Intendant des Staatsballetts Berlin zu werden, lehnte der Schweizer Tänzer und Choreograph Martin Schläpfer ab, nicht aber, als Direktor und Chefchoreograph des Wiener Staatsballetts und der Ballettakademie zu arbeiten. Im Gespräch mit der Kulturjournalistin Bettina Trouwborst, das jetzt in Buchform erschienen ist, entfaltet sich seine Biographie vom Leben als Bauernsohn bis zum Chef der berühmten Wiener Tanzkompanie. Walter H. Krämer empfiehlt das Buch.

Martin Schläpfer im Gespräch mit Bettina Trouwborst

Mein Tanz, mein Leben

Martin Schläpfer, 2020 (Video-Screenshot)
Martin Schläpfer

Zwischen Juli 2019 und April 2020 führte die Kulturjournalistin Bettina Trouwborst insgesamt neun mehrstündige Gespräche mit Martin Schläpfer in Düsseldorf. Diese neun Gespräche sind in Interviewform in neun Kapiteln wiedergegeben. Sechs kleinformatige Sonderhefte, versehen mit einem blauen Umschlag – auf der Vorderseite mit einem Zitat Schläpfers, auf der Rückseite die jeweiligen Bildtexte – sind ebenfalls in dem Buch enthalten. Sie ergänzen anschaulich und eindrücklich Leben und Werk des Choreographen.

Martin Schläpfer ist einer der bedeutendsten Tänzer und Choreographen der Gegenwart. Sein Werk umfasst bis heute bereits mehr als siebzig Choreographien. Darunter das „Forellenquintett” und eine Neuinterpretation von „Schwanensee“. Nach Stationen in Bern, Mainz und Düsseldorf-Duisburg wechselt er Ende 2020 nach Wien zum dortigen Staatsballett. Arbeitete er in Mainz mit ungefähr 20 Tänzer*innen, in Düsseldorf und Duisburg mit etwa 50, sind es in Wien über 100 Tänzer*innen. Eine Herkulesaufgabe und große Herausforderung für den neuen Ballettdirektor, daraus eine Kompanie zu formen und jedem der Beteiligten gerecht zu werden.

Der Tänzer und Choreograph spricht offen und ehrlich über sein Leben voller Brüche, über Tanz als Kunstform, über Verletzungen im Beruf und Glücksmomente auf der Bühne. Und er beschreibt sich als politischen Künstler, der gesellschaftliche Entwicklungen und Veränderungen wahrnimmt, darauf sehr einfühlsam reagiert und sie auch in seinem Werk reflektiert.

Aus dem Buch „Mein Tanz, mein Leben“, Henschel Verlag 2020

Aus dem Buch „Mein Tanz, mein Leben“, Henschel Verlag 2020

Als junger Mann habe er sich inniglich nach einer Beziehung gesehnt. Das allerdings sei lange vorbei, denn er habe verstanden, dass Partnerschaft und Künstlertum nicht zusammen funktionieren können – eines von beiden komme dabei immer zu kurz.

Zitat aus dem Buch „Mein Tanz, mein Leben“, Henschel Verlag 2020

Bettina Trouwborst legt mit ihrem Interviewpartner Martin Schläpfer einen weiten Weg zurück. Spannt, ausgehend vom Bauersohne, der Geige spielt und auf dem Eis Pirouetten dreht, einen biographischen Bogen bis hin zum Wechsel nach Wien. Man erfährt dabei viel über die einzelnen Stationen seiner Karriere, seine Herangehensweise an seine Ballettkreationen und über seinen Zugang zur Musik. Auch seine Liebe zur Natur und seine Beschäftigung mit künstlicher Intelligenz bleiben nicht außen vor.

Wie ein Leitfaden lesen sich da die einzelnen Kapitelüberschriften:
Martin Schläpfers Weg zu sich selbst – Der Körper als Heimat und der Körper als Feind – Der öffentliche Künstler – Wie viel Politik steckt im Tanz? – Von der Idee über die Methodik zum Tanzstück – Künstliche Intelligenz und Menschsein – Was ist eigentlich Kunst? – Kulturaustausch als Politikum.

Zum besseren Verständnis sind Erläuterungen von Begriffen oder Namen im Text hervorgehoben. Das erleichtert ungemein, weil man das Lesen nicht dauernd durch das Suchen und Finden der entsprechenden Fußnote unterbrechen muss.

Ein kurz gehaltener Lebenslauf von Martin Schläpfer, sein Rollenverzeichnis als Tänzer, sein Werkverzeichnis als Choreograph sowie eine Auflistung seiner Auszeichnungen befinden sich neben einem Personenregister im Anhang.

An einer Stelle im Buch sagt Martin Schläpfer: „Interviews sind Brennholz für das Ensemble und die Kunst“ und macht damit deutlich, dass man über Tanz reden muss, gerade weil er eine nonverbale Kunstform und im Kulturgut nicht so verankert ist wie die anderen Künste.

In diesem Sinne ist die Lektüre dieses Buches, nicht nur für Tanzinteressierte, eine Freude und ein Gewinn und macht Lust, sich Kreationen – nicht nur von Martin Schläpfer – live auf einer Bühne anzusehen.

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erstellt am 27.10.2020
aktualisiert am 30.10.2020

Martin Schläpfer / Bettina Trouwborst
Mein Tanz, mein Leben
Martin Schläpfer im Gespräch mit Bettina Trouwborst
Gebunden, 286 S. mit 86 Abb.
ISBN: 978-3-89487-813-9
Henschel Verlag, Leipzig 2020

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