Tieren in die Augen zu sehen kann, wie unter Menschen auch, eine gefährliche Provokation sein. Aber auch, wenn Tiere aus purer Neugier uns ansehen, bleibt ein Unbehagen: Was halten sie von uns? Marion Victor zeichnet die Beziehungsgeschichten zwischen Menschen und Tieren nach, wie sie sich auf Ausstellungsstücken in den Opelvillen abbilden.

Beziehungsgeschichten in den Opelvillen

Menschen und Tiere

Guck nicht so! Der Blick des Orang-Utan-Weibchens bekommt, je länger die Betrachterin ihren Blicken ausgesetzt ist, etwas peinlich Wissendes, auch leicht Arrogantes. Das mag zum einen an der schieren Größe dieser mit Graphitstift auf Papier gezeichneten Köpfe liegen. Immerhin sind sie mehr als fünfmal so groß wie der der Betrachterin; die Papierbahnen messen in der Länge 250 bis 270 cm und in der Breite 150 cm. Und zum anderen daran, dass die Köpfe ohne einen weiter angedeuteten Körper aus dem Weiß des Papiers hervortreten. Das Weiß des Papiers und die damit verbundene Ortlosigkeit und Realitätsferne steht im Gegensatz zu der Kenntnis und Genauigkeit, mit der Gabriele Muschel den Graphitstift führt und den Strukturen der verschiedenen Hautpartien nachspürt. Da ist die gestraffte fast noppenartige Partie um den Mund, die kleinen faltigen Bögen unter den Augen, die über die Wölbung oberhalb der Augen gespannte Haut. Und da ist die unterschiedliche Behaarung, das kurze Fell an den Wangen oder das lange, an einen Bubikopf erinnernde Haupthaar.

Die Individualität jeder der drei Menschenaffen, die in Rüsselsheim in den Opelvillen ausgestellt sind, ist offensichtlich. Gleichzeitig wird die Fremdheit durch die Größe gesteigert. Und doch ist der Blick so irritierend, weil bekannt, eben doch menschlich. Wir sind es ja, die ihn ansehen, ihn erkennen und uns in ihm spiegeln. Unser Blick auf das Tier kommt zurück und befragt uns. Wer ist hier das Tier und wer der Mensch? Wir können uns kaum der Aufforderung entziehen zu schauen und zu fragen.

Insgesamt hat Gabriele Muschel sechzehn solcher Individuen gezeichnet – vier Bonobos, vier Schimpansen, vier Orang-Utans, vier Gorillas, jeweils zwei Weibchen und zwei Männchen. Die drei Orang-Utans (zwei Weibchen und ein Männchen), die in den Opelvillen zu sehen sind, entstanden nach einer Reise nach Borneo, wo sie wochenlang auf einer Forschungsstation Orang-Utans beobachten und kennenlernen konnte. Die Zeichnungen entstanden in ihrem Frankfurter Atelier nach vor allem eigenen Fotografien von Menschenaffen, die sie von Reisen nach Borneo und Afrika zurückbrachte. Nur einmal, 1999, waren sie bisher im Museum Wiesbaden alle zusammen ausgestellt. Nun sind wenigstens drei dieser beeindruckenden Zeichnungen in den Opelvillen in Rüsselsheim zu sehen im Rahmen der Ausstellung Kunst für Tiere. Ein Perspektivwechsel für Menschen.

Die beiden Porträtfotografien Rosemarie Trockels von ihrer Hündin, Hannah I und II, sind perfekt; ähnlich wie bei Muschel erscheinen die Tierköpfe aus einem weißen undefinierbaren Raum und sind damit ihrer tierischen Umgebung entzogen. Ausleuchtung und Größe der Fotografien sind Zeugnis der Bedeutung der Hündin für die Künstlerin. „Jedes Tier ist eine Künstlerin“, dieses Zitat Rosemarie Trockels von 1993 – dokumentiert in einer Vitrine – bezieht sich auf – und überspitzt ihn zugleich – den berühmten Satz von Joseph Beuys, dass jeder Mensch ein Künstler sei.

Vermenschlicht ist auch die Grablegung des Katers von Sophie Calle. Aufgebahrt in einem kleinen mit einem weißen Tuch ausgelegten Sarg wird er bedeckt von einem ebenfalls weißen Tuch dessen Ränder mit Hohlsaum gesäumt sind. Die Fotografin dokumentiert hier in erster Linie ihre Liebe zu ihrem Kater. Das Tier ist im Sarg unter der Decke verschwunden.

