Um die Zeitenwende war in Rom das Centumviralgericht für Erbschaftsachen zuständig. Der dort tätige Rechtsanwalt Gaius Plinius Caecilius Secundus beschreibt, wie eine jüngere Generation mit Korruption, dummdreisten Redebeiträgen und schlechtem Benehmen den Sinn der kollegial ausgerichteten Institution in sein Gegenteil verkehrt.

Rück-Blick: Erstes Jhd. n. Chr.

»Mit Ehrfurchtslosigkeit und Frechheit«

Von Gaius Plinius

Mein Lieber Maximus,

Du vermutest ganz richtig: ich werde durch die Prozesse vor Centumviralgericht völlig in Anspruch genommen, die mir mehr Mühe als Freude bereiten. Sie sind nämlich zur Hauptsache belanglos und unbedeutend, selten kommt einer vor, der entweder durch die Stellung der beteiligten Personen oder durch die Wichtigkeit des Falles hervorstäche. Dazu gibt es nur sehr wenige Leute, mit denen man gern zusammen plädierte; der Rest sind rücksichtslose, großteils auch unbekannte Bürschlein, die sich für ihre Redeübungen mit solcher Ehrfurchtslosigkeit und Frechheit hierher begeben, daß unser lieber Atilius, wie mir scheint, treffend gesagt hat: die Kinder machten auf dem Forum an den Centumviralprozessen ebenso ihre ersten Versuche wie an Homer in der Schule – denn hier wie dort beginnt man zuerst mit dem Schwierigsten. Aber bei Gott! Zu meiner Zeit – so pflegen ältere Herren zu sagen – hatten dort nicht einmal die vornehmsten jungen Leute ihren Platz, außer sie wurden von einem ehemaligen Konsul eingeführt; von solcher Ehrfurcht war diese schönste Aufgabe umgeben. Jetzt aber sind die Schranken der Scheu und Ehrfurcht niedergerissen, alles steht allen offen, und man wird nicht eingeführt, sondern man bricht ein.

Dazu gehört ein Publikum, den Rednern ebenbürtig, gekauft und gedungen; man wendet sich an einen Unternehmer; mitten in der Gerichtshalle werden Geschenke so offen verteilt wie in einem Speisesaal; um den gleichen Preis geht man von einer Gerichtsverhandlung zur anderen. Daher nennt man nicht ohne Witz diese Leute bereits Sophokleís (Bravoschreier), oder es wird ihnen auch der lateinische Name Bravofresser (Laudiceni) angehängt; und doch nimmt von Tag zu Tag dieses in zwei Sprachen gebrandmarkte, ekelhafte Gebaren zu. Gestern wurden zwei meiner Nomenklatoren – freilich haben sie erst das Alter, in dem man gerade die Toga anlegt – für je drei Denare zum Bravoschreien geschleppt. Soviel kostet es, ein glänzender Redner zu sein; um diesen Preis werden beliebig viele Bankreihen gefüllt, um diesen bringt man eine unübersehbare Hörerschaft zusammen, um diesen wird nicht endenwollendes Beifallsgeschrei ausgelöst, sobald der Chef der Claque das Zeichen dazu gibt. Es braucht nämlich ein Zeichen bei Leuten, die nichts verstehen, ja nicht einmal zuhören; denn die meisten hören nicht zu – aber niemand schreit lauter Bravo. Wenn Du einmal durch die Gerichtshalle gehst und wissen willst, wie jeder spricht, brauchst Du nicht auf die Richtertribüne zu steigen, brauchst Du nicht hinzuhören. Du errätst es leicht: Du brauchst nur zu wissen, daß derjenige am schlechtesten spricht, bei dem am lautesten Bravo geschrien wird.

Als erster hat diese Art, eine Zuhörerschaft zu bilden, Larcius Licinus eingeführt, doch ging er nur so weit, daß er sich seine Zuhörer zusammenbettelte. So jedenfalls erinnere ich mich, es von meinem Lehrer Quintilian gehört zu haben. Jener pflegte zu erzählen: „Ich war im Gefolge des Domitius Afer. Als er vor den Centumvirn sprach, gewichtig und langsam – so war nämlich seine Vortragsweise –, hörte er in nächster Nähe ein maßloses und ungewöhnliches Geschrei. Staunend schwieg er; als es wieder ruhig geworden, fuhr er fort, wo er abgebrochen hatte. Wiederum Geschrei, wiederum ein Unterbruch und ein neues Beginnen, nachdem Ruhe eingekehrt war. Genau so ein drittes Mal. Schließlich fragte er, wer spreche. Man gab zur Antwort: ‚Licinus’. Da verzichtete er auf sein Plädoyer und sagte: ‚Centumvirn, unsere Kunst ist verloren.’“ Was damals freilich erst verlorenzugehen begann, als Afer glaubte, es sei schon verlorengegangen, ist jetzt allerdings fast ganz erloschen und erledigt. Man schämt sich zu berichten, was und mit welch unmännlichem Vortrag es vorgebracht, mit welchem und welch kindischem Geschrei es aufgenommen wird. Nur Händeklatschen, oder vielmehr Pauken und Trompeten, fehlen noch zu diesem Singsang; Geheul freilich – denn mit keinem anderen Wort könnte dieses sogar in einem Theater unziemliche Bravorufen bezeichnet werden – ist im Überfluß vorhanden.

Uns jedoch läßt nur noch das Interesse der Freunde und die Rücksicht auf unser Alter dort verweilen und ausharren. Wir fürchten nämlich, es könnte scheinen, wir zögen uns nicht etwa vor diesen unwürdigen Zuständen zurück, sondern scheuten die Arbeit. Freilich machen wir uns rarer als gewöhnlich, was der Anfang davon ist, uns Schritt für Schritt abzusetzen.

Dein Gaius Plinius

Buchcover: „C. Plinius Caecilius Secundus: Sämtliche Briefe“, Hrsg. von Walter Rüegg, übers. von André Lambert. Artemis Zürich und München 1969

aus:
C. Plinius Caecilius Secundus: Sämtliche Briefe. Hrsg. von Walter Rüegg, übers. von André Lambert. Artemis Zürich und München 1969, S. 88 ff.

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erstellt am 13.11.2020
aktualisiert am 14.11.2020

Die Bücher in Bibliotheken können sehr lange stehen. Sie sind unser kulturelles Gedächtnis, das weit hinter und über unsere Erinnerung hinausgeht. Sie können nichts vergessen und ermöglichen, was Alexander Kluge einmal das Gespräch über die Jahrhunderte genannt hat.

Hier sammeln sich Berichte, Kommentare, Erzählungen, Essays – Fundstücke aus einer zurückliegenden Zeit, die möglicherweise gar nicht vergangen ist und so in unsere Gegenwart hineingreift..

Gaius Plinius Caecilius Secundus

Statue Plinius des Jüngeren am Dom von Como, Italien (vor 1480)
Foto: JoJan – Selbst fotografiert, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25812394

Gaius Plinius Caecilius Secundus, auch
Plinius der Jüngere (Plinius Minor), war Anwalt und Senator in der römischen Kaiserzeit unter den Herrschern Domitian, Nerva und Trajan. Geboren wurde er zwischen 61 und 62 in Novum Comum (heute: Como), er starb als Legat der Doppelprovinz Bithynia et Pontus (heute: Nordtürkei) 113 oder 115. Er beschrieb den Ausbruch des Vesuvs am 24. August 79 n. Chr., bei dem sein Onkel, der Naturforscher Plinius der Ältere, ums Leben kam. Der Adressat des Briefes, Maximus, kann nicht eindeutig zugeordnet werden.