Taro Izumis Kunst ist voller Hintersinn und Humor, wenn er die Schwerkraft aufhebt, aus der Stille Geräusche zaubert oder den vermissten Katzen in Basel auf der Spur ist. Die Werkschau des japanischen Künstlers (geb. 1976) wurde als offener Parcours gestaltet. Isa Bickmann hat diese im Museum Tinguely Basel besucht, das, im Gegensatz zu den Museen in Deutschland, vorerst geöffnet bleibt.

Ausstellung im Museum Tinguely, Basel

Taro Izumi, Spurenleger und Möglichmacher

Und wieder sind die Theater und Konzertsäle die von der Pandemie und den kontaktbeschränkenden Schutzmaßnahmen besonders betroffenen Orte. Damit bleibt das eindrückliche Werk „Cloud (pillow/raised-floor storehouse)“, das für Taro Izumis Ausstellung im Basler Museum Tinguely entstanden ist, von hoher Aktualität. Izumi macht darin das in den Sälen eingetretene Schweigen hörbar, in dem er im Frühjahr Aufnahmen an 400 stillgelegten Spielorten der Welt vornehmen ließ und zu einem weißen Rauschen mischte. Dieses kommt aus einer Wand, die teilweise verschlossene Fächer mit Sitznummern aufweist und durch die geöffneten auf eine Art Bühnensituation blicken lässt. Die Leere ist niemals leer, ein Konzertsaal ist nie tonlos. Die Imagination, sprich das, was wir mit einem Ort verbinden, wird Teil des Bildes. Man muss an John Cages „4‘33“ denken. Izumis Installation ist eine Hommage an die Kunst und an die Kultur. Am Ende des Erdgeschosssaales des Museums scheint Tinguelys geräuschvolle Riesenmaschine „Méta-Maxi-Maxi-Utopia“ darauf zu antworten.

Taro Izumi, Cloud (pillow/raised-floor storehouse), 2020, Installationsansicht „Taro Izumi. ex”; © 2020
Museum Tinguely; Foto: Gina Folly

Der in Tokyo lebende und arbeitende Künstler (* 1976) betrachtet die Welt mit andauernder Neugier. Seine Kunst ist voller Hintersinn und Humor, wenn er die Schwerkraft aufhebt, aus der Stille Geräusche zaubert, Staubsaugerroboter ihrer eigentlichen Aufgabe beraubt, Billardkugeln in kleinen Acrylglasboxen am Wegrollen hindert oder den 7000 vermissten Katzen in Basel auf der Spur ist. In einem Raum zeigt er die Werkgruppe „Tickled in a dream … maybe“, in der Actionstills aus Fußballspielen unter Zuhilfenahme skulpturaler Assemblagen nachgestellt werden. Da hängen also Personen wider der Schwerkraft in komplexen Aufbauten, das heißt benutzbaren Skulpturen, und stellen z.B. den berühmten Fallrückzieher Uwe Seelers bei der WM 1966 dar. Immer drei Zeitebenen bietet die jeweilige Installation: das per Fotografie festgehaltene Originalgeschehen, die aus Alltagsmobiliar und -gegenständen bestehende Skulptur und die mittels eines Bewegtbildes auf der Videoprojektion demonstrierte Nachformung als Tableau vivant. Izumi macht das Unmögliche möglich!

Taro Izumi, Tickled in a dream … maybe? (The cloud fell), 2017; Installationsansicht „Taro Izumi. ex”; © 2020
Museum Tinguely; Foto: Gina Folly

Ein Bildschirm zeigt einen Finger, der immer wieder in einen Pfannkuchen drückt, kurz eine Spur hinterlässt, die sich sogleich wieder auflöst. Das Gesicht eines Babys auf einem Computerbildschirm erfährt dieselbe Behandlung. Das ist ein wenig böse, wenn die Weichheit der Babyhaut mit einem Pfannkuchen in Verbindung gebracht wird, evoziert aber auch über die Bildgrenzen hinweg die Idee eines Bilderatlas der heutigen Welt im Geiste Aby Warburgs an der Schnittstelle vom Analogen zum Digitalen. Die auf einer Wand in riesigen Lettern mühsam mit Bleistift aufgetragenen Buchstaben „TARO IZUMI ex“ radiert er in ebenso mühevoller Arbeit ab und legt den Radierstaub als Spur durch seine gesamte Ausstellung. Dieser Spur folgt man neugierig, bis man feststellen muss, dass es bei Izumi keine Antwort gibt, sondern dass man selbst Teil eines Loops wird. So ist es auch eine Ausstellung über das Spurenlegen und über deren Verschwinden, über Anwesenheit und Abwesenheit.

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erstellt am 04.11.2020
aktualisiert am 05.11.2020

Der Künstler Taro Izumi (*1976, Nara), Foto: Gina Folly

Ausstellung Museum Tinguely, Basel

Taro Izumi. ex

2. September bis 15. November 2020

www.tinguely.ch