Der Drehbuchautor, Fernsehjournalist und Regisseur Burghard Schlicht hat seinen ersten Roman veröffentlicht: Er erzählt darin von der Film-Szene der frühen Siebzigerjahre, einer Zeit des Aufbruchs, die er selbst miterlebte. Daniella Baumeister hat ihn in der Sendung Kulturcafé (hr2-kultur) zum Roman „Im Augenblick der Freiheit“ befragt.

Burghard Schlicht im Gespräch mit Daniella Baumeister

»Ein Roman wie ein Film«

Daniella Baumeister: Eine junge Amerikanerin sucht im Münchner Filmmilieu nach ihrer verschwundenen Mutter, die sie nie kennengelernt hat. Diese lebte damals in der Münchner Bohème in einer legendären Kommune. Bei ihrer Suche findet Rebecca Sein und Schein einer Zeit und einer Szene der 70er Jahre, in der alles möglich schien. Herr Schlicht, ist das auch ihre Geschichte?

Burghard Schlicht: Natürlich ist es auch meine Geschichte, das ist ganz klar. Es ist aber nicht so ganz klar Autobiographie. Es ist ein Roman mit ausgedachten Figuren. Ich selber komme auch als Person nicht direkt vor. Es ist eher ein Epochenroman, der fängt 1970 an – ein ganz entscheidendes Jahr, wenn ich Sachbuchautor wäre, würde ich unbedingt über 1970 schreiben, wo die Moskauer Verträge abgeschlossen wurden und damit indirekt das Ende des Sowjet-Imperiums eingeleitet wurde – mit Willy Brandt – eine wirklich tolle politische Sache: Wandel durch Annäherung, und das geht bis zum Jahr 2001, also der 11. September ist praktisch der Schlusspunkt.

Wir gehen mal in die 70er Jahre: Wenn ich jetzt lese München 70er Jahre, denke ich gleich an Fassbinder. Mit dem Sie ja zusammengearbeitet haben. Ist es ein Fassbinderfilm auch?

Film ist gut, es ist ein Buch … [lacht]

Das war ein absichtlicher Versprecher, denn Sie sagen ja auch: ein Buch, ein Roman wie ein Film.

Das ist richtig, und ich rede auch über die Leser als Zuschauer, und insofern ist das immer ein sehr schönes Durcheinander, was durchaus gewollt ist. Ich habe ein halbes Jahr im antiteater gelebt, nach dem ich bei meinem ersten Film als Hauptdarsteller – „Weg vom Fenster“ hieß der Film – den hat der Fengler gemacht, das war der Entdecker vom Fassbinder, der hat den Film gedreht, und ich hab mich scheinbar ganz gut bewährt, und da hat der mich ins antiteater eingeschleust. Ich habe bei drei Produktionen mitgemacht: bei „Der amerikanische Soldat“, das war ein ziemlich unbekannter Fassbinder-Film, bei „Warnung vor einer heiligen Nutte“ und dann „Pioniere in Ingolstadt“. Da habe ich jeweils gespielt und habe Ausstattung gemacht, so dass ich immer beim Drehen dabei war, und das war genau das, was ich wollte.

Da heißt, das kommt in diesem Buch vor, und vermutlich kommt in diesem Buch auch vor, dass Fassbinder nicht ganz einfach vorkommt, oder der in Ihrem Buch auch nicht Fassbinder heißt, aber …

Also diese Figur des Hans Peter Kantlehner, so heißt er in meinem Roman, ist nicht eins zu eins Fassbinder. Das war mir sehr, sehr wichtig. Das Buch heißt „Im Augenblick der Freiheit“ und das ist Freiheit im dreifachen Sinne. Einerseits gesellschaftliche Freiheit, die 1968 quasi auch errungen war, da hatte man endlich mal die alten autoritären Nazis von der Hacke – so schien es jedenfalls. Dann die individuelle Freiheit, wo man sagte, ich mach, was ich will und nicht irgendwelche vorgeschriebenen Sachen, und die dritte Freiheit ist die Freiheit des Erzählers, die ich mir genommen habe, und die Geschichte eben so erzählt habe als Geschichte, als Fiktion, wie ich mir das vorstelle. Als ich anfing zu schreiben, habe ich sofort aufgehört, irgendetwas über Fassbinder und diese Szene zu lesen.

