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Viermal jährlich erscheint die deutsche Lettre International mit der Wucht einer alten Idee: aktuell aufzuklären über die Realität hinter der Verlautbarung, über die Dunkelzonen unserer Informationen mit einer Fülle an Details, die die groben Fassaden des üblichen Nachrichtengeschäfts korrigieren. Alle Bereiche des kulturellen Geschehens, der Politik und der Wirtschaft werden von ungewohnten Positionen aus beleuchtet und reflektiert. Bernd Leukert sprach mit dem Gründer, Geschäftsführer und Chefredakteur Frank Berberich.

ZEIT:GEIST – Zeitschriftenschau

Jäger, Sammler und Agrikultur

Bernd Leukert befragt Frank Berberich, den Gründer, Herausgeber und Chefredakteur von Lettre International.

Teil I

Sie ist Deutschlands einzige große Kulturzeitschrift, die von einer emphatischen Internationalität lebt. Für sie gilt der Vorrang des Internationalen gegenüber dem Nationalen. Das folgende Gespräch mit dem Gründer, Geschäftsführer und Chefredakteur der deutschen Lettre International, Frank Berberich, geht weit über die Präsentation einer Zeitschrift hinaus. Es bezieht sich auf Grundsätzliches: auf die Pflichten des journalistischen Arbeitens, das Selbstverständnis einer intellektuellen Publikation, auf das Überleben auf dem sogenannten freien Markt und die politisch-ökonomisch Interessen, die das erlauben oder verhindern. Das Gespräch wuchs gemäß den Dimensionen, die Lettre auch sonst ihren Texten zubilligt, zu einem Umfang an, der uns erlaubt, es in zwei Teilen zu veröffentlichen.

Bernd Leukert: Carl Maria von Weber hat den Freischütz 1821 auf die Bühne gebracht und damit zum ersten Mal in der Geschichte eine „deutsche Nationaloper“. Aber die Nation, für die er sie komponierte, gab es noch nicht. Es handelte sich um einen künstlerischen Vorentwurf, etwas altfränkisch, aber eine Vision. Unter Lettre Info (auf der Lettre-Website) habe ich gelesen, die Zeitschrift stehe auch für die „Bildung eines Weltbewusstseins“. Habt Ihr – im Sinne des Vorgriffs – eine Welt erfunden, die es noch nicht gibt?

Frank Berberich (Foto: Esther Gallodoro)
Frank Berberich (Foto: Esther Gallodoro)

Frank Berberich: Die Frage ist, ob es diese Welt noch nicht gibt oder ob das Bewusstsein sich der Welt, die es längst gibt, noch nicht ganz bewusst geworden ist. Wir erleben verschiedene parallel verlaufende, dynamische Internationalisierungsprozesse. Etwa die holprige Europäisierung, die offensive Afrika-Initiative Chinas oder sein Seidenstraßen-Projekt. Die Erfahrungen mit der Erderwärmung und der Pandemie beziehen sich bereits auf planetare Wirkungszusammenhänge. Oder das, was allgemein unter „Globalisierung“ gefasst wird, eine komplexe, weltumspannende wachsende Interdependenz der Märkte, Produktionsketten und Technologien. Also Internationalisierung und Interdependenz auf unterschiedlichsten Ebenen: ökologisch, ökonomisch, finanziell, technologisch, medial, informationell, touristisch. Das Gewebe der Welt mit seinen wechselseitigen Abhängigkeiten verdichtet sich – mit entsprechenden Abstoßungserscheinungen und Herauslösungsimpulsen. Es ist deshalb erforderlich, ein Bewusstsein davon herauszubilden, was die Bedingungen und die Logik jener Prozesse ausmacht, denen wir existentiell unterworfen sind, wie diese Prozesse sich generieren, um sich greifen und welche Gegenreaktionen sie zur Folge haben.

