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Selbstverständlich kann man keine Kunst in geschriebene oder gesprochene Sprache übersetzen. Daraus herzuleiten, dass Kunst unbeschreiblich ist, wäre voreilig. Gabriele Klein, eine Hamburger Soziologin und Tanzwissenschaftlerin, hat in ihrer Untersuchung „Pina Bausch und das Tanztheater“ die kulturelle und ästhetische Übersetzung thematisiert. Walter H. Krämer empfiehlt das Buch.

Buch über Pina Bausch und das Tanztheater

Die Verwandlung von Tanz in Sprache

Gabriele Klein
Gabriele Klein

Die Hamburger Soziologin und Tanzwissenschaftlerin Gabriele Klein hat insgesamt sieben Jahre an dem Buch gearbeitet, das im Rahmen des von der DFG geförderten Einzelprojekts “Gesten des Tanzes – Tanz als Geste. Kulturelle und ästhetische Übersetzungen am Beispiel der internationalen Ko-Produktionen des Tanztheater Wuppertals” an der Universität Hamburg und unter Mitwirkung verschiedener Mitarbeiter*innen (Elisabeth Leopold, Stephanie Schroedter, Anna Wieczorek) entstand.

In, neben Einleitung, Schluss und Verzeichnisse, sechs Kapiteln (Stücke, Compagnie, Arbeitsprozess, Solotänze, Rezeption, Theorie & Methodologie) beschreibt die Wissenschaftlerin – und das ist nach Öffnung der Archive und Zugang zu bisher nicht öffentlichen Quellen ein Novum – die Ära Pina Bauschs mit dem Tanztheater Wuppertal.

Es ist ein Buch, das vielfältigen Interessen und Ansprüchen gerecht wird: geeignet, um einerseits kulturinteressierte Leser*innen mit Pina Bauschs Arbeiten vertraut zu machen und anderseits ein Bedürfnis nach mehr Informationen und theoretischen Exkursen zu bedienen.

Das Buch enthält Teile, die von der Biografie und dem Werk der weltweit anerkannten Choreographin erzählen. Dies nicht einfach nur so, sondern es werden zeitgeschichtliche Bezüge hergestellt und damit deutlich gemacht, dass auch der Tanz nicht unabhängig von Entwicklungen innerhalb einer Gesellschaft entsteht.

Gabriele Klein interessiert die Choreographin Pina Bausch als Kriegskind, das die Nachkriegsjahre in Solingen, einer Stadt, die sehr stark in die Rüstungsindustrie des 3. Reiches involviert war, verbrachte und den Aufbruch der 68er Generation miterlebte. All dies wirkte sich über die Folkwang Hochschule aus auf Pinas Suche nach Veränderungen in ihrer Kunst und führte sie zu einer ästhetischen Revolte im Bereich Tanz.

Die Autorin beschreibt, wie die Stücke mit der Wuppertaler Compagnie – ich verwende hier, wie die Autorin in ihrem Buch, die französische Schreibweise – entstanden sind und wie sich Pina Bausch den legendären Ruf einer Tanzikone und Pionierin des Tanztheaters zu sein, erworben hat.

Zwei Kapitel berichten aus tanzwissenschaftlicher Perspektive über Theorie und Methode der Herangehensweise an die Stücke. Ausgewählte Werke werden hierbei auf Grundlage einer kulturtheoretischen Auseinandersetzung mit sozialen Aspekten von Körperpraktiken kritisch betrachtet und hinterfragt.

Pina Bausch in den 1970ern
Pina Bausch in den 1970ern

Die zahlreichen Abbildungen und Illustrationen im Buch sind eindrückliche Zeugnisse zu Pina Bausch, ihren Werken, dem Tanztheater und seinen Tänzerinnen und Tänzern. Neben oftmals bereits bekannten Stückfotos, legen Fotografien von Probenprozessen, Notizen und Research-Reisen künstlerische Prozesse offen und schaffen überraschende Assoziationen zu gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten – etwa durch Fotografien von Protestierenden gegen die Münchner Notstandsgesetze 1968 neben einem Foto aus “Kontakthof” in Wuppertal 2013 oder einem Foto aus „Fritz“, Wuppertal 1974 neben dem Foto eines gefangenen NFL-Kämpfers, Vietnam 1967.

