In unseren Märchen und politischen Reden verdeckt die Maske meist das Gegenteil des Wahrnehmbaren, zumeist das Böse, selten das Gute. Johannes Winter verweist in seinem Zwischenruf auf die seltsame Verwandlung des Vermummungsverbots zum Vermummungsgebot und auf andere groteske Folgen pandemischer Schutzmaßnahmen. Es gibt viel zu verdecken.

Zwischenruf

Seuche und Maske – vom Anflug zum Alltag

Nunzio: „Der Mensch, der seinen Kopf zum selbständigen Denken benutzt und dessen Herz unbestechlich bleibt, ist frei.“
Pietro: „Du musst durchhalten. Gib acht auf dich, auf deine Gesundheit.“
(aus: Ignazio Silone, Wein und Brot)

Die milden Sommerabende – sind Erinnerung. Wer keine Lust auf Plaudern oder Flirten hatte, wer Bier oder Wein in lockerer Runde als Risiko ansah, war ohnehin zuhause geblieben. Das gewöhnten sich nicht wenige an. Wer sich aber vergnügen, ausgehen wollte, fand auf dem Tresen seiner Lieblingskneipe ein kartonartiges Indiz für die besonderen Zeiten, mit Schlitz, in den ein mit den eigenen Daten versehenes Formular zu stecken war. Anonymität einer Papp-Urne, an der sich zuweilen die Polizei bediente. Das machte keinen guten Eindruck. Alles in allem ein Behälter, den zu nutzen Disziplin voraussetzte.

Gewitzt sind Menschen auch und gerade in diesen Zeiten, manchmal kindisch. Und so blieb es nicht aus, dass zuweilen „Pippi Langstrumpf“ oder „Elvis Presley“ ihren Zettel einwarfen. Bis die Volksbelustigung im Kanzleramt sauer aufstieß. So dass Frau Merkel wegen so viel Ungezogenheit den Zeigefinger hob. Von ihr wird noch zu reden sein.

In einer nordfriesischen Kirche fand ich einen hölzernen Vorgänger, die Confitentenlade, einige Hundert Jahre alt. Mit einem Schlitz pro Sprengel. Nicht mehr im Gebrauch. Relikt steten Kontrollbedürfnisses: Gläubige hatten dem Pastor schriftlich zu bekennen, ob sie an Riten wie Abendmahl oder Beichte teilzunehmen gedachten.

Die Seuche war da, und aus den Entscheidungs-Etagen von Medizin und Politik stürzten Kaskaden von Warnungen, Winken, Wünschen, welche wie schwer verdaulicher Brei schmeckten, streng gewürzt mit Prisen von Panik und zur Selbstbedienung. TINA heißt das Thatcher-Prinzip, es schürte Angst mit leicht verständlichen Geboten, übers Smartphone jederzeit von jederfrau, von jedermann, ob süchtig oder nicht, abrufbar: „There is no Alternative“! Regeln vom Range alternativloser Grotesken wie ‚Maskenpflicht auf offener Straße’.

Wer seinen Alltag digital bewältigte, war darin bewandert, einem Algorithmus zu vertrauen. Der Lockdown wurde ausgerufen. Dem folgten Phasen der Lockerung. Und wieder zurück. Wer dabei blieb, den Schwatz in Gesellschaft zu mögen, hielt beim Eintritt in (s)eine Kneipe – Masken-Pflicht – sein Gesicht verborgen, unter Stoff oder Plastik, Tuch oder Schal oder Kopftuch. Das wäre, derart flächendeckend, als es noch ein Vermummungs-Verbot gab, illegal gewesen.

Im Pflichten-Katalog besetzte und behauptete die Maske den ersten Platz, uneinholbar. Auch im Supermarkt, an der Kasse: Ein Kunde trug die Seine unter der Nase, sie war auf Halbmast gerutscht. Das generierte Protest. In der Parallel-Schlange zückte einer sein Smartphone, um den Übeltäter per Foto Netz-kompatibel zu machen. Empörung ringsum. Bis eine Angestellte unerbittlich darauf drang, das Bild zu löschen. Beifälliges Nicken.

Die Corona-Maske hat eine Frühgeschichte. Zunächst war sie kaum zu kriegen. War so rar, dass manche Hausfrau sich an die Nähmaschine setzte, um auszugleichen, was CSU-Politiker verbockt hatten. Vor 11 Millionen vermeintlichen China-Masken hatten die Herren Söder und Scheuer in notorischer Großmäuligkeit posiert. Als die italienische Polizei die Ware als Fälschungen entlarvt und gleich noch den europäischen Schwarzmarkt ausgehoben hatte, genoss die Republik einen seltenen Augenblick (Schaden-)Freude: Zwei Amigos waren reingefallen.