Wir haben in den letzten Jahrzehnten die Erfahrung gemacht, dass aus weitgehend unbekannten Teilen der Welt, aus Dunkelzonen unserer Wahrnehmung, plötzlich Ereignisse hervorgebrochen sind, welche die gesamte Welt erschüttert haben. Nach den Attentaten auf die New Yorker Twin Towers 2001 kam auf der Suche nach dem Mastermind ein in Afghanistan operierender saudischer Dschihadist zur Sprache, Osama bin Laden. Die Attentate fanden an einem Dienstag statt. Ich war gerade zum Bäcker gegangen, um Brötchen zu holen, kam in die Redaktion zurück, alle starrten ungläubig und von der Gewalt der Bilder fasziniert auf den Fernsehapparat, eine Live-Sendung aus New York berichtete vom ersten brennenden Turm und wir wurden Zeuge, wie der zweite Turm getroffen wurde. Für den darauffolgenden Samstag war ich mit Susan Sontag zu einem Interview in der Berliner American Academy verabredet. Am Freitag, als wir uns zu einem Vorgespräch trafen, – sie kam gerade aus Jerusalem und war nach der Entgegennahme des Jerusalem-Preises von Israel aus nach Gaza gefahren, um zu demonstrieren, dass sie die Palästinenser nicht vergisst – fragte sie: „Glauben Sie, dass dieser Osama bin Laden tatsächlich existiert? Ich glaube, das ist eher eine Erfindung der CIA.“ Ähnliches hatte sie ein, zwei Tage zuvor schon im New Yorker angedeutet. Dieser ganze Ereigniskomplex in jenen Tagen gehörte einer geographischen und kulturellen Dimension der Welt an, die für uns terra incognita war. In den Tagen nach den Anschlägen suchte ich Literatur über Afghanistan. Es gab nicht ein einziges aktuelles Buch im Handel, mit Ausnahme von Ahmed Rashids ein Jahr zuvor erschienenem englischen Buch Taliban, das noch nicht ins Deutsche übersetzt worden war.

Ähnliches konnte man beim Völkermord in Ruanda 1994 beobachten. Niemand hierzulande hatte sich vorstellen können, dass in einem so winzigen Land jenseits jeglicher medialer Aufmerksamkeit – ein ethnisch motiviertes Massaker dieser Größenordnung stattfinden könnte. Erst anschließend entdeckte man Ruandas und Burundis Kolonialgeschichte, in der sogar deutsche Anthropologen eine Rolle dabei gespielt haben, die Bewohner Ruandas in ethnische Gruppen wie Tutsi, Hutu und Twa zu untergliedern.

Es gibt einen Abgrund zwischen den objektiven Zusammenhängen und der Spektralität der Ereignisse auf diesem Planeten und dem Wahrnehmungsradius der als Weltöffentlichkeit missverstandenen westlichen Öffentlichkeit. Dieser Radius wird entscheidend durch die Medien konstruiert. Das, was der mediale Raum integriert, als relevant markiert und als wiederkehrendes Berichterstattungsobjekt definiert hat, konstituiert – vereinfacht gesagt – unser aktuelles Weltbewusstsein. Jenseits der Grenzen dieser Wahrnehmungsroutinen gibt es jedoch weitere Lebensräume, völlig andere Lebensweisen und Kulturen, aber auch geschichtliche Prozesse, Knotenpunkte von Ursachen, von Ereignissen und Aktionen, die imstande sind, mit ungeheurer Wucht ins Herz unserer selbstbezüglichen westlichen Welt zurückzuwirken. Heute mehr denn je. Wir wissen über manche Regionen dieser Welt so gut wie nichts oder viel zu wenig.

Wahrnehmungslücken

Zur Bildung von Weltbewusstsein beizutragen, bedeutet also nicht, dass wir prätentiös beanspruchen, darüber aufzuklären, was die Welt ist und was nicht, sondern, dass wir beitragen wollen zu einer stärkeren Sensibilisierung dafür, dass unsere Medienroutine und Wahrnehmungspraktiken nicht alles sind. Das gilt nicht nur für Beobachtungsgrenzen. Auch unsere Wahrnehmungsweisen sind nicht immer geeignet, diesen Jenseitszonen unserer Scheinvertrautheit mit der Welt nahe zu kommen: sprachlich nicht, vom vorherrschenden Verfahren her nicht, dem einer zumeist distanzierten, medialisierten Bestandsaufnahme, statt einer auf Nähe, Vertrautheit und Eintauchen beruhenden Analyse einer Entwicklung.

Als Sarajewo während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 drei Jahre lang von serbischen Truppen belagert und beschossen wurde und nach 1989 der Krieg auf den europäischen Schauplatz zurückkehrte, wurden wir alle zu ohnmächtigen Betrachtern des Geschehens, und täglich wurde das Gemetzel dieses Krieges auf dem Bildschirm serviert. Man wusste nicht, was man tun könnte und sollte, aber irgendwann wurde das Bedürfnis, diese sterile Distanz zu sprengen und zu erfahren, was hinter den Spiegeln des Fernsehens wirklich geschieht, so groß, dass wir uns im Oktober 1995 entschlossen, mit Schriftstellern und Künstlern im belagerten Sarajewo Kontakt aufzunehmen, selbst in die Stadt aufzubrechen und mit ihnen dort aus Solidarität eine gemeinsame Nummer von Lettre herauszugeben, daraus wurde eine Hommage à Sarajevo in deutscher und in serbokroatischer Sprache. Es war der Versuch, das Ohnmachtsgefühl eines puren Beobachters loszuwerden, und die gemeinsame Arbeit mit diesen Schriftstellern, Dichtern, Künstlern, Intellektuellen im halbzerstörten Sarajewo, die versuchten, ihre Stadt und deren multikulturelle Identität zu verteidigen, half uns, ein authentischeres Bild des Geschehens zu gewinnen. Man kann und muss auch versuchen, mit eigenen Augen zu sehen.