Man könnte meinen, Björn Braun, ein Künstler der nächsten Generation, geboren 1979, geht bei seinen Arbeiten von Rosemarie Trockels Satz aus, jedes Tier sei eine Künstlerin. In früheren Arbeiten gab er an, die Arbeit sei in Zusammenarbeit mit einem Tier, zum Beispiel mit einer Feldmaus entstanden. Hier in den Opelvillen sind vier Nester ausgestellt, für die Ähnliches gilt. In einem Video, das beim Rundgang durch die Räume quasi vorgeschaltet ist, sieht man, wie er den Vögeln verschiedene Materialien, etwa Späne oder Fäden, bereitlegt, die die Zebrafinken dann auch für ihren Nestbau verwendeten. Zarte Gebilde, verwoben mit feinen blauen und roten Fäden, mit braunen Ästen, einer orangenfarbenen Feder sind da entstanden.

Nest von Zebrafinken (Künstler: Björn Braun, Ausstellung in den Opelvillen Rüsselsheim)

Zebrafinken-Nest aus verschiedensten Materialien, die der Künstler Björn Braun den Vögeln bereitlegte.

Als eine Art von Zusammenarbeit zwischen Tier und Mensch lassen sich auch die beiden Fotoserien beschreiben, mit denen William Wegman hier vertreten ist. Hundekörper haben sich hier einmal zum Alphabet und einmal zu den zehn Ziffern drapieren lassen. Im Gegensatz aber zu Björn Braun, der die Aktivität des Tiers herausstellt, wird bei William Wegman der Hundekörper zur Arabeske einer Kulturtechnik des Menschen. Die Ausbeutung des Tiers durch den Menschen scheint hier auf die Spitze getrieben.

Neun Polaroids von Maria Jauregui Ponte aus der Serie Wo Fuchs und Hase zeigen Tiere, Rehe, Füchse, Hasen, die in der Nacht vom Menschen mit seinem Apparat aufgespürt wurden. Ihre Augen geben das Blitzlicht wider. Ihre Köperhaltung zeugt von der Anspannung des Aufgeschrecktseins durch das grelle Licht. Die hellsten Punkte sind die Augen der Tiere, und damit das vom Menschen ausgehende Licht. Die Tiere und ihre Umwelt verschwimmen im Halbschatten. Wer sieht hier eigentlich wen?

Von Ursula Böhmer sind vierzehn Kuhporträts aus Europa zu sehen, von einer braunen, zotteligen, kurzbeinigen Highländerin aus Schottland bis zu einer schwarzen, schmalen und langbeinigen Avilena aus Spanien. Vierzehn ganz unterschiedliche Hörner und Mäuler. Die Vielfältigkeit dessen, was wir Kuh nennen, ist beeindruckend. Kuh ist eben nicht gleich Kuh.

In der Videoinstallation von Luzia Hürzeler können die Betrachter verfolgen, wie in einer Stadtlandschaft kleine Spatzen und eine große Taube sich über einen Futterblock hermachen. Ihrer Beobachterin schenken sie keine Aufmerksamkeit.

Unter dem Titel Kunst für Tiere sind in den Opelvillen Arbeiten von insgesamt 25 Künstlerinnen und Künstlern zu sehen. Sie repräsentieren die unterschiedlichen Möglichkeiten einer Beziehung zwischen Mensch und Tier. Von Verwandtschaft und Fremdheit, von Verständnis, Liebe wie auch von Unterwerfung zeugen die Werke. Ihre Ambivalenz in der Beziehung fordert den Betrachter auf: Schau hin!

Möglich ist das noch bis zum 17. Januar 2021 in den Opelvillen in Rüsselsheim, jeweils am Samstag und Sonntag, sowie am ersten Donnerstag eines jeden Monats.

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erstellt am 27.10.2020
aktualisiert am 29.10.2020

Zeichnung eines Orang-Utan-Weibchens von Gabriele Muschel. Aus der Ausstellung „Kunst für Tiere“, Opelvillen Rüsselsheim.

Ausstellung

Kunst für Tiere

Ein Perspektivwechsel für Menschen

4. Oktober 2020 – 17. Januar 2021

Opelvillen Rüsselsheim
 

»Kunst für Tiere. Ein Perspektivwechsel für Menschen« ist an Samstagen von 14 bis 18 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr und an jedem ersten Donnerstag im Monat von 14 bis 20 Uhr (freier Eintritt bis 19 Uhr) geöffnet.
Die Besucherzahl ist begrenzt und ein eigener Mund-Nasen-Schutz ist mitzubringen.

Die Ausstellung »Kunst für Tiere. Ein Perspektivwechsel für Menschen« ist Teil des Kooperationsprojektes ARTENTREFFEN entlang der S-Bahnlinie 8 mit dem Deutschen Ledermuseum in Offenbach am Main und dem Nassauischen Kunstverein Wiesbaden. Die drei Kulturinstitutionen beleuchten mit zeitgleichen Ausstellungen die verschiedenen Facetten der Beziehungen zwischen Mensch und Tier.
ARTENTREFFEN wird gefördert durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain.

Ledermuseum Offenbach:
Ausstellung »Tierisch schön?«
Nassauischer Kunstverein Wiesbaden:
Ausstellung »Alles im Wunderland«