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Der Klang der ersten Tonfilme muss schrecklich gewesen sein: meist zu hohe, gequetschte Stimmen und blechern scheppernde Blasmusik – kein Wunder, dass Victor Klemperer den Stummfilm liebte. Zu etwa hundert Filmen hat er sich Notizen gemacht, die aber, findet Martin Lüdke, geschichtlich und ästhetisch kaum ergiebig sind.

Lüdkes liederliche Liste

Das Kino als Lichtblick

Der Romanist Victor Klemperer rettete sich als Jude durch das Dritte Reich.

Victor Klemperer (1881–1960) um 1930. Foto: Ursula Richter (1886-1946) - BZ vom 13.6.2017 (ursprünglich: Sächsische Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB)/Deutsche Fotothek), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69960800
Victor Klemperer (1881–1960) um 1930

Er war Christ, aber jüdischer Abstammung. Er war mit einer ‚deutschen’ Frau verheiratet, Universitätsprofessor, ein bekannter Romanist. Das alles hat ihn nicht vor Verfolgung und Schikanen geschützt. Nicht vor Entlassung aus dem öffentlichen Dienst, dem Verlust der Wohnung und überhaupt fast aller Rechte. Ende 1938 wurde ihm auch noch die Benutzung von Bibliotheken verboten. Nur weil seine „arische“ Frau zu ihm hielt, wurde er nicht deportiert und ermordet.

Victor Klemperer hat über diese Zeit in der Nazi-Diktatur genaueste Rechenschaft abgelegt. Mit dem Buch „LTI“, das heißt: „Lingua Tertii Imperii“, also „Sprache des Dritten Reiches“ wurde er nach dem Krieg bekannt, im Osten sogar berühmt, weil dort seine sprach-sensiblen Leser durchaus Parallelen zwischen den Sprachregelungen der Nazis und dem folgenden SED-Regime sehen konnten. (Mir hat, fast noch ein Kind, mein Cousin Klemperers Buch quasi als Abschiedsgeschenk bei unserer Flucht in den Westen mit auf den Weg gegeben. Ich besitze es heute noch.) Seine sprachkritischen Analysen der Euphemismen und Beschönigungen, der Bemäntelungen und Täuschungen bis hin zu den platten Lügen, haben, durchaus parallel zu dem westdeutschen „Wörterbuch des Unmenschen“ von Sternberger, Storz und Süskind, vor allem in den fünfziger und frühen sechziger Jahren eine enorme Wirkung erzielt. (Man denke nur an die “Konkrete Poesie“, auch eine Reaktion auf den Missbrauch der Sprache durch die Nazi-Herrschaft.)

Vor einigen Jahren wurden Klemperers Tagebücher aus dem Dritten Reich im Aufbau Verlag veröffentlicht, und sie verkauften sich mit großem Erfolg. Es folgten seine Briefe aus jener Zeit. Der nur Fachleuten bekannte Sprachwissenschaftler kam so, überaus verdient, zu seinem späten, posthumen Ruhm.

Jetzt hat der Aufbau Verlag noch einmal nachgelegt: „Licht und Schatten. Kinotagebuch 1929 – 1945“. „Ich bin so gern im Kino, es entrückt mich.“ Er gibt sich als Liebhaber, nicht als Experte.

Es ist sicher schwer, wenn nicht unmöglich, dieses Buch gerecht zu beurteilen. Diese Notizen über die Kinobesuche in jenen Jahren sind seinerzeit, bei der Veröffentlichung der Tagebücher 1933 bis 1945 aus erkennbar guten Gründen weggelassen worden. Klemperer, anfangs Anhänger des Stummfilms und daher ein entschiedener Gegner des Tonfilms, notiert nüchtern/knapp seine Eindrücke von den Kinobesuchen. Etwa hundertfünfzig Filme werden hier beschrieben. Von diesen Notizen sind gute hundert Erstveröffentlichungen. Das verwundert wenig. Denn es handelt sich ja auch um subjektive Impressionen, reine Geschmacksurteile, schlichte Inhaltsangaben. „Wir sahen ‚Julika’ und der ‚Ball im Metropol’.“ „Julika ist eine ergreifend schöne Leistung“, so wird, ohne weitere Begründung, postuliert. Oder: „Der ‚Ball im Metropol’ ist ein sehr echtes Sittenbild.“ Punkt.

