Auf der Münchner Film-Szene der frühen Siebzigerjahre taucht die junge englische Streunerin Jenny auf, um bald wieder so spurlos zu verschwinden wie sie gekommen ist. Dreißig Jahre später sucht ihre Tochter Rebecca genau in dieser Szene nach ihrer Mutter, die sie nie kennengelernt hat. Burghard Schlicht erzählt in seinem Epochen-Roman eine Geschichte, die jene Zeiten des Aufbruchs ungeschminkt beschreibt und mit der Gegenwart der jungen Amerikanerin Rebecca vielschichtig verknüpft.

Romanauszug von Burghard Schlicht: »Im Augenblick der Freiheit«

Westöstlicher Diwan

Sie stellen den Cadillac schräg vor dem Kino Westöstlicher-Diwan ab. Sonny holt sich am Automaten eine Zwölferpackung Roth-Händle ohne Filter.

„Ich bin bei Provo”, sagt Sonny und verteilt an Lilian und Gottfried Zigaretten wie ein Kirchenmann Suppe in der Armenküche. Er saugt den Rauch in tiefen Zügen ein, dass man glaubt, gleich werden seine Schläfenadern platzen: „Ich bin deswegen bei Provo, weil alles Wahnsinn ist, der helle Wahnsinn. Es sind nicht die einzelnen Filme, es sind alle Filme auf einmal in diesem Irrenhaus, das sich Filmfabrik nennt und das mich wahnsinnig macht. Positiv wahnsinnig! Wahnsinnig positiv ist das: Dass unsere Feinde, wie sie lauthals verkünden, kotzen müssen, wenn wir über die Leinwand stolpern, wenn sie sehen, dass wir jetzt die Helden sind und nicht mehr diese verschmockten Ärzte aus den Arztfilmen, dieses Pack, und die widerlichen Landser aus den Schütze-Arsch-Filmen, die Alpenresis mit ihren dicken Titten, die ihnen ständig vorn ausm Dirndl rausfallen, und hinten dann die Ärsche wie Brauereipferde, dazu diese schnöseligen Königlichen Hoheiten aus den Königlichen-Hoheiten-Filmen.

Diese grauen Kleinbürger, widerlichen Scharfmacher, die den Zweiten Weltkrieg verbrochen haben und den Zweiten undercover in den Dritten Weltkrieg überführen wollen, die sich anmaßen, uns was von Moral zu erzählen, diese Pfaffen und Henker, dieses Pack, Militaristen, Nationalisten, Schleimscheißer, Sturmbannführer, Generäle und Gauleiter, Blockwarte, SA-Männer, Wirtschaftsführer und Aktienbesitzer, diese Saubermänner mit ihren sauberen Leinwänden – wortwörtlich haben sie das in ihren Zeitungen verbreiten lassen: dass sie das große Kotzen bekommen, wenn sie uns auf der Leinwand sehn. Kotz. Kotz. Spotz. Raus ausm Kino aufn Lokus und mir nichts dir nichts alles rauskotzen.

Das freut einen doch. Dass es diesen reaktionären Arschlöchern übel wird. Dass sie die Loser werden und es schon längst sind: Krieg verloren, Städte zerstört, Millionen Tote. Kinosterben. Kannste mal sehn. Da schlägt die Dialektik dem Fass die Krone ins Gesicht, und hör mir bloß uff, hör mir bloß uff und ach, geh doch fort – mir wird auch schon ganz übel −, lass mich bloß in Ruhe. Passt bloß auf.“

Sonny stöhnt, greift sich an die Eingeweide, tut so, als habe er einen Bauchschuss abbekommen. Er sieht erschreckend bleich aus und glaubt fest daran, hilfloses Opfer des grauenhaften historischen und gesellschaftlichen Elends zu sein.

Ein warmer Sommerabend. Das ist jetzt auch schon acht Jahre her. Musiker spielen im Park. Ein paar Leute tanzen, rauchen, trinken Bier. Es gibt Beschwerden. Polizei vertreibt die Gitarrenspieler. Die Musiker sind nicht einverstanden. Wieso soll Musik verboten sein? Die Worte werden lauter. Der Krawall sitzt in den Startlöchern. Ein Polizeiauto hat platte Reifen. Lustig. Und interessant. Immer mehr neugierige Menschen tauchen auf. Immer mehr Polizei rückt an. Die Stimmung wird aufgekratzter. Eher aus Spaß kommt es zu Handgemengen und Rangeleien. Der Krawall ist voll da. Störenfriede werden verhaftet. Papierkörbe fangen an zu brennen. Steine und Bierflaschen fliegen durch die Luft. Rufe hallen durch die Nacht. Am nächsten Tag strömen Zehntausende in die Stadt. Hat sich rumgesprochen. Fetzen fliegen. Hüte fliegen von den Köpfen. Der Krawall funktioniert gut. Macht richtig Spaß. Fünf Nächte lang toben die Krawalle. Am sechsten Tag fängt es abends an zu regnen.