Als kürzlich das Flüchtlingslager von Moria auf Lesbos brannte, schaltete das Erste Deutsche Fernsehen zu seinem Berichterstatter. Dieser stand in Rom. Im Irakkrieg wurde nach Kriegsbeginn 2003 eine Zeitlang von einer Brücke in Kairo aus berichtet. Ich erinnere mich daran, wie der erfahrene Kriegsreporter Peter Scholl-Latour, der Arabisch sprach und längere Zeit im Nahen Osten verbracht hat, vor dem Irakkrieg warnte und davor, welche katastrophalen Folgen zu erwarten wären, wenn man dieses Land angreifen würde. Man hat sich über ihn lustig gemacht. Aber er hat Recht behalten, denn er wusste, worüber er sprach.

Medien sind nicht neutral. Kulturpolitische Intentionen, aber auch politische spielen eine Rolle. Und so entstehen Lücken. War das Motiv, solche Dunkelzonen auszuleuchten, schon von Anfang an, bei der Gründung von Lettre bestimmend?

Ja. Es war entscheidend in zweierlei Hinsicht. Die französische Ausgabe wurde 1984 von Antonin J. Liehm gegründet, einem Intellektuellen aus der Tschechoslowakei, der 1968, nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee, Prag verlassen musste; er hatte Sartre übersetzt und war Herausgeber der Zeitschrift des tschechischen Schriftstellerverbandes gewesen. Er wurde sogar mit Plakaten in der U-Bahn als Systemgegner angeprangert; er ging nach Paris ins Exil, lebte dort ein paar Jahre, lehrte dann an einer New Yorker Universität Film und Literatur, kehrte 1982 nach Paris zurück und hat 1984 das Geld organisiert, um die französische Ausgabe von Lettre internationale zu gründen. Zu seiner Lebenserfahrung gehörte, dass der Westen von dem, was jenseits des Eisernen Vorhangs geschah, recht wenig zur Kenntnis nehmen wollte, während umgekehrt das damalige Bedürfnis der Intellektuellen in der Tschechoslowakei, in Polen, Ungarn oder Jugoslawien wahrzunehmen, was im Westen geschah, ungeheuer ausgeprägt war. Es gab eine Asymmetrie der Aufmerksamkeitsbedürfnisse. Diese Erfahrung spielte eine wichtige Rolle bei der Gründung von Lettre International als Zeitschrift, die als grenzüberschreitendes, mehrsprachiges intellektuelles Projekt etwas für Reziprozität und das wechselseitige Verständnis tun wollte, über die politisch-militärischen Trennungen des Kontinents hinweg.

Die deutsche Ausgabe entstand vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte, etwas anders als die französische oder tschechoslowakische. Deutsche Geschichte war eine Tätergeschichte mit einer anderen Verantwortung. Aber die deutsche Linke oder auch die alternativen Bewegungen waren in Bezug auf fast alles, was östlich des Eisernen Vorhangs geschah, eher unterbelichtet und sogar desinteressiert. Das reichte von Ignoranz und Taubheit bis hin zur Rechtfertigung dortiger Verhältnisse – in unterschiedlichen Abstufungen. Aus der Erfahrung des Nationalsozialismus waren ex negativo legitimatorische Gegenmuster entstanden, die eine gewisse Relativierung und Rechtfertigung der dort stattfindenden Unterdrückung mit sich gebracht hatten. Man wollte an der Stabilität der gegebenen Ordnung nicht rühren.#

