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Viele der friedfertigen, Liebe und Erbarmen verkündenden Religionen haben und hatten ihre aggressiven Phasen. Der österreichische Soziologe, Islamwissenschaftler und Religionspädagoge Mouhanad Khorchide hat es mit seinem Buch „Gottes falsche Anwälte“ unternommen, den Islam gegen seine Verfechter zu verteidigen. Cinzia Sciuto schätzt trotz gewichtiger Einwände die aufklärende Schrift.

Mouhanad Khorchides Buch »Gottes falsche Anwälte«

Wege aus dem Opferdiskurs

Mouhanad Khorchide, 2019
Mouhanad Khorchide, 2019

In seinem jüngsten und sehr mutigen Buch (Gottes falsche Anwälte. Der Verrat am Islam, Herder Verlag) schlägt Mouhanad Khorchide einen sehr ernsten Alarm: Der politische Islam, der die am weitesten verbreitete Interpretation des Islams sei und Mohammeds Verkündigung verraten habe, stelle eine ernsthafte Bedrohung nicht nur für den Islam selbst, sondern auch für die Demokratie dar.

Einer der Hauptvorzüge von Khorchides Buch ist die große Klarheit und Ehrlichkeit: Der Autor sucht nicht nach Sündenböcken, nach „anderen“ – dem Westen, dem Kolonialismus, dem Kapitalismus, dem Sozialismus, der Aufklärung, der Säkularisierung oder was auch immer –, um sie für den Verrat am Islam verantwortlich zu machen. Laut Khorchide – Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster – liegt der Verrat ganz in der islamischen Tradition: Es seien die Muslime gewesen, die sofort nach dem Tod Mohammeds mit einer Instrumentalisierung des Islams für ihre eigenen politischen Ziele begonnen hätten. Man könne sagen, dass Mohammed gescheitert sei, weil er es nicht geschafft habe, die Stammesloyalität durch ein einziges normatives System zu überwinden: „So begann eine andere Geschichte des Islams, die aus einer Religion der Befreiung des Subjekts ein Instrument zur Unterdrückung und zur Behauptung von Ungerechtigkeiten werden ließ“, schreibt Khorchide.

Diese lange Geschichte, die bis ins 7. Jahrhundert n. Chr. zurückreiche, präge stark unsere Gegenwart und gefährde unsere Zukunft, weil der politische Islam noch heute die mit Abstand vorherrschende Interpretation des Islams nicht nur in den islamischen Ländern, sondern auch in Europa bzw. in Deutschland sei. Diese Interpretation des Islams hat laut Khorchide dazu geführt, dass sich unter den Muslimen eine Kultur der Unterwerfung entwickelt hat, die die muslimische Welt bis heute prägt und die viele der Muslime daran hindert, sich selbst und andere Menschen als autonome und verantwortliche Subjekte zu behandeln. Das gelte insbesondere für Frauen, die auf eine den Männern untergeordnete Position verbannt worden seien. Eine Position, die sogar von vielen muslimischen Frauen noch heute verteidigt werde, die sich gerade wegen der so verinnerlichten Unterwerfungsmentalität oft zu energischen Befürwortern patriarchalischer Strukturen machen würden. Der politische Islam habe Gott selbst manipuliert und ihn von einer Manifestation der Liebe und Barmherzigkeit zu einem grimmigen Gott verzerrt, der nur daran interessiert sei, die Gläubigen entsprechend dem größeren oder geringeren Gehorsam zu belohnen oder zu bestrafen. Ein solches Gottesbild führe zu einer Pädagogik der Bedrohung und Angst, die unter den muslimischen Familien besonders verbreitet sei. Zusätzlich habe die politische Interpretation des Islams die Voraussetzungen für die Polarisierung zwischen „uns Muslimen“ und den „Anderen” geschaffen und dem Misstrauen, wenn nicht sogar der offenen Feindseligkeit gegenüber dem Westen – was Khorchide als „Opferdiskurs“ bezeichnet – Tür und Tor geöffnet. Schließlich habe diese Interpretation den Koran von einem offenen Dialog zwischen Gott und Mensch über die ethischen Grundprinzipien der Freiheit und Nächstenliebe in ein für alle Zeiten festgelegtes Gesetzbuch verwandelt, das buchstäblich zu befolgen sei.

