Wie die Dummheit ist der Antisemitismus offenbar nicht aus der Welt zu schaffen. Nur: Antisemitismus ist Menschenverachtung. Und die trachtet nach dem Leben. Doris Stickler berichtet von der Online-Diskussion „Der Schoß ist fruchtbar noch … – Alter und neuer Antisemitismus in Deutschland“.

Diskussion zu altem und neuen Antisemitismus in Deutschland

Potentiell immer vorhanden

Ein Kapitel der Vergangenheit war Antisemitismus hierzulande nie. Hielt er sich lange bedeckt, tritt er in jüngster Zeit zunehmend unverblümt an den Tag. Spätestens der Terroranschlag auf die Synagoge in Halle führte dem Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, vor Augen, „wie groß die Gefahr nach wie vor ist“.

Maßgeblichen Anteil besitzt für ihn die „wachsende Radikalisierung durch Internetplattformen wie 8chan oder 4chan“. Hier seien unter anderem der Attentäter von Christchurch, der Attentäter auf die Synagoge in Kalifornien und der Attentäter von Halle unterwegs gewesen.

Meron Mendel (Video-Screenshot)
Meron Mendel

Das Internet betrachtet Meron Mendel zudem als Nährboden für die Flut an Verschwörungsmythen. Die hätten sich schon immer gegen Juden gerichtet. Gegenwärtig sei besonders der Bürgerrechtsorganisationen und Bildungseinrichtungen unterstützende Investor Georg Soros im Visier. Man unterstelle ihm, eine neue Weltordnung schaffen zu wollen.

In der Online-Diskussion „Der Schoß ist fruchtbar noch … – Alter und neuer Antisemitismus in Deutschland“ nannte Meron Mendel einen weiteren Faktor, der dem Antisemitismus Auftrieb verschafft: „Die Grenzen zwischen Rechtsradikalismus und Konservatismus verschwimmen immer mehr.“

Mit ihren Postings auf Facebook und Twitter habe etwa „Erika Steinbach tatkräftig mitgewirkt, dass Walter Lübcke ermordet wurde“, steht für den Pädagogen fest. Die frühere CDU-Politikerin und Präsidentin des Bundes der Vertriebenen relativiere den Holocaust, bezeichne die Vertreibung der Sudeten als Völkermord und verbreite derlei Gedankengut mit ihrer Stiftung sogar in Schulen.

Wenn er auf den Corona-Demonstrationen dann noch Menschen sieht, die einen Judenstern mit der Beschriftung „ungeimpft“ tragen oder in KZ-Kleidung ein Schild mit dem Satz „Maske macht frei“ vor sich halten, fragt sich Meron Mendel: „Wohin wird diese unheilvolle Kombination von Radikalisierung im Netz, Verschwörungstheorien und Rechtspopulismus noch führen?“

Daniel Neumann, Eberhard Pausch und Gabriele Scherle während der Online-Diskussion „Der Schoß ist fruchtbar noch … ‒ Alter und neuer Antisemitismus in Deutschland. Foto: Video-Screenshot

Angesichts der „durch Corona noch einmal verschärften Lage“ zweifelt der Direktor des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Hessen, Daniel Neumann, „ob Deutschland aus dem dunklen Kapitel etwas gelernt hat“. Viele hätten bezüglich Antisemitismus auf Aufklärung und Bildung gesetzt, doch nun zeige sich: „Das reicht nicht aus, um krude Theorien und Ressentiments zu vertreiben.“

Laut einer aktuellen Studie seien „25 Prozent der Bevölkerung antisemitisch geprägt“ – das heiße, jede vierte Person. „Wir wissen auch nicht, was das ideale Gegenmittel ist“, bedauert der Rechtsanwalt. Wichtig sei auf alle Fälle, die „selbstkritische Reflexion und das Hinterfragen“ zu fördern und „mit jungen Menschen authentische Orte zu besuchen“.

Als notwendig erachtet es Daniel Neumann überdies, Hate-Speech sowie antisemitische und rassistische Übergriffe strafrechtlich härter zu ahnden. So dürften sich „wie bei dem Anschlag auf die Synagoge in Wuppertal die Attentäter nicht auf die Freiheit der politischen Meinungsäußerung beziehen“. Auch in Polizei und Militär müssten rechte Kräfte umgehen ausgeschlossen werden.

Die Online-Veranstaltung, zu der die Evangelische Akademie Frankfurt, die Bildungsstätte Anne Frank und der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christliche-Jüdische Zusammenarbeit eingeladen hatten, richtete auch den Blick darauf, „was Kirche und Gesellschaft tun können, um den aktuellen Bedrohungen wirksam zu begegnen“.

Eberhard Pausch (Video-Screenshot)
Eberhard Pausch

Bei der von Akademie-Studienleiter für Religion und Politik, Eberhard Pausch, moderierten Diskussion erinnerte der Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Ulrich Oelschläger, an die 1991 vorgenommene Änderung des Grundartikels der EKHN-Kirchenordnung.

Die Kirche habe erkannt, dass sie „viel Schuld auf sich geladen hat“ und stellte deshalb im Grundartikel klar: „Aus Blindheit und Schuld zur Umkehr gerufen, bekennen wir die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen. Das Bekenntnis zu Jesus Christus schließt dieses Bekenntnis mit ein.“

Ulrich Oelschläger (Video-Screenshot)
Ulrich Oelschläger

Der Änderung seien allerdings mehr als zehn Jahre währende Diskussionen vorausgegangen, auch sei sie „alles andere als einstimmig erfolgt“, räumte Ulrich Oelschläger ein. „Es gab hinterher sogar Prozesse.“ 2014 habe sich die Kirche auch „von Luthers Judenschriften distanziert“ und jegliche Judenmission abgelehnt.

Wie der Theologe betonte, geht es um „ein Leben in Geschwisterlichkeit, mit Acht darauf, dass es nicht zu Vereinnahmungen kommt“. Unabdingbar seien hierbei „Begegnung, Aufklärung und der Kampf gegen latente Vorurteile“. Die Unterscheidung zwischen Antijudaismus und Antisemitismus lehne er ab, denn: „Das eine ist die natürliche Fortsetzung des anderen.“

Dieser Ansicht ist auch die frühere Pröpstin für Rhein-Main, Gabriele Scherle. „Die Rolle des seit 2000 Jahren währenden Antijudaismus wird gern vergessen. Erst nach der Shoah hat in der Theologie ein Umdenken begonnen.“ Das erweist sich zu ihrem Leidwesen jedoch als langwieriger Prozess.

„Ich beschäftige mich seit 40 Jahren damit und verzweifle, weil die Stereotypen noch immer nicht überwunden sind“, sagte die Theologin und kommt zu der „bitteren Erkenntnis“: „Man hat nichts erreicht, man muss immer wieder neu beginnen. Antisemitismus ist potentiell immer vorhanden und wird nicht verschwinden.“

Etwas Neues am Antisemitismus kann die Vorsitzende des Vereins der Bildungsstätte Anne Frank denn auch nicht erkennen. Neu seien allenfalls die Formen, die der gesellschaftlichen Dynamik entsprechen. So gebe es heute neben den rechtspopulistischen Übergriffen und Verschwörungstheorien auch den „linksliberalen und postkolonialen Antisemitismus“. Letzteren finde man oft auch in der Kirche. Umso mehr erwächst für Gabriele Scherle aus dieser Gemengelage eine „ethische Verpflichtung“. „Es ist eine permanente Aufgabe von Kirche und Gesellschaft, den Antisemitismus einzudämmen.“

Die Bildungsstätte Anne Franke lotet in dieser Hinsicht gerade zeitgemäße Wege aus. Wie Meron Mendel verriet, arbeitet die Einrichtung mit professionellen Gamern an einem Computerspiel, das bis Ende des Jahres fertig sein soll.

Es ziele darauf ab, bezüglich Verschwörungstheorien, Antisemitismus und Rassismus Wissen zu generieren und kritisches Denken zu entwickeln, umriss er die Intention des Spiels, von dem er sagt: „Was ich bisher gesehen habe, ist hoch spannend.“

Meron Mendel hofft daher auf eine weite Verbreitung. Zumal er im „erstarkenden „Antisemitismus nicht allein ein Problem der Juden“ sieht. „Es geht hier letztlich auch um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.“

Live-Stream-Video der Online-Diskussion „Alter und neuer Antisemitismus in Deutschland“ vom 31. August 2020. Mit: Dr. Meron Mendel, Daniel Neumann, Gabriele Scherle und Dr. Ulrich Oelschläger, moderiert von Dr. Eberhard Pausch.
Quelle: YouTube-Kanal der Evangelischen Akademie Frankfurt am Main

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erstellt am 09.11.2020
aktualisiert am 09.11.2020

Online-Diskussion „Der Schoß ist fruchtbar noch … ‒ Alter und neuer Antisemitismus in Deutschland“
Quelle: Ankündigung der Evangelischen Akademie Frankfurt. Screenshot, https://www.evangelische-akademie.de/kalender/der-schoss-ist-fruchtbar-noch/