Jedenfalls wurde mit Gorbatschows überraschender politischer Wende zu „Glasnost und Perestroika“ – Transparenz und Umgestaltung –, klar, dass diese dichotomische Nachkriegsordnung sich von Grund auf verändern würde. Das sowjetische Imperium begann zu zerfallen. Und als wir die erste Ausgabe der deutschen Lettre am 26. Mai 1988 (vorbereitet wurde sie seit September 1987) veröffentlichten, war offensichtlich, dass die europäische Teilung in Frage gestellt werden könnte durch die recht einsame Entscheidung Gorbatschows. Es wurde turbulent. DDR-Staatsbürger setzten sich in Massen ab, flohen in die deutsche Botschaft in Prag oder versuchten, über Ungarn in den Westen zu gelangen. Das Nachkriegsgebäude Europas begann zu wanken. Plötzlich wurde einem klar, wie wenig man über die Situation im östlichen Europa gewusst hatte, man war schockiert über die eigene Blindheit. Insofern wuchs das Bedürfnis, zu verstehen, was man bislang verdrängt und abgewehrt hatte, im Sinne eines genuinen intellektuellen Bedürfnisses nach ganzheitlicher Wahrnehmung, aber auch im Sinne eines nachträglichen Abarbeitens von Schuld daran, sich den entsprechenden politisch-moralischen Fragen nicht wirklich gestellt zu haben. Zuvor hatte man vielleicht Romane wie Sonnenfinsternis von Arthur Koestler oder Wie eine Träne im Ozean von Manès Sperber gelesen oder auch die Bücher Jorge Semprúns, welche alle die Pervertierung der Macht in der kommunistischen Bewegung und den kommunistischen Staaten offengelegt hatten, doch gab es zwischen der literarischen Wahrnehmung dieser Deformation und den politisch-moralischen Schlussfolgerungen daraus eine zeitliche und ethische Inkongruenz. Die Veröffentlichung von russischen, tschechischen oder polnischen Texten in Lettre, die sich mit Vergangenheit und Gegenwart des „Realen Sozialismus“ schonungslos auseinandersetzten, war so auch eine Art praktizierter Reue, um zu einem tieferen Verständnis und einer Wahrnehmungskorrektur beizutragen.

Das Internationale der Lettre

Wir haben uns also von Anfang an mit dieser für uns recht undurchdringlichen Welt jenseits des Eisernen Vorhangs konfrontiert, indem wir nicht nur sofort russische Texte aus dem Untergrund, sondern in der ersten Nummer auch unter Pseudonym einen nach Westberlin geschmuggelten Essay des DDR-Bürgerrechtlers Jens Reich veröffentlicht haben. Auch das Thema Europa stand im Zentrum. Europa, das meinte die Negation des zerstörerischen Nationalismus und die Vorstellung einer fruchtbaren Kooperation über die trennenden Grenzen von Sprache und nationaler Identität hinweg. Europa – das hatte vor dem Hintergrund des NS-Regimes und der deutschen Schuld und Verantwortung für den Vernichtungskrieg, Genozid und der letztlichen Selbstzerstörung eine besondere Bedeutung.

Diese verbrecherischen und tragischen Erfahrungen Europas – wenn man sie mit Heiner Müller als tragisch bezeichnen kann – galt und gilt es, vor dem Vergessen zu bewahren. Dieser Geschichte muss sich eine europäische Kulturzeitschrift stellen. Die Suche nach und die Offenheit für Stimmen aus allen europäischen Ländern war eine Chance zu erfahren, wie Generations- und Schicksalsgenossen in verschiedensten Zusammenhängen diese Schreckensperiode Europas, Nazizeit, Krieg und Nachkriegszeit, erfahren und verarbeitet hatten.

Lettre International war ein Versuch, mit Redaktionen in mehreren europäischen Sprachen, Ländern, Hauptstädten Arbeitsbedingungen dafür zu schaffen, dass die stärksten und luzidesten Texte in mehreren Sprachen veröffentlicht und gelesen werden konnten. Lettre mit seinen vielen Redaktionen aus zwei bis drei Personen war ein grenzüberschreitendes Zeitschriftennetzwerk, ein Entdeckungsinstrument, ein Treffpunkt verschiedenartiger Sensibilitäten und historischer Erfahrungen, ein Ort des Brainstormings und Gedankenaustauschs; es war nebenbei vielleicht auch eine kleine kreative und soziale Utopie. Der gemeinsame Anspruch war, eine Zeitschrift mit konsequent internationalem Konzept zu entwickeln. Wir vertreten bis heute eine emphatische Internationalität, für uns gilt der Vorrang des Internationalen gegenüber dem Nationalen, fast im Sinne eines „historischen Apriori“. Nicht nur aus einer analytischen Ableitung objektiver Globalisierungszusammenhänge, sondern aus einem Bedürfnis nach welthaltigen Erfahrungen heraus, auch nach einer Selbstbereicherung durch die Schätze und Errungenschaften anderer Kulturen, sei es in Form der angelsächsischen literarischen Reportage oder des New Journalism, der russischen grotesken Literatur oder der Avantgarde des 20. Jahrhunderts, des französischen Surrealismus, des Strukturalismus oder Poststrukturalismus oder einer durch langjährige Erfahrung gesättigte Expertise zu Indien, Afrika, Nordafrika, Südamerika bei Gelehrten früherer Kolonialmächte. Solche spezifische Wissens- und Erfahrungsformen wollten wir zusammenbringen, verlebendigen und auch vergessene Energien – etwa des Surrealismus – reaktualisieren und für eine publizistische Kombinatorik der Künste fruchtbar machen, in einer breiten, freiheitlichen und auch überraschenden Spannweite. So haben wir sehr früh Essays zum Niedergang des sowjetischen Imperiums oder über Mitteleuropa veröffentlicht, aber auch Texte von Michel Foucault, Oliver Sacks, Reportagen von Bruce Chatwin, arabische Poesie und unbekannte Arbeiten des „heiligen Trinkers“ Wenedikt Jerofejew, die wir in Moskau entdeckt hatten. Zu dieser Montage verschiedener Künste gehörte auch wesentlich, dass von Anfang an jedes Heft von bildenden Künstlern gestaltet wurde, darunter Jörg Immendorff, Sigmar Polke, Julian Schnabel, Ilya Kabakov, Marina Abramović, Jannis Kounellis, Rebecca Horn, Shirin Neshat oder John Baldessari, um nur einige zu nennen.