Der Autor plädiert für ein unverzügliches und radikales Umdenken, für den zwei Hauptakteure zu sorgen hätten. Zuerst und vor allem die Muslime selbst, die ihre „Passivität“ fallen lassen müssten, weil „solche Veränderungen nicht von Himmel fallen“. Zweitens: Die Politik, die nicht nur die Gefahr des politischen Islams übersehe, sondern ihn sogar unterstütze: „Die Politik beharrt auf einer Art Verkirchlichung des Islams und meint, nur mit den organisierten islamischen Institutionen sprechen zu müssen. Ungewollt wird damit ein ausgeprägt konservativer Islam gefördert, denn bislang steht der Großteil der großen organisierten Dachverbände in Deutschland nicht gerade für Reformen. Und so stehen Theologen, die sich für eine aufgeklärte Auslegung des Islams und somit für die Freiheit der Menschen einsetzen, zwischen den Stühlen konservativer Verbände und naiver Politik“.

Man kann bemerken, dass der Versuch Khorchides an dieselbe Grenze stößt, an die alle sogenannten „liberalen“ Interpretationen der heiligen Bücher (nicht nur des Korans) stoßen und zwar, dass sie ziemlich willkürlich zwischen den Passagen des Buches unterscheiden, die zu historisieren seien (nämlich die, die nicht mit den Menschenrechten vereinbar sind) und denen, die den „Kern“ der Botschaft enthalten würden. Warum aber solche Interpretationen richtiger sein sollen als die konservativen bleibt unklar.

Über viele Thesen von Khorchide kann man natürlich streiten: Der politische Islam sei die Antithese zu dem von Mohammad verkündeten Islam, dessen Kernbotschaft die Liebe und die Barmherzigkeit sei; Mohammad sei nur ein Prophet und kein politischer und militärischer Führer gewesen; einige der umstrittensten Hadithe seien apokryph; jede Position, die der Frau ihr Recht auf Selbstbestimmung zurückgibt, stehe im Einklang mit der Botschaft Mohammeds.

Von einem politischen Standpunkt aus gesehen ist das jedenfalls alles nur von geringer Bedeutung. Worauf es ankommt, ist die Idee von Mensch und Gesellschaft, die Khorchide vertritt: ein selbstbestimmter Mensch, der nur seinem eigenen Verstand folgt, der sich sogar auf die Göttlichkeit als freies Subjekt bezieht und niemals als Objekt des Willens anderer, auch wenn dieser göttlich ist. Ein Subjekt und nicht ein Objekt des eigenen Schicksals, der die anderen Menschen – egal welcher Religion oder Weltanschauung sie angehören – als autonome Subjekte behandelt und der sich für die Freiheit und Gerechtigkeit engagiert.

Ein bewundernswerter Versuch, der aber noch eine Frage offen lässt: Wenn die Werte, für die es sich zu leben lohnt, universell sind und vor und jenseits der verschiedenen Religionen liegen, wofür brauchen wir dann überhaupt noch Religionen? Wäre es nicht Zeit, uns von ihnen zu verabschieden und als reine Humanisten zu engagieren, ohne uns so viel Mühe geben zu müssen, um alte Texte akzeptabel zu machen? Das sind Fragen, die noch warten können, nicht aber die von Khorchide geforderten Veränderungen

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Kommentare


Joachim Petrick - ( 21-01-2021 01:15:55 )
Mouhanad Khorchide Wort falscher Anwälte Gottes transportiert Vorstellung, bei Religion handle es sich letztendlich um Gerichtsbarkeit. Dabei geht es von Anbeginn unserer Erde, allem, was da kreucht und fleucht um Heilslehre im Umgang, Verständnis mit sich selber, eigener Geburt, Stammeszugehörigkeit, Gattung, orchestriert mit anderen Stämmen, Gattungen, Elementen im Konzert der Natur um des Selbsterhaltungswillens, wie wir Natur mit allen fünf Sinnen von der Wiege bis zur bahre erspürt, vorgefunden, davon ontogenetisch, polygenetisch vergleichend wahrhaftig Zeugnis abzulegen, gemeindlich begründet, universales Gedächtnis zu entwickeln durch Überlieferung in mündlicher, in Schriftform zu wahren und zu nähren.

Missionierende Religionen, wie das Christentum, im Gegensatz zum alttestamentarischem Judentum, anfänglich auch des Islam im Verständnis erneuertem alttestamentarischem Judentum, nehmen in unsicheren Zeiten Fahrt auf, wenn viele Menschen auf der Flucht sind z. B. vor Elend, Hunger, fehlend sauberem Trinkwasser bei den sieben Plagen, ägyptischer, römischer Besatzung, Migration, Anbindung an Gemeinden verloren zu haben, Ausgestoßene sind, die Abends als Displaced Persons vor die Stadtmauern befohlen, im Freien zu nächtigen gezwungen sind. Dabei entstehen als Ersatz für nicht mehr praktikabel vorherig strenge religiöse Rituale in Notgemeinschaften neue Formen religiösen Verständnis, gemeindlichen Miteinanders z B. durch das gesprochene Wort als das Wahre in Bergpredigten, wie von Jesus und seinen Jüngern wahrgenommen, bei einer großen Versammlungsgemeinde ganz unbekannter Herkunft, Vorstellungen von Heil, achtsam andächtig Gehör zu finden. Beim Übergang von streng religiös praktizierten Ritualen, die Alltag, Jahreszeiten für Jedermann/-frau strukturieren, hin zum wahrhaftig offenen gesprochenen Wort, mündlicher Predigt im Angesicht der Gemeinde vom nicht strafenden, versöhnenden Gott als Zentrum von Heilslehre wie durch die Reformation 1517 religiöse Alltagspraxis vereinfachend angestrebt, gottesfürchtig mit gegenseitig rechtschaffen entlohnter Arbeit Bindungskraft im Miteinander zu entfalten, sind, wie in Zeiten World Wide Web Internets zu dessen Weiterentwicklung in Geschäftsbedingungen postuliert, Leaks angelegt, bei hingenommener Gefahr, das eigentlich religiöse Sinnen, Trachten zu fremdem Zweck z. B. politischen Partialinteressen von Staaten, Ethnien anonym zu hacken.


Joachim Petrick - ( 21-01-2021 06:09:51 )
Danke für die Rezension

Was Martin Luthers Reformation 1517 anfänglich angestrebt, Versklavung von Nonnen, Mönchen in klrikal klösterlicher Almende Landwirtschaft aufzulösen unter Gebot. Jeder rechtschaffende Mann, Frau hat als freier Christenmensch vor Gott, Fürst, König, Kaiser Recht auf gottgerecht auskömmlichen Lohn für seine Arbeit, der Frau und Mann nicht nur nährt, sondern Hausstand ermöglicht, dass er sogar mit anderen Gleichgesinnten, Nonnen gesetzeswidrig zur Flucht aus Klöstern verhalf, darunter seiner späteren Frau Katharina von Bora, braucht heute seine Entsprechung im Streben, gegenwärtig 80 Millionen Geflüchteten mit ungesichertem Status, lt. UNHCR Bericht 2020, weltweit 230 Millionen Arbeitsmigranten*innen durch UNO als Treuhänder Status zu verleihen, der sie in bürgerlichen Rechtsstatus versetzt, in ihren Aufnahmeländern, medizinisch versorgt, bei gesichertem Grundbedarf an Lebensmitteln, Dingen des Alltags, Zugang zu menschenwürdigem Wohnraum, auskömmliche Arbeitsplätze zu erlangen, Ausbildung, Bildung, kulturelle Teilhabe zu ermöglichen, bei freier Religionsausübung, aber auch diese in freier Entscheidung aufzugeben, ein ausschließlich weltliches Leben zu führen, kommunales Wahlrecht zu erhalten.

Die Möglichkeit einer solchen großen Gruppe Geflüchteter, Migranten*innen Möglichkeit zur lokal, regional verankert, global vernetzten Selbstorganisation, samt Sitz mit Stimmrecht in der UNO, gar Sicherheitsrat einzuräumen, sollte Teil dieser Agenda sein.


Joachim Petrick - ( 21-01-2021 08:08:54 )
Danke für die Rezension

Was Martin Luthers Reformation 1517 anfänglich angestrebt, Versklavung von Nonnen, Mönchen in klrikal klösterlicher Almende Landwirtschaft aufzulösen unter Gebot. Jeder rechtschaffende Mann, Frau hat als freier Christenmensch vor Gott, Fürst, König, Kaiser Recht auf gottgerecht auskömmlichen Lohn für seine Arbeit, der Frau und Mann nicht nur nährt, sondern Hausstand ermöglicht, dass er sogar mit anderen Gleichgesinnten, Nonnen gesetzeswidrig zur Flucht aus Klöstern verhalf, darunter seiner späteren Frau Katharina von Bora, braucht heute seine Entsprechung im Streben, gegenwärtig 80 Millionen Geflüchteten mit ungesichertem Status, lt. UNHCR Bericht 2020, weltweit 230 Millionen Arbeitsmigranten*innen durch UNO als Treuhänder Status zu verleihen, der sie in bürgerlichen Rechtsstatus versetzt, in ihren Aufnahmeländern, medizinisch versorgt, bei gesichertem Grundbedarf an Lebensmitteln, Dingen des Alltags, Zugang zu menschenwürdigem Wohnraum, auskömmliche Arbeitsplätze zu erlangen, Ausbildung, Bildung, kulturelle Teilhabe zu ermöglichen, bei freier Religionsausübung, aber auch diese in freier Entscheidung aufzugeben, ein ausschließlich weltliches Leben zu führen, kommunales Wahlrecht zu erhalten.

Die Möglichkeit einer solchen großen Gruppe Geflüchteter, Migranten*innen Möglichkeit zur lokal, regional verankert, global vernetzten Selbstorganisation, samt Sitz mit Stimmrecht in der UNO, gar Sicherheitsrat einzuräumen, sollte Teil dieser Agenda sein.


Joachim Petrick - ( 21-01-2021 08:24:08 )
Danke für die Rezension

Was Martin Luthers Reformation 1517 anfänglich angestrebt, Versklavung von Nonnen, Mönchen in klrikal klösterlicher Almende Landwirtschaft aufzulösen unter Gebot. Jeder rechtschaffende Mann, Frau hat als freier Christenmensch vor Gott, Fürst, König, Kaiser Recht auf gottgerecht auskömmlichen Lohn für seine Arbeit, der Frau und Mann nicht nur nährt, sondern Hausstand ermöglicht, dass er sogar mit anderen Gleichgesinnten, Nonnen gesetzeswidrig zur Flucht aus Klöstern verhalf, darunter seiner späteren Frau Katharina von Bora, braucht heute seine Entsprechung im Streben, gegenwärtig 80 Millionen Geflüchteten mit ungesichertem Status, lt. UNHCR Bericht 2020, weltweit 230 Millionen Arbeitsmigranten*innen durch UNO als Treuhänder Status zu verleihen, der sie in bürgerlichen Rechtsstatus versetzt, in ihren Aufnahmeländern, medizinisch versorgt, bei gesichertem Grundbedarf an Lebensmitteln, Dingen des Alltags, Zugang zu menschenwürdigem Wohnraum, auskömmliche Arbeitsplätze zu erlangen, Ausbildung, Bildung, kulturelle Teilhabe zu ermöglichen, bei freier Religionsausübung, aber auch diese in freier Entscheidung aufzugeben, ein ausschließlich weltliches Leben zu führen, kommunales Wahlrecht zu erhalten.

Die Möglichkeit einer solchen großen Gruppe Geflüchteter, Migranten*innen Möglichkeit zur lokal, regional verankert, global vernetzten Selbstorganisation, samt Sitz mit Stimmrecht in der UNO, gar Sicherheitsrat einzuräumen, sollte Teil dieser Agenda sein.

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erstellt am 14.1.2021
aktualisiert am 17.1.2021

Buchcover: Mouhanad Khorchide, „Gottes falsche Anwälte. Der Verrat am Islam“.  Herder Verlag, 2020

Mouhanad Khorchide
Gottes falsche Anwälte
Der Verrat am Islam
Gebunden, 256 Seiten
ISBN: 978-3-451-38671-8
Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2020

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