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Die Sorge um die Nächsten, der drohende Verlust der Existenz oder des Lebens – wenn der Terror einer Partei oder einer Religion wächst, kann eine ganze Gesellschaft erpresst werden. Wie das im Einzelnen geschieht, schildert Khaled Khalifa in seinem Buch „Keine Messer in der Küche dieser Stadt“. Gudrun Braunsperger freute die Erzählkunst des syrischen Schriftstellers.

Khaled Khalifas »Keine Messer in der Küche dieser Stadt«

Schönheit und Gewalt

Khaled Khalifa, 2018 (Video-Screenshot)
Khaled Khalifa, 2018

In Khaled Khalifas Roman „Keine Messer in der Küche dieser Stadt“ trifft man auf eine Erzählweise, wie man sie auch aus den Büchern von Rafik Schami kennt: Der Erzähler tritt zurück hinter seinen Bericht, er breitet gleichermaßen einen bunten Flickenteppich von Geschichten aus, die ineinander übergehen, und webt mit dem Garn orientalischer Erzählkunst eine Welt in grellbunten Farben.

Berichtet wird die Geschichte einer Familie, nämlich die des Erzählers, der mit seinen drei Geschwistern erst auf dem Land aufwächst; nach der Trennung der Eltern zieht man zurück nach Aleppo, in die Heimatstadt der Mutter. Die Gegenwart dieser „Stadt im Todeskampf“, wie es an einer Stelle heißt, schimmert durch die Vergangenheit hindurch, diese wiederum wird durch wirr gekreuzte Erzählfäden weitläufig aufgespannt. Dabei verrät der Erzähler so gut wie nichts über sich selbst. Zu Beginn findet sich der erratische Satz, er führe ein unheilvolles Leben, das sich parallel zur Partei und ihren Anlässen entwickelt habe, gegen Ende offenbart er seine Resignation über den hoffnungslosen Zustand seines Heimatlandes: Zitat: „Keinen Wünsche, keine Träume. Keine Zukunft, keine Vergangenheit. Das war mein Glaubensbekenntnis geworden.“

Die Partei spielt eine große Rolle in diesem Land, sie hat den Alltag in Syrien in den vergangenen Jahrzehnten geprägt, zusammen mit dem Militär und dem Geheimdienst. In Zusammenarbeit mit der Polizei und unter Mitwirkung von Killerbanden, Drogendealern und Zuhältern etabliert sich nach und nach eine Herrschaft des Terrors. Ihre Auswirkung auf den Alltag der Menschen, das geht bei der Lektüre von Khaled Khalifas Roman unter die Haut. Das Syrien der älteren Generation ist eine Welt, die der Vergangenheit angehört: eine wertkonservative, gleichwohl weltoffene Gesellschaft, in der Frauen kurze Röcke trugen und die Oberschicht kosmopolitisch dachte, man reiste ins Ausland, verbrachte Zeit im Ausland, zum Beispiel in Paris. In dieser Welt gab es zwar Korruption und Alltagsgewalt, aber auch ein gepflegtes kulturelles Leben mit Musik und Literatur.

Blick auf die syrische Stadt Aleppo, 2009, vor den Kriegszerstörungen. (Foto: Obersachse - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8256855)

Blick auf die syrische Stadt Aleppo, 2009, vor den Kriegszerstörungen.
Foto: Obersachse – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8256855

Von einer Generation zur nächsten gewinnt die Diktatur der Partei und damit die Gewalt in allen Lebensbereichen die Oberhand: Während Onkel Nisar, beschrieben als „eleganter Herr, traurig geboren und heiter gelebt“ noch eine Existenz als verkrachter Musiker und Lebemann bestreiten kann, findet sein Geige spielender und ebenfalls komponierender Neffe Raschid in dieser Gesellschaft seinen Platz nicht mehr. Er lässt sich von der Faszination des religiösen Fundamentalismus verführen und als Kämpfer für den Dschihad im Irak anwerben: Ein zum Scheitern verurteilter hilfloser Versuch, sich der Diktatur im eigenen Land zu entziehen, die Menschen dazu zwingt, sich in das Dasein eines Herdentiers zu fügen oder mit dem Surrogat zufrieden zu geben, das ein Parallelleben außerhalb der Partei bedeutet.

Mit der Macht der Partei ist die Macht jener Menschen gewachsen, die ihr angehören, getrieben von Geltungsdrang oder Herrschsucht. Aber auch die Ohnmacht der anderen ist gewachsen, die mit diesen in Konflikt geraten oder, weit häufiger, die sich den herrschenden Verhältnissen unterordnen, als Spitzel etwa, aus Angst, aus Resignation, aus Feigheit oder Opportunismus.