Was Du erzählst über den Anfangsimpuls, die Ost-West-Defizite auszugleichen – genau so habe ich Lettre am Anfang auch wahrgenommen. Es ging um Ost-West, damals aber noch innerhalb Europas.

Das stimmt, war aber nicht alles! Schon die zweite Nummer hatte einen Lateinamerika-Schwerpunkt. Damals fand im Herbst 1988 in Berlin eine gemeinsame Tagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank statt. Eine Kontroverse in der internationalen Finanzwelt war jene, ob man den höchstverschuldeten Staaten der Welt ihre Schulden erlassen sollte, da sie diese sowieso nie zurückzahlen könnten. Zwei Protagonisten vertraten diese Position: Der kubanische Staatschef Fidel Castro und Alfred Herrhausen als Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Eine pikante Konstellation. Herrhausen hat sich in der Banking Community damit etliche Feinde gemacht. Diese Tagung mit 5.000 Bankern aus aller Welt sollte in Berlin stattfinden – Erich Honecker hatte dafür eigens noch zwei Hotels der Weltspitzenklasse in Ost-Berlin bauen lassen, damit ein paar Banker auch in der Hauptstadt der DDR residieren konnten. Wir fragten uns: Was können wir tun, um etwas Interessantes dazu beizutragen? Fidel Castro als Schreckgespenst des Kapitalismus war natürlich nicht zu dieser Konferenz eingeladen, obwohl er der prominenteste Fürsprecher des Schuldenerlasses für die Länder der Dritten Welt und des hochverschuldeten Lateinamerikas war. Also entschlossen wir uns dazu, ein Interview mit ihm zu machen. Wir sind recht unkonventionell zur Kubanischen Botschaft in Bonn gefahren, konnten dem Botschafter unser Anliegen persönlich vortragen und haben ihm erklärt, wie aufsehenerregend eine solche publizistische Intervention Fidel Castros während der Weltbanktagung sein würde. Man versprach uns, die Anfrage nach Havanna weiterzuleiten. Wir fuhren durch die ja noch existierende DDR nach West-Berlin zurück. Drei Tage später bekamen wir einen Anruf: Die Sache geht in Ordnung. Allerdings – Sie können nicht nach Havanna fliegen, das können wir so schnell nicht organisieren – aber Sie können Ihre Fragen schriftlich formulieren, der Comandante hat versprochen, sie zügig zu beantworten.

Also haben wir unsere Fragen schriftlich formuliert. Und von 13 Fragen hat Castro 12 beantwortet, via Telex. Die dreizehnte – warum seine vielfachen Zusammenbruchsprognosen bezüglich des kapitalistischen Weltsystems alle nicht eingetroffen waren – hat er dezent übergangen. Dieses Interview – ein kleiner „Scoop“ – haben wir in unserer zweiten Nummer Ende September 1988 veröffentlicht. Es ging uns also von Anfang an nicht ausschließlich um Ost-West, sondern um relevante Weltzusammenhänge überhaupt. Dann, eines Abends während der Weltbanktagung, verkaufte unser Handverkäufer besagtes Heft in der vollbesetzten Berliner Paris Bar, unter Hinweis auf das sensationelle Interview. Zufällig war ich anwesend und sah, dass Karl Otto Pöhl, damaliger Bundesbankchef, umgeben von einer Entourage von acht oder zehn Personen, gleich mehrere Hefte kaufte und diese an seine Tischnachbarn verschenkte. Daraufhin haben wir ihn eingeladen, in der folgenden Nummer auf Castro zu antworten. Was er sich überlegen wollte, zuletzt aber nicht gemacht hat. Pöhl bot an, dass die Presseabteilung der Bundesbank dazu Stellung nehme. Das haben wir nicht akzeptiert. Insofern ist dieser ungewöhnliche Dialog, unwahrscheinlich, aber doch möglich, leider nicht zustande gekommen. Wir wollten jedenfalls schon damals klar machen, dass unser Interessenhorizont nicht an Europas Grenzen endet und auch, dass ideologieübergreifende Operationen uns reizvoll erschienen.