Also dieser Zwiespalt zwischen Wahrheit, Wirklichkeit und Fiktion – das kann man ja auch noch weiterdrehen. Was ist das für eine Welt, in die Rebecca kommt, in der sie die Spuren ihrer Mutter verfolgt: hat die etwas mit der Wirklichkeit zu tun? Oder ist das auch ein Leben neben der Leinwand im großen Kino?

Es war mir wichtig, da nicht so etwas zu erzählen wie: der Opa erzählt vom Krieg und sagt, wie schön er war – so was zu schreiben. Ich wollte aus einer Perspektive schreiben, der das vollkommen fremd ist, diese Welt. Rebecca ist in Jamaica geboren von ihrer Mutter Jenny. Sie ist aber gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben worden und ist in Amerika aufgewachsen. Und jetzt kommt sie nach München und entdeckt diese Welt und versucht ihre Mutter zu finden. Das ist ja jetzt auch ein richtiger Kriminalroman, es wird spannend und zum Schluss kommt auch die schreckliche Wahrheit zum Vorschein.

Was ist das für eine schreckliche Wahrheit? Oder dürfen wir das nicht verraten?

Nein, das verrate ich nicht, weil das wirklich sehr spannend ist. Ich hatte ja so einen Testleserkreis, die das immer wieder gelesen haben, und da habe ich ihnen die letzte Runde gegeben, da fehlten noch die letzten Kapitel, und da haben die gesagt, eiieeh, wann kommen denn die letzten Kapitel, ich will endlich wissen, wie die Geschichte ausgeht.

Dann reden wir nicht darüber, wie sie ausgeht, sondern wie sie sich weiterentwickelt. Die Zeit der 68er ist vorbei, die leben aber noch. Was war das für eine Atmosphäre, in der sie damals gelebt haben? Damals in dieser – in Anführungsstrichen – „Filmstadt“?

Es war schon der helle Wahnsinn. Was mich fasziniert hat, war diese Dichte, diese Dichte von einerseits RAF – da wurde ja die RAF zu der Zeit gegründet im Mai, und da gab es durchaus Verbindungen, denn Andreas Bader, der war ja Mitglied des Action-Theaters und das war ein Vorläufer des antiteaters. Und auch dieser Film, den wir gemacht haben, der ging über Fürsorgezöglinge, also „Weg vom Fenster“ vom Fengler, und Ulrike Meinhof hat auch einen Film gemacht über Fürsorgezöglinge, der hieß „Bambule“, und da waren Leute dabei, die bei Ulrike Meinhof dabei gewesen waren, und da haben wir gesagt: huuh, huuh, Ulrike Meinhof ist zusammen mit Andreas Bader aus dem Fenster gesprungen. Das war schon ziemlich gruselig und andererseits sehr faszinierend. Für mich, der ich aus Frankfurt kam, eine ziemlich verrückte Welt.

Eine nostalgische Rückschau oder ist das doch eher ein Erwachen: so schön war‘s wieder auch nicht? Also wenn Sie jetzt wieder in die Rolle des Schriftstellers gehen.

Durch diese Figur der Rebecca, die das jetzt alles wieder sieht, soll eben genau das vermieden werden: dass es nostalgisch ist, und ach, wie schön das war. Es werden die Probleme geschildert, das Durcheinander, die Verrücktheiten, der Wahnsinn, das alles wird in zum Teil irrwitzigen und absurden Szenen beschrieben. Insofern Nostalgie auf keinen Fall, aber ich bin auch niemand, der das jetzt verurteilt, so wie „das war ja schrecklich“! Da ist die Freiheit des Lesers – ein anderer Aspekt der Freiheit, der Freiheit des Erzählers, Freiheit des Lesers, der soll sich entscheiden, wie er das findet.

Wie kommt denn Rebecca aus ihrer Suche raus? Sie sagen, das erstreckt sich von Anfang der 1970er Jahre bis zum 11. September.

Ja, das ist richtig. Rebecca entdeckt zum Schluss die Wahrheit, was mit ihrer Mutter geschehen ist, und sie flieht – sie hat einen Freund, das ist so ein ziemlich verrückter Whistleblower, der im Internet rummacht, so ein Genie. Sie selbst hat ja auch Informatik studiert, und der hat sich dann verkrochen ganz oben hinten in Kanada, in Fort Blue Fish am Polarkreis. Dahin zieht sie sich zurück, ist aber keineswegs unglücklich.