Wie sich das im Einzelnen vollzieht, wird in vielen Episoden geschildert, die zusammengefügt eine Art Familiensaga ergeben. Der Tod der Mutter bildet eine Zeitachse in diesem Roman, die immer wieder umkreist wird. Khalifa setzt die Technik der Rückblenden ein: Erinnerungsfetzen überwältigen den Erzähler und lassen dessen Erzählstil streckenweise recht sprunghaft erscheinen, was die Lektüre nicht einfach macht. Immer wieder werden bereits erzählte Episoden aufs Neue aufgegriffen und vertieft, Begebenheiten aus dem Leben seiner Onkeln, Tanten, der Geschwister, von Freunden und Bekannten, die deren Lebensweg kreuzen. Der Erzähler ist das zweite von vier Kindern, die von der Mutter allein großgezogen wurden, weil der Vater mit der Geliebten nach Amerika verschwunden ist. Die Ehe der Eltern ist von Beginn an zum Scheitern verurteilt, es fehlt die gegenseitige Akzeptanz der durch diese Ehe verbundenen Familien. Als Nachfahrin eines Scheichs entstammt die Mutter dem Adel, der Vater ist bäuerlicher Herkunft. Arroganz und Dünkel in der Familie der „hochnäsigen Lehrerin“ erzeugen ein Gefühl der Unterlegenheit im dörflichen Milieu der väterlichen Familie.

Die älteste Schwester des Erzählers stirbt einen frühen Tod, sie leidet an epileptischen Anfällen und ist verwachsen, die Mutter betrachtet sie als Schande der Familie. Dann ist da noch Saussan, die wiederum ihre Mutter verachtet und nach einem neuen Modell für ihr Leben als Frau sucht. Die verführerische Saussan lebt ihre Sinnlichkeit freizügig, ja geradezu exzessiv aus, gerät aber immer wieder zwischen die Fronten und in den Strudel der Gewalterfahrung. Überhaupt spielen Erotik und Sexualität sowie deren Unterdrückung in einer wertkonservativen Welt eine enorme Rolle, die Gedanken kreisen um das, was eingehegt werden soll: So kommt auch für Saussan der Moment, wo sie das Tuch trägt, um zu bereuen, was ihr Begehren leider ebenso wenig erstickt wie die operative Rekonstruktion ihrer Jungfernschaft.

Der verträumte, Geige spielende Raschid ist der jüngste Bruder, er wird ein Leben lang keine andere Frau begehren als seine Schwester Saussan, und er sucht die Nähe seines Onkels Nisar, des Lieblingsbruders der Mutter, der wie seine alleinerziehende Schwester im Familiensystem geächtet wird. Onkel Nisar ist nicht nur ein gestrandeter Musiker, der die Rechte an seinen besten Kompositionen billig verhökert hat, er ist schwul, ein verzweifelter Lebemann auf der Suche nach Liebe, die er ebenso wenig findet wie die Anerkennung für seine Kunst. Seine Homosexualität, die er zunächst offen und freizügig lebt, lässt ihn zunehmend zum Opfer von Gewalt werden, nicht zuletzt im Gefängnis, wo er als Päderast geächtet ist; sexuelle Gewalt erlebt auch Saussan durch ihre Lehrer an der Universität: sie scheint die Kehrseite der Freizügigkeit zu sein, die von der Gesellschaft offenbar zunehmend als Provokation aufgefasst wird.

Gewalt und Korruption sind der Nährboden, auf dem sich die Umstände des Lebens in diesem Land zur Katastrophe steigern. Khalifas Roman „Keine Messer in den Küchen dieser Stadt“ sei, so wirbt der Verlag in seinem Klappentext, ein Buch über eine verlorene Stadt und Kultur und ein Lehrstück darüber, was mit Freiheiten, die man für selbstverständlich hält, passieren kann. Man darf diese Warnung unter den Vorzeichen einer zunehmenden Einschränkung bürgerlicher Freiheiten, die sich gerade weltweit vollzieht, ernst nehmen, denn die Wünsche der hier vorgestellten Menschen an das Leben unterscheiden sich, auch wenn es sich um eine andere Kultur handelt, doch nur wenig von den unseren. Beeindruckend ist, wie auf diesen Seiten die Sehnsucht nach Schönheit und Ästhetik immer wieder zur Geltung gebracht wird, man schwelgt geradezu bei der Beschreibung duftender Cremes und entspannender Bäder, hier wird orientalische Sinnenfreude im besten Sinn zur Literatur. Die Wertschätzung der äußeren Form schlägt sich auch sprachlich nieder, in poetischen Bildern, die in der deutschen Sprache nicht oft benutzt werden: wenn etwa die Mutter herumschlurft wie eine altersschwache Schildkröte oder ihr Körper dahingestreckt liegt „wie brackiges Wasser“.

Khaled Khalifas Roman hat zwar seine Längen, zuweilen scheint der Erzähler den Faden in der Exaltiertheit zu verlieren, mit der die Protagonisten ihre Emotionen und Wünsche leben, und so gerät der Text an manchen Strecken ins Stocken über ermüdende Wiederholungen, mit denen die Personen dieses Romans im erzähltechnischen Verwirrspiel umkreist werden. In jedem Fall bietet dieses Buch ein Leseerlebnis, das ebenso exotisch ist, wie gesellschaftspolitisch brisant.

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erstellt am 26.11.2020
aktualisiert am 29.11.2020

Khaled Khalifa
Keine Messer in der Küche dieser Stadt
Roman
Aus dem Arabischen von
Hartmut Fähndrich
Gebunden, 288 Seiten
ISBN: 978-3-498-03582-2
Rowohlt Verlag, Hamburg 2020

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