„Kantlehner ist ein Künstler“, sagt Lilian schlicht und unvermittelt, als würde sie aus einem Traum erwachen, „das darfst du nicht vergessen.“

Künstler? Sonny und Gottfried werfen sich einen befremdeten Blick zu, voller Abscheu. Es gibt Demonstranten, Krawallmacher, Polit-Aktivisten, Guerilleros, Revolutionäre. Aber Künstler? So in Richtung Johann Wolfgang Herzog von Goethe? Künstler ist total out. Peinlich.

Mittlerweile haben sie das Foyer des Kinos betreten, das mit seinen dunkelgrünen Kacheln wie der Vorraum eines Hamam, eines türkischen Badehauses, aussieht. Sogar ein ebenso dunkelgrünes kleines Keramikwasserbecken ziert eine der Wände. Dämmerlicht liegt in dem Raum, vom schmalen Fenster her ein Sonnenstrahl, und auf den alten, dunkelbraun gebeizten Holzbänken fehlen nur die Badetücher, um den Eindruck eines orientalischen Hallenbades zu vervollständigen. Ein altmodischer, indirekt beleuchteter hölzerner Schaukasten zeigt das Plakat zu Im Augenblick der Freiheit. Drei junge Burschen sind auf ihm zu sehen, in der Mitte Sonny. Daneben sind dilettantisch gemachte Aushangfotos angebracht, die den Eindruck von „Action“-Szenen vermitteln sollen, in ihrer Hilflosigkeit aber eher komisch wirken.

In dem mit funzligem gelbem Licht erhellten Kassenhäuschen sitzt mit verwuschelten Locken eine nachlässig gekleidete Frau mittleren Alters und blättert in alten Filmprogrammen. Zwischendurch befeuchtet sie ihre Finger mit viel Spucke, blättert um und nimmt die nächsten Seiten in Angriff. Frau Riss ist die Prinzipalin dieser Filmkunst-Lichtspiele, Kassiererin, vielgeliebte Figur der Filmszene, Programmgestalterin und Putzfrau im Reich des anspruchsvollen Films. Nur ein Filmvorführer ergänzt das Personal des kleinen, aber von Cineasten gerühmten Programmkinos.

Die Nachmittagsvorstellung wird gleich beginnen, bei dem warmen Juniwetter ist kaum was los in der stillen Vorhalle des Westöstlichen Diwan. Eine ältere Frau in einem dicken Pfeffer-und-Salz-Wintermantel schwitzt auf einer der Bänke, hat ein grobmaschiges Einkaufsnetz auf ihre Knie gebreitet und raschelt mit Cellophantüten, aus denen sie einen Eukalyptusbonbon nach dem anderen herausangelt. Zwei junge Burschen in Jeansmontur – nagelneue Jeans mit Bügelfalten! – teilen sich stumm einen Joint, halten bei jedem Zug gepresst die Luft an, bis die Schläfenadern hervortreten, ihre Gesichter rot anlaufen, und lassen dann explosionsartig den Rauch wieder ab. Sie flüstern sich mit vorgehaltenen Händen etwas in die Ohren, kichern lautlos, verdrehen die Augen zur Decke hin, wenn sie irgendetwas ganz unsäglich finden wollen. An der Decke des Vorraums verteilt ein altmodischer Ventilator brummelnd und kostenlos abgestandene feuchtwarme Luft an die Kinogänger in spe.

Kaum hat Sonny das Foyer des Kinos betreten, gerät er noch mehr in Fahrt. Gottfrieds Meinung zu Im Augenblick der Freiheit sei ihm „persönlich“ „schrecklich“ wichtig – er benutzt tatsächlich das Unwort des Jahres „persönlich“!, und wie er das Wort „schrecklich“ ausspricht, da hört man Stalingrad und die Bombardierung Dresdens heraus.

