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Dass die katholische Kirche die Frauen der Priesterinnenweihe nicht für würdig hält, ist bekannt. Dass aber auch in der Kirche, die aus der Reformation hervorgegangen ist, ein anachronistisches Beharren auf patriarchalischen Strukturen herrscht, wird im Band „Frauenbewegung in der EKHN“ deutlich, das von Ute Knie und Helga Engler-Heidle herausgegeben wurde. Doris Stickler berichtet von der Buchvorstellung.

Zur Präsentation des Buches »Frauenbewegung in der EKHN«

Der Protest der Protestantinnen

Helga Engler-Heidle und Ute Knie. Foto: Antje Schrupp
Helga Engler-Heidle, Ute Knie. Foto: Antje Schrupp

Wie hart wegweisende Errungenschaften erkämpft werden mussten, gerät meist schnell in Vergessenheit. So ist heute kaum mehr bewusst, dass Frauen in der evangelischen Kirche lange nichts zu sagen hatten. Seit 1908 stand ihnen zwar die Tür zum Theologiestudium offen. Nach dem Examen mussten sie sich jedoch mit caritativen Aufgaben wie der Betreuung von Kindern, Alten und Kranken begnügen.

Dass die hessen-nassauische Landeskirche (EKHN) 1950 Frauen die Ordination gewährte, dürfte vor allem dem kriegsfolgenbedingten Pfarrermangel geschuldet gewesen sein. Wobei den Pfarrerinnen aufgrund der so genannten „Zölibatsklausel“ noch bis 1970 mit der Trauungsurkunde zugleich die Kündigung ins Haus geflattert ist.

Die Streichung des abwegigen Paragrafen aus dem Pfarrdienstrecht hatte viel mit der 1968er-Bewegung zu tun. Im Rahmen der Proteste gegen verkrustete Strukturen begehrten auch in der Kirche die Frauen auf und forderten gleiche Rechte. Wie mühsam sich ihr Vorstoß gestaltete, stellen die Pfarrerinnen Ute Knie und Helga Engler-Heidle seit 2018 in dem Projekt „Frauenbewegung online“ dar.

Im März dieses Jahres legten sie unter dem Titel Frauenbewegung in der EKHN ihre Forschungen auch in gedruckter Form vor. Neben exemplarischen Portraits von zwanzig Frauen führen die Herausgeberinnen wichtige Errungenschaften und Initiativen vor Augen und machen deutlich: Viele Fortschritte und bis heute existierende Einrichtungen gehen auf Frauen zurück.

Da die Corona-Pandemie die öffentliche Buchpräsentation vereitelte, wurde das Werk in einem online übertragenen und von der Hörfunkjournalistin Ulrike Holler moderierten Gespräch mit Ute Knie und der Studienleiterin für Europa, Jugend und Gender der Evangelischen Akademie, Stina Kjellgren vorgestellt.

In den Räumen der Evangelischen Akademie fasste Ute Knie die Geschehnisse jener Jahre eingangs kurz zusammen. Wie sich zeigte, existierte die ab 1970 verbriefte Geschlechtergleichstellung zunächst nur auf dem Papier. Bis Theologinnen auch realiter Zutritt zu leitenden Funktionen erhielten, mussten sie noch einige Hürden überwinden.

Die pensionierte Pfarrerin war damals selbst an zahlreichen Aktionen beteiligt und erinnert sich noch gut an den „Widerstandstag“ 1983. „Laut Topfdeckel schlagend sind wir vor die Kirchenverwaltung in Darmstadt gezogen und haben die Kirchenleitung zu Gesprächen aufgefordert.“ Die seien dann auch zustande gekommen. Neben dem gleichberechtigten Zugang zu allen Gremien und Ämtern oder einer geschlechtergerechten Sprache in kirchlichen Veröffentlichungen sei es nicht zuletzt darum gegangen, dass christliche Werte wie Frieden und Gerechtigkeit im Alltag der Kirche zum Tragen kommen. Dieses Anliegen habe zum Beispiel das Friedenspfarramt hervorgebracht.

Als Segen erachtet Ute Knie die „Welle an Vernetzung, die in der EKHN wie auch auf internationaler Ebene ehrenamtlichen und hauptamtlichen Frauen den Rücken stärkte. Dass die Synode 1986 zum ersten Mal die Perspektive von Frauen eingenommen und der Gründung einer Arbeitsstelle Frauen zugestimmt hat, war ein Meilenstein.“

Im Jahr darauf habe die Synode die inzwischen verstorbene Helga Trösken zur Pröpstin gewählt und damit erstmals einer Frau ein bischöfliches Amt übertragen. Bis die EKHN ein Gleichstellungsgesetz beschloss, sei allerdings noch ein ganzes Jahrzehnt vergangen, räumte die sich nach wie vor als feministische Theologin verstehende Pfarrerin ein.