Die Tage gingen dahin. Beste Freunde, eigentlich altersmilde, gaben bekümmert zu, sich vom Etikett „Risiko-Gruppe“ bedroht zu fühlen. Sie wurden bedenklich – was geradezu fürsorglich formuliert ist. Outete sich die Putzfrau als infiziert, wurde ein gemeinsames Kaffeetrinken (an dem sie nicht teilgenommen hätte) abgesagt. Totalverlust von Sorglosigkeit.

Unbehagen, das sich am generellen Einverständnis rieb, kam selten vor. Zufriedenheit, die von Nachdenken verschont blieb, fühlte sich besser an. Es wirkte beruhigend, half, gegen das Gefühl der Ohnmacht anzukommen, es zu besänftigen, wenn man sich auf einen kompetenten Kassandra-Chor verlassen konnte. Von einem Doktor begleitet zu werden, der noch dazu über einen legendären Charme verfügte. Vielleicht war es die Form seiner Auftritte, warum ihm bedingungslos geglaubt wurde, die Ästhetik seiner Autorität, die Ratsuchende dazu bewog, sich zu maskieren, das Vertrauen, das der Virologe aus der Charité ausstrahlte, der sein Meisterstück lieferte, als er die Seuche als „Naturkatastrophe“ bezeichnete.

Solche Sichtweise hatte kein Blick auf die Arbeitsbedingungen in Tönnies´schen Fleischfabriken verschleiert oder gar verhindert. Doch dass die Daseinsfürsorge in die Hand des Staates gehöre, war allgemeiner Konsens. Die Mehrheit der Adressaten verordneter Regeln und Pflichten fühlt sich in guter Obhut. Reagiert zustimmend. Es spricht das Herz, vor allem, wenn es klopft. Das ging so weit, dass noch nicht mal alle Plätze im Theater von den wenigen, die nach behutsamer Öffnung aufs Publikum warteten, eingenommen wurden.

Und wenn der Kopf auf seiner Existenz beharrte? Als es herbstlich wurde und kühl, waren die Zustimmungswerte gesunken. Zwar hätte die Pilzsaison beginnen sollen, aber nichts da, im Wald war es zu trocken. Dafür wurde in der Stadt vorsorglich der längst ausgemusterte Heizpilz rehabilitiert, ohne Rücksicht auf die Klimabilanz. Bis – eine neue Erfahrung – zur Sperrstunde.

In der SZ befasste sich ein Leser mit den „tatsächlichen Fallzahlen der Erkrankten“, welche „verschwindend gering“ seien und „keine Bedrohung für die allgemeine Bevölkerung“ darstellten. Er sprach von „deplatziertem Alarmismus“. „Ein positiver PCR-Test“, so der Leser, sage nichts darüber aus, „ob sich tatsächlich Viren in den Körperzellen des Getesteten befinden, ob dieser erkranken wird, ansteckend ist oder war, wie groß die möglicherweise vorhandene Viruslast ist oder ob es sich lediglich um Bruchstücke der viralen Erbsubstanz handelt, die sich nur deshalb noch nachweisen lassen, weil das Immunsystem des Menschen die Viren längst erfolgreich bekämpft hat.“

Ein anderer Leser vermisste die „regelmäßige Berichterstattung darüber, wie viele (Intensiv-)Betten gerade zur Verfügung stehen und wie viele aktuell frei sind. Wie sieht es mit der Kapazität der Beatmungsgeräte aus? Wie viele Patienten werden täglich neu eingewiesen und wie viele entlassen?“ Er resümierte: „Diese Zahlen wären zur Gesamteinschätzung der Situation hilfreich und wichtiger als die Gesamtzahl bisher Erkrankter.“

Eher unbemerkt hatte sich etwas wie Kriegsberichterstattung breitgemacht, eine herdenhafte Art medialer Angstverbreitung. Wichtigstes Instrument: die täglichen Todes- und Infizierten-Listen. Begonnen hatte es mit dem italienischen Frühling in Bergamo als Stadt der Särge. „Mediale Pandemie“ nannte der Arzt Bernd Hontschik (FR 17.11.20) solche Praxis. Bergamo wurde zum Topos von Tod und Verderben, von Furcht und Schrecken. Die Bilder der Holzkisten verankerten sich derart nachhaltig im kollektiven Gedächtnis, dass sie die Befürchtung kreierten, die Apokalypse im Süden würde eines Tages über die Alpen kriechen. Die Macht der Bilder, die Gefühle weckten, eine zersetzende Wirkung von Furcht entfalteten, welche zum Humus von Panik werden konnte, nicht zuletzt zum Kitt für Folgsamkeit, so dass selbst absurdeste Verordnungen hingenommen wurden, kaum vorstellbare Eingriffe ins Alltagsleben von Kindern, Erwachsenen und Alten. Da kam der Fetzen Stoff, der – leider – auch die klare Sicht versperren kann, gerade recht.

