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Jai ist ein Kind, das mit seiner Familie in einem indischen Armenviertel lebt und sich gerne TV-Serien wie „Police Control“ und „Live Crime“ ansieht. Als Kinder im Viertel verschwinden, beschließt er, mit seinen Freunden die Fälle aufzuklären. Deepa Anappara erzählt in ihrem Roman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ aus der Sicht des Jungen von Korruption, Hindu-Nationalismus und Verbrechen. Gudrun Braunsperger hat das spannende Buch verschlungen.

Deepa Anapparas Roman »Die Detektive vom Bhoot-Basar«

Verbrechen im Elendsviertel

Deepa Anappara (Screenshot)
Deepa Anappara

Eine Kinderstimme führt durch Deepa Anapparas Roman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“. Sie gehört Jai, der mit seiner älteren Schwester Runu und seinen Eltern in einem indischen Armenviertel lebt. Von den Behörden werden die Slums gerade einmal geduldet, den Bewohnern droht man immer wieder mit Bulldozern, die kommen würden, um den Bezirk plattzumachen. Wenn Jai die Schule nicht besucht, streift er am liebsten durch den Bhoot-Basar, entweder allein oder mit Faiz, seinem muslimischen Freund. Zum Freundes-Trio gehört auch Pari, wie Jai ist sie Hindu, anders als die beiden Buben jedoch eine hervorragende Schülerin. Sie hat instinktiv begriffen, dass sie als Mädchen nach einem Weg zwischen Anpassung und herausragender Leistung suchen muss, um sich in der patriarchalen Gesellschaft halbwegs erträglich einzurichten. Auch Jais Schwester Runu kämpft als Mädchen um ihren Platz. Neben ihren häuslichen Pflichten, für ihre Familie Wasser zu holen, Wäsche zu waschen und Mittagessen zu kochen, während die Mutter arbeitet, kämpft sie um einen Rückzugsraum für sich allein und findet ihn als Läuferin: Im Trainingsteam der Schule ist sie die schnellste, sie siegt bei Meisterschaften.

Mit den Augen und Ohren des kleinen Jai erlebt man bei der Lektüre dieses Romans den Alltag der Ärmsten der Armen. Die Väter dieser Kinder kämpfen mit mehreren Jobs um das wirtschaftliche Überleben, die Mütter fügen sich in die demütigende Behandlung durch die Reichen, in deren luxuriösen Apartments sie im angrenzenden Golden Gate-Bezirk putzen, einem von Security bewachten geschlossenen Wohnkomplex. Im Elendsviertel daneben existieren nachbarschaftliche Fürsorge und soziale Kontrolle durch Klatsch und Tratsch nebeneinander, die Liebe und Sorge der Eltern um ihre Kinder neben der unerbittlichen Strenge der Erwachsenen in einer autoritären Gesellschaft, in der die Unterdrückung nach unten weitergegeben wird.

In dieser Welt gehört Kinderarbeit zum Alltag. Sie geschieht mit dem Wissen der Eltern, als etwa Faiz nach der Verhaftung seines Bruders, der noch dazu unschuldig ist, als Rosenverkäufer zum Familieneinkommen beitragen muss. Auch Jai arbeitet, allerdings ohne die Erlaubnis der Eltern. Er bedient an einem Teestand im Bhoot-Basar, um Geld zurückgeben zu können, das er dem Notgroschen der Mutter heimlich entnommen hat, für einen guten Zweck, wie er meint. Kinder sind dem Wohlwollen und der Willkür der Erwachsenen ausgeliefert, betroffen sind auch Kinderfreundschaften: So unverbrüchlich diejenige zwischen dem Muslim Faiz und dem Hindu Jai auch ist, das Zusammenleben von Hindus und muslimischen Pakistanis wird unter krisenhaften Bedingungen, in die der Roman nach und nach hineinführt, zur Zerreißprobe.

Jai liebt die Fernseh-Serie Police Patrol, in der es um Verbrechen geht, er träumt sich in die Rolle eines Detektivs hinein. Als ein Junge aus seiner Klasse verschwindet, macht er sich gemeinsam mit Pari und Faiz daran, den Fall aufzuklären.