Marlene Dietrich im Film „Der Blaue Engel“, 1930. (Foto: unbekannter Fotograf, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7262025)

Kino um 1930: Marlene Dietrich im Film „Der Blaue Engel“
Foto: unbekannter Fotograf, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7262025

Erst wenn man diese Notizen in ihren politischen Kontext stellt, lassen sie sich als ein Dokument der Verzweiflung erkennen. Filmgeschichtlich, ästhetisch geben sie nichts her. Man denke nur an Kracauer oder Bela Balasz & Co. Trotz solcher (deutlichen ästhetischen) Mängel bleibt das Buch interessant, auch, natürlich, wegen seiner mustergültigen Edition. Alle erwähnten Filme sind übrigens in einem ausführlichen Anhang mit den entsprechenden Daten, Regie, Darsteller etc., dokumentiert. Auch das erleichtert, noch vor jeder ästhetischen Betrachtung, die Rolle des Films in Dritten Reich besser einzuschätzen. Klemperer präsentiert sich in seinen Notizen weder als Gelehrter noch als Experte, sondern ‚nur’ als ein passionierter Kinogänger.

Nach den olympischen Spielen 1936 in Berlin wurden die Restriktionen gegen die Juden immer weiter verschärft, die Kinobesuche für die Klemperers zunehmend schwieriger. An die Stelle der Kino-Notizen treten jetzt mehr allgemeine Tagebucheinträge. Ab 1940 mussten sie ihr Haus verlassen und in ein sogenanntes Judenhaus ziehen. 1941, der Zweite Weltkrieg dauerte bereits einige Zeit an, da kamen die Klemperers etwas spät nach Hause. Sie machten Licht, aber ein Fenster war noch nicht verdunkelt. Natürlich fand sich ein Denunziant, so dass auch der freundliche Polizist nicht um die Anzeige herumkam. Für Arier reichte da eine Verwarnung aus. Für Juden gab es eine Haftstrafe. Acht Tage Gefängnis. Die sehr ausführliche Beschreibung dieses Gefängnis-Aufenthalts, ca. 50 Seiten umfassend, lohnt allein schon den Kauf des Buches.

„Knöpfen Sie die Krawatte ab, binden Sie die Hosenträger los. Schneller, eh Sie den Schlips wegmachen, bin ich ganz ausgezogen. Es klang nicht übermäßig brutal, aber es war schroff befohlen. Jetzt erst wusste ich, dass ich nicht nur Zuschauer eines Filmstücks war. Wie sollte ich die Hose festhalten? Mit den Händen. In der Zelle können Sie sie irgendwie zusammenziehen. Ihre Mappe. Nachthemd und Zahnbürste können Sie behalten, Kopfbürste ist überflüssig. Bücher und Brille bleiben hier. Aber es ist mir gesagt worden …Hier bestimmen wir.“

Acht Tage. Quälend lange Tage. Ohne Stift und ohne Papier. Ohne Buch. Ohne Brille. Tage, die nicht enden wollen. Ein Polizeigefängnis, kein Zuchthaus, schon gar kein KZ, und doch diese Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein. Acht Tage, die sich in 192 Stunden verwandeln, „leere Käfigstunden“. Eine öde, schier endlose Langeweile, Kornkaffee und Pellkartoffeln. Vier Käfigschritte. Das Minutenzählen. Bis ihm, nach Tagen, endlich ein Wärter einen kleinen Bleistiftstummel schenkt.

Dann endlich. 11.30. „Es ist noch lange nicht 11.30.“ Dann, irgendwann, doch. „Ich trat auf die Straße, sie lag im Sonnenschein. Drüben stand wartend meine Frau.“

Danach werden die Einträge spärlicher. Bis zum Frühjahr 1945. Aus Dresden kommen die Überlebenden, mit Handwagen, kleinen Karren, und den geretteten Resten ihrer Habe. Ihnen entgegen die Flüchtlinge aus dem Osten. Deutschen Soldaten und dann die Russen, „oft mit asiatischen Gesichtern“. Leben der Landstraße „in ununterbrochenen Strömen.“

Und schließlich, im Juni 1945, als alles vorbei ist, die schlichte Feststellung: „Kein 20-Jähriger kann halb so lebenslustig sein“.

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erstellt am 22.12.2020
aktualisiert am 08.2.2021

Victor Klemperer / Christian Löser (Hg.)
Licht und Schatten
Kinotagebuch 1929 – 1945
Gebunden, 363 Seiten
ISBN: 978-3-351-03832-8
Aufbau Verlag, Berlin 2020

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