Eine Zeitschrift wie Ulysses

Problematisch ist nicht nur das Expansive, das an seine Grenzen stößt, sondern auch der Blick nach Innen. Wir sind ständig mit Problemen konfrontiert, ob von politisch gegeneinander agierenden Gruppierungen, ob das moderne und modische Kämpfe sind, ob das Rassismus, Genderthemen usw. betrifft, wo von beiden Seiten mit festgefahrenen Stereotypen gearbeitet wird. Wenn man jedoch näher herangeht, merkt man, dass vieles überhaupt nicht stimmt. Etliche andere Motive spielen mit hinein, die sich vermengen. Die Chose lässt sich nicht auf einen Nenner bringen. Das, stelle ich mir vor, könnte ein Problem sein bei der Beschreibung der Welt in ihrer Vielfalt, in ihren Zusammenhängen.

Völlig d’accord. Es geht um die Frage: Wie kann man von dieser Welt, in der wir leben, so vieles wie möglich erfassen, wie ihrer Heterogenität einigermaßen gerecht werden? Um einer solch disparaten Komplexität akkurat zu begegnen, kann man literarische Konzepte zu Rate ziehen, welche die Koexistenz des Disparaten, die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem, wie es Ernst Bloch in Erbschaft dieser Zeit ausformulierte, zu denken versuchen. Die Frage der Gleichzeitigkeit stellt sich auch für die Weltgesellschaft: In welcher Ganzheit, in welcher Gesamtkonstellation leben wir? Und was davon ist sichtbar, was unsichtbar? Romanschriftsteller haben sich mit solchen Fragen seit Anfang des 20. Jahrhunderts verstärkt auseinandergesetzt, mit Hilfe von Konstruktionsprinzipien innerhalb ihrer Werke. James Joyce versucht im Ulysses die Erfahrung eines einzigen Tages durch 18 verschiedene Blickwinkel zu fassen, in kapitelweise wechselnden Sprachformen und Sprechweisen, aus der Perspektive dreier Protagonisten und vieler weiterer Akteure, deren Odyssee durch Dublin mittels verschiedenster objektiver und subjektiver Vorgänge, körperlicher und geistiger Zustände rhythmisiert ist. Er versucht, ein ganzes Dubliner Universum in 24 Stunden vorzuführen und zeigt, in welch multipler Simultanität Entwürfe und Realitäten, Absichten und Zufälle, Emotionen und Geistesblitze, Erinnerungen und Erwartungen, Entscheidungen und Versuchungen das soziale und individuelle Leben bestimmen.

Wie kann man einem unüberschaubaren Weltgeschehen einigermaßen entsprechen? Natürlich durch multiple Neugier, durch Suchbewegungen und Sammlerfleiß in die verschiedensten Richtungen. Wie kann man einer solchen Vielfalt publizistische Gestalt verleihen? John Dos Passos inszeniert in Manhattan Transfer erzählerisch die dramatische Gleichzeitigkeit des Geschehens in einer Großstadt wie New York, Jean-Paul Sartre konzipiert in seinem Roman Der Aufschub eine solche Gleichzeitigkeit literarisch für den Schauplatz Europa während des Münchener Abkommens 1938. In unmittelbarem Wechsel schaltet er von Satz zu Satz, von einer Szene im Sudetenland zu einer in Paris oder Bad Godesberg oder Marseille, um die Gleichzeitigkeit des Geschehens aus höchst unterschiedlichen Positionen und Erfahrungen darzustellen. Der Aufschub ist ein Roman mit Dutzenden gleichzeitig involvierten Akteuren auf der Spielfläche der europäischen Vorkriegsszenerie. Die Welt lebt in der Illusion, dass das Münchner Abkommen sie vor dem Krieg rette. Daladier, als Vertreter Frankreichs, kommt aus München zurück, betrachtet die naiven Menschen, die ihm applaudieren, weil er das Abkommen unterschrieben und so vermeintlich den Frieden gesichert habe, und denkt bei sich „diese Idioten!“

Sartre zeigt, in welche parallelen Prozesse und Kausalketten anonymer Geschehnisse individuelle Existenzen eingebunden sind.

