Die Ansprüche des Publikums ans Theater waren nicht nur so unterschiedlich wie das Publikum, sondern veränderten sich im Laufe der Geschichte, so wie sich die Ansprüche des Theaters an das Publikum, Moden und Ideologien unterworfen und zwischen Extremen pendelnd, stetig verwandelten. In österreichischer Erstaufführung wurde nun das Stück „Ich bin der Wind“ von Jon Fosse am Hamakom in Wien gegeben. Darin setzt er ganz aufs Wort. Und das ist, wie Elvira M. Gross berichtet, unsagbar.

Theater in Wien

Wo Worte und Bilder nicht hinreichen

Jon Fosses musikalisches Stück über die Grenzen des Sagbaren in einer eindrucksvollen Inszenierung von Ingrid Lang.

Ich bin der Wind spielt in einem gedachten, imaginierten Segelboot, auch die Handlung ist gedacht und soll nicht ausgeführt, sondern imaginiert werden“ – so die Regieanweisung des Autors.

Der Beginn nimmt das Ende vorweg: „Ich habe es nicht gewollt. Ich habe es einfach getan“ – sagt DER EINE. Eine Flucht ins Leben, aus dem Leben. Aus der Schwere, der Erdenschwere, in das Leichte, in den Wind. Ich bin der Wind ist ein musikalisches Stück, eine Fuge (Flucht), von vielen Pausenzeichen durchsetzt. Ein Stück als eine Frage, die ohne Antwort bleibt. „Aber warum ist es so?“ – „Es ist einfach so.“ Kann man einen Menschen ins Boot zurückholen, ins Leben, mit Worten? Und warum ist das „Ich habe es einfach getan“ gleichzeitig so tröstlich?

Was gesagt wird, „sind nur Wörter“, die sich nicht zu Bildern zusammenfügen lassen wollen, die dann – als Bilder – nicht mehr stimmen, nichts lässt sich in einen Zusammenhang fügen, aber alles fügt sich, fügt sich einer schon immer dagewesenen Ahnung, dem Leben, dem Tod. Nur erklären lässt sich nichts, so sehr DER ANDERE danach drängt zu verstehen. „wie es ist / kann man nicht sagen / denn dafür/ ja dafür gibt es kein Wort“. Auch denkt DER EINE nicht ans Sterben, es ist einfach da, eine stille Angst, gleichzeitig Hoffnung, zu der es nicht viel zu sagen gibt.

Kann man die Angst, die eine Sehnsucht ist, verstehen? Dem Irrationalen mit Rationalität beikommen? Zwei Menschen fahren hinaus mit einem Boot, ankern in einer Bucht, essen, trinken, segeln weiter hinaus aufs weite Meer. Sie führen ein Gespräch über das Sein und das Unverstandensein, über die Angst und woher sie kommt, was daraus entsteht.

Jakob Schneider und Anne Bennent in der Wiener Inszenierung von
„Ich bin der Wind“, 2020.
© Marcel Köhler, Theater Nestroyhof – Hamakom

Nur einer, DER ANDERE, kehrt an Land zurück. DER EINE bleibt in den Wellen, ist fort, ist von Anfang an fort, und bleibt doch da, um Antwort zu geben, eine Antwort, die keine ist, verweht. Es sind meditativ-musikalische Dialoge, die einen erreichen – jenseits der Sprache, an ihren Grenzen.

Die Inszenierung von Ingrid Lang konzentriert sich auf das Wesentliche, auf das Wesen, die Essenz des Stücks von Jon Fosse. Anne Bennent (DER EINE) „spricht“ mit jedem Muskel, jeder kleinsten Bewegung, jedem Lufthauch (der sie ja ist), während Jakob Schneider als DER ANDERE zunächst nur die äußere Präsenz eines Therapeuten zu haben scheint, unbewegt, in sich ruhend. Das Segelboot auf nackter Bühne wird durch ein Rechteck aus Licht angedeutet, überhaupt erzeugt die Lichtregie (Harald Michlits) hier eine Magie, die alles Räumliche, das Innere wie das Äußere, anzudeuten – und eben nicht auszuleuchten – vermag. Aus kleinen Löchern fließt von allen Seiten irgendwann Wasser auf die Bühne (Bühnenbild Alina Amman), es entstehen Pfützen, die sanfte Spiegelungen, Bewegungen erzeugen, eine Meereslandschaft andeuten, die jede*r im Zuschauerraum mit eigenen Bildern füllen kann. Allein die laut Programmheft „Aufnahme Sound Meeresrauschen“ von Hannes Raffaseder hätte mutig eingespart werden können.

Szenenbild aus „Ich bin der Wind“, 2020: Jakob Schneider und Anne Bennent.
© Marcel Köhler, Theater Nestroyhof – Hamakom

Die Besetzung der von Fosse nicht weiter definierten Rollen (DER EINE/DER ANDERE) als Mann und Frau scheint eine Deutung – klassische Paarbeziehung? Liebesdrama? – vorgeben zu wollen, die sich aber im Spiel (gerade durch Anne Bennent) auflöst. „Diese unerklärliche Stille“ (wie ein Gedicht von Jon Fosse heißt), die bleibt, das Unsagbare, das dem Menschsein (genderfrei!) eingeschrieben ist, lässt uns forterzählen: „Das ist was wir immer wieder erzählen sollen“, das ist es, was Jon Fosse erzählt.

Weitere Vorstellungen

27.–30. Oktober sowie 3. und 4. November 2020, jeweils um 20 Uhr

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erstellt am 26.10.2020
aktualisiert am 27.10.2020

„Ich bin der Wind“: Szenenbild der Inszenierung von Ingrid Lang am Hamakon, Wien, 2020. Darsteller: Jakob Schneider, Anne Bennent.
© Marcel Köhler, Theater Nestroyhof – Hamakom

Theater in Wien

Ich bin der Wind (Eg er vinden)

von Jon Fosse
Österreichische Erstaufführung 14. Oktober 2020

Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel

Regie: Ingrid Lang
Mit: Anne Bennent und Jakob Schneider
Bühne und Kostüm: Alina Amman
Dramaturgische Beratung: Karl Baratta
Licht: Harald Michlits
Musik: Karl Stirner

Theater Nestroyhof – Hamakom, Wien

Buch zum Thema
Buchcover „Ich bin der Wind“, Jon Fosse

Jon Fosse
Ich bin der Wind
Und andere Stücke
Originaltitel: Eg er vinden
Aus dem Norwegischen
von Hinrich Schmidt-Henkel
Broschiert, 304 Seiten
ISBN: 978-3-499-27237-0
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2016

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