Grenzwertig wurde es und verursachte republikweit heftigen Protest, als verordnet wurde, man müsse auf den beliebten Nebenberuf als Tourist verzichten. Sozusagen das globale Abstandsgebot. Eine Weltsicht wurde deutlich, die die Landkarte parzelliert in „Risiko-“ bzw. „Ferien-Gebiete“, welche sie im Bewusstsein eigenen mit Willkür gepaarten Reichtums aufteilt, nach Belieben Segen oder Fluch ausstreuend. Mit Totenkopf-ähnlichen Etiketten wie „Superspreader“, „echtes Wiederaufleben“, „neue Verdachtsfälle“, „steigende Fallzahlen“ oder der Höchststrafe „Quarantäne“.

Aus Berlin nachgeliefert und eigentlich mit dem höchsten Orden für Aberwitz auszuzeichnen: das Beherbergungsverbot. Da wurde es laut, landauf, landab. Immerhin, dem Land der (vorübergehend) ausgebremsten Reise-Weltmeister blieb der Stolz auf niedrige Fallzahlen zuhause, blieb die Genugtuung, wenn in Rom über grünes Licht aus Berlin Freude aufkam, während die Verzweiflung Madrids über das Gegenteil bedauernde Häme auslöste.

Nicht von ungefähr, dass protestiert und demonstriert wurde und wird. Nachdenkliche hier, Paranoiker dort, Randale, die Bilder der Reichstagstreppen als aufgeblasenes Menetekel. Bröckelte die Vertrauensseligkeit gegenüber Politik und Medizin im Lichte neuer Herausforderungen? Es blieb dabei, wie alle Jahre wieder hatte der Kalender den Kreis der Feste zu bieten, Vergnügungen wie Oktoberfest, Buchmesse, Kirmes, Weihnachtsmärkte, in Zeiten wie diesen umstandslos reduziert auf ihr Gefährdungs-Potential. Demnächst Online-Fasnacht als Backup!?

Das Drehbuch für die Große Blase war geschrieben, es wurde immer mal wieder korrigiert und variiert, aber es blieb Regel und Richtschnur. Regie: TINA. Der Sommer verging, vergessen schienen Spezialitäten der Gefahrenabwehr wie das Verbot von Salz-, Zucker- und Pfefferstreuern auf Caféhaus-Tischen, das, stillschweigend zurückgenommen, sich im Rückblick keine kleine Blöße gab. Wie ein fester Bestandteil des Alltags klangen U-Bahn-Durchsagen von der „Pflicht, Masken zu tragen“, welche begleitet wurden von ursprünglich familiären Grußformeln wie „Schön, dass du da bist“ oder „Bleib gesund“, in Frankfurt einer (Computer-)Stimme anvertraut, die – oh Sehnsucht nach der Pariser Metro und ihrer melodiösen Sprachkultur bei Stationsansagen – mit maschinenhafter Falschbetonung das Publikum siezte, als sei sie selbst von der Seuche heimgesucht. Gute Besserung.

Die Mehrheit der U-Bahn-Insassen war um Respekt bemüht, schien es ihnen doch zur Gewohnheit geworden, die eigene Besorgnis demonstrativ im Gesicht zu tragen. Das sollte eigentlich ein Zuhause-Gefühl, das Glück des Dazugehörens schenken. Doch Anspannung kann reizbar machen. Erfrechte sich ein Mitfahrer, die Maske auf Halbmast zu tragen, wurde umstandslos Verbotenes registriert, das von Missgunst unterlegten Zorn in einer Strenge hervorrief, die jeden Polizisten vor Neid hätte erblassen lassen. Das kam nicht wie Lustgewinn daher. Man war genervt.

