Das Klavier gilt vielen Musikern als zu ausdrucksarm, um wahre Empfindung damit zu vermitteln; den gespitzten Ohren der Klavierbauer und -stimmer ist die ‚Drahtkommode’ mit ihren spezifischen Obertönen ein Quell unerwünschter Überraschungen, im temperiert gestimmten Zustand ein Kosmos hingepfriemelter Kompromisse. Und dennoch wird das meistgenutzte Instrument bis heute mit Hingabe gespielt. Thomas Rothschild stellt auf CD neu eingespielte Klaviermusik von Liszt, Beethoven und Schumann vor.

CDs: Klaviermusik von Liszt, Beethoven und Schumann

Die Kunst des Klaviers

Der bulgarische Pianist Martin Ivanov, Jahrgang 1990, hat, nach Chopin und Schumann, auf einer Doppel-CD die ersten fünfzehn „Ungarischen Rhapsodien“ aufgenommen. Weitere vier hat Franz Liszt mit einem größeren zeitlichen Abstand komponiert. Er interpretiert die Stücke mit jenem Wechsel von temperamentvoller Dramatik und elegischer Melancholie, von verspielter Leichtigkeit und pathetischem Nachdruck, die man bei diesem Komponisten und Werk erwartet. Es gilt ja – zu Unrecht, wie man weiß – neben den „Ungarischen Tänzen“ von Johannes Brahms, als unmittelbare „Übersetzung“ der ungarischen Folklore in das Idiom der klassischen Klaviermusik. Korrekter wäre die Bezeichnung „Roma-Rhapsodien“, wogegen sich Béla Bartóks harsche, von wiederum anderen als diskriminierend empfundene Kritik vorbringen lässt, dass Liszt nicht auf originäre Roma-Musik mit ihren charakteristischen Rubati, sondern auf „verunstaltete“ Übernahmen von dilettantischen Kompositionen „echter“ Ungarn Bezug genommen habe.

Liszt gilt ja, als Klavierspieler wie als Komponist, als Virtuose schlechthin. Man könnte das als Klischee buchen, aber es enthält, wie die meisten Klischees, einen wahren Kern. Ivanovs Interpretation besticht dadurch, dass der Pianist die technischen Anforderungen mühelos meistert, sich dies aber nicht anmerken lässt. Im Beiheft wird berichtet, dass Ivanov bei einem Konzert mit allen Rhapsodien zwei Anzüge durchgeschwitzt habe. Die Aufnahme klingt nichts weniger als verschwitzt. Wenn „virtuos“ als Gegenbegriff zu „musikalisch“ verstanden werden kann, dann ist Ivanovs Spiel eben dies: musikalisch. Die Gewandtheit, mit der Ivanov von einer Stimmung in die andere fällt, wird exemplarisch deutlich in der neunten Rhapsodie, die den Namen „Pester Karneval“ trägt.

Die Pianistin Beth Levin (Screenshot)
Die Pianistin Beth Levin

Die Klaviersonate Nr. 29 von Beethoven, die so genannte „Hammerklaviersonate“, galt als unspielbar, bis Franz Liszt sie Jahre nach ihrer Entstehung uraufführte. Unter dem Titel „Hammerklavier Live“ hat die amerikanische Pianistin Beth Levin, nicht zu verwechseln mit der fünf Jahre jüngeren Linguistin gleichen Namens, sie in einem jetzt auf CD vorliegenden Konzert mit Händels Dritter Suite „de Pièces pour le clavecin“ in d-Moll, komponiert für das Cembalo just als das Hammerklavier gerade erfunden worden war, kombiniert, unterbrochen von „Carosello“, einem „Disegno“ für Klavier, des Schweden Anders Eliasson aus dem Jahr 2005.

Die Klavierstücke, die der deutsche Pianist Florian Uhlig als Folge 14 seiner Gesamteinspielung des zweihändigen Klavierwerks von Robert Schumann bei hänssler classic auf 2 CDs aufgenommen hat, hat der Komponist, ein Jahr vor Franz Liszt geboren, zur gleichen Zeit geschrieben wie dieser seine „Ungarischen Rhapsodien“. Die Doppel-CD vereint Schumanns Variationen für Klavier, auch wenn sie nicht immer Variationen, sondern Impromptus oder Etüden heißen. Gemeinsam haben sie ihre extreme Kürze. Viele haben eine Dauer von weniger als einer Minute.

Die um Lückenlosigkeit bemühte Edition enthält auch Vervollständigungen von Fragmenten und Varianten. Nur wo eine Vervollständigung wegen der Skizzenhaftigkeit der Bruchstücke „wenig sinnvoll erscheint“, verzichtet der das Projekt begleitende Musikwissenschaftler Joachim Draheim auf eine Aufnahme.

Uhligs Anschlag zeichnet sich durch große Differenziertheit aus. Dabei scheint er eine besondere Neigung für Schumanns lyrische, liedhafte Partien zu haben. Umso schärfer kontrastieren die kraftvollen Variationen wie etwa das bekannte Finale aus den Fantasien über ein Thema von Baron von Fricken, das nach heute geltenden Konsens gar nicht von von Fricken, sondern aus einer Oper von Heinrich Marschner stammt, dessen Ruhm einst dem von Carl Maria von Weber um nichts nachstand. Joachim Draheim diskutiert diese These kritisch, aber wenig überzeugend, und spricht von einem „hübschen Zufall“. Florian Uhlig spielt, wie es der Anspruch der Edition verlangt, auch die spätere unter der Genrebezeichnung Symphonische Etüden erschienene Fassung.

In einem umfangreichen Begleitheft verrät Joachim Draheim zahlreiche interessante Details, ohne dabei das Licht seiner eigenen Leistungen als Schumann-Forscher und -Herausgeber unter den Scheffel zu stellen. Am Ende zählt freilich nicht der Text, sondern das Klavier.

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erstellt am 07.11.2020
aktualisiert am 08.11.2020

Martin Ivanov
Ungarische Rhapsodien Nr.1-15
Franz Liszt (1811-1886)
2 CDs
Gramola 99222
Gramola, 2020

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Beth Levin
Hammerklavier Live
Beethoven: Klaviersonate Nr. 29
Händel: Suite für Klavier Nr. 3 d-moll
Eliasson: Carosello
Recorded Live in Concert 2019
ARCD 011
Aldilà Records, 2020

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Florian Uhlig
Schumann – Variationen
2 CDs
HC17040
Hänssler Classic, 2020

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