ministry of Economics, 2016): micro enterprises – 90 %, small enterprises – 9 %, medium enterprises – 1 %. The European Commission considers SMEs and entrepreneurship as key to ensuring economic growth, innovation, job creation, and social integration in the European Union. During the last five years, there have been significant changes in the principles, conditions and microenterprise regulations of microentrepreneurs.“
Riekstina, Iluta; Zvirgzdina, Rosita: Small business in Latvia – trends and facts in five years. Paper from Proceedings of the 2019 International Conference „Economic science for rural development“ https://llufb.llu.lv/conference/economic_science_rural/2019/Latvia_ESRD_50_2019-169-176.pdf, retrieved 12. December 2020
(10) https://fourtoseven.info/en/tiled-river/, abgerufen am 12. Dezember 2020.
(11) Kaspars baut gerade eine Ausstellung in Kollaboration mit P//////AKT in Amsterdam auf. Gemeinsam präsentieren die beiden Galerien die Ausstellung der lettischen Künstlerinnen Ieva Kraule-Kuna & Elina Vitola namens Artist Crisis Center II: Tact Gear, https://www.pakt.nu/2020/ieva-kraule-kuna-and-elina-vitola-the-space-conductors-are-among-us-part-iv/, abgerufen am 19. Dezember 2020.

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erstellt am 26.1.2021
aktualisiert am 11.2.2021

Performance von Ojars Arvids Feldbergs, Ende 2020 in Lettland. Foto: © Line Krom

Performance von Ojars Arvids Feldbergs
Herbst 2020 in Lettland. Foto: © Line Krom