Wer sich damit geplagt hatte, trotz Hitze Maske tragen zu sollen, hatte dies offenbar unter der Voraussetzung getan, dass auch alle anderen ächzten. Zerbröselte jedoch – der Mühsal wegen – die Zustimmung, wurde nach Kontrolle gerufen. Ja, mehr Kontrolleure sollten die Runde machen, hieß der Inhalt von Szenen, in denen sich Entrüstung auslebte und Rechthaberei.

Godfried Schalcken: Knabe mit Pfannkuchenmaske, 1670/1680 (© Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford)

Godfried Schalcken: Knabe mit Pfannkuchenmaske, 1670/1680
© Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford

Wer ging hier wem zur Hand? Sie sich zum Gruß zu reichen, wurde verpönt. Dabei war das manuelle Hallo längst aus der Mode. Stattdessen wurde versucht, eine absurde Geste mit ausgefahrenen Ellbogen zu popularisieren. Täuschte der Eindruck oder kam sie ausschließlich aus der Welt der TV-Kameras? Sie wirkte allzu gewollt, ja mitleiderregend. Im Alltag unter Jugendlichen längst üblich, schaffte es der „Fist Bump“ schon eher unters Publikum.

Wie es anders ging, zeigte eine Szene im Dom zu Bremen. Ein Orgelkonzert. Wenig Publikum, wie verloren in der Weite des Gotteshauses, indes maskiert. Auftrat ein Geistlicher zur Begrüßung. Sein zweiter Satz: Sie dürfen Ihre Maske gerne abnehmen, hier ist genug Platz. Wir lernten: Unterm Regime von Unsicherheit muss freier Entscheidung manchmal nachgeholfen werden, rutscht sie doch leicht ins Unbekannte.

Es ging noch anders. Am offenen Tag einer Bücherei gleichwohl verschlossene Tür –ich klopfte und kam mit einer Angestellten ins Gespräch, durchs geöffnete Fenster. Der Chef sei nicht da, sagte sie, und deshalb sei fürs Publikum geschlossen. Außerdem wisse sie ja gar nicht, ob ich nicht … infiziert sei. Diese Runde ging an die Bücherfrau – wegen Infamie.

Mit einem Mal war das Wartezimmer der Hausärztin zeitschriftenlos. Warum bloß? Reminiszenz an die vermeintliche Gefahr sogenannter Schmier-Infektionen? Im Café aber bald wieder die geschätzten Tageszeitungen. Welche Bedeutungsverschiebung. Die Medien, welche sich von Attacken wie „Lügen-Presse“ in Identitäts-Krisen gestürzt sahen, waren wie aus dem Koma erwacht. Übernahmen die Rolle von Dominas. Im Gleichklang. Ihre Saure Gurke, besser: Ihr saurer Kürbis hieß Corona. Mit verwirrenden Statistiken, die Infektion mit Krankheit gleichsetzten, oder mit Totenzahlen auf Basis willkürlich vollzogener Test-Erhebungen fanden sie ihre volksaufklärerische Erfüllung darin, zu trommeln gegen die Gefahr, dass die angelernte Vorsicht, gestützt auf kollektives Einverständnis, nachlassen könnte.

Wirkten die blau-weißen Gesichtstüchlein, die, entsorgt gleich benutzten Taschentüchern, im Herbst den Müll der Straße anzureichern begannen, nicht wie stumme Zwischenrufe des Unbewussten? Gepeinigt von zuschauerlosem Bundesliga-Fußball, sah sich das Publikum bald von „Superspreadern“ umzingelt, von „Hotspots“, von Listen bedrohlicher Ansteckungsherde wie, „illegalen Partys“ (in der SZ scherzfrei zum „Staatsfeind Nr. 1“ geadelt), „vollen Kneipen“, „Familienfesten“, nicht zu vergessen singenden Sekten, ergänzt um „7-Tages-Indizes“ inklusive Alarmzahl „50“. Statistisches, das Wirkung zeigte, an dem erkennbar wurde, dass medizinische Information politisch geworden war.

Die Pandemie und ihre Nebenfolgen in der Waagschale: Verschwunden waren Luftverpester wie Kreuzfahrt-Kolosse oder die Fliegerei, Inbilder des zeitgenössischen Massen-Tourismus und seiner umweltzerstörerischen Wirkung. Die Menschen im Dunstkreis des Rhein-Main-Flughafens atmeten auf. Im Canal Grande schwammen wieder Fische. Eine Ahnung von Lebens-Qualität. Die alsbald verschwand. Für Besorgte wurde das geliebte Auto zur Rettungsinsel. Zur Belohnung, so schien es, verteilte die Ölindustrie niedrigste Spritpreise.