Und wo kommt der 11. September ins Spiel?

Der kommt eigentlich gleich am Anfang vor, da lernt Rebecca Gottfried kennen, das ist auch eine vollkommen erfundene Figur aus dem Kreis dieser Filmgruppe, und das ist genau, justament am 11. September. Sie will eigentlich am nächsten Tag nach New York zurückfliegen zu ihrem Psychiater und das geht dann nicht mehr. Da bekommt sie einen Nervenzusammenbruch, und dann entwickelt sich die Geschichte.

Was ist die Essenz dieser 500 Seiten?

Als ich anfing, dieses Buch zu schreiben, dachte ich, das ist ja toll, ich bau jetzt ein Haus. Dann habe ich gemerkt, das ist viel mehr als ein Haus, das ist ein Stadtviertel, und dann habe ich gemerkt: das ist eine Welt, die ich vor dem Leser ausbreite. Was ich auf keinen Fall wollte, ist, dem Leser irgendwie eine Meinung aufzudrängen. Der Leser kommt hinein in eine Welt und spaziert da rum und erlebt Sachen mit: Das ist was zum Miterleben. Ich will dem Leser nicht unbedingt sagen: so musst du‘s jetzt sehen. Also ich sage nicht, das war furchtbar, und diese Filmszene das waren alles Verbrecher, das will ich auf keinen Fall sagen. Ich will es aber auch auf keinen Fall idealisieren.

Und so unterm Strich: Es ist eben doch nicht alles möglich, und zu verschiedenen Zeiten passieren verschiedene Dinge, die das Leben so verändern, was man gar nicht für möglich gehalten hätte?

Einen Punkt will ich vielleicht noch mal erwähnen, und zwar ist das eben das mit der RAF, dass das damals eben vorkam und wirklich in der Nachbarschaft. Ich glaube, diese Gewalt, bei der ich am Anfang dachte, oh, diese Puddingattentate und das alles ist doch lustig, und den Ernst dieser Geschichte, diese Gewalt, mit der das dann anfing, das habe ich damals total unterschätzt. Da kam damals der Dorfpolizist in diese Villa, wo das antiteater wohnte und fragte, ja, Grüß Gott, öh, öh, und dann fragte er nach dem Namen eines Terroristen, äh ,äh, ja wie hieß der noch mal?, und dann sagten wir, ach, der ist nicht da, und da sagte der, na gut, pfüad die Gott, da fahr ich wieder nach Hause aufm Radl, also das war ganz gemütlich, und dass das so eine schlimme Entwicklung nehmen würde, das hätte ich nicht gedacht. Das hört dann folgerichtig am 11. September auf, da hat sich das akkumuliert bis zu einem Punkt der dann diese totale Kontrolle zur Folge hatte.

Und Corona – da kann man bestimmt Bezüge finden, die Sie bestimmt nicht beabsichtigt haben?

Doch, da habe ich jetzt viel dran gedacht: Augenblick der Freiheit – ich sehne mich danach. Das habe ich mir durchaus gewünscht, aber natürlich der Virus der damaligen Zeit war die Gewalt, der Virus, der davor war, war AIDS. So haben wir eine Folge von Viren: das finge mit Aids Ende der 8oer Jahre an, das ging dann weiter mit dem Terror von 2001, und heute haben wir Corona. Das ist alles sehr schade, das engt unser Leben doch permanent ein.

Und Sie suchen weiter nach Augenblicken der Freiheit?

Richtig.

Das Gespräch führte Daniella Baumeister, hr2-kultur für die Sendung „Kulturcafé“ (21.08.2020, 17.10 Uhr, hr2).
Mit der freundlichen Genehmigung von hr2 und Daniella Baumeister.

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erstellt am 01.11.2020
aktualisiert am 02.11.2020

Buchcover, Burghard Schlicht: „Im Augenblick der Freiheit“, Verlag Olga Grueber

Burghard Schlicht
Im Augenblick der Freiheit
Roman
Hardcover, 528 Seiten
ISBN: 978-3-00-065307-0
Verlag Olga Grueber, Frankfurt am Main 2020

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