Derartige Verfahrensweisen versuchen, Konstruktionsprinzipien für die literarische Totalitätsdarstellung polyperspektivischer Erfahrungen zu entwickeln. Ähnliche Verfahren gibt es in der Montage und Collage der bildenden Kunst, die räumlich, zeitlich und ontisch getrennte Dinge in neuen Konstellationen zu einem Werk synthetisiert. Etwas von diesen experimentellen Verfahren wollten wir für Lettre fruchtbar machen, so wie es auch André Bretons surrealistische Zeitschrift Minotaure in den dreißiger Jahren gemacht hat. Essays, Geschichten, Reportagen, Gespräche, Poesie, Kunst und Photographie zu einem aparten „Gesamtkunstwerk“ mit Wahrheitseffekten zu arrangieren, war das Ziel. Diese immer neue kompositorische, architektonische und dramaturgische Arbeit gleicht einer Bricolage mit disparaten Materialien, mit Vorhandenem, Gefundenem, Fragmenten, einer poetischen Bastelei mit begrenzten Mitteln. Dazu können manchmal auch kontroverse Positionen oder klare politische Statements gehören. Aber niemals haben wir, von einer politischen Absicht ausgehend, versucht, das Heft ideologisch auszurichten oder zu harmonisieren.

Vorhin sagtest Du, als Motivation war auch das Bedürfnis nach Schuldbearbeitung oder Schuldausgleich bei Gründung der Zeitschrift mit im Spiel. Also ein moralisches Prinzip. Gibt es auch ein politisches Agens der Zeitschrift?

Wenn man so will auf der Ebene der publizistischen Ethik, aber nicht in dem Sinne, dass Lettre für eine politische Programmatik steht. Die Verkörperung politischer Ideologien ist keine gute Rolle für Intellektuelle. Ihre Aufgabe ist es eher, Neugier zu entwickeln, dem Willen zum Wissen Nahrung zu geben, Gegebenheiten zu hinterfragen, Widersprüchen nachzugehen zwischen komplexen Ursachen und simplen Erklärungen, Normen und Handeln, Anspruch und Wirklichkeit, also die Problematisierung von Sachverhalten. Es lohnt sich, über Ursachen zu sprechen. Es geht darum, dem kultivierten und willkommenen Vergessen entgegenzuwirken und nach den Entscheidungen von gestern zu fragen, die für das Heute verantwortlich sind, also sich aus der suggerierten Alternativlosigkeit des Gegebenen gedanklich zu lösen und eine Distanz zur übermächtig erscheinenden Gegenwart zu gewinnen. Phantasie an die Macht, hieß das einmal. Auch die Erinnerung eröffnet den Sinn für andere Möglichkeiten, wenn auch – scheinbar – nur vergangener. Aber es muss auch darum gehen, sich aus der Verstrickung in die scheinbare Ausweglosigkeit eines bleiernen Jetzt zu lösen, einer routinierten Reproduktion des Immergleichen in variierenden Schattierungen, ohne jede Zukunftsvorstellung. Auch großen Ideen und Visionen gilt es, Raum zu geben, und die Art und Weise, wie Macrons anspruchsvolle Sorbonne-Rede zu Europa im September 2017 vom politischen Kleinmut in Deutschland totgeschwiegen wurde, hat etwas Trostloses.

Publizistische Ethik meint auch die Absage an das Messen mit zweierlei Maß, an die doppelten Standards der internationalen Politik, vor allem in Kriegsfragen. Krieg ist die Negation von Kultur, denn sie bedeutet den Abbruch der Verständigung mit sprachlichen Mitteln, und daher gilt es, extrem wachsam zu sein, wenn kriegsrechtfertigende Diskurse um sich greifen und die Medien erobern, wie es geschah, als ein Architekt des Irakkrieges, Richard Perle, der kriegsführende Verteidigungsminister, Donald Rumsfeld, oder die noch fünf Jahre später kriegsbegeisterte Nationale Sicherheitsberaterin der USA, Condoleezza Rice, bei Sabine Christiansens sonntagabendlicher Talk-Show gelegentlich auf dem Sofa saßen und das deutsche Fernsehpublikum nach dem „Tatort“ exklusiv für den herbeigelogenen Krieg agitieren durften – während nicht ein einziges Mal ein Vertreter aus dem Irak als Gegenstimme eingeladen wurde.

Eine Zeitschrift ist eingebunden in ihre Zeit und somit auch ein kleiner Seismograph des geschichtlichen Geschehens, ein Beobachter und sehr kleiner Akteur der Geschichte im Werden. Und wenn ihr etwas gelingt, dann stellt sie Instrumente zum Verständnis zur Verfügung und trägt so zur geistigen Vergegenwärtigung ihrer Zeit bei.

