Soldaten, Leder und Pferde verbindet bei Peter Kern ein gemeinsamer Gebrauchsgegenstand: die Schuhe. Seine Reminiszenz an den Vater, der Schuhmacher war und Betriebsleiter einer Schuhfabrik, setzt am kindlichen Ideal des Soldaten an, ist aber zugleich eine kurze deutsche Problemgeschichte des Leders während des Zweiten Weltkriegs.

EINE GESCHICHTE AUS DER DEUTSCHEN GESCHICHTE

Die Wehrmacht spukt

Die Soldaten – im weichen pfälzischen Singsang war das ein anheimelndes Wort, das für Männer stand, die Großes vollbrachten, gut zu den Menschen waren, und deren Mannesmut das Kind nacheifern sollte. Wer waren dem Kind die Soldade? In der bebilderten Bibel der Großmutter, einem schweren Folianten, sah es einen von ihnen. Ein dahinjagender Reiter, mit einem ärmellosen Wams, mächtigen Oberarmen und einem Schwert am Gürtel. Ein großer Mann, der zierliche Sandalen trug, mit Lederriemen gehalten, die um kräftige Waden gewickelt waren. Sein Kopf wird jäh nach hinten gerissen, während er die Zügel verliert und sein Pferd nach vorne schießt. Der schwarze lange Haarschopf des Soldaten hat sich im Geäst verfangen, der Fuß im baumelnden Steigbügel schon allen Halt verloren. Auch dem Pferd schaut der Schreck aus dem großen Auge, derweil Absalom hilflos zwischen Himmel und Erde hängt.

Absalom war dem Kind das Urbild des Soldaten. Das Kind grübelte über einem Detail des schwarz-weißen Drucks. Das lange Haar war um den Ast der Eiche gewickelt, wie die Haare der Mama um den Lockenwickler. Wie konnte das angehen? Hat sich Absalom mit seinem Hü-Gaul in die Luft erhoben und um den Ast gedreht? Hü-Gaul hieß das Pferd in der Sprache des Kindes.

„Der Tod von Absalom“, Francesco di Stefano Pesellino, Undatiert/Renaissance. (Bild: Screenshot / Musee de Tesse, Le Mans, Frankreich)

„Der Tod von Absalom“, von Francesco di Stefano Pesellino
Bild: Undatiert/Renaissance, Öl auf Panel, Bild ID: 70726, Musee de Tesse, Le Mans, France (Screenshot)

Soldaten waren für den Vater etwas Großes. Ein großer Apfel hieß Soldatenapfel, drei Kugeln Eis waren eine Soldatenportion. Einmal zu den Soldaten zu kommen, war ein Versprechen, eine Belohnung fürs Großwerden. War das Kind ungehorsam, wurde ihm prophezeit, es werde bei den Soldaten schon das Parieren lernen. Fehlte aufrechte Haltung, Körperspannung gab es den Hinweis auf die Regel des Kasernenhofs: Bauch rein, Brust raus. Das Kind begriff, man muss ein richtiger Soldat werden, aber warum war der Vater keiner gewesen? Als die Soldaten marschierten und dabei Lieder sangen, hätte er doch gut mitmarschieren und mitsingen können.

Der Vater hatte Schuhmacher gelernt, über Schuhe, Pferde und Fußball sprach er am liebsten. Das ließ sich verbinden. Der Schuh des Gauls war das Hufeisen. Der Schmied des Dorfes trieb dem Pferd mit Hammer und Nägeln das eben noch glühende, gebogene, dann im Wassereimer zischende, gelöcherte Eisen auf den Huf, derweil der Vater das abgeknickte Pferdebein hielt und dem Tier beruhigend zusprach. Oder das Endspiel. Warum hat die 54er Elf um Fritz Walter im Berner Wankdorf gewonnen? Die Schraubstollen der Fußballstiefel gaben den Ausschlag. Nasser Boden, lange Stollen. Die Ungarn um Ferenc Puskás, eigentlich die bessere Mannschaft, liefen mit den veralteten, genagelten Einheitsklötzchen auf. Puskás war Major, Fritz Walter als Soldat aus dem Krieg heimgekehrt und beide waren die besten.