Neue Themen mutierten zu Schlagzeilen. Vorneweg der Oldie, ob der Lockdown zu mehr Sex = mehr Kindern führe. Nein, verkündete die Demographie kategorisch. Häusliche Bett-Orgien im Lichte von Ausgangssperren spielten im Reich der Phantasie. Der Fall sei das Gegenteil: Zurückhaltung, gar Abstinenz wirkten sich auf die Zeugung von Nachwuchs ungünstig aus. Für Eindeutigkeiten gleichwohl ungünstige Zeiten: Eine Lehrerin, nicht mehr die jüngste, berichtete von fruchtbaren Verhältnissen an ihrer Schule. Sieben junge Kolleginnen hätten sich, unterm Damoklesschwert der Seuche, in die Schwangerschaft verabschiedet.

Eine andere, eine urdeutsche Frage, über die sich unsere Nachbarn gerne lustig machen. Ich selbst, als neuer Untermieter, war mit ihr beim Einzug konfrontiert, ohne Witz, was bedeutete: Ich hatte mir eine Lehrstunde über „Stoßlüften“ anzuhören. Ex cathedra nahm sich sogar Frau Merkel des Themas an und meinte ernsthaft, dieses sei die „billigste und effektivste Maßnahme“, um sich vor Corona zu schützen. Evidenzbasiert?

Die Alarmglocken klangen lauter, als im Herbst die Behörden den „Frankfurter Maskenball“ ausriefen – so die FR über die verordnete Pflicht, auch beim Flanieren über breite Geschäftsmeilen wie Zeil, Berger, Leipziger oder Schweizer Straße eine Larve zu tragen. Und wenn diese immer leerer würden? War das dann die Einübung auf den demnächst ausbrechenden Karneval, in dem Masken üblicherweise zum Spiel gehören?

Gefolgt von der Frage: Wird der Winter bloß nass oder auch kalt? Nach aller Erfahrung ist er die Zeit der Grippe oder – schlimmer, aber üblich – der Influenza. Und wenn eine „Zweite Welle“ der Pandemie sich anschlich? Nicht unwitzig hatte ein Mediziner die Formulierung mit dem Vorschlag „Dauerwelle“ konterkariert. Haarige Zeiten.

Noch bevor das Weihnachtsgeschäft in Reichweite rückte, eine erste Zwischenbilanz des IWF (Internat. Währungsfonds): Corona habe bislang 28 Billionen gekostet. Dollar. Nicht 27, nicht 29, sondern 28. Sowieso unvorstellbar. Der Klamotten-Konsum war jedenfalls noch immer eingebrochen – aus der Branche kam die Hoffnung, vielleicht werde die Maske als Mode-Accessoire die Krawatte ersetzen. Gesagt, getan begann der Mund-Nase-Schutz, wie er offiziell und humorlos heißt, sich etwas Spielerisches zurückzuerobern. Die Masken-Muster wurden bunt, die Farben grell, die Formen vielfältig. „M“ – das Stück Stoff im Gesicht – wurde zum Stoff für kleines Kino.

Sie kam wie befürchtet, die „Zweite Welle“. Maskiert huschten und hasteten die Menschen durch die Straßen, eilten aneinander vorüber, dort wo dem Bösen in Gestalt der Aerosole, die, wie es hieß, durch die Luft schwirrten, um nach der Landung ihre Funktion als Infekt-Verursacher zu erfüllen, ohnehin jede Gelegenheit genommen war.

Zum Einkauf unterwegs im Viertel zu sein, hieß, ohne übliches Hallo auszukommen. War man vermummt, gab’s eben kein Lächeln. Maske anonymisiert. Vermisste jemand, dass sie dem Flirt den Garaus machte? Wenn man da nicht ins Grübeln kam. Klopapier … war da nicht was? Irgendwann ging man sich aus dem Weg. Auf den Friedhof. Oder in den Wald. Ohne Maske. Das sei, schrieb jemand, sowohl traurig als auch vernünftig.

Seit uralten Zeiten begleitet sie die Geschichte der Menschheit im Kult, ist Instrument, um das Böse, das Unheimliche zu bannen. Tröstenden Geistern der Ahnen gab sie ein Gesicht. Trat auf in der attischen Tragödie. Vom Theater borgte Marx sich die Maske, um sie in den Olymp der Soziologie aufzunehmen, als Ausdruck des entfremdeten Charakters. Sie tanzt durch den Karneval, schmückt Harlekin und Bajazzo, vermummt Guy-Fawkes-Gläubige in Plastik und die Schuhputzer von La Paz in Wolle. Sie war – Lieblings-Sujet James Ensors – der bildenden Kunst eingeschrieben. Ihr widmete der Ethnologe Claude Lévi-Strauss ein Forschungsprojekt. Als Dialog zwischen Leben und Tod gehört sie (zu) uns Menschen.