Um die spezifische Arbeitsweise Pina Bauschs und das Tun der Choreografin und ihrer Tänzer*innen zu untersuchen, bedarf es zunächst einer Klärung der Frage, wie sich die Kunstform Tanz in Sprache überführen lässt. Ein Verfahren, dem Pina Bausch zeitlebens kritisch gegenüberstand. Die Choreographin vertrat die Ansicht, dass Tanz nicht in Worte zu fassen sei, dass er für sich selbst stehe und erlebt und gefühlt werden müsse. Dem fügt Gabriele Klein in ihrem Buch eine andere Sichtweise zu: Für sie gilt es, den scheinbaren Widerspruch von Tanz und Schrift aufzulösen und sie will mit ihrer Arbeit zeigen, „dass Übersetzungen von Kunst in Wissenschaft, von Ästhetischem ins Diskursive, von Tanz in die Schrift auch einen Gewinn haben und erweiternd sein können, weil sie neue Wahrnehmungen und Lesarten möglich machen und damit auch ein Fortleben provozieren“.

Gabriele Klein greift hierzu auf das Konzept der Übersetzung zurück „als eine zentrale Praxis künstlerischer Arbeit einerseits und als grundlegendes Konzept tanzwissenschaftlicher Forschung andererseits (…) zwischen Sprechen und Bewegen, Bewegung und Schrift, zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen, zwischen unterschiedlichen Medien und Materialien, zwischen Wissen und Wahrnehmung, zwischen den Compagnie-Mitgliedern bei der Stückentwicklung und den Weitergaben, zwischen Aufführung und Publikum, zwischen Stück und Tanzkritik, zwischen künstlerischer und wissenschaftlicher Praxis.“

Neben der Frage nach Möglichkeiten der Weitergabe nimmt das Kapitel über Rezeption einen großen Raum in der Publikation ein. Hier beleuchtet Klein sowohl Sicht- und Arbeitsweisen der Tanzkritik als auch Zuschauerhaltungen. Um Aufschluss über Reaktionen des Publikums zu erhalten, ließ die Autorin im Rahmen ihrer Forschung 1.500 Zuschauer*innen befragen. Auch um zu erfahren, wie aktuell Pina Bauschs Stücke heute noch sind und als zeitgenössisch wahrgenommen werden.

Wie sich die Aktualität der Stücke fortschreiben lässt, so die Autorin im Schlussteil des Buches, wird sich in der weiteren Arbeit des Tanztheater Wuppertal zeigen – in den Wiederaufnahmen als „Rück-Übersetzungen in die jeweiligen Gegenwarten (…). Auf diese Weise schaffen die Aufführungen einen Raum für das Publikum, die Aktualität des Stücks durch eine Kopplung an die eigene Zeit zu prüfen. Das Publikum entscheidet, ob das Stück für die Gegenwart, in der sie es erleben, Relevanz hat oder nicht.“

Ergänzt wird das insgesamt 448 Seiten starke Buch mit seinen insgesamt sechs Kapiteln durch Anmerkungen, eine Liste genutzter Literatur – unterteilt in Printmedien, digitale Publikationen, Zeitungsartikel und Radiosendungen, Interviews und Reden und Videomaterial. Außerdem durch ein Verzeichnis der Abbildungen und eine Chronologie der Stücke von Pina Bausch.

Ein lesenswertes Buch, das tiefe Einblicke in den weiten Kosmos des Wuppertaler Tanztheaters und seiner Choreographin Pina Bausch gewährt und das Phänomen Wuppertaler Tanztheater Pina Bausch unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet.

Von der Lektüre unabhängig oder auch angeregt, sollte man es auf jeden Fall nicht versäumen, immer wieder Stücke von Pina Bausch live auf einer Bühne zu sehen, zu erleben, zu fühlen – ganz im Sinne der Choreographin.

Siehe auch

Video: Das Erbe der Pina Bausch, ZDF, 2019 (bis 08.02.2021 in der arte-Mediathek abrufbar).

Buchkritik: Martin Schläpfer, „Mein Tanz, mein Leben“

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erstellt am 17.1.2021
aktualisiert am 18.1.2021

Buchcover: Gabriele Klein, „Pina Bausch und das Tanztheater. Die Kunst des Übersetzens.“, transcript Verlag 2019

Gabriele Klein
Pina Bausch und das Tanztheater
Die Kunst des Übersetzens
Gebunden, 448 Seiten
ISBN: 978-3-8376-4928-4
transcript Verlag, Bielefeld 2019

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