Soldatenschuhe waren Vaters Metier, lederne für die Wehrmacht, Leinenschuhe für die Marine. Er galt dem Kind als der Zeugwart der Soldaten, so wie Adi Dassler der Zeugwart der Walterelf war. Ein Bataillon war täglich auszurüsten, macht etwa 500 Paar Schuhe am Tag, mehr als 100 Tausend im Jahr. Die Fabrik stand am Niederrhein, beschäftigt waren meist Holländer, auch der Eigentümer war einer, ein Minheer van Ooyen. Das Wehrmacht Beschaffungsamt aus Berlin gab den Auftrag, der Betriebsleiter überwachte die ordnungsgemäßen technischen Abläufe: stanzen, steppen, zwicken, den Schaft über den Leisten ziehen. Der Vater war der Betriebsleiter. Seine Funktion bewahrte ihn vor der Front.

Das Wehrmacht Beschaffungsamt hatte ihn mit den Betriebsleitern der anderen, der Großunternehmen, der Bata und Salamander, nach Berlin bestellt. Die großen Feldzüge standen an, die Soldaten waren auszurüsten, technische Details der Fabrikation zu klären: Welche Größen, wie hoch der Schaft und wie viel Ösen; wie die Besohlung auf die Zwischensohle nageln, mit den Holz- oder den teureren Eisennägeln?

Für unsere Soldaten nur das Beste, war die Losung, und so gingen die genagelten Lederstiefel in Produktion. Die Nägel hatten runde Köpfe und brachen nicht ab; der Stiefel war vorne und auf dem Absatz mit an Hufeisen erinnernden Eisenplättchen beschlagen. Das ließ das Kopfsteinpflaster so richtig krachen. Die Bewohner der besetzten Dörfer und Städte sollte dies einschüchtern. Große Teile Europas kannten noch keine geteerten Straßen, und so hallten bald in ganz Europa die Schritte der einmarschierenden Wehrmacht nach.

Die Aufträge aus Berlin wuchsen mit der Zahl der eingezogenen Soldaten und der eroberten Länder. Dann wurde Leder knapp; der Boykott der Alliierten machte zu schaffen. Francos Spanien war bald die einzige Bezugsquelle außer Landes. Der Betriebsleiter war als Einkäufer unterwegs. Die Dienstreise nach Madrid bot die Gelegenheit, das Spiel von Real zu bewundern. Real war schon unschlagbar, und Puskás und Di Stéfano liefen noch gar nicht auf. Waren auch die deutschen Soldaten unschlagbar? Die spanischen Lederhäute kamen ihnen zugute, aber das Angebot hielt mit der Nachfrage nicht mehr Schritt.

Lederersatzstoffe wie Gummi und Krepp mussten her. Die Bunawerke hatten den künstlichen Kautschuk entwickelt. Dessen Tauglichkeit war zu prüfen. Das Reichsministerium hatte sich eine Teststrecke ausgedacht. Im Konzentrationslager Sachsenhausen mussten Häftlinge mit Marschgepäck eine tägliche Marathonstrecke bewältigen. Schottersteine, Treibsand, Kopfsteinpflaster – die Rundstrecke um den Appellplatz bot verschiedene Bodenbeläge. Täglich starb ein Dutzend der hierher abkommandierten Kommunisten, Homosexuellen und Juden. Wer erschöpft hinfiel, wurde per Genickschuss getötet. Eine hölzerne Schubkarre stand bereit. Schuhläufer-Kommando hieß bei den Peinigern die Strafkompagnie.

Die Judde: Das Wort war im Pfälzischen Dialekt schnell auszusprechen, so als wollte man das in den Mund Genommene rasch wieder loswerden, während die zwei Silben von Soldade sich ganz weich ausmachten, wie die Schoklad, die das Kind auf der Zunge langsam zergehen ließ.

Vom Totmachen war auf der Schallplatte mit dem Märchen vom Gestiefelten Kater die Rede. „‚Was kann ich mit dem Kater anfangen? Ich lass mir ein Paar Pelzhandschuhe aus seinem Fell machen, dann ist's vorbei‘ sagte der dritte Müllersohn. ‚Hör‘, fing der Kater an, der alles verstanden hatte, ‚du brauchst mich nicht zu töten, um ein Paar schlechte Handschuhe aus meinem Pelz zu kriegen; lass mir nur ein Paar Stiefel machen, dass ich ausgehen und mich unter den Leuten sehen lassen kann, dann soll dir bald geholfen sein.‘”

War die A-Seite zu Ende und die 45er Polydor-Platte vorsichtig umgedreht, der gelochte, dreieckige, auf den Stift des Plattentellers passende, meist lose Steg wieder eingesetzt, „kam der Kater an einen prächtigen Wald, da standen mehr als dreihundert Leute, fällten die großen Eichen und machten Holz. ‚Wem ist der Wald, ihr Leute?‘ – Die Leute im Chor: ‚Dem Zauberer.‘ – ‚Hört, jetzt wird gleich der König vorbeifahren, wenn er wissen will, wem der Wald gehört, so antwortet: dem Grafen; und wenn ihr das nicht tut, so werdet ihr alle erschlagen.‘”

Das Märchen des Vaters sprang ins Jahr 43; der Zauberer im Reichsministerium verlangte nach ihm und seinen Kollegen. War die erste Reise nach Berlin noch eine Ehre und ein Abenteuer gewesen, war die zweite mit großer Angst angetreten. Man wurde zum Rapport zitiert. Was war geschehen? Das siegreiche Militär hatte fast ganz Europa überrannt, nun stak es im russischen Winter fest. Und es stak im eisenbeschlagenen Schuhwerk fest. Die Füße erfroren, das Eisen war eine Kältebrücke. Väterchen Frost kam über die Brücke, und brachte den Landsern den Tod.

Wieso blieben die Stiefel mit Hartgummisohle aus? Wozu hatten die Bunawerke den synthetischen Kautschuk denn zur Serienreife gebracht, wenn er nicht in Serie ging? Das Wehrmacht Beschaffungsamt verlangte die sofortige Verwendung des Lederersatzes. Die Betriebsleiter der Schuhindustrie berieten. Sollten sie dem Beschaffungsamt erklären, dass der Kautschuk gar nicht zu beschaffen war, weil Buna nur die MAN, Opel und Mercedes-Benz belieferte, die ihn für die Reifen, Kabel, Keilriemen, Schläuche und Dichtungen der Militärfahrzeuge brauchten? Sollten sie den Wehrmachts-Amtsleitern die Hierarchie einer Kriegswirtschaft erklären? Die Ministerialen in Uniform wollten Lösungen hören, keine Probleme. Man versprach ihnen, die Eisen- durch Holznägel zu ersetzen, ein altes Verfahren, um die Lauf- an die Brandsohle zu heften, wohl wissend um den Engpass beim Leder und um die Monate die es braucht, um die neuen Maschinen und Arbeitsabläufe für das veränderte Vorprodukt zu organisieren; industrielle Massenfertigung lässt sich nicht von heute auf morgen umstellen. Dabei war an geregelte Fertigung sowieso kaum mehr zu denken. Englands Royal Air Force, die RAF, nahm mit ihren Bomben die niederrheinischen Fabriken längst ins Visier.

Der Mai 45 kam, und Minheer van Ooyen und sein Betriebsleiter waren eine Sorge los. Seither spukten die Soldaten in der Rede des Vaters.

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erstellt am 15.11.2020
aktualisiert am 16.11.2020

Ein Paar alter Wehrmachts-Halbstiefel, stark gebraucht (Foto: Screenshot)

Paar alter, gebrauchter Wehrmachts-Halbstiefel

Literatur zum Thema

Ein Arbeitssklave der Bunawerke in Auschwitz-Monowitz hat das Jenseits der menschlichen Existenz festgehalten:
Primo Levi, „Ist das ein Mensch?“

Die Historikerin Anne Sudrow schrieb das Buch „Der Schuh im Nationalsozialismus“, ein mit dem deutschen Historikerpreis geehrtes Werk.
Dem vergriffenen Buch ist eine Neuauflage sehr zu wünschen.