Vor allem wie Gottfried die Regie von dem Regler fände – „total dilettantisch, sag ich dir,“. Der Regler würde sich ständig mit seinem „dokumentarischen Stil“ rausreden. Das sei nicht dilettantisch, sagt der Regler, sondern dokumentarisch. Die fähigen Filmleute seien in der Nazizeit alle ins Ausland, und wir hier müssen tagtäglich wieder bei null anfangen. Bei null! Alles Amateurkram. Er wolle nichts schlechtmachen oder vorwegnehmen, aber die Darsteller hätten einfach jeden Quatsch machen können, der ihnen vor der Kamera gerade einfiel – alles im Namen der sogenannten AUTHENTIZITÄT! – das war ihr AUGENBLICK DER FREIHEIT, wo du selbst du selbst sein kannst, reines Durcheinander, Chaos, Kasperletheater! Kasperkatastrophe! Nur Einfaltspinsel ließen sich vormachen, dieses dilettantische Gehampel sehe aus wie das wirkliche Leben.

Sonny hat das Glück, dass er in Gottfried nicht nur ein dankbares Publikum, sondern einen Bewunderer gefunden hat, und behauptet nun, dessen Urteil werde der entscheidende Richterspruch über den Film sein: Er, Sonny, habe ja leider eine Tendenz zum Grimassieren. Grimassieren? Ja, GRIMASSIEREN: tödlich für Schauspieler. Ob ihm das schon mal aufgefallen sei? Und er zieht seine Mundwinkel bei ausgestülpter Unterlippe extrem scheußlich nach unten, während seine Augenbrauen sich wie die eines Clowns bizarr spitz nach oben zum Haaransatz hin runden. So was mache er andauernd, den grimassierenden Oberdepp spielen, und er zeigt diese grässlichen Fratzen zum Entsetzen seiner Zuschauer zwei weitere Male mit unter die Lider geschobenen Pupillen, so dass wie bei einer frisch gestorbenen Leiche nur das Weiß der Augäpfel zu sehen ist.

Abgesehen vom Gesicht sei er mit seinen Körperbewegungen mittlerweile zufrieden. Arme, Beine, Hände, Füße dürfen sich nicht verselbständigen. Bloß kein sinnloses Zappeln, und vor allem die Beine, die musst du im Zaum halten. Ob ihm schon mal aufgefallen sei, dass der Gang eines Schauspielers wichtiger sei als die Worte, die er im Dialog spreche? John Wayne zum Beispiel, der Westernheld – ein reaktionäres Arschloch, Kommunistenfresser, Faschist, Rassist, aber er hat einen klasse Gang.

„Da kannst du sagen ,tendenzieller Fall der kapitalistischen Profitrate‘, und The Duke überquert die Straße, bindet sein Pferd los, und schon ist es zu Ende mit deiner revolutionären Bewegung und der Prognose vom tendenziellen Fall. Weil er eben den perfekten Gang hat. Solide Ideologiekritik steht machtlos vor diesem Gang. Was machst du mit der historisch-materialistischen Analyse des Kapitals, wenn sich John Wayne auf dem Absatz dreht, in die Knie geht und losballert. No way, Bilder sind stärker als Worte.“ Nicht die ebenmäßigen Gesichtszüge, sondern DER AUFRECHTE GANG, wie ERNST BLOCH es schon wiederholt sagte, sei das Entscheidende.

Ob ihm, Gottfried, aufgegangen sei, wie Normalbürger durch die Gegend eiern? Watscheln, latschen, humpeln, x-beinig, o-beinig, über den großen Onkel laufen, schlappen, schlurfen, stolpern, hinken – vornübergebeugt mit bis zu den Ohren hochgezogenen Schultern, eingeduckt mit kurz gemachtem Hals und immer bereit zum Empfang von Prügel, mein Gott – armes – geprügeltes – deutsches – Volk! – immer nur, immer noch – Proletariat und ständig verhauen! Keiner könne den aufrechten Gang. Erst müssten wir anständig gehen lernen, dann könnten wir langsam damit anfangen, frei zu denken.

„Zeige mir, wie du läufst, und ich sage dir, wer du bist!“ Sonny wendet sich an die Frau in dem Wintermantel, die vor Schreck fast von der Bank fällt.

„Stolzieren, stöckeln, wackeln“, provoziert Lilian, die Jazz-Queen von der schönen blauen Donau, und trippelt mit ihren High Heels hüftschwenkend durchs Kinofoyer und macht parallel zu Sonny dessen Solonummer zum Duett.

„Wo bleibt der AUFRECHTE GANG?“, trompetet Sonny und hebt die Hände flügelgleich unter seiner Wolldecke, die er sich wie einen Poncho über seine nackten Schultern geworfen hat, dreht mit fliegendem Tuch eine Pirouette und beginnt einen schamanischen Ritualtanz.