Wichtig ist, dass unsere Arbeit auch eine Anregungsquelle für Journalisten, Verleger, Intellektuelle, Theatermacher, Schriftsteller und Künstler ist. Durch Multiplikationseffekte kann auch eine kleinere Zeitschrift starke Wirkungen entfalten. Das ist uns seit 1988, glaube ich, im Sinne einer Öffnung von Horizonten, bis zu einem gewissen Grad gelungen. Wenn es sich lohnt, eine intellektuelle Zeitschrift zu machen, dann nur, wenn sie mit größtmöglicher Integrität, Unerschrockenheit und Freiheit gemacht wird; aber das gelingt nur, wenn Stimmen in ihrem ganzen Eigensinn, in ihrer Authentizität und ihrer Widerborstigkeit zu Wort kommen und nicht alle Beiträge über einen ideologischen Leisten gezogen werden – und sei es ein politisch korrekter. Freiheit ist das Lebenselixier des schöpferischen Menschen, dieser wird immer wieder auch Tabus verletzen.

Logo der deutschen Lettre International (Screenshot)

Anmerkung der Redaktion:
Zum Teil II des Gespräches mit Frank Berberich von Lettre International, „In Wahrheit überleben“.

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Kommentare


mes - ( 11-12-2020 11:43:52 )
Hallo Herr Achenbachg,
ist es so unvorstellbar, dass "die" sich etwas dabei gedacht haben, das französische "Lettre" und das deutsche "international" miteinander zu verbinden? Ein schnelles Urteil, oft auch Verurteilen, steht dem Erfassen von Bedeutung im Weg – und die Sicherheit, mit der manch einer sein Vorurteil der Welt kundtut, ist verblüffend.

mes - ( 11-12-2020 11:44:37 )
Hallo Herr Achenbachg,
ist es so unvorstellbar, dass "die" sich etwas dabei gedacht haben, das französische "Lettre" und das deutsche "international" miteinander zu verbinden? Ein schnelles Urteil, oft auch Verurteilen, steht dem Erfassen von Bedeutung im Weg – und die Sicherheit, mit der manch einer sein Vorurteil der Welt kundtut, ist verblüffend.

Hanno achenbachg - ( 19-11-2020 03:15:00 )
Was ist an Lettre international international, wenn dienicht einmalFranzœsisch kœnnen /-richtig: internationale

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erstellt am 18.11.2020
aktualisiert am 13.12.2020

Es gibt sie noch, die gedruckten Kulturzeitschriften. Doch muss man sie wegen ihrer relativ kleinen Auflagen zumeist im großen Angebot der gewerblichen Publikationen suchen. In loser Folge werden in Faust-Kultur solche Zeitschriften vorgestellt, um sie sichtbar zu machen.

Lettre International

www.lettre.de

Ein Abonnement kostet 49,- € / Jahr in Deutschland, eine Einzelausgabe 13,90 €.

Erste Ausgabe der deutschen „Lettre International“, Sommer 1988.

„Die Horen“ (1795 bis 1797): „Ideelles Ziel dieses ehrgeizigen Projekts war es, die Kulturnation Deutschland, die keine Hauptstadt hatte, nun durch eine Hauptzeitschrift und intellektuelle Zentralisierung zusammenzuschließen. Die großen Autoren der Zeit und das umfangreiche Gesamtpublikum sollten jene Kulturnation bilden. Schiller träumte von einer kulturellen Vereinigung der Deutschen in einer literarischen Assoziation.“

Quelle: Wikipedia, Stand: 26. August 2020, 15.26 Uhr

Herausgeber Frank Berberich, 2018 (mit dem Original der Titelseite von Tobias Rehberger zum Jubiläumsheft 30 Jahre Lettre)
Foto: Esther Gallodoro

„Der Informations-Dienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten (ID) erschien ab 1973 in Frankfurt am Main als Wochenzeitung bei einer Startauflage von 500 Exemplaren und wurde 1981 eingestellt. (…) Selbstverständnis der Zeitung war Berichterstattung ‚von unten‘, bei geringer redaktioneller Nachbearbeitung. (…) Als alternative Nachrichtenagentur war der ID fester Bestandteil in der alternativen Presse der 1970er Jahre, und die Texte wurden vielfach von anderen Kleinzeitungen nachgedruckt.“

Quelle: Wikipedia, Stand: 9. Oktober 2019, 15.58 Uhr

Das Cover der allerersten, französischen Ausgabe von „Lettre Internationale“, 1984 (Herausgeber: Antonin J. Liehm).