Banner, 120 x 600, mit Claim

Schon in einer Zeit, da man mit ‚Intelligenz’ noch eine denkende, „geistige Schicht“ bezeichnen konnte, sah sich diese in der paradoxen Situation, als Träger der Kultur in materiellem Elend leben zu müssen. Ein neuer „Bund geistiger Berufe“ rief zum Widerstand gegen den Kulturabbau auf. Die Schriftstellerin Grete De Francesco beschrieb in der Frankfurter Zeitung 1932 dessen Hilflosigkeit.

RÜCK-BLICK: Vor 89 Jahren

Hilflose Intelligenz

Von Grete De Francesco

Unter der Parole „Widerstand gegen Verelendung und Kulturabbau“ ruft ein neugegründeter Bund geistiger Berufe (B.G.W.) zur ersten Versammlung. Der Vorsitzende, Dr. H. Budzislawski, Wohlfahrtspfleger in dem Großen Wohnblock des Schriftsteller-Schutzverbandes, schildert einleitend die Verelendung der Intelligenzschichten, nennt Ziffern, die beweisen, daß der Abbau der Bezüge für unorganisierte freie Berufe (z.B. Schriftsteller) jene für Handarbeiter (z.B. Setzer) um ein Vielfaches übersteigen. Ziel des Bundes sei Schaffung des Widerstandes bei den geistigen Arbeitern. Auf dem Wege über Gruppenzusammenschluß: Massenbewegung.

Nun, die elektrischen Schläge des geschilderten Zustandes treffen uns alle. Die Fragestellung, das spürt man, geht jeden Menschen in diesem vollen Saale an und jeder empfängt auf persönlichster Antenne die Antwortsendung. Amerikanische Studenten pflegen, wenn sie hier in Deutschland in Debatten eingreifen, in so einem Fall klipp und klar zu fragen: what are you going to do, to change this fact?

Was bietet der Bund in den Referaten seiner Redner, also repräsentativ, der aufhorchenden Versammlung?

1.     Eine Untersuchung des Begriffes Intelligenz als Schicht nebst Umriß der Aufgaben dieser Schicht von Plato bis zu uns (Dr. Gustav Wyneken).

2.     Fachvortrag über neuen Baustil und Beschäftigung im Baugewerbe: punkto Baustil hörte man von Einbeziehung der Maler zwecks Herstellung bunter Fassaden, der Bildhauer zwecks Schaffung von Hofplastiken: Hieran schlossen sich Ziffern mit Nullen.

3.     Oekonomisch politisch gefaßter, sehr theoretischer Versuch eines Diplom-Ingenieurs über die Lage seiner Berufsgenossen. Das klarste der Referate, das einzige, das, allerdings ohne praktische Beispiele, vermeintliche Symptome streifte.

4.     Schlußwort des Vorsitzenden. Man wartete auf das Brot, das der Wohlfahrtspfleger nun endlich, nach der Fütterung mit Steinen, austeilen würde. Er empfahl Gründung von fünf Arbeitsgemeinschaften zur Behandlung gesellschaftlicher Themata, also Bildung für Gebildete.

Wehrte sich die anwesende Intelligenz in der Diskussion gegen diese Umgehung des Themas, kamen aus ihrer Mitte konkrete Vorschläge, die aus der Analyse einer bestehenden Elendslage zur Kleinarbeit bescheidenster praktischer Verbesserungsmöglichkeiten einen Vorstoß versuchten? Keineswegs! Die Intelligenz zog theoretische Auseinandersetzung mit Wyneken vor. Der B.G.W. muß allerdings gefragt werden, wie er, als Vertreter verelendeter Intellektueller, einen Mann zum Redner bestellen konnte, der eben diese Verelendeten mit dem Adelsstolz der Bohème als „geistige Nomaden“ bezeichnet und als „Salz der Erde“, also die verhängnisvolle Romantik vorgestriger Sorglosigkeit in heutige Sorgen lebensfern einbaut. Aber kann selbst diese Entgleisung erklären, daß kein Mensch im Saal ein Wort geäußert hat, das hätte heißen können, „to change the fact?“

Ein Satz von Wyneken blieb unwidersprochen, gerade der eine, der eine Intelligenz, die den Ursprung ihrer Ohnmacht begriffen, zu Protest hätte aufrufen müssen. Das Regieren, so meinte er nämlich, sei Spezialfach. Hier sollten sich die Geistigen fern halten und nur mittelbar einwirken. Aus dieser reinlichen Scheidung zwischen Asylverschluss des Künstlers und Kanzleiverschluss des Politikers entstand aber gerade jene typisch deutsche Isolierung und Hilflosigkeit der Intelligenz, die ihr heute nicht einmal erlaubt, für die kleinen Probleme dieses Bundes Vertreter in der Öffentlichkeit zu stellen. Der Dipl. Ingenieur sprach von der Zersetzung, die in der Großindustrie mit dem Charakter der Angestellten vor sich geht. Sie habe zur Folge, daß, was der Vater im Berufs- und Privatleben noch mit der Pistole beantwortet hätte, der abgestumpfte Sohn heute ruhig hinnimmt! Hier scheint mir der Tiefpunkt berührt. Daß fast kein Geistiger sich mehr trauen kann und traut zu einer Sache zu stehen, die Gesinnungszersetzung als Waffenberaubung, gegen die müßte gekämpft werden. Aber wie kann man das, wenn man im Kleinen wie im Großen nicht fähig ist, sich auf Konkretes zu konzentrieren, nichts tut „to change the fact“ und Intellektueller zu sein als Spezialberuf des sich Fernhaltens betrachtet? Zur Massenbewegung dürfte diese Position nicht ausreichen.