Erzähltechnisch faszinierend ist, wie gut es der Autorin Deepa Anappara gelingt, als Spiel zu präsentieren, was im wahrsten Sinn des Wortes tödlicher Ernst ist. Denn nach und nach verschwindet eine ganze Reihe von Kindern, bis zuletzt das Unglück auch die Familie von Jai erreicht. Diese Kriminalgeschichte verspricht alles und hält nichts davon, und gerade das macht dieses Buch so außergewöhnlich. Bis zum Schluss präsentiert der kindliche Blick eine Welt, die frei ist von der Bewertung durch Erwachsene, frei von der Voreingenommenheit aufgrund von bitteren Erfahrungen. Diese gibt es zwar, Jai berichtet aber in kindlicher Naivität davon, ohne schlechte Gefühle zu übernehmen. Gemeinsam mit Jai hofft man auf einen guten Ausgang der Geschichte, auf eine Lösung. Gemeinsam mit ihm fiebert man einer Auflösung des Falls entgegen, denn Deepa Anappara ist eine Erzählerin, die Spannung zu erzeugen vermag. Der Bericht von Jai erhält an mehreren Stellen Einschübe, die aus der Perspektive der verschwundenen Kinder erzählt werden, die Passagen enden jeweils in dem Moment, als die Kinder auf ihre Entführer treffen. Auf diese Art und Weise gewinnt der Roman an Kolorit: Indem die Geschichten dieser Nebenfiguren eingeflochten werden, wird das soziale Gefüge, das hier beschrieben wird, dichter und reicher.

Überhaupt ist der Eindruck von dieser Lebenswelt ein vielschichtiger: Man riecht den Duft der Speisen und den Kot der Ziegen, man hört das laute Treiben der Stadt, man sieht den Smog, der den Himmel verdeckt. In diesem Roman erlebt man Indien, als ob man eine Reise dorthin unternehmen würde. Zur atmosphärischen Verdichtung trägt auch bei, dass die Übersetzung originalsprachliche Ausdrücke für Menschen, Orte, Speisen oder Kleidung beibehält. Man muss diese Bezeichnungen zwar umständlich im Glossar am Ende nachschlagen, aber die Mühe lohnt sich: Was anfangs fremdartig wirkt, rückt auch sprachlich immer näher.

Dharavi Slum in Mumbai, Indien (Symbolbild). Foto: Kounosu, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5300649

Dharavi Slum in Mumbai, Indien (Symbolbild)
Foto: Kounosu, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5300649

Am Ende folgt ein ernüchterndes Erwachen aus Jais armer, aber bislang glücklicher Kinderwelt. Die Bestechlichkeit der Polizei, die Macht eines politisch gut vernetzten Chefs des Viertels, der Einfluss der rechtsnationalen Hindu Partei – das alles ist bis zu diesem Moment nur im Hintergrund anwesend, Teil einer gesellschaftspolitischen Realität, die zum Alltag gehört. Am Ende provozieren diese Missstände, die sich hier im Kontext von Kinder- und Organhandel offenbaren, den ohnmächtigen Versuch eines Aufstands, als sich die Bewohner in großer Verzweiflung um ihre Kinder zu wehren beginnen. Zwar erregen sie damit nun solche Aufmerksamkeit, sodass die Polizei sich endlich gezwungen sieht, die Entführungen zur Kenntnis zu nehmen und zu ermitteln. Allerdings viel zu spät, sodass die Eltern der Opfer ein weiteres Mal zum Opfer werden: Ihr Leid wird zum Futter für sensationsheischende Medien.

Gerettet wird diese Geschichte durch den Erzählton des Kindes, der bis zuletzt nicht verloren geht und der den Menschen, die in diesem Buch vorgestellt werden, ihre Würde lässt. Jai, der im Blick seiner älteren Schwester der bevorzugte kleine Bruder ist, der im Haushalt nicht Hand anlegen muss, ist zugleich auch das unschuldige Kind, das sich die Welt als eine im Kampf zwischen guten und bösen Dschinns aufgeteilt imaginiert, den Geistern seines Volksglaubens, und dessen kindliche Deutung der Welt eine Form von Weisheit innewohnt, zu der der eine oder andere Erwachsene vielleicht einmal nach bitteren Erfahrungen wieder zurückfinden wird.

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erstellt am 03.12.2020
aktualisiert am 06.12.2020

Deepa Anappara
Die Detektive vom Bhoot-Basar
Roman
Aus dem Englischen übersetzt
von pociao, Robert de Hollanda
Gebunden, 400 Seiten
ISBN: 978-3-498-00118-6
Rowohlt Verlag, Hamburg 2020

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Deepa Anappara
Die Detektive vom Bhoot-Basar
Hörbuch – Roman
Vorleser: Roman Knižka
2 mp3-CDs
ISBN: 978-3-8398-1779-7
Argon Verlag, Berlin 2020

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