Buchcover „Bibel in gerechter Sprache“

Wenngleich es bis zur „Kirchenordnung in geschlechtergerechter Sprache“ noch bis 2002 gedauert hat, stand zur Freude von Ute Knie die Landeskirche schon vorher einem Projekt finanziell zur Seite, das sie als „das größte Reformationsereignis des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet: der 2006 erschienenen “„Bibel in Gerechter Sprache“”: http://www.bibel-in-gerechter-sprache.de.

Sie könne nur begrüßen, dass die Verdienste der Frauen inzwischen insgesamt Anerkennung erfahren und die EKHN in dieser Hinsicht weitere Forschungen unterstützt. Wie ihr bei der Niederschrift des Buches bewusst geworden ist, gebe es etwa über das Wirken von Frauen in der NS-Zeit noch einiges zutage zu fördern. Auch sei es unvermindert aktuell, wofür sie sich in den vergangenen Jahrzehnten engagierten.

Die frühere Leiterin des Zentrums Bildung und der Evangelischen Stadtakademie Römer 9 denkt da besonders an die Themen Frieden, Abrüstung und Gleichberechtigung und hat keinen Zweifel: „Es ist nötig, hier weiterzumachen.“ Das sieht auch Stina Kjellgren so. Als sie in den 1980er Jahren in Schweden geboren wurde, hätten Frauen zwar bereits „viele Rechte und Chancen genossen“. Sie habe trotzdem immer wieder Ungleichheiten und traditionelle Rollenbilder erlebt.

Selbst heute erhielten Frauen in der Regel für ihre Arbeit weniger Geld und hätten es ungleich schwerer, in Führungspositionen zu gelangen. Umso mehr beeindruckten die Studienleiterin der Evangelischen Akademie die in dem Buch portraitierten Vorkämpferinnen. Zu lesen, welche Widerstände sie bewältigen mussten, mache die enorme Leistung klar.

Besonderen nahe ging Stina Kjellgren, was die Chorleiterin und Gospel-Sängerin Flois Knolle-Hicks erlebte. Sie sei in den 1970er Jahren als Schwarze nach Deutschland gekommen und hatte nicht nur als Frau, sondern auch mit Rassismus zu kämpfen. „Ich fand es schon nicht leicht, hier zurechtzukommen, dabei bin ich Weiß und Europäerin.“

Zum Abschluss der Buchvorstellung nach ihren Wünschen für die Zukunft gefragt, brauchte Ute Knie nicht lange zu überlegen. Neben Geschlechterparität in Synode und Leitungsfunktionen oder dem Erhalt des „in Deutschland einzigartigen EVAngelischen Frauenbegegnungszentrums“ liegt ihr vor allem die „Solidarität mit den katholischen Frauen“ am Herzen. „Die in Maria 2.0 engagierten Frauen setzen sich heute für Fragen ein, um die es den evangelischen Frauen vor 50 Jahren ging.“

Dem Vorstand des „Vereins für feministische Theologie in Forschung und Lehre“ angehörend, warb Ute Knie natürlich auch ein wenig in eigener Sache. Sie würde sich sehr über einen Mitgliederzuwachs sowie zahlreiche Bewerbungen für den Leonore Siegele-Wenschkewitz-Preis freuen. Den verleihe der Verein alle zwei Jahre für innovative Beiträge im Bereich Feministische Theologie oder Gender Studies in der Theologie – das nächste Mal im kommenden Jahr.

Siehe weiter

Das Projekt „Frauenbewegung online“ ist im Internet unter www.ekhn.de/frauenbewegung einsehbar, das weiterhin abrufbare Video der Buchpräsentation unter https://youtu.be/Rn9ipcJMqTA.

Geschichte der Frauenbewegung in der EKHN

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erstellt am 23.11.2020
aktualisiert am 24.11.2020

Buchcover: „Frauenbewegung in der EKHN“, Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2020

Ute Knie & Helga Engler-Heidle (Hrsg.)
Frauenbewegung in der EKHN
Begleitpublikation zur „Frauenbewegung online“
Softcover, 104 Seiten
ISBN: 978-3-87390-431-6
Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2020

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