aus
Feuilleton der „Frankfurter Zeitung“, Reichsausgabe, vom 17. April 1932

Die „Frankfurter Zeitung“, Anfang 1933

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 25.1.2021
aktualisiert am 26.1.2021

Die Bücher in Bibliotheken können sehr lange stehen. Sie sind unser kulturelles Gedächtnis, das weit hinter und über unsere Erinnerung hinausgeht. Sie können nichts vergessen und ermöglichen, was Alexander Kluge einmal das Gespräch über die Jahrhunderte genannt hat.

Hier sammeln sich Berichte, Kommentare, Erzählungen, Essays – Fundstücke aus einer zurückliegenden Zeit, die möglicherweise gar nicht vergangen ist und so in unsere Gegenwart hineingreift..

Grete de Francesco

Die Schriftstellerin, Journalistin und Soziologin Grete De Francesco wurde als Margarete Weissenstein 1893 in Wien geboren und entstammte einer jüdischen Familie aus dem gehobenen Bürgertum. Von ca. 1912 bis Anfang 1919 lebte sie in München und absolvierte vermutlich dort die Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie. Zu ihrem Schwabinger Freundeskreis zählten die Kunsthistoriker Sigfried Giedion, Carola Giedion-Welcker und Hans Curjel, der künftige künstlerische Leiter der Berliner Kroll-Oper. Verheiratet mit einem Ingenieur aus dem Südtiroler Rovereto, wählte sie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Zerschlagung des Habsburgerreichs die italienische Staatsbürgerschaft und ließ sich in Mailand nieder. Unter Mussolini verließ die Gegnerin des Faschismus wieder das Land, um sich Mitte der zwanziger Jahre in Berlin niederzulassen. Dort studierte sie an der Deutschen Hochschule für Politik und war mit der Diplomarbeit „Das Gesicht des italienischen Faschismus“ (1931) die überhaupt erste weibliche Absolventin des akademischen Zweigs dieser staatsbürgerlichen „Kaderschmiede“ der Weimarer Republik.

Die Mitarbeiterin im Feuilleton der überregionalen „Frankfurter Zeitung“ war seit den zwanziger Jahren gut bekannt mit Walter Benjamin, Ernst Bloch, Siegfried Kracauer und den Soziologen Karl Mannheim und Albert Salomon. Anfang 1932 wechselte sie als Redaktionsmitglied an den Frankfurter Hauptsitz des liberalen Blatts. Nach ihrem „Hinausschmiss“ (wie sie an Kracauer schrieb) durch den Verleger persönlich schrieb sie als freie Mitarbeiterin, teilweise auch unter dem Pseudonym Anton Pacher, zunächst weiter für das Blatt, das freilich längst einen politischen Kurswechsel vollzogen und sich im Verlauf des Jahres 1933 zumal von seinen jüdischen Mitarbeitern getrennt hatte. Als permanente Grenzgängerin pendelte die streitbare Publizistin fortan zwischen Wien, Prag, Paris, Basel, Zürich und Mailand. Im Basler Schwabe Verlag erschien 1937 ihr grundlegendes Werk „Die Macht des Charlatans“ (in englischer Übersetzung 1939 auch in einer amerikanischen Ausgabe), eine kultur-, medizin- und theatergeschichtlich camouflierte Studie auch über die politischen Scharlatane ihrer Zeit und die Techniken wie Wirkungen ihrer Propaganda.

Bei Kriegsausbruch wieder in Mailand, saß Grete de Francesco seit dem Mai 1940 in der „italienischen Falle“. Zeitweise in den Bergen untergetaucht, wurde sie jedoch im Herbst 1944 in Mailand von der Gestapo aufgegriffen, verhaftet und über das Durchgangslager Gries bei Bozen im Dezember 1944 mit einem der letzten Transporte von Juden und politischen Gefangenen nach dem Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo sie im Februar 1945 umkam.
Im Nachkriegsdeutschland, desgleichen aber auch in Österreich und Italien, geriet sie mitsamt ihrem schriftstellerischen und journalistischen Werk in Vergessenheit.

Buchcover „Die Macht des Charlatans“, Grete de Francesco

Jetzt ist ihr großes Buch „Die Macht des Charlatans“ in einer opulent illustrierten Neuausgabe, ergänzt um einen umfänglichen biographischen Essay von Volker Breidecker, als Band 434 in Die Andere Bibliothek erschienen (456 Seiten, 69 Abb., 44 Euro). Die nebenstehende Kritik aus ihrer Feder war am 17. April 1932 im Feuilleton der Reichsausgabe der „Frankfurt Zeitung“ erschienen. (-ker)