Frau Riss kommt aus ihrem Kassenhäuschen gelaufen, und die beiden jungen bekifften Typen mit den Bügelfaltenjeans verschlucken sich beim Lachen an ihrer Spucke und husten mit rot anlaufenden Gesichtern los.

Sonny geht zum Positiven über, elastisch federn müsse man im Schritt, und er leitet zu einer Lektion über das Gehen im Schnee über, ja, sogar auf Glatteis könne man eine tadellose Figur machen, wenn man es nur wolle und wisse wie. Die beiden Jeansjungen bitten Sonny, Tränen lachend, um ein Autogramm, und Sonny sagt zu Lilian, einen Kuli in jeder Hand und einen zwischen den Zähnen: „Siehste, jetzt muss ich hier schon Autogramme verteilen! So ist das! Das Elend der Stars. Gejagt von den Fans …!“

Der Film Im Augenblick der Freiheit erzählt die Geschichte von drei jungen sogenannten Verbrechern. Aus der Sicht des Films sind sie natürlich nur „Opfer einer mörderischen kapitalistischen Gesellschaft“. Sie sitzen im Jugendknast, öden sich an und zerbrechen sich den Kopf, wie sie am besten rauskommen. Die Freiheit – glauben sie naiverweise – beginnt gleich hinter der Gefängnismauer. Einmal draußen klauen sich die Burschen Mopeds und tuckern auf ihren Töfftöffs durch mit malerischen Burgruinen bestückte deutsche Mittelgebirge. Und schon an diesen Blechbananen, auf denen die Jungs durch die Gegend juckeln, erkennt man die Armut des Neuen Deutschen Films: Das sind keine Harley-Davidsons mit Lenkern wie Stierhörnern, sondern schmalbrüstige Nachkriegs-NSU-Quicklys, denen man sofort den verlorenen Zweiten Weltkrieg ansieht. Fahrräder, die Krach machen, Easy Rider für Arme.

Aber was ist schon Dingsleben im Zonenrandgebiet gegen New Orleans in Louisiana? Den Landschaften, die Im Augenblick der Freiheit vorkommen, fehlt einfach die Weite der wasserreichen Ebenen von Louisiana. Alles ist hier eng, mittelgebirgig zusammengequetscht und sieht arm, heruntergekommen und wahnsinnig dünn besiedelt aus, und das Klima lässt einen frösteln. Nur die Burgen strahlen eine gewisse Pracht aus, aber sie bleiben eben nur Ruinen: Mehr Neorealismo italiano als Hollywood-Roadmovie: wie schwarzweiß, obwohl es in Farbe gedreht ist. Mehr Wahrheit und weniger Lüge. Der Traum von der großen Freiheit bleibt.

Auf die ärmlichen Fahrszenen im Zonenrandgebiet hat Regler, der Regisseur, fette Gitarrensounds von seltsamen Bands draufgepackt, Gruppen, die heute kaum noch bekannt und alle schon tot sind: Iron Butterfly mit In-A-Gadda-Da-Vida, Songs in Lautsprache, die sich vom immer nur umständlichen Sinn endgültig befreit hat, vernuscheltes Zeugs, unendlich viele Love-Yous, Miss-Yous, Hahaha- und Lalala-Texte, gesungener Dadaismus – dadada-gagaga: Wozu Sinn? Furchterregende Verzerrer machen Wah-Wah-Effekte – Umpfti-Umpfti lassen sie die Gitarrensaiten iiihauuhuuaoah aufjaulen, als wären kranke Hunde getreten worden.

Während der Vorführung von Im Augenblick der Freiheit denkt Sonny nicht daran, Ruhe zu bewahren. Wenn er in seiner Filmrolle auf der Leinwand erscheint, begrüßt er sein Film-Ich mit lautem Hallo, so wie Fußballfans im Stadion ihre persönlichen Lieblingskicker empfangen.

Die wenigen Kinozuschauer nehmen Sonnys Krakeelen nur ein bisschen übel, einige lachen sogar, ein bisschen verlegen, aber sie lachen. Nur die immer noch papierraschelnde Dame im Wintermantel schaut weiterhin verängstigt beiseite.

In Rage gerät Sonny, als eine der – wie er betont – „tiefsinnigsten“ Szenen des Films beginnt. Er sagt tatsächlich „tiefsinnig“, so wie er schon einmal „persönlich“ oder sogar „ganz persönlich“ gesagt hat. In dieser „tiefsinnigen“ Szene laufen die drei Ausbrecher einen Bahndamm entlang, als sich ihnen ein Güterzug nähert und an einem steil ansteigenden Streckenstück langsam an ihnen vorbeifährt. Die Jungs rennen hinter dem Zug her, laufen den Eisenbahndamm hinunter zu den Gleisen und jagen den Waggons nach, die jetzt wieder mehr Tempo aufnehmen. Über die Eisenbahnschwellen zwischen den Gleisen hasten und stolpern sie dem Zug hinterher.

