Der Verlag „Theater der Zeit“ veröffentlicht in seiner Reihe „backstage“ Gespräche, die Dorte Lena Eilers mit Schauspielern geführt hat. Nun ist auch eine Schauspielerin befragt und porträtiert worden: Valery Tscheplanowa. Die charismatische Künstlerin spielte auf den Bühnen in Frankfurt, München, Berlin und Hamburg und wird sich jetzt mehr dem Film widmen. Walter H. Krämer hat den Band gelesen.

backstage: Die Schauspielerin Valery Tscheplanowa

»Am Nullpunkt!«

Wer sich für die Stars des deutschen Gegenwartstheaters interessiert, findet in der Reihe backstage aus dem Verlag Theater der Zeit reichlich Lesestoff.

2009 startete die Reihe mit dem Schauspieler Ulrich Matthes, und für den bisher letzten Band führte Dorte Lena Eilers Ende 2019 mehrere Gespräche mit der Schauspielerin Valery Tscheplanowa. Sie ist damit neben den Männern Armin Petras, Thomas Ostermeier, Samuel Finzi, Burghart Klaußner und Lars Eidinger die erste Frau, die in dieser Reihe zu Wort kommen darf.

Dorte Lena Eilers, Chefredakteurin Theater der Zeit (Screenshot)
Dorte Lena Eilers, Theater der Zeit

Im Gespräch mit der Kulturjournalistin und derzeitigen Chefredakteurin von ‚Theater der Zeit’ spricht sie – so die Ankündigung des Verlages – über ihr „Leben und ihre Leidenschaft, nachdenklich und fordernd, respektvoll und kompromisslos und gewährt so einen tiefen Einblick hinter die Kulissen des Theater- und Filmgeschäfts“. Lässt man sich auf die Lektüre ein, so bewahrheitet sich diese Ankündigung des Verlages in jeder Hinsicht.

Das 144 Seiten starke Buch enthält neben den transkribierten Gesprächen fünf Gedichte der Schauspielerin, ein Rollenverzeichnis und eine Auflistung ihrer bisherigen Preise. Außerdem ein Nachwort von Josef Bierbichler, der hofft, dass sie nach ihrem Ausflug in die Welt des Films bald wieder auf der Bühne steht oder zumindest literarisch tätig wird und zum Schreiben kommt.

1980 in Kasan /Russland geboren und aufgewachsen in einer muslimisch geprägten Kultur, zeichnet sich ihre Biografie durch vielerlei Ortswechsel, Abbrüche und Neuanfänge aus.

Bevor sie Schauspiel an der Hochschule Ernst Busch in Berlin studiert, belegte sie Tanz an der Palucca Hochschule Dresden und studierte Puppenspiel an der Ernst Busch. Aber ihre Liebe zur Sprache, zu den Dichtern und Autoren brachte sie letztlich zum Schauspiel. 2006 bis 2009 war sie festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater in Berlin. Vor dort aus engagierte sie Oliver Reese und brachte sie mit nach Frankfurt am Main. Nach Stationen am Residenztheater München und der Volksbühne Berlin arbeitet sie derzeit als freie Schauspielerin und kehrt nach ihrer vorerst letzten Arbeit an der Staatsoper Hamburg dem Schauspiel den Rücken und will sich verstärkt an filmischen Projekten beteiligen.

Valery Tscheplanowa ist eine Ausnahmeschauspielerin mit hohen Ansprüchen an sich selbst und der Arbeit am Theater. Kritik und Publikum beeindruckt sie immer wieder mit ihrem präzisen und charismatischen Spiel. Unvergesslich einige ihrer letzten Rollen – Gretchen und Helena in Frank Castorfs „Faust“ (2017, Volksbühne) oder als Buhlschaft im „Jedermann“ (2019, Salzburger Festspiele).

Blick ins Buch „backstage – Tscheplanowa“: Seite 14-15
Bild: Screenshot / Verlag Theater der Zeit

In den Gesprächen gibt Valery Tscheplanowa bereitwillig und ausführlich Auskunft über Regisseure und ihre Auseinandersetzungen an den verschiedenen Stadttheatern. Als großes Glück beschreibt sie ihre Begegnungen mit den Regisseuren Dimiter Gotscheff und Frank Castorf, die in ihren Augen für das Theater stehen, für das sie brennt und von denen sie herausgefordert wird.

Mit Ophelia, einer Figur aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“ in der Regie von Dimiter Gotscheff, begeisterte sie 2007 ihr Publikum. Und auch in der letzten gemeinsamen Arbeit – Heiner Müllers Dramatisierung des Romans „Zement“ von Fjodor Gladkow aus dem Jahr 1925 – mit Dimiter Gotscheff am Münchner Residenztheater, in der der Regisseur ihr eigens die Rolle eines kleinen Mädchens hineingeschrieben hatte, spricht sie einen Müller Text. Ein Abend, der auch deshalb zum Zuhören zwingt, weil Valery Tscheplanowa der Schönheit und Suggestivkraft von Sprache und insbesondere der Brillanz der Sprache Heiner Müllers einen gebührenden Platz einräumt und einmal mehr als großartige Sprecherin durch die Intensität ihres Spiels und ihrer Sprechweise diese zum Klingen bringt.

Im reich bebilderten Gesprächsband erläutert und erzählt die Schauspielerin auch von ihrem Ringen um die Kunst und welche Kämpfe es sie bisher gekostet hat, einen hohen Grad an Schauspielkunst auch gegen die Widrigkeiten des Theaterbetriebs zu behaupten und zu bewahren.

Ihre bisher jüngste und letzte Arbeit für das Theater führte sie nach Hamburg an die dortige Staatsoper (September 2020): in „molto agitato“ – Frank Castorfs spektakulärer Ritt durch die musikalischen Genres und Epochen von Händel bis Weill. In dieser Produktion singt und spielt Valery Tscheplanowa die Anna aus Weills „Sieben Todsünden“ – und begeistert einmal mehr Presse und Publikum.

Frank Castorf attestierte ihr „die geballte Kraft eines russischen T-34-Panzers sowie die zähe Disziplin einer Bolschoi-Ballerina“. Regie-Kollege Michael Thalheimer, der in Frankfurt mit Valery Tscheplanowa in der Titelrolle „Maria Stuart“ inszenierte, schwärmt von Willensstärke, „geradezu anspringender Intelligenz“, aber auch einem „ungeheuer theatralen Instinkt“.

Mit Regie-Altmeistern wie Frank Castorf, Dimiter Gotscheff oder Jürgen Gosch gearbeitet zu haben und zu arbeiten sei großes Glück für sie gewesen: „Die sind weise, wissend, autonom – in jeder Beziehung. Erst wird da drauflosgeredet, dabei genau beobachtet, dann gespielt. Es geht ums Spontane, aber auch Durchdachte. Der richtige Regisseur findet bei jedem den idealen Punkt zwischen Bauch und Kopf und fängt ihn ein.“

Vertrauen, Mut und Hingabe seien Voraussetzungen für eine produktive Proben- und Arbeitsatmosphäre. Allerdings, so bilanziert sie selbstkritisch, habe sie sich in letzter Zeit zu sehr ausgeliefert. Auch an inkonsequente Sachen, an falsche Regisseure.“

Ganz am Ende der Gespräche kommt die Frage auf, wo sie denn jetzt stehe in ihrem Leben und sie antwortet „Am Nullpunkt!“ und dass sie immer wieder gerne dort stehe.

Eine etwas verblüffende und überraschende Antwort und doch bezeichnend für diese außergewöhnliche Spielerin mit „der Eleganz der Garbo und dem Timbre der Piaf“ (Anna Deibele), die in diesen Gesprächen viel von sich preisgibt und doch das Geheimnis ihres Charismas bewahrt.

Unbedingt lesen und all das sehen und hören, woran sie beteiligt ist – es lohnt sich und hinterlässt bleibende Eindrücke. Versprochen.

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erstellt am 16.11.2020
aktualisiert am 17.11.2020

Dorte Lena Eilers
TSCHEPLANOWA
Mit einem Nachwort von Josef Bierbichler.
Broschur, 144 S. mit 86 Abb.
ISBN: 978-3-95749-276-0
Reihe backstage,
Verlag Theater der Zeit, Berlin 2020

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