Banner, 120 x 600, mit Claim

Es lässt sich wohl nicht ganz erklären, warum wir nicht nur die Charaktereigenschaften unserer Vorfahren erben, sondern obendrein deren verunglückte Biographien mit uns herumtragen müssen, wie es der Pastorensohn Johanes Hansen aus dem jütländischen Skagen in Jean-Paul Dubois’ Roman „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ beschieden ist. Gudrun Braunsperger hat das Buch gelesen.

Roman von Jean-Paul Dubois

Durch die Prärie der Gedanken

Jean-Paul Dubois, 2019. (Video-Screenshot)
Jean-Paul Dubois, 2019. (Screenshot)

Gegen Ende von Jean-Paul Dubois Roman „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ klopft der Ich-Erzähler Paul Hansen an das Haustor seiner dänischen Verwandten und stellt sich als Johanes Hansens Sohn vor. Seine Rückkehr aus Kanada nach Skagen in Jütland an der nördlichsten Spitze Dänemarks ist die Rückkehr zu den Wurzeln eines Familiensystems, in dem das Scheitern von Generation zu Generation weitergegeben worden ist.

Pastor Johanes Hansen ist eine der Hauptfiguren dieses Romans, auch wenn von ihm nur in der Vergangenheit berichtet wird. Paul Hansens Vater ist bereits tot, als der Erzähler seine Lebensgeschichte als Insasse einer Zelle des Bordeaux-Gefängnisses in Montreal berichtet. Dieser Vater hat ihm als Vermächtnis ein Lebensmotto mitgegeben, das zum Titel des Romans geworden ist. Der Satz „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ fällt in der letzten Predigt des Kirchenmanns. Diesen einfachen Satz habe ihm wiederum sein eigener Vater vermacht, „um die Verfehlungen des Einzelnen zu mildern“. Unmittelbar vor seinem Tod macht er vor versammelter Kirchengemeinde das Eingeständnis seines Scheiterns, nicht nur das private, sondern auch den Verlust des Glaubens. Diesen hat er bereits seit längerem verloren, auch wenn es zu den Kindheitserinnerungen von Paul Hansen gehört, wie sich der Vater gegen die spöttischen Angriffe der Mutter auf den Glauben des Ehemanns stets verteidigte. Für die Heirat der Kinobesitzerin aus Toulouse ist der dänische Pastor nach Frankreich gezogen, nach der Scheidung emigriert er nach Kanada, wohin ihn der Sohn begleitet. Zwar übernimmt er dort wieder eine Kirchengemeinde in Thetford Mines, verfällt aber in depressive Verstimmungen über sein als verfehlt empfundenes Leben und stürzt sich in Spielschulden und den finanziellen Ruin.

Es gäbe unendlich viele Arten, sein Leben zu zerstören, so räsoniert der Erzähler. Der Großvater kommt bei einem Autounfall ums Leben, der Vater wählt den klerikalen Kreuzweg und er selbst, der Sohn, habe es vorgezogen, in ein weltliches Kloster einzutreten. Der Eintritt in ein solches erfolgt nach dem Tod des Vaters mit dem Umzug von Thetford Mines nach Montreal, wo Paul Hansen als Hausmeister einer exklusiven Wohnanlage mit einem „seidenglatt geregelten Tagesablauf“ engagiert wird. Was sich dort von einem anfangs befriedigenden neuen Tätigkeitsbereich mit einem wertschätzenden sozialen Umfeld und einer glücklichen privaten Situation zu einem Drama steigert, wiederholt die Lebensgeschichte des Vaters in einer neuen Variation. Am Ende steht ein kriminelles Delikt, über das der Erzähler den Leser eine Romanlänge lang im Unklaren lässt. Dramaturgisch höchst effektvoll werden die Umstände erst am Ende preisgegeben. Bis dahin wechselt die Erzählperspektive zwischen dem Gefängnisalltag und dem Abschweifen zur Erinnerung an die Vergangenheit. Besuch bekommt der Erzähler von den Toten, von seinem Vater, seiner Lebensgefährtin Winona und der Hündin Nouk. An der Seite von Winona hat er „elf Jahre vitaminisiertes Glück, elf von der Erde bis zum Himmel erfüllte Jahre“ verbracht. Winona sei der Mensch gewesen, der die Gabe besaß, das Beste von einem zutage zu bringen. Über die Bekanntschaft mit der irisch-indianischen Buschpilotin formuliert Dubois einen jener wunderbaren Sätze dieses Buchs, die die Spannung vorantreiben: Das Leben habe seine Taschenspielertricks, um zwei Menschen zusammenzubringen, deren Untergang es bereits beschlossen hat. Und in der Tat nistet sich nach dem Verlust der Gefährtin das Unglück in Paul Hansens Leben ein und bringt ihn zuletzt hinter Gitter, so als ob dämonische Kräfte darauf hinsteuern würden, eine Analogie zum Schicksal des Vaters zu erschaffen: eine teuflische Variation davon, die Welt auf seine Weise zu bewohnen.

Patrick Horton, der Zellengenossen des Erzählers, ist aus anderem Holz geschnitzt. Während die Akte von Paul Hansen ein leeres Strafregister aufweist, während er aus einer ehrbaren Familie kommt und eine makellose Berufslaufbahn vorzuweisen hat, ist Patrick Horton ein ungeliebtes Kind, das auf die schiefe Bahn geraten ist. Er ist ein Schlitzohr, der wegen der Beschuldigung, an einem Mord beteiligt zu sein, auf seinen Prozess wartet. Paul beneidet den geschwätzigen Patrick dennoch um dessen „geistige Prärie“, um seine Fähigkeit, sich abzulenken, etwa mit dem Katalog „Motorrad und Zubehör“.

„Ich weiß, dass er sich in diesem Moment im Innern seines verriegelten und zweifach abgeschlossenen geistigen Panzerschranks befindet, unerreichbar und glücklich, endlich allein, ohne Vater, ohne Gedächtnis, ohne Strafregister, von allem befreit, vom Rest entleert, geboren einzig, ‚um zu leben und Motorrad zu fahren‘. Ich besitze keine vergleichbare geistige Prärie, durch die ich meine Gedanken schweifen lassen kann. Ich bin komplett gefangen. Eingesperrt. Dieser Ort beherrscht mich und schürft mir Tag für Tag die Haut ab.“

Die dramatische Wende in Paul Hansens Leben setzt mit der Wahl von Edouard Sedgwick zum neuen Hausverwalter ein. Der bis dahin wohlgelittene Hausmeister, der freundschaftlichen Kontakt zu so manchen Bewohnern des Excelsior pflegt und dessen Dienste hochgeschätzt sind, wird zum rechtlosen Dienstboten degradiert, der von Sedgwick gedemütigt und erniedrigt wird. Sedgwick geriert sich als „Cost Killer“, der kontrolliert und beschneidet, und der „die nutzlosen Zusätze in den Paragraphen der Hausordnung vermehrte, die seit seiner Berufung als Vorsitzender den Umfang eines Telefonbuchs angenommen hatte“. Wie sich die Atmosphäre verändert, indem die herrschende Macht auf sie Einfluss nimmt, das liest sich wie eine Parabel auf gegenwärtige gesellschaftspolitische Verhältnisse im Neoliberalismus, wo Individuen unverschuldet unter die Räder kommen, weil Profitlogik und Menschenverachtung ineinander greifen:

„Das Überraschendste war, dass die Bewohnerschaft sich bereitwillig den Launen dieses Monarchen unterwarf, dessen amtlicher Prügelknabe ich als befugter Veräußerer der Kronjuwelen war. (…) Sedgwick plante siebzehn Züge im Voraus, wie Patrick sagte, und seine Strategie – mich zur Kündigung zu treiben und durch Dienstleister zu ersetzen – hatte er seit Langem im Kopf.

Zum Locus delicti wird das Schwimmbecken, dessen Pflege zu Paul Hansens Aufgaben zählt, das er aber laut Arbeitsvertrag nicht benutzen darf. In diesem Pool kommt es schließlich zur Katastrophe, über deren Hergang Paul Hansen zum Unverständnis seiner Richter schweigt. Es gibt Lebensdramen, so erzählt dieses Buch, die lassen sich nicht vor Gericht erklären, die teilt man besser mit den Toten, mit denen „die die Geschichte, verschüttet irgendwo im Sand in Skagen, von Anbeginn kennen und ohnehin über nichts zu urteilen haben“. Es sind Dramen, wo sich Schuld und Unschuld verschränken, wo Recht und Gerechtigkeit nicht mehr miteinander in Einklang gebracht werden können, Szenarien, wie es sie auch im wirklichen Leben gibt. Es sind Lebensdramen, denen nur in der Literatur Gerechtigkeit wiederfahren kann.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 04.1.2021
aktualisiert am 05.1.2021

Buchcover, Jean-Paul Dubois: „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise”, dtv, München 2020

Jean-Paul Dubois
Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise
Roman
dt. von Nathalie Mälzer und Uta Rüenauver
Gebunden, 288 Seiten
ISBN: 978-3-423-28240-6
dtv – Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2020

Buch bestellen