„Das ist das Schwerste“, erklärt Sonny, „wenn du wegen der Eisenbahnschwellen zwischen den Gleisen nur kleine Schritte machen darfst, aber wegen der Bullen, vor denen du wegläufst, große Schritte machen müsstest. Wenn du nicht auf die Schwellen trittst, trittst du auf den Schotter, trittst du auf den Schotter, kommst du ins Stolpern! Stolperst du, fällst du hin. Fällst du hin, schlägst du dir auf den Schwellen die Zähne auf. Also musst du schneller rennen mit exakt gleich bleibenden kleinen Schritten! Das ist das bürokratische Schicksal in der spätkapitalistischen Gesellschaft: schnell rennen mit vorgeschriebenen Kleinstschritten.“

Wie im Fluge tänzelt der Film-Sonny über die Eisenbahnschwellen, nähert sich mehr und mehr der Plattform des letzten Waggons, und als sie schon zum Greifen nah ist, gerät sein Ausbrechergenosse Paul ins Stolpern, stößt ihn gefährlich in den Rücken. Wie im Traum dreht sich Sonny um, fängt Paul auf, hilft ihm wieder hoch, verliert selbst eine schreckliche Sekunde lang das Gleichgewicht, taumelt, schwankt. Der Waggon hat sich schon ein Stückchen entfernt, Sonny fängt sich, rennt weiter, greift nach der Kante der Plattform, verfehlt sie beim ersten Mal, rutscht ab. Plötzlich überblendet das Schlagzeugsolo in den überlauten Lärm der rollenden Räder auf den Schienen, Eisen kreischt auf Eisen. Gekreisch. Und die Fugen der Schienen donnern wie Hammerschläge.

Sonny packt zu, springt hoch, stemmt sich auf einen der rostigen Puffer, wälzt sich über einen Eisenträger auf die Plattform, dreht sich auf den Bauch, streckt die Arme nach hinten über die Plattform hinaus, packt Pauls Hände fest, der dabei ins Schlingern gerät, nach vorn stolpert, sich wieder fangen kann, und zieht ihn hinauf.

Nach Luft schnappend und lachend, wälzen sie sich beide in wilder Umarmung auf den Brettern des Waggons, während Ronald, der Dritte im Bunde, langsam am Horizont verschwindet. Verloren. Loser wie fast alle. Der Fahrtwind bläst in Sonnys und Pauls lange Haare, zerrt an ihren Jacken, schräg stehen ihre Körper gegen den reißend strömenden Fahrtwind, breitbeinig, riskantes Gleichgewicht auf schwankendem Waggon. In-A-Gadda-Da-Vida röhrt mit seinen Gitarrensoli und Klangwolken los: Hahaha, Lalala, Dadada: Das ist der Augenblick der Freiheit – alles befreit von Sinn und Zwang.

So läuft der Mensch in der verwalteten Welt: genau bemessene Trippelschritte, keine Fortschritte. Dem objektiven Stillstand entspricht die subjektive Raserei: Die Maschine der Massenreproduktion rotiert wie wahnsinnig in ihren Rechnern, saugt als schwarzes Loch des Kapitalismus alles in sich hinein, aber sie rotiert sinnlos auf der Stelle um sich selbst herum wie das wilde Rasen in den Netzen. Leer – ohne Inhalt. Das ist die Dialektik der Kulturindustrie. Leeres Gerede – Gewäsch für Millionen. Und schon ist unsere Zukunft Vergangenheit, und weil sie niemals mehr kommen wird, weil sie ja schon da war, existiert sie für uns heute nicht mehr.

Auszug aus

Burghard Schlicht: „Im Augenblick der Freiheit“, Verlag Olga Grueber, Frankfurt am Main 2020 (Kapitel „Westöstlicher Diwan“, Seite 134–143)

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erstellt am 01.11.2020
aktualisiert am 02.11.2020

Buchcover, Burghard Schlicht: „Im Augenblick der Freiheit“, Verlag Olga Grueber

Burghard Schlicht
Im Augenblick der Freiheit
Roman
Hardcover, 528 Seiten
ISBN: 978-3-00-065307-0
Verlag Olga Grueber, Frankfurt am Main 2020

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