Herbstzeit, Erntezeit. Da erwischte die Seuche ein bayerisches Naturprodukt: den Hopfen. Bayerns Pflanzer, ihrerseits Weltmarkt-Führer, konnten zwar auch dieses Jahr jubeln über die Ernte in der Hallertau nördlich München, dem größten Anbaugebiet auf dem Globus. Aber genau dies geriet ihnen zum Nachteil. Wegen der Beschränkungen für Gastronomie und Volksfeste blieben sie auf ihrer Schlingpflanze sitzen, welche für ein frisches Helles in Maß oder Humpen unabdingbar ist. Das Bier, nicht nur die mexikanische Sorte „Corona“, blieb im Fass, oder es wurde erst gar nicht angesetzt. Selbst die Welt der Brauer war in Unordnung geraten.

Ein anderer Kollateralschaden war erkennbar: die Klima-Debatte rutschte in der Themen-Skala nach hinten. Unter der Hitze der Seuche verschwand sie wie das Grönland-Eis, dessen Abschmelzen soeben von einer internationalen Forschergruppe mit einer Markierung auf dem unentrinnbaren Weg zur Katastrophe versehen wurde: Der Point of no Return, der Kipp-Punkt im arktischen Schmelz-Prozess sei erreicht. Rückkehrer einer Arktis-Expedition gaben zu Protokoll, sie hätten das ewige Eis „sterben“ gesehen.

Differenzen zwischen Pandemie und Klima-Katastrophe blieben bestehen, sie waren unübersehbar. Erstere war, auch wegen ihrer Selbstregulierungs-Kräfte, keine existenzielle Bedrohung für die Menschheit – es gibt einen Anfang und ein Ende. Letztere würde zu irreversiblen Schäden führen, wenn nicht zur Katastrophe, binnen zwei Generationen. Selbstregulierung würde wirkungslos. Weite Teile der Welt, vor allem Küstengebiete, würden unbewohnbar und/oder verschwinden. Philippe Descamps (Le Monde Diplomatique/5/2020) sprach von der „Gesundheitskrise als Zeitraffermodell der kommenden Klima-Krise“.

Gab es Indizien, dass die eine mit der anderen zu tun hatte? Schon das mächtige Venedig stoppte Handelsschiffe als Überträger der Pest. Vierzig Tage = quaranta giorni hatten sie vor dem Hafen zu warten, die Quarantäne war geboren. Geschichte kam an in der Moderne, CO2 in die Welt. Erderwärmung brütete den Prozess der Zerstörung aus. Ihr Fundament: Mobilität. Mobilität, die Seuchen transportiert. Seuchen als Begleiter von Waren der globalen Ökonomie und Seuchen im Gepäck von Menschen, die als Touristen/Täter reisen oder als Migranten auf Arbeitssuche für ein besseres Leben oder als Flüchtlinge vor Hunger und Krieg fürs nackte Überleben unterwegs sind, Opfer der Klima-Krise.

Bislang sieht es so aus, als ob eine Pandemie, solange Essen und Trinken gesichert sind, den individuellen wie gesellschaftlichen Gefühlshaushalt in Europa nachhaltiger drangsaliert als die Klima-Katastrophe, welche auf der eigenen Haut kaum spürbar und also zu verleugnen ist. Wetter ist kein Klima. Der US-amerikanische Autor James Lawrence Powell hat eine Dystopie entworfen. In seinem Buch „2084“ – einhundert Jahre nach George Orwells düsterem Klassiker – sieht er, pars pro toto, die Niederlande zwischen Rotter- und Amsterdam im Meer versunken. Maastricht, mit 42 Metern höchst gelegene Stadt Hollands, prophezeit er als neue Kapitale des Reststaates im Wasser. Da ist Corona längst Episode, es helfen eh nur Tauchermasken.

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erstellt am 04.11.2020
aktualisiert am 04.11.2020

„Un Baiser protégé – The protected Kiss“ (Postkarte, Éditions du Désastre/Paris, Fotograf: Unbekannt)

„Un Baiser protégé – The protected Kiss“
Postkarte, Éditions du Désastre/Paris, Fotograf: Unbekannt