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Corona Culture Talks

Wer schreibt, gestaltet, komponiert oder musiziert, arbeitet allein und steht dennoch, ob er will oder nicht, im stetigen Austausch mit anderen Menschen. Die pandemische Gefahr hat das Leben von Künstler:innen so eingeschränkt, dass es ihre Existenz bedroht oder ihr Schaffen verändert. In der Reihe CORONA CULTURE TALKS werden sie zu ihrer Situation und ihrer persönlichen Erfahrung mit der Corona-Krise befragt.

Robyn Schulkowsky ist international eine der bekanntesten Schlagzeugerinnen der Neuen Musik, Joey Baron dagegen einer der großen, innovativen Schlagzeuger des Jazz. Seit Jahren finden sie immer wieder zu gemeinsamen Projekten zusammen. Nun hat Covid-19 die beständigen Reisen um den Globus zum Stillstand gebracht. Im Gespräch mit Clair Lüdenbach erzählen die beiden über das Glück des gemeinsamen Improvisierens in Notzeiten und von den Entbehrungen des reisenden Musikers und der völlig offenen Zukunftsperspektive.

Corona Culture Talks: Robyn Schulkowsky und Joey Baron

Glück im Stillstand

Clair Lüdenbach: Kannst Du trotz der Gegebenheiten durch Corona, den vielen Absagen und Unwägbarkeiten für Dein eigenes Wohlgefühl in die Musik abtauchen?

Robyn Schulkowsky: Wir leben in einer technisch gesteuerten Welt, und wir haben ganz viele Musiker, die alleine, stundenlang, jeden Tag üben, die haben eine technische Virtuosität, das haben wir noch nie gehabt auf diesem Planeten. Das haben wir vor 40 Jahren nicht gehabt. Aber diese Virtuosität, plus, plus, plus ist nur ein Teil des Musizierens. Und was es uns jetzt bringt: Alle sitzen zu Hause und werden noch toller, aber das bringt die Musik nicht weiter. Ich habe Glück, ich habe wirklich Glück, ich habe die neue Arbeit von Olga Neuwirth. Wenn ich daran arbeite, dann arbeite ich an was ganz Tollem, das ich mit einer Komponistin teile zum Beispiel. Wir können darüber reden, was sie gebaut hat und was ich spiele. Und dann habe ich einen super Vorteil, in dem sich Joey Baron entschieden hat, während der Coronazeit in Deutschland zu leben. Wir musizieren jeden Tag miteinander. Wir sind in einem noch normaleren Arbeitsmodus als sonst. Wir können jeden Tag alleine üben. Aber wir sind auch mit einer musikalischen Sprache und einem Austausch beschäftigt, der uns immer wichtiger wird.

Bringt die Situation auch ein anderes Gefühl hervor, eine andere Weise, sich auszudrücken? Könnte man das so sagen, dass man einen anderen Zugang zu dem bekommt, was man immer gemacht hat – wobei man meint, man wüsste, wie es geht, und plötzlich ist alles anders?

Ich glaube, wir müssen anders werden. Wir müssen lernen, diesen Planeten miteinander zu teilen. Wie uns die reale Zeit miteinander verbindet, das muss uns beeinflussen. In wie weit es mich bis jetzt beeinflusst hat und wie es in einem halben Jahr sein wird, das weiß ich nicht. Ich kann überhaupt nicht daran denken, dass ich nochmal spiele. Ob das stattfindet – ich bin jetzt so alt – ob ich nochmal zum Spielen komme, weiß ich nicht. Auf der anderen Seite, wie es war, darf es nicht wieder werden. Wir wollen nicht zurück. Es ist ein Teil des Lebens, dass wir woanders hin wollen. Wie kann es anders sein? Wir müssen ein bisschen genauer nachdenken, wie die Musik im nächsten Jahr sein wird. Wie Christian Wolff schon früher sagte, machen wir erstmal ein Jahr keine neuen Kompositionen, keine Uraufführungen, nichts Neues. Nutzen wir dieses Jahr dazu, zu überlegen, was wir hören wollen und an welchen Orten. Wenn es überhaupt komponierte Musik sein soll, dann, was ist die Musik, die wir hören wollen an diesem Ort? In einer Kirche, in einem kleinen Konzertsaal, in einem Vortragssaal, in einer Galerie, in einem Museum? Wir haben so viele Kompositionen. Vielleicht sagen wir, oh, dieser Ort hat noch keine Musik, dann muss man vielleicht was erfinden. Zuerst einmal nicht komponieren, nicht neu denken, sondern reflektieren, wie die Musik zu dieser Zeit, an diesem Ort, in diesen Raum passt.

Du hast aber nicht immer die freie Wahl des Ortes, Du bist ja meistens abhängig und musst von etwas leben.

Tun wir, als wären wir nicht abhängig. Im Moment sind wir super abhängig und auch wieder nicht. Man kann trotzdem überlegen, wollen wir diese Musik mit diesen Leuten, in diesem Raum machen? Vielleicht nicht, dann müssen wir was anderes machen.

Ich stelle mir vor, dass, wenn man als Künstler für eine so lange Zeit, die völlig anders ist, in der der Tagesablauf umgekrempelt wird, es keinen Adrenalinstoß durch Aufführungen gibt, etwas mit der Wahrnehmung als Künstler passiert. Dass man vielleicht anders denkt, weil das Gehirn andere Verbindungen schaltet?

Dieser Austausch findet für mich jetzt im Gespräch statt, wie wir das jetzt führen. Ein Telefonat kann mich den ganzen Tag beflügeln. Und dann, diese schöne Zeit, in der man sich Zeit nehmen kann, um sich mit einer Person zu unterhalten. Wir müssen nicht fünf Leute einbinden, sondern wir können zu zweit richtig toll reden. Und Joey muss auch nicht so schnell weiter. Das war noch nie so, diese Zeit haben wir nie gehabt, und das ist natürlich super.

Mitschnitt 1: Clair Lüdenbach spricht mit Robyn Schulkowsky und Joey Baron

Frage an Joey Baron: Du bist Jazzmusiker, und vermutlich ist es für Euch sehr viel schwieriger, bis alles wieder zum Leben erwacht ist. Oder wie empfindest Du das?

Joey Baron: Ich bin ein Optimist. Ich glaube, es könnte schlimmer kommen. Die Situation ist jetzt schlimm, aber warte, wie es erst nächstes Jahr wird. Ich genieße den Augenblick.

Glücklicherweise bist Du in Berlin gestrandet.

Ja, es ist ein großes Glück, dass ich hier bin. Der Kern dessen, was wir normalerweise machen, ist, was wir in Zukunft nicht machen können. Das heißt, in einem intimen Rahmen, für eine relativ kleine Gruppe von Zuhörern spielen. Ich sehe nicht, wie das dann gehen soll, wenn alles so verrückt rauf und runter geht an den Grenzen etc. Meine Vorstellung ist, dass man mit den Leuten sprechen muss, damit sie das Verfahren ändern, wie Jazzgruppen oder andere Gruppen zu buchen sind: dass man im Jazz irgendwo hingeht und vier Tage spielt, statt nur einen. Es müssen viele Kompromisse auf allen Seiten geschlossen werden, um das umzusetzen. Das könnte realisierbarer sein, als das, was bisher als „normal“ angesehen wurde. Das hieß, man spielt heute in Paris und ist morgen in Budapest, und den Tag darauf fliegt man nach Palermo. Das ist Vergangenheit, es kann so auf keinen Fall weitergehen, solange mit der Pandemie auf diese Weise umgegangen wird.

Das birgt auch die Gefahr, dass sich der Fokus auf die nationale Musikszene richtet.

Das geschieht schon. In den letzten 20 Jahren arbeitete man daran. Ich weiß nicht, wer damit anfing, ob die Medien, die Agenten oder die Promoter, dass man die Musik unterteilte. Was für mich ihr Tod bedeutet, indem man sagte, es gibt eine deutsche Jazzszene, eine französische, diese oder jene Jazzszene. Indem man die Aufmerksamkeit darauf richtete, hat es die Menschen unnötig aufgeteilt in diese nutzlosen Kategorien, die nichts anderes erreichen als die eigentlichen Prinzipien dieser Musik niederzureißen. Es hat immer eine Mischung von Amerikanern mit Europäern gegeben, ohne eine allzu große Aufmerksamkeit darauf zu richten. Man machte keine große Sache daraus. Aber heute wird die Identität zu einer großen Sache aufgebaut – das ist unsere Szene. Es zerstört den Kontakt. Wenn Amerikaner irgendwo hinkommen, wo sie nicht die Mehrheit bilden und mit jemandem spielen, der aus einem anderen Land ist, dann übernimmt man etwas, und es wird ein Konglomerat, anstatt, das ist deutscher Jazz etc. Es ist eine Art Spiel, das war die ursprüngliche Idee des Jazz, ein bisschen von dem, ein bisschen von jenem. All dieses Auseinanderdividieren hilft nicht der Musik und den Arbeitsbedingungen. Wenn Du nicht ein Teil der deutschen, der polnischen Jazzszene oder der französischen Szene bist, dann kannst Du nicht arbeiten. Jede Art der Ausgrenzung zerstört mehr als sie nutzt, das gilt auf allen Ebenen. Wenn man eine total weibliche Band ankündigt, dann sagt das nichts aus über die Qualität der Musik.

Mitschnitt 2: Clair Lüdenbach spricht mit Joey Baron und Robyn Schulkowsky

Jetzt, wo Du so viel Zeit hast, nutzt Ihr das, um Neues auszuprobieren?

Joey Baron: Ich persönlich habe immer Neues ausprobiert, entweder vor einem Soundcheck, wenn ich zu früh bin und herumspiele, oder im Hotel. Jetzt, wo es keine Soundchecks und Hotelzimmer gibt, mache ich das hier. Ich bereite mich nicht auf die Zeit vor, in der sich die Dinge wieder normalisieren. So kann ich überhaupt nicht denken. Ich warte nicht so aufgeregt auf das Zurück zum sogenannten Normalen. Je mehr Zeit wir im Lockdown verbringen, umso mehr wird mir bewusst, wie anormal ein Leben ist, wenn man jeden Tag reist und Auftritte hat und wie lange das schon so gegangen ist. Wir akzeptieren das als normal, aber eigentlich ist das ein ziemlich beschissenes Leben. Das neue Normal wird anders sein. Nachdem ich so viel Zeit an einem Ort verbrachte – das letzte Mal war das, soweit ich mich erinnere, 1972. Ich bin jetzt an einem Ort, so lange, dass ich mich nicht jeden Tag erschöpft fühle und mit einem Adrenalinhoch rumlaufe.

Robyn Schulkowsky: Am Anfang dieses ganzen Mists war es stressig. Über sechs Monate gab es jeden Tag eine Absage. Das war, als Joey den Witz machte: Entschuldigung, ich kann für heute keine Absage mehr annehmen, ich hatte schon zwei. Es war so stressig all die Dinge anzunehmen, die nicht stattfinden würden und am Telefon hängen oder über den Computer rausfinden, ob wir genug Geld haben, um die Miete zu zahlen. Keiner von uns hatte irgendeine kreative Energie. Uns hielt das Ritual am Leben, dass wir jeden Tag spielen konnten.

Joey Baron: Der Stress, dass der Teppich, auf dem Deine Existenz aufbaut, dir unter den Füßen weggezogen wird, – das ist schockierend und so beängstigend. Wir leben damit sowieso, denn wenn wir einen Gig haben, dann müssen wir danach einen nächsten Gig finden oder spielen. Wir sind daran gewöhnt. Aber wenn die Möglichkeit, einen neuen Gig zu bekommen, oder überhaupt einen zu bekommen, Dir entzogen wird, das ist einfach …

Robyn Schulkowsky: Man muss dazu sagen, wir sind jetzt ziemlich alt, und wenn das noch viel länger dauert, dann sind wir nicht mehr in der Lage zu laufen … [lacht schallend] Das ist noch eine andere Story, wir sind keine fünfzig mehr.

Joey Baron: Bei all den Entscheidungen, die gemacht werden, sieht man, dass für die Gesellschaft Kultur keinen Wert hat. Diese gesellschaftliche Haltung ist nun Mainstream, das ist eine Tatsache. Ich verdiene nichts. Ich verbrachte 55 Jahre in diesem Handwerk, und es ist nichts mehr wert. Ich bekomme Nachrichten vom Arbeitslosenamt in Texas, die mir sagen, ich soll mich umschulen lassen. Vielleicht zum Pommes Frites-Verkäufer … [lacht]

Robyn Schulkowsky: In Amerika gab es nur die eine Option, – das war Arbeitslosengeld beantragen. Hier habe ich gesagt, ich kann nicht arbeiten und bekam 5.000 Euro. Und dann sagte ich, ich muss mir was für die Zukunft überlegen, und da bekam ich nochmal 5.000. Es ist ein bisschen anders hier, denn ich bin nicht im Arbeitslosensystem.

Joey Baron: Die amerikanische Gesellschaft macht die Opfer zu Schuldigen. Es ist Deine eigene Schuld, wenn du hart arbeitest und einen Job annimmst. Sagen wir mal, die Person kriegt einen Job und kann trotzdem ihre Rechnung nicht bezahlen, weil der Lohn so niedrig ist, oder die Stundenzahl ist wegen der Pandemie begrenzt. Was hört man dann? Ich bin sicher, Du könntest noch einen anderen Job dazu bekommen. Anstatt nach einer wirklichen Lösung zu suchen, wie, den Reichtum auf rationalere Weise zu verteilen, schiebt man die Schuld auf denjenigen, der die Schwierigkeiten hat. Das passiert überall, nicht nur in Amerika.

Das Gespräch führte Clair Lüdenbach.

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erstellt am 19.1.2021
aktualisiert am 11.2.2021

Joey Baron, Robyn Schulkowsky. Foto: © Frank Dietsche

Joey Baron, Robyn Schulkowsky
